Systematische Diskriminierung, Rassismus und Waffengewalt: Childish Gambino gelingt es, in nur vier Minuten die neuzeitliche US-amerikanische Geschichte zusammenzufassen und aufzuzeigen, unter welchen Problemen die afroamerikanische Gesellschaft in dem Land der "uneingeschränkten Freiheit" leidet. Im Rahmen dieser Hausarbeit sollen die Bezüge zur Sklaverei, die das Musikvideo in seiner Visualität kreiert, herausgearbeitet, interpretiert und im Dirty South verortet werden.
In seinem Werk "This Is America" verarbeitet der Musiker Thematiken, die von den Sezessionskriegen über Polizeigewalt bis hin zum Attentat in Charleston reichen. Eine Schlüsselrolle, insbesondere in dem Musikvideo des Trap-Songs, nehmen die Referenzen zur Sklaverei ein. Ebenjene Bezüge sind gleichzeitig grundlegend für die musikalische Einordnung des Werks in den "Dirty South", eine in den Südstaaten der USA formierte Strömung innerhalb des Hip-Hops.
Sklaverei in Musik aus dem Dirty South? Das in den USA immer noch kontroverse Thema mag vielleicht nach einem Sujet für lyrisch versierte Rapper wie 2Pac oder Nas klingen. Im Allgemeinen werden die Hip-Hop-Hochburgen Houston, Atlanta und Miami wohl eher mit Subgenres wie Miami Bass und Trap assoziiert − und mit den mit den Subgenres verknüpften Texten, etwa die in den Medien stark kritisierten Themen Frauenfeindlichkeit und Sexismus.
Im öffentlichen Diskurs wird die "Third Coast" noch immer aus dieser stereotypischen, negativen Perspektive betrachtet. Man denke nur an OutKasts "Rosa Parks" (1998), eine Referenz zur gleichnamigen Aktivistin: Die Bürgerrechtlerin verklagte die Künstler, da ihr Name im Zusammenhang mit "vulgären Lyrics" erschien. Blickwinkel wie die von Marc Anthony Neal, der die Rosa-Parks-Referenz als einen Ausdruck eigener Identität sieht – die aus "the ATL" stammenden Künstler wüssten allzu gut über das Aufwachsen als Schwarzer in einer durch White Supremacy bestimmten Gesellschaft Bescheid – sind eher eine Ausnahme.
Doch auch weitere Theoretiker sehen im Dirty South mehr als nur auf Drogen und Sex basierende Lyrics. Daher ist eine wissenschaftliche Betrachtung des Hip-Hops von besonderer Relevanz, denn Lieder wie "This Is America" beinhalten nicht nur sozialkritische Aspekte; auch historische Sujets wie das der Sklaverei oder der Sezessionskriege werden thematisiert und sogar als Ursache für aktuell vorherrschenden Rassismus ausgemacht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „This Is America“: Entstehungskontext
3. Imagining „Dirty South“: Das Sujet der Sklaverei
4. Analyse des Musikvideos zu “This Is America“
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Musikvideo zu Childish Gambinos „This Is America“ vor dem Hintergrund des „Dirty South“. Ziel ist es, die vielschichtigen visuellen Referenzen auf die Sklaverei und den daraus resultierenden Rassismus herauszuarbeiten und zu interpretieren, um aufzuzeigen, wie das Werk als gesellschaftskritische, ironisch-zynische Antwort auf aktuelle US-amerikanische Problematiken fungiert.
- Verortung des Musikvideos im kulturellen und musikalischen Kontext des „Dirty South“.
- Analyse der visuellen Symbolik in Bezug auf Sklaverei, Rassismus und Gewalt.
- Untersuchung historischer Bezüge wie Jim-Crow-Gesetze und Minstrelshows.
- Deutung der kontrapunktierenden Tanz- und Unterhaltungsstrategie als Ablenkungsmechanismus.
Auszug aus dem Buch
4. Analyse des Musikvideos zu “This Is America“
Ebenso wie der Song ist auch das Musikvideo in Intro, Hauptteil und zwei Outros aufgeteilt. Das Video spielt in einer Lagerhalle. Anfangs befindet sich in dieser nur ein Afroamerikaner, der auf einem Stuhl sitzend Gitarre spielt. Die subtile Kameraführung offenbart den im Hintergrund stehenden Childish Gambino, der zu einer dem Afro-Folk ähnelnden Musik zu tanzen beginnt. Er trägt lediglich hellbraune Schuhe und eine graue Stoffhose. Diese Hose ist eine eindeutige Referenz zu der Uniform der Soldaten der Konföderierten Staaten von Amerika – ebenjene Südstaaten, die im amerikanischen Bürgerkrieg für eine Aufrechterhaltung der Sklaverei kämpften. Hier zeigt sich die im Dirty South implementierte Kritik an den Denkmälern der Sklaverei. Die Tatsache, dass solche Hosen etwa als Bestandteil von Kostümen oder Spielzeugen vertrieben werden, zeigt die Aktualität der Problematiken auch mehr als 20 Jahre nach dem Song von Goodie Mob.
Nicht nur Childish Gambinos Bart ist länger als gewohnt, auch seine Haare sind besonders inszeniert; bei der Frisur handelt es sich um einen freien Afro. Der Afro ist einerseits ein Ergebnis der Black-Power-Bewegungen in den 1960er- und 1970er-Jahren. Andererseits liegt auch hier ein Bezug zur Sklaverei vor, war doch das natürliche Haar eines Schwarzen zu Zeiten der Sklaverei ein Affront gegen westliche Kultur. Dass Sklaven bei ihrem Kauf rasiert wurden, raubte ihnen auf psychologischer Ebene ihre Ehre sowie ihre kulturelle Identität.
Tanzend und Grimassen schneidend bewegt er sich auf den Musiker zu, der – wie die Kamera langsam offenbart – nun keine Gitarre mehr bei sich trägt und dessen Kopf in einer Robe verhüllt ist. Wie aus dem Nichts zieht Childish Gambino eine Pistole und schießt dem Musiker in den Hinterkopf. In diesem Moment nimmt er eine Pose ein, die eindeutig an Jim Crow angelehnt ist. „This Is America“, kommentiert er und der gerappte Hauptteil beginnt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die thematische Komplexität des Werks ein, in dem systematischer Rassismus, Gewalt und historische Bezüge wie die Sklaverei verarbeitet werden.
2. „This Is America“: Entstehungskontext: Dieses Kapitel beleuchtet den Werdegang von Donald Glover alias Childish Gambino sowie die Produktionsumstände und den Erfolg der Single.
3. Imagining „Dirty South“: Das Sujet der Sklaverei: Hier wird der kulturelle Begriff des „Dirty South“ definiert und dessen Bedeutung für die Aufarbeitung historischer und sozialer Missstände im Hip-Hop analysiert.
4. Analyse des Musikvideos zu “This Is America“: Dieser Hauptteil bietet eine detaillierte Deutung der visuellen Symbolik, insbesondere der Anspielungen auf Sklaverei, Jim-Crow-Gesetze und Polizeigewalt.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und betont, dass Glover durch Ironie und Zynismus eine tiefgreifende Kritik an der gesellschaftlichen Verdrängung rassistischer Probleme übt.
Schlüsselwörter
Childish Gambino, This Is America, Dirty South, Sklaverei, Rassismus, Blackfacing, Jim Crow, Hip-Hop, Gesellschaftskritik, Musikvideo, Donald Glover, Südstaaten, Diskriminierung, Minstrelshow, Identitätsbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Musikvideo „This Is America“ von Childish Gambino und untersucht, wie dieses Werk soziokulturelle Themen des „Dirty South“ sowie historische Bezüge zur Sklaverei verarbeitet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind Rassismus, die Auswirkungen der Sklaverei auf die afroamerikanische Identität, die Symbolik des Blackfacings und die gesellschaftliche Funktion von Unterhaltung als Ablenkung von Gewalt.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, die visuellen und narrativen Ebenen des Musikvideos zu dekonstruieren, um aufzuzeigen, wie Glover komplexe gesellschaftspolitische Kritik im Rahmen eines modernen Trap-Songs formuliert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine qualitative Inhaltsanalyse visueller Medien in Verbindung mit der theoretischen Einordnung des „Dirty South“ als konstruierten kulturellen Raum.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Kontextualisierung des Künstlers, die theoretische Definition des „Dirty South“ und eine detaillierte, bild-für-bild interpretierende Analyse der Szenen im Musikvideo.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Die Untersuchung wird maßgeblich durch Begriffe wie „Dirty South“, „Sklaverei-Referenzen“, „Jim-Crow“, „Rassismus“ und „Ironie“ charakterisiert.
Welche Rolle spielt die „Jim-Crow“-Pose im Video?
Die Pose fungiert als zentrale Allegorie, die sowohl die rassistische Tradition des Blackfacings als auch die tiefgreifende strukturelle Diskriminierung durch die historischen Jim-Crow-Gesetze adressiert.
Warum wird der „Dirty South“ als zentraler Analyserahmen gewählt?
Der „Dirty South“ dient als analytischer Anker, da er über rein geographische Aspekte hinausgeht und einen Raum bietet, in dem Musik aktiv zur kritischen Auseinandersetzung mit historischem Leid und aktueller Diskriminierung genutzt wird.
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- Ulli Armbrust (Author), 2019, Zwischen Hedonismus und Diskriminierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462699