Können Roboter den Fachkräftemangel in der Pflege überbrücken?


Fachbuch, 2019
70 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Pflegenotstand in Deutschland
2.1 Entwicklung und aktueller Stand

3 Ursachen für den Fachkräftemangel
3.1 Demografischer Wandel
3.2 Nachwuchskräftemangel
3.3 Belastungsfaktoren im Pflegeberuf

4 Bisherige Bewältigungsstrategien gegen den Fachkräftemangels in der Pflege
4.1 Import ausländischer Pflegekräfte
4.2 Akademisierung der Pflege-Ausbildung

5 Chancen durch die Robotik
5.1 Problemstellung
5.2 Entstehung und Entwicklung von Robotern

6 Arten von Roboter
6.1 Serviceroboter
6.2 Pflegeroboter

7 Aktueller Entwicklungsstand
7.1 Roboter als Dienstleister
7.2 Mensch-Robotik-Interaktion (MRI)
7.3 Kommunikation und Erscheinungsbild

8 Herausforderungen der Pflegerobotik
8.1 Technische Herausforderungen
8.2 Organisatorische Herausforderungen
8.3 Psychologische Herausforderungen
8.4 Ethische Herausforderungen
8.5 Ökonomische Herausforderungen

9 Fazit

Literaturverzeichnis
Bücher
Sammelwerke
Zeitschriften
Internetquellen
Gesetze

Endnotenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Projektion der Erwerbstätigen und Erwerbspersonen in der Pflege

Abbildung 2: Bevölkerungspyramide - Deutschland 2018

Abbildung 3: Bevölkerung in Deutschland 2017

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Pflegebedürftige zum Jahresende 2017

1 Einleitung

Seit Langem wird der Mangel an Fachkräften seitens der Politik und der breiten Öffentlichkeit in Deutschland diskutiert. Vor allem im Gesundheitswesen schreitet der Fachkräftemangel ungebremst voran. Aufgrund des demografischen Wandels sowie durch die medizinischen Innovationen wird die Anzahl pflegebedürftiger Menschen dauerhaft steigen. Aktuelle Studien bestätigen, dass es offensichtlich schwerfällt, den wachsenden Fachkräftemangel durch bisherige Bewältigungsstrategien zu stoppen. Eine weitaus positivere Entwicklung ist durch den Fortschritt der Robotik gegeben. Vor allem in der Industrie, aber auch nun vermehrt für den Dienstleistungssektor werden Robotersysteme bereits erfolgreich eingesetzt. Folglich stellt sich die Frage, inwieweit sich die steigende Pflegebedürftigkeit und der wachsende Fachkräftemangel in Zukunft entwickeln und inwiefern Lösungsmöglichkeiten bestehen, moderne Technologie in Form von Pflegerobotik in die direkte Versorgung der Menschen zu integrieren.

Zu Beginn wird der Pflegenotstand in Deutschland erläutert, der in den letzten Jahren häufig Gegenstand zahlreicher politischer Debatten im Wahlkampf, Fernsehen und Medien ist. Hierzu werden zunächst historische Ereignisse aufgearbeitet, die den Notstand im Gesundheitswesen prägten. Anschließend wird die aktuelle Lage des Pflegewesens erörtert und darauffolgend werden analytisch berechnete Vorhersagen für die Zukunft getroffen. Ferner werden die Ursachen für den Fachkräftemangel betrachtet und anhand der Themenfelder demografischer Wandel, Nachwuchskräftemangel und typische Belastungsfaktoren des Pflegeberufes näher beleuchtet. Im Anschluss folgt die Analyse und Bewertung traditioneller Bewältigungsstrategien, zu denen der Import ausländischer Pflegekräfte sowie die Akademisierung des Pflegeberufes gehören.

Im weiteren Verlauf wird der Themenbereich der Robotik eingeleitet. Dazu werden anhand einer Problemstellung die Erwartungen an die Pflegerobotik konkretisiert. Nachfolgend werden die Begriffe Roboter und Serviceroboter bzw. Pflegeroboter eingegrenzt und definiert. Der nächste Schritt beschäftigt sich mit der Entwicklung der Pflegerobotik. Folgend werden die Fortschritte aber auch Schwierigkeiten der Pflegeroboter-Technologie wiedergegeben. Hierfür werden ausschließlich die Fachgebiete Roboter als Dienstleister, die Mensch-Robotik-Interaktion (MRI) sowie die Kommunikation und das Erscheinungsbild in Betracht gezogen.

Schließlich werden die Herausforderungen der Pflegerobotik unter Berücksichtigung der Einflussfaktoren Technik, Organisation aber auch Psychologie und Ethik sowie Ökonomie ausgearbeitet.

Das Fazit fasst den steigenden Pflegebedarf und den daraus resultierenden Fachkräftemangel zusammen. Anschließend werden die Chancen durch Robotik in Form des Einsatzes von Pflegerobotern unter kritischer Betrachtung wiedergegeben. Unter Berücksichtigung ethischer und wirtschaftlicher Argumente folgt letztlich eine Empfehlung für einen vernünftigen und realistischen Einsatz von Pflegerobotern.

2 Pflegenotstand in Deutschland

Der Pflegenotsand ist ein immer wieder auftretendes und weitbekanntes Phänomen in Deutschland. Hierzu wird zu Beginn die historische Entwicklung des Pflegenotstandes aufgearbeitet. Daraufhin werden Fakten und Daten über den aktuellen Ist-Zustand sowie Prognosen für die kommenden 15 Jahre vorgestellt.

2.1 Entwicklung und aktueller Stand

Der Pflegenotstand hat mittlerweile eine Tradition in Deutschland. Der erste dokumentierte Mangel an Pflegekräften entstand in der Bundesrepublik Deutschland schon in den 50er Jahren.1 Bereits 1957 leitete die Deutsche Krankenhausgesellschaft sogenannte „Maßnahmen zur Entlastung der Krankenschwestern ein“. Ausländische Pflegekräfte wurden nach Deutschland importiert und unter der neu geschaffenen Berufsgruppe „Pflegehelfer“ eingestellt.2 Der nächste Mangel an Pflegekräften deutete sich zu Beginn der 80er Jahre hin und traf Deutschland deutlich stärker. Als möglicher Grund wird die nicht ausreichende Anzahl hochqualifizierter Pflegekräfte in der BRD gesehen, auch wenn zuvor die Erwartungen seitens der Politik sehr positiv waren. Der darauffolgende Import neuer Pflegekräfte aus Korea oder Vietnam reichte nicht zur Bewältigung der Situation aus. So wurden 1987 mit der Unterstützung der Politik Überlastungsanzeigen ausgestellt, in dem Arbeitgeber auf potenzielle Schädigungen bzw. Gefährdungen der Patienten, des Unternehmers oder der Beschäftigten durch eine vorliegende Überlastung, z.B. durch personelle Unterbesetzung, hinweisen sollte.3 Auch Ende der 80er Jahre war der Mangel an Pflegekräften nicht behoben worden. Eine neue Aufnahme ausländischer Pflegekräfte, diesmal vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien, konnte erneut nur kurzfristig einen Erfolg erzielen. Denn nach dem Ende des Krieges, Anfang der 90er, wurden die Meisten aufgefordert, Deutschland innerhalb der nächsten 48 Stunden zu verlassen. Somit wanderten viele dieser in Deutschland integrierten Arbeitskräfte in die Schweiz oder in die USA aus, um den dort auch vorhandenen Personalmangel zu lindern.4

Auch heute bleibt die Situation unverändert. Zudem drängt der steigende Leistungs- und Wettbewerbsdruck die Pflegeunternehmen am Rande Ihrer Existenz. Für die Unternehmer gilt es bis heute als Lösung, billige Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben um wirtschaftlich bleiben zu können.

Nach einem aktuellen Bericht des Statistischen Bundesamtes fehlen heute in der Bundesrepublik Deutschland rund 150.000 Pflegekräfte. Ferner wird für das Jahr 2030 nach analytischen Modelrechnungen ein Personalmangel in Höhe von bis zu 523.000 prognostiziert. Im folgenden Schaubild wird davon ausgegangen, dass alle erwerbstätigen und erwerbslosen Personen in ihrem höchsten beruflichen Abschluss auch tatsächlich arbeiten bzw. arbeiten würden. Die Differenz zwischen Bedarf und Angebot beschreibt letztendlich die resultierende Höhe des Fachkräftemangels.

Außerdem ist der Gesundheits- und Pflegesektor durch eine weiter veraltende Gesellschaft und einem sich zuspitzenden Anstieg des Pflegebedarfs gekennzeichnet. Das Statistische Bundesamt veranschaulicht in der folgenden Tabelle den rasanten Anstieg der Pflegebedürftigkeit in Deutschland. In nur zwei Jahren stieg die Anzahl der Pflegebedürftigen seit Ende 2015 um insgesamt um 19,4 % an und umfasste Ende 2017 ca. 3,4 Millionen Menschen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Projektion der Erwerbstätigen und Erwerbspersonen in der Pflege 5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Pflegebedürftige zum Jahresende 2017 6

3 Ursachen für den Fachkräftemangel

Unter diesem Kapitel werden nun die Ursachen des Fachkräftemangels im Gesundheitsweisen, speziell im Pflegeberuf behandelt. Dafür werden Themen wie demografischer Wandel, Nachwuchskräftemangel sowie Belastungen im Pflegeberuf untersucht und bewertet.

3.1 Demografischer Wandel

Auch die Folgen des demografischen Wandels sind immer wieder Gegenstand gesellschaftlicher Debatten in Deutschland. Die Politik beschäftigt sich deshalb mit Lösungsansätzen, die die weitreichenden Auswirkungen des demografischen Wandels günstig beeinflussen sollen. Mit dem Begriff demografischer Wandel wird die Veränderung der Zusammensetzung der Altersstruktur einer Gesellschaft bezeichnet.7 Die Veränderung kann grundsätzlich positive als auch negative Folgen haben, da es entweder eine Zu- oder Abnahme der Bevölkerung beschreibt. Einfluss auf den demografischen Wandel haben die Geburtenrate (Fertilität), die durchschnittliche Lebenserwartung sowie die Zu- und Abwanderung. Diese unterschiedlichen Aspekte stehen stets in einer Wechselwirkung zueinander.8 Seit 2004 schrumpft zunächst die Bevölkerungsgröße in Deutschland, was nicht zuletzt auf das jahrzehntelange geringe Niveau der Fertilität zurückzuführen ist.9 Die Fertilität beschäftigt sich mit der Frage, „inwieweit sich [...] Frauengenerationen durch die Geburt von Kindern und unter Berücksichtigung des Sterberisikos in der von ihnen durchlebten Zeit reproduziert haben.“10 Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung sei die heutige Kinderlosigkeit eine überwiegend freiwillige und individuelle Entscheidung, die allerdings durch soziale Umstände beeinflusst worden ist.11 Außerdem ist zu berücksichtigen, dass das Alter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes angestiegen ist und sich Paare mit fortschreitendem Alter immer seltener für ein Kind entscheiden. Zwar stieg die Geburtenrate aller Frauen zwischen 2011 und 2018 von 1,36 auf 1,59 an, doch reichen diese Stabilisierungstendenzen nicht aus, um die Fertilitätsrate in Zukunft auf einen notwendigen Wert von über 2,0 zu lenken.12 Es lässt sich also feststellen, dass „einem wachsenden Anteil Älterer [...] ein schrumpfender Anteil Jüngerer gegenüber steht“ und dies habe „Einfluss auf weite Teile der Gesellschaft, auf die Wirtschaft und auf die sozialen Sicherungssysteme“.13

Die durchschnittliche Lebenserwartung spielt eine wichtige Rolle und hilft den demografischen Wandel in seiner Gesamtheit besser zu verstehen. 1900 betrug die mittlere globale Lebenserwartung 30 Jahre, 2000 lag sie bereits bei 65 Jahren.14 Der Wirtschaftswissenschaftler Eckart Bomsdorf errechnete, dass jedes vierte Mädchen, welches im Jahr 2016 geboren wurde, 100 Jahre alt werden wird, ebenso wie jeder sechste Junge gleichen Jahrgangs.15 Diese Abbildung stellt den aktuellen Altersaufbau in Deutschland dar.

Zum Ende des Jahres 2017 lebten rund 82,8 Millionen Menschen in Deutschland. Das sind über zwei Millionen Einwohner mehr als fünf Jahre zuvor. Langfristig wird jedoch ein Rückgang der Bevölkerungszahl erwartet, siehe Abbildung 2.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Bevölkerungspyramide - Deutschland 2018 16

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Bevölkerung in Deutschland 2017 17

Für das Jahr 2060 wird also eine voraussichtliche Bevölkerungszahl von nur noch 67 bis 77 Millionen in Deutschland hochgerechnet.

Es lässt sich also feststellen, dass die Relation der Altersgruppen zueinander in Ungleichgewicht steht. Dabei sinkt der Anteil der jüngeren Altersgruppen, während der Anteil der älteren Menschen steigt. Das Durchschnittsalter der Gesellschaft steigt somit an. Nicht nur aufgrund der schwachen Geburtenrate, sondern auch durch die höhere Lebenserwartung der Bevölkerung, die vor allem durch den medizinischen und technischen Fortschritt erreicht werden konnte.

3.2 Nachwuchskräftemangel

Der zuvor erläuternde demografischer Wandel hat selbstverständlich auch Auswirkungen auf die Nachwuchskräfte in der Pflege. Verbunden mit dem negativen Image des Pflegeberufes wird deutlich, dass immer mehr potentielle Bewerber dieser Berufsgruppe ausbleiben werden.18 Ein zusätzlicher Faktor für den laufenden Ausfall von Nachwuchskräften in der Pflege sind weitaus „attraktivere“ Ausbildungsberufe, die in Konkurrenz zu Pflegeberufen stehen.19

Es wird offenbar deutlich, unter welchen Umständen die Anzahl eingehender Bewerbungen auf offene Ausbildungsstellen in Pflegeberufen zurückgegangen ist.

Nach einer Studie des Deutschen Krankenhaus Institutes stieg zwischen 2011 und 2016 der Anteil der Krankenhäuser mit Stellensetzungsproblemen in der Pflege auf Normalstationen von 36,9% auf inzwischen 51,4%. Konkret heißt das, dass die Anzahl der nicht besetzten Vollkraftstellen pro Krankenhaus zwischen 2011 und 2016 von 5,6 auf 6,6 Vollkraftstellen pro Krankenhaus angestiegen ist.20

Der Zeitpunkt der Berufswahl junger Menschen bzw. von Schüler ist ein weiter grundlegender Aspekt für die Analyse des Nachwuchsmangels in Pflegeberufen. Betrachtet man die Studie „Imagekampagne für Pflegeberufe auf Grundlage empirisch gesicherter Daten“ der Universität Bremen von 2009, wird die Auswahl eines Berufs zu Ende der Schulzeit mit der Beratung und Begleitung von Eltern, Lehrern, Freunden und Berufsberatern getroffen.21

Im Ergebnisbericht der oben genannten Studie wird klar, dass der Pflegeberuf aufgrund seines Images und der Attraktivität eher zu den „Out-Berufen“ zugeordnet wird, zu denen unteranderem die Berufe aus dem Bereich „Müll und Reinigung“ und dem Bereich „Verwaltungsberufe“ zugehören.22

Bei der Befragung der Eltern zeigt sich, dass die Erziehungsberechtigten den Beruf des Alten- und Krankenpflegers viel häufiger als ungeeignet einschätzen als die Schüler selbst. Grundsätzlich ist zu erkennen, dass Berufe die im Zusammenhang mit Schmutz, Dreck oder Blut stehen, auf mehr Ablehnung stoßen als andere Berufsgruppen. In diesem Zusammenhang wird der Beruf des Krankenpflegers oftmals mit dem Beruf des Fleischers und mit Tätigkeiten im Lagerbereich vergleichen, da alle drei Berufsgruppen mit körperlichen Belastungen verbunden sind.23

Eine weitere, interessante Untersuchung der Studie beschreibt die Akzeptanz der Schüler zu Vorschlägen der Berufswahl zwischen Eltern und Lehrern. 71,5% der befragten Schüler würden den Empfehlungen der Eltern folgen und nur 36,1% der Schüler würden an der Meinung des Lehrers festhalten. Ferner ist nur für 14,2% der befragten Schüler die Meinung der Eltern unwichtig und für 27,6% der Rat der Lehrer irrelevant.24 Einen gewaltigen Einfluss auf den Nachwuchsmangel in Pflegeberufen nimmt die Tatsache, dass laut der Studie letztendlich nur 4,4% der Eltern Ihre Kinder zu einer Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger/innen sowie nur 1,5% eine Ausbildung als Altenpfleger/innen empfehlen würden.25

Die geringe Ausbildungszahl von Pflegekräften hängt also unmittelbar mit dem negativen Image des Pflegeberufes zusammen. Laut dem Ergebnisbericht der Studie, können positive Veränderungen nur erreicht werden, wenn zum einen der Pflegeberuf attraktiver gestaltet wird, und zum anderen, wenn sehr früh Einfluss auf Eltern und Lehrer genommen wird. Deshalb muss der Ansatz der Beratung bei Eltern, Lehrern, öffentlichen Schulen, Abschlussklassen sowie Berufsberatern beginnen und anschließend an die Schüler weitervermittelt werden.26

3.3 Belastungsfaktoren im Pflegeberuf

Dass das Image der Pflegeberufe beschädigt ist und dadurch die Anzahl der Ausbildungen in diesem Berufsfeld trotz Bedarf nicht steigt, wurde im letzten Teil ausführlich behandelt. Unter diesem Unterkapitel werden die Belastungsfaktoren, welche letztendlich auch für das negative Bild der Pflegeberufe mitverantwortlich sind, analysiert.

3.3.1 Physische Belastungsfaktoren und dessen Indikatoren

Zu Anfang werden physischen Belastungen erörtert, zu denen das „Arbeiten im Stehen, Heben und Tragen schwerer Lasten sowie Arbeiten in Zwangshaltung“ gehören und in der Pflege deutlich öfter als vom Durchschnitt anderer Berufsgruppen geleistet werden.27 Bei fehlender Arbeitsorganisation entstehen darüber hinaus unnötige Arbeitsvorgänge und -wege, die den Körper zusätzlich schwächen. Im Wesentlichen belastet die notwendige Lagerung von Patienten den Körper am Stärksten. Im Vergleich wird das „Heben und Tragen von schweren Lasten“ von Altenpflegern mehr als dreimal so oft erwartet als von anderen Erwerbstätigen. Auch das „Arbeiten unter Zwangshaltung“ kommt bei selber Berufsgruppe zu 44% mehr vor. „Arbeiten im Stehen“ liegt im Vergleich bei 91% weit über dem Durchschnitt. Bei den Krankenpflegern sind die körperlichen Anforderungen im Vergleich zu Altenpflegern zwar ein wenig geringer, doch auch diese liegen immer noch weit über dem Durchschnitt.28 Außerdem ist zu berücksichtigen, dass bei steigendem Alter die Ausführung der körperlichen Tätigkeiten automatisch erschwert wird.

Auch die typischen Hautschäden zählen zu den klassischen körperlichen Belastungen des Pflegeberufes, welche durch die Arbeit im „feuchten Milieu“ begründet ist. Schäden an der Haut können durch die Waschung von Patienten oder Reinigungsarbeiten aber auch durch das ständige Desinfizieren der Hände entstehen.29

Körperliche Belastungen sind also nicht zu unterschätzen und sollten rechtzeitig behandelt werden, damit sich chronische Erkrankungen oder physischer Stress erst gar nicht entwickeln können.

3.3.2 Psychische Belastungsfaktoren und dessen Indikatoren

Auch die psychischen Rahmenbedingungen für Pflegekräfte sind im Vergleich zu anderen Berufen fast ausschließlich höher. Im Fokus stehen Krankenpfleger, die ca. 66% häufiger mit starkem Termin- und Leistungsdruck aber auch mit Störungen oder Unterbrechungen zu rechnen haben als andere Berufstätige. Knapp Dreiviertel der Krankenpfleger müssen wiederholt verschiedene Arbeiten gleichzeitig betreuen. Mehr als die Hälfte muss „sehr schnell“ arbeiten und fast ein Drittel gibt an, oft an der Grenze der Leistungsfähigkeit zu sein. Das sind doppelt so viele als der Durchschnitt aller Erwerbstätigen.30

Auch die „geringe“ Entlohnung von Pflegekräften wird mittlerweile stark diskutiert. Finanzielle Belastungen werden bekanntermaßen den psychischen Belastungen untergeordnet. Nach einer Langzeitstudie der Hochschule Ravensburg-Weingarten wurde festgestellt, dass die Befragten Mitarbeiter mit ungerechter Bezahlung ein deutlich höheres Risiko tragen, an Stresserkrankungen, Depressionen und Herzproblemen zu leiden als gut entlohnte Mitarbeiter.31 Dazu wurden in einem Zeitraum von über 8 Jahren 5.600 Arbeitnehmer über eine gerechte Einkommenshöhe befragt. Dabei wurde festgehalten, ob Teilnehmende an Erkrankungen, die in den meisten Fällen im Zusammenhang mit Stress auftreten, litten. Nach Abschluss der Studie war das Ergebnis alarmierend. Das Risiko an Stresskrankheiten zu leiden ist bei Menschen, die Ihr Gehalt als ungerecht kategorisiert haben, um 64% höher als bei den Kollegen, die mit ihrer Bezahlung zufrieden sind.32

Die Versorgung von pflegebedürftigen Menschen nimmt in der Regel sehr viel Zeit in Anspruch. Eine Vollzeit-Pflegefachkraft arbeite zwischen acht bis zwölf Stunden pro Dienst. Zudem kommen im Monat durchschnittlich sechs bis acht Nachdienste im selben Zeitumfang hinzu. Auch Dienste an Wochenenden und Feiertagen müssen in die Dienstplanung berücksichtig werden.33 Rund 45% der Krankenpfleger und 38% der Altenpfleger arbeiten in Schichtarbeit.34 Diese schränken das Sozialleben bzw. die privaten Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten massiv ein. Folglich können sich Unzufriedenheit oder Stress entwickeln, was negativen Einfluss sowohl auf die Arbeit als auch auf das Privatleben nimmt.

Es ist zu erkennen, dass die psychischen Belastungen weitaus komplexer sind, als die klassischen physischen Belastungsfaktoren. Vor allem sind es die ungünstigen Arbeitsbedingungen, die zu seelischen und emotionalen Anstrengungen führen und damit eine allgemeine Unzufriedenheit der Pflegekräften erwirken.

3.3.3 Organisatorische Belastungsfaktoren

Die Arbeit einer Pflegekraft umfasst neben den klassischen pflegerischen Tätigkeiten vor allem auch bürokratische Pflichten, wie die Dokumentation der Pflegesituation eines Patienten. Eine aktuelle Studie der Asklepios Kliniken Hamburg GmbH besagt, dass die Hälfte aller Pflegekräfte aufgrund von Stress häufig oder regelmäßig unter körperlichen Beschwerden leidet, ein Drittel sogar unter psychischen Symptomen.35 Die Studie stellt außerdem fest, dass der Auslöser von Stress in der auch in der umfangreichen Dokumentation liegt, für die oftmals nicht genug Zeit übrigbleibt. Gerade in ambulanten Pflegediensten belasten am Meisten Bürokratie und Dokumentation.

Eine Dokumentation, in Papierform oder elektronisch, verpflichtet sich ein schlüssiges und aussagefähiges Bild über den Gesundheitszustand eines Patienten aufzuzeigen. Das Dokumentationssystem umfasst alle verwendeten Bestandteile einer Dokumentation. Nach diesem System gelingt es dem Pflegefachpersonal zeitnahe, vollständige und nachvoll-ziehbare Daten der Krankenbeobachtung zu dokumentieren.36 Die Form und der Umfang einer solchen Dokumentation ist selbstverständlich nachvollziehbar, doch steht diese nicht im Verhältnis zu den pflegerischen Tätigkeiten. Laut der Studie „Auf den Spuren der Zeitdiebe im Krankenhaus: Die wahre Belastung durch Dokumentation an deutschen Akutkrankenhäusern wird unterschätzt" benötigen Pflegekräfte im Schnitt je Dienst und Patientenbild 2,7 Stunden Zeit für die Dokumentation.37 Das nimmt je nach Dienstlänge knapp ein Drittel der Arbeitszeit in Anspruch. Ist der pflegerische Bedarf teilweise so hoch, dass nicht rechtzeitig mit der Pflegedokumentation beginnen werden kann, fallen automatisch Überstunden an. Diese nicht seltene Form von Zeitdruck schafft unnötige Stresssituationen, die sich sowohl in physische als auch psychische Belastungen äußern können.38

Alle Belastungen führen letztendlich zu Stressempfindungen. Stress bedeutet, „dass eine Person im Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen der Umwelt, den persönlichen Voraussetzungen, Möglichkeiten, Fähigkeiten und Ressourcen des Individuums steht“.39 Es lässt zwischen aktivem und passivem Stress unterscheiden, wobei aktiver Stress hohe Adrenalinausschüttungen verursacht und zu Herzkreislauferkrankungen führen kann.40 Bei passivem Stress wird die Cortisolbildung angeregt, im Falle von erhöhten Werten besteht die Gefahr einer Depression und Immunschwäche.41

Es wird deutlich, in welchem Umfang Pflegefachkräfte den belastenden Rahmenbedingungen der Pflegeberufe ausgesetzt sind. Leider ist es bis heute nicht gelungen, weder seitens der Politik noch seitens der Arbeitnehmerverbände, eine grundlegende Verbesserung der Arbeitsbe-dingungen für diese Berufsgruppe zu erzielen.

4 Bisherige Bewältigungsstrategien gegen den Fachkräftemangels in der Pflege

Nachstehend werden zwei konkrete Ansätze aufgezeigt, die als Bewältigungsstrategien zur Lösung des Fachkräftemangels im Gesundheits-wesen, speziell aber in der Pflege, dienen. Zunächst scheinen die Methoden plausibel zu sein, doch in der Umsetzung und unter genauerer Beobachtung sind erhebliche Mängel aufzuweisen. Diese Mängel gilt es nun zu erörtern.

4.1 Import ausländischer Pflegekräfte

Die Personalbeschaffung hat grundsätzlich die Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zur Verfügung stehen, damit diese zur richtigen Zeit am richtigen Ort eingeplant werden können.42 Mittlerweile ist die Beschaffung von Pflegepersonal Alltag in vielen Krankenhäusern oder ambulanten Pflegediensten geworden. Aufgrund des bestehenden Mangels an Pflegepersonal, scheint es aktuell fast unmöglich zu sein, die richtigen Mitarbeiter zu finden.

Notgedrungen entscheiden sich viele Unternehmen aber auch vermehrt Krankenhäuser, Pflegekräfte aus dem Ausland zu rekrutieren. In den letzten fünf Jahren verdoppelte sich die Anzahl ausländischer Pflegekräfte und umfasst heute über 130.000 Menschen.43 Diese Entwicklung ist vor allem auch durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit des EU-Bürgers begründet. Auch die Behörden, wie die Bundesagentur für Arbeit, unterstützen bei der Suche und der Einstellung von ausländischem Pflegepersonal.44 Alternativ bieten Vermittlungsagenturen gegenüber einer Provisionszahlung Hilfestellung bei der Rekrutierung. Sind die ersten bürokratischen Hindernisse zur Anstellung und Aufenthaltserlaubnis eines ausländischen Personals erstmal überwunden, kann je nach Einsatzgebiet der Pflegekraft eine Nachqualifizierung gefordert werden. Dazu bietet der Anpassungslehrgang der Katholischen Schule für Gesundheits- und Pflegeberufe einen sechsmonatigen Kurs an, bei dem die Theorie und Praxis der Grundpflege aber auch die kommunikativen Fähigkeiten wie Gesprächsführung, Beratung und Schulung erlernt werden. Deutschunterricht und Pflege-Fachvokabular stehen ebenfalls auf dem Stundenplan.45 Finanziert wird der Kurs über das Förderprogramm „Integration durch Qualifikation“, das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und dem Europäischen Sozialfonds getragen wird.46

Es wird deutlich, dass eine Anstellung importierter Pflegekräfte mit einem teilweise langwierigen Prozess verbunden ist. Trotz dessen und bedingt durch den Pflegenotstand in Deutschland reißt der Trend, ausländisches Personal zu rekrutieren, nicht ab. Es stellt sich die Frage, weshalb?

Im Grunde genommen erhofft man sich die offenen Stellen zu besetzen. Ferner wird ein weiterer Vorteil durch die relativ geringen Lohnkosten, der zwar im Ausland qualifizierten aber letztlich ausgebildeten Pflegefachkräften, erwartet.47 Außerdem sind Menschen aus östlich und südlich geprägte Kulturkreise dafür bekannt, Fürsorglichkeit und Herzlichkeit sowie eine hohe Wertschätzung gegenüber Älteren aber auch Loyalität und Verantwortungsbewusstsein gegenüber Vorgesetzten zu zeigen.

Es gibt Erfolgsgeschichten mit importierten Pflegefachkräften, doch im öffentlichen Diskurs stehen vor allem auch die damit verbundenen Herausforderungen zur Diskussion. Die bürokratischen Hindernisse sind zuvor angeschnitten worden. Nun werden Problemfelder nach einer erfolgreichen Anstellung erörtert. Offensichtlich bestehen auch nach den Teilnahmen an Deutschkurse, Sprachbarrieren oder Verständigungsprobleme nicht unbedingt mit den Mitarbeitern oder Vorgesetzten, sondern vor allem mit den Pflegebedürftigen selbst. Vor allem ältere Generationen stehen gegenüber ausländischem Personal zumindest zu Beginn skeptischer gegenüber als bei „deutschem“ Personal. Die Angst nicht verstanden zu werden, ist sehr groß.48 Vor allem in Krisensituationen, wie einem medizinischen Notfall, ist die Sprachbarriere mit Zeit- und Handlungsdruck verbunden.

Zugleich fallen kulturelle Differenzen nicht nur positiv auf, sondern nehmen teilweise auch negative Folgen mit sich. Beispielsweise können kulturelle Besonderheiten zu Missverständnissen im Rahmen von Diagnostik, Therapie und Pflege auf beiden Seiten führen. Daneben kann ein abweichendes Gesundheits- und Krankheitsverstädnis zu subjektiven Vorbehalten oder gar Diskriminierungen führen. Typische Folgen sind vermehrte Diagnostik, geringe Patientenzufriedenheit und nicht zuletzt höhere Gesundheitskosten. An dieser Stelle profitieren weder Patient, Pflegekraft noch der Unternehmer bzw. das Krankenhaus. Sowohl Sprach- als auch Kulturbarrieren haben somit Einfluss auf die Qualität der Pflege. Die Einstellung von Pflegepersonal sollte letztendlich nicht auf Kosten der Pflegequalität getragen werden.

Inwieweit eine optimale Versorgung der Pflegebedürftigen durch ausländisches Personal erreicht werden kann, ist objektiv gesehen schwer zu beurteilen. Selbstverständlich hilft es zu einem gewissen Maß den wachsenden Pflegenotstand zu verlangsamen. Klar ist aber auch, dass das langfristig gesehen nicht die Lösung sein kann.

4.2 Akademisierung der Pflege-Ausbildung

Innerhalb dieses Themenbereiches wird nun die Bedeutung aber auch die Ursachen für die Akademisierung der Pflege analysiert. Darüber hinaus werden aktuelle Entwicklungen und diverse Kritiken betrachtet.

Mit der Akademisierung der Pflege ist eine Professionalisierung der Anforderungen für die berufliche Pflege gemeint. In anderen Worten ist eine Praxisentwicklung gemeint, die nach McCormack als „(…) kontinuierlicher Prozess, der auf Effektivitätssteigerung in der patientenzentrierten Versorgung abzielt", definiert wird. Es geht also um die „strategische, inhaltliche und wissenschaftliche Steuerung bzw. Weiterentwicklung der patientenorientierten Pflege".49 Die Anforderungen innerhalb der Pflege sind also in einem ständigen Wandel. Der Bedarf einer Akademisierung der Pflege wird in der Gegenwart durch den demografischen und epidemiologischen Wandel sowie die damit verbundene Zunahme von chronisch kranken und multimorbiden alten Menschen begründet. Auch die zunehmende Kooperation zwischen Medizin und Pflege wird als Ursache angesehen.50 Seit 2003 bzw. 2004 ist innerhalb der pflegerischen Berufsgesetzte die Möglichkeit geschaffen worden, modellhaft eine hochschulische Pflegeerstausbildung zu erproben. Derzeit existieren ca. über 60 Studiengänge solcher Bachelor-Studiengänge.51 Mit der Verabschiedung des Pflegeberufgesetztes (PflBG) aus 2017 wurde die hochschulpflegerische Pflegeerstausbildung als Weg zur Berufszulassung erfolgreich verankert.52

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Details

Titel
Können Roboter den Fachkräftemangel in der Pflege überbrücken?
Autor
Jahr
2019
Seiten
70
Katalognummer
V462657
ISBN (eBook)
9783964870049
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Robotik, Demografischer Wandel, Belastungsfaktoren in der Pflege, Servicerobotik, Pflegeroboter, Pflegenotstand
Arbeit zitieren
Levon Ambarzumjan (Autor), 2019, Können Roboter den Fachkräftemangel in der Pflege überbrücken?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462657

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