Vergleich zwischen Samuel Becketts Stücken 'Warten auf Godot', 'Das letzte Band' und 'Glückliche Tage' mit besonderem Schwerpunkt auf dem Verhältnis zwischen den Personen


Seminararbeit, 2005
19 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Gliederung

1. Samuel Beckett als größter Dichter der Nachkriegszeit

2. Vergleich zwischen Samuel Becketts Stücken Warten auf Godot, Glückliche Tage und Das letzte Band mit besonderem Schwerpunkt auf das Verhältnis zwischen den Personen
2.1 Langeweile
2.2 Dialog
2.3 Tod / Todesnähe
2.4 Erinnerungen
2.5 Entwicklungen
2.6 Zukunft
2.7 Verhältnis zwischen den Personen

3. Zusammenfassung

4. Quellenverzeichnis

1. Samuel Beckett als größter Dichter der Nachkriegszeit:

„Samuel Beckett, dessen Drama >Warten auf Godot< der Anfang einer ins Unabsehbare führenden Entwicklung des modernen Theaters war – Samuel Beckett ist der größte Dichter unserer Jahrzehnte.“[1] so positiv spricht Joachim Kaiser über Beckett. Beckett wurde 1906 in Dublin geboren, lebte aber die meiste Zeit seines Lebens in Paris. 1952 erschuf er sein Werk Warten auf Godot und wurde blitzartig weltberühmt. Merkwürdig ist vor allem, dass es keine richtige Handlung aufweist, im gesamten Stück geschieht fast nichts. Doch genau wegen dieser fehlenden Handlung hat es anscheinend bei den Pariser Zuschauern einen tiefen Eindruck hinterlassen, so dass man es statt 25 Mal, wie ursprünglich geplant, mehr als 400 Mal aufgeführt hat. Man übersetzte es in zig Sprachen und „wider alles Erwarten wurde die seltsame tragische Farce, in der nichts geschieht und die von zahlreichen Theaterdirektionen als undramatisch abgelehnt worden war, zu einem der größten Bühnenerfolge der Nachkriegszeit.“[2]

In den 50er Jahren entstehen viele weitere bekannte Stücke wie Das letzte Band, Malone stirbt, Molloy oder Endspiel. In vielen von Becketts Stücken herrscht ein Niemandsland, wie es Uwe Kühneweg bezeichnet, man findet die „Gegensatzpaare[] von Licht und Dunkel, von Selbst und Nichtselbst, von Leben und Tod, von Sprache und Stummsein.“[3] Gerade diese Widersprüche machen die Stücke interessant und nachdenkenswert.

Im Folgenden werde ich die drei Stücke Warten auf Godot, Glückliche Tage und Das letzte Band vergleichen. Ich werde zuerst auf Aspekte wie Langeweile, Dialog, Tod, Erinnerungen, Entwicklungen und Zukunft eingehen. Danach untersuche ich besonders die Beziehungen, die zwischen den einzelnen Partnern bestehen.

2. Vergleich zwischen Samuel Becketts Stücken Warten auf Godot, Glückliche Tage und Das letzte Band mit besonderem Schwerpunkt auf das Verhältnis zwischen den Personen

2.1 Langeweile:

Samuel Beckett sagte einmal: „Unsere Zeit ist so aufregend, dass man die Menschen eigentlich nur noch mit Langeweile schockieren kann.“[4] und genau das macht er in Warten auf Godot beispielhaft. Die Langeweile spielt eine sehr zentrale Rolle, man kann sagen, das ganze Stück besteht aus Gelangweiltsein und dem Überwinden dieser Langeweile. Vladimir und Estragon bemühen sich immer, sich von ihrer Langeweile abzulenken, indem sie sich beispielsweise unterhalten. Sie betrachten jedes Ereignis, jedes Gespräch, jede kleinste Veränderung als Möglichkeit, der furchtbaren und schon ewig andauernden Langeweile zu entgehen.[5] Deshalb empfinden beide Pozzos und Luckys Auftritt als sehr unterhaltsam. Die zwei Landstreicher sehen in den Ankömmlingen nicht zwei Menschen, die Bedürfnisse haben, sondern die beiden werden nur in ihrem Funktionscharakter wahrgenommen, sie bieten nämlich Abwechslung vom langweiligen Alltag.[6] Vladimir und Estragon sind so sehr fixiert auf ihre Wahrnehmung, dass sie, als Pozzo und Lucky in eine Notsituation gelangen, diese gar nicht als ernsthaft und gefährlich erfassen, sondern wieder nur den Unterhaltungswert sehen[7], wie dieser Kommentar Vladimirs zeigt: „Wir langweilen uns zu Tode, das ist unbestreitbar. Gut. Es ergibt sich eine Ablenkung, und was machen wir? Wir lassen sie ungenützt. Los, an die Arbeit.“[8] Joachim Martini fasst die Auffassung der Landstreiche zusammen: „Die zwischenmenschliche Beziehung wird zu einer Warenbeziehung reduziert, und selbst eine Notsituation wird entweder in ihrem Unterhaltungswert oder ihrem Warenwert begriffen.“[9] Tragisch ist aber, dass Vladimir und Estragon ihre Langeweile einfach nicht vertreiben können, da sie gar nicht fähig sind, sich auf etwas Neues richtig einzulassen. Ihr langweiliger Alltag wird erst mit ihrem Tod ein Ende finden.

Auch das Stück Glückliche Tage handelt von dem öden, langweiligen Dasein zweier Menschen. Das Ehepaar Winnie und Willie lebt in einem „ständige[n], nicht enden wollende[n] Kampf gegen Leere und öde Einsamkeit dieses Ortes“[10], jeder geht aber anders damit um. Winnie redet unaufhaltsam, obwohl sie von ihrem Mann fast nie eine Antwort erhält. Sie hofft, durch ihr sinnloses Geplapper die Langeweile und Sinnlosigkeit ihres Alltags zu vertreiben. Und auch die Konzentration auf die Gegenstände, die sie in ihrem Sack findet, dient allein diesem Zweck. Sie kämmt ihre Haare, putzt ihre Zähne, betrachtet sich im Spiegel und nimmt ihren Revolver immer wieder zur Hand. Ihre Aktionen erscheinen uns in ihrem ausweglosen Dasein nutzlos und unnötig. Martini meint, Winnies Requisiten dienen ihr als Trost für ihre einsame Situation und für den Fall, dass Willie weggehen oder sterben sollte, würden sie ihn ersetzen.[11] Diese Gegenstände bieten Winnie den Halt und die Ablenkung, die ihr Willie schon lange nicht mehr bieten kann. Willie dagegen schläft die meiste Zeit. Er antwortet seiner Frau fast nie und ist anscheinend an keinem Gespräch interessiert, das ja auch für ihn die Zeit verkürzen würde. Willie geht nicht auf Winnie ein, aber er beklagt sich auch nicht über seine Situation, er ist einfach da, meinungslos und langweilig. In „Glückliche Tage“ ist der herannahende Tod auch die einzig mögliche Erlösung von dem tristen, öden Dasein des Ehepaares.

In Das letzte Band ist die Langeweile kein so zentrales Thema wie in den anderen beiden Stücken. Man weiß zwar, dass Krapps Leben absolut monoton verläuft und er keine aufregenden Ereignisse erlebt. Das ist auch mit ein Grund, warum ihn seine Tonbänder und somit seine Erinnerungen nicht loslassen und er sie immer wieder zur Hand nimmt. Aber Krapp ist mehr traurig als gelangweilt. Seine Trauer erschwert ihm den Kontakt zur Außenwelt und dies führt dann letztendlich zu Langeweile. Mir scheint es aber, als ob Krapp so sehr in seiner Tonband-Welt leben würde, dass er die Langeweile gar nicht als Langeweile empfindet und deswegen auch keine andere Ablenkung sucht.

2.2 Dialog:

Vladimir und Estragon sprechen zwar unentwegt miteinander, aber eine gelungene Kommunikation kann man das nicht nennen. Die beiden sind weder bereit noch überhaupt fähig, aufeinander einzugehen, wie man an Vladimirs Reaktion sehen kann: Estragon: „Du siehst mich nicht wieder.“ Vladimir: „Ich hab mich also nicht in dem Platz geirrt.“[12] Vladimir schenkt Estragons Worten absolut keine Beachtung, er ignoriert sie einfach. Der Dialog dient ihnen dazu, ihre Langeweile zu bekämpfen und weil für ein Gespräch mindestens zwei Personen nötig sind, bleiben die Landstreicher zusammen. Ihre Unterhaltungen sind absolut bedeutungslos, es wird kaum Persönliches geredet. Laut Mayer und Johnson halten Vladimir und Estragon ihre Rolle aufrecht mit „einer vorgeschriebenen, ritualisierten Sprache – dem Medium, durch welches Rollen in Beziehung miteinander treten. Aber ein solches Medium macht es den Personen, die alle an ihre besondere Rolle gefesselt sind, unmöglich, die Fragmente ihre Erlebens aufeinander abzustimmen, so dass sie korrespondieren und mitgeteilt werden können.“[13]

Zwischen Pozzo und Lucky findet gar kein wirklicher Dialog statt. Pozzo ist der Herr und befiehlt seinem Diener z.B. zu tanzen, ihm Sachen zu bringen oder zu denken. Lucky antwortet mit einer einzigen Ausnahme niemals mit Worten, sondern immer nur, indem er die Befehle seines Herrn gehorsam ausführt. Doch Pozzo kommandiert seinen Diener nicht nur rum, er beschimpft ihn auch mit Worten wie „Aas“[14] oder „Schweinigel“[15]. Der Denkmonolog von Lucky, auch auf Anweisung von Pozzo, sind die einzigen Worte, die der Diener in dem ganzen Stück spricht. Aber hierbei handelt es sich nur noch um Bruchstücke einer umfassenden Bildung, man sieht eine ehemals intellektuelle Person, die jetzt gebrochen ist.

Bei Glückliche Tage handelt es sich um ein Zwei-Personen-Stück, aber davon merkt man nicht viel in den sogenannten Dialogen. Willie ist kein wirklicher Gesprächspartner für seine Ehefrau. Auf insgesamt 110 Fragen und Äußerungen von Winnie antwortet Willie gerade elf Mal mit Worten, insgesamt 52 Worte, und drei Mal mit Gesten. Man kann somit gar nicht von einem Dialog, sondern viel eher von einem Monolog reden.[16] Anscheinend blockt Willie alle Kontaktversuche von Seiten Winnies ab. Wenn man ihre Annäherungsversuche jedoch genauer betrachtet, sieht man, dass Winnies Ziel einzig und allein die Verbesserung ihrer eigenen Lage ist. Ihr sind die Inhalte von Willies Antworten auch gar nicht wichtig. Sie will nur wissen, dass ihr Mann ihr zuhört, denn sie hat panische Angst vor dem Alleinsein und davor, dass ihr niemand mehr zuhören könnte. Die spärlichen Antworten ihres Mannes geben ihr die Illusion, gehört zu werden und vor allem nicht allein zu sein. Das ist ihr ganzes Ziel und so kann sie auch Tag für Tag weitermachen. Aus diesem Grund drängt sie immer wieder auf Antworten von Willie, quasi um zu kontrollieren, ob er noch da ist und sie noch hören kann. Es kommt ihr aber gar nicht darauf an, dass Willie ihr wirklich Aufmerksamkeit schenkt, sondern nur darauf, dass er es theoretisch könnte.[17]

Krapp ist in diesem Vergleich der einzige, der keinen Dialogpartner aus Fleisch und Blut hat. Er hat einzig und allein sein Tonbandgerät und hört sich seine Tonbänder an, die er dann kommentiert. Aus seinen Monologen weiß man, dass er auch sonst niemanden mehr zum Reden hat. Seinen eigenen Bandaufnahmen sind das Einzige, mit dem er sich auseinander setzen kann.[18]

[...]


[1] Samuel Beckett: „Warten auf Godot“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1971, S. 2

[2] gefunden auf http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2000-01/Beckett.htm

[3] Ebd.

[4] Samuel Beckett, gefunden auf http://www.paperpark.de/00000093a71423201/

[5] Vgl. Joachim Martini: „Das Problem der Entfremdung in den Dramen Samuel Becketts“, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1979, S. 135

[6] Vgl. ebd., S. 149

[7] Vgl. ebd., S. 150

[8] „Warten auf Godot“, S. 199

[9] Martini., S. 150

[10] Sara Joana Müller: „Samuel Beckett. Glückliche Tage. Winnie“, Abschlussarbeit von 2004, S. 18

[11] Vgl. Martini, S. 187/188

[12] „Warten auf Godot“, S. 177

[13] „Das Werk von Samuel Beckett. Berliner Colloquium“, Hg: Hans Mayer, Uwe Johnson, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1975, S. 88

[14] „Warten auf Godot“, S. 117

[15] „Warten auf Godot“, S. 105

[16] Vgl. JM, S. 183

[17] Vgl. Martini, S. 186

[18] Vgl. Evi Mertens: „Identität in der Grenzsituation des Alters“, Dissertation im Fach Philosophie, S. 143

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Vergleich zwischen Samuel Becketts Stücken 'Warten auf Godot', 'Das letzte Band' und 'Glückliche Tage' mit besonderem Schwerpunkt auf dem Verhältnis zwischen den Personen
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Proseminar: Vom Text zur Aufführung: Wirkungsästhetische Aspekte einer Theaterinszenierung
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V46261
ISBN (eBook)
9783638434942
ISBN (Buch)
9783638597326
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ich habe die drei Stücke "Warten auf Godot", "Glückliche Tage" und "Das letzte Band" untersucht und verglichen hinsichtlich der Themen Langeweile, Dialog, Tod / Todesnähe, Erinnerungen, Entwicklungen, Zukunft, Verhältnis zwischen den Personen.
Schlagworte
Vergleich, Samuel, Becketts, Stücken, Warten, Godot, Band, Glückliche, Tage, Schwerpunkt, Verhältnis, Personen, Proseminar, Text, Aufführung, Wirkungsästhetische, Aspekte, Theaterinszenierung
Arbeit zitieren
Anja Gutmair (Autor), 2005, Vergleich zwischen Samuel Becketts Stücken 'Warten auf Godot', 'Das letzte Band' und 'Glückliche Tage' mit besonderem Schwerpunkt auf dem Verhältnis zwischen den Personen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46261

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