Review von Studien zu „controlled drinking“ & „drinking goal“. Februar 2015 bis Dezember 2018


Hausarbeit, 2019
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Hintergründe
2.1 Verschiedene Arten des Trinkens: Abgrenzung der Begriffe
2.2 Geschichte des Konzepts des „kontrollierten Trinkens“
2.3 Leitende Forschungsfrage

3 Methode: Suchstrategie beim vorliegenden Survey

4 Ergebnisteil
4.1 US-amerikanische Veteranenstudie „VetChange“
4.2 Schwedische Zielkongruenz-Studie
4.3 Schweizer Therapieeffizienzstudie: Sekundäranalyse zum Zusammenhang von Trinkzielen, Alkoholkonsumgewohnheiten, Klientencharakteristika und Therapieergebnis
4.4 Schweizer Therapieeffizienzstudie: Sekundäranalyse zur Zielstabilität

5 Diskussion

6 Schlussfolgerungen für Praxis, Lehre, Forschung

Verzeichnis der zitierten Literatur

Anhänge

Anhang 1: Suchstrategie, dargestellt durch das „PRISMA-Flussdiagramm“

Anhang 2: Anwendung der Interventionscheckliste der Uni Halle auf Studien zu kontrolliertem Trinken

Anhang 3: Benotung der Glaubwürdigkeit der Studien (Bias-Vermeidung)

Anhang 4: Gesamtbewertung der Studien zu kontrolliertem Trinken

Zusammenfassung

Hintergrund: Sowohl die anonymen Alkoholiker, als auch viele Suchtforscher vertreten die Ansicht, dass Alkoholsüchtige nur dann sich von der Sucht lösen können, wenn sie völlig abstinent werden. Ein Teil der alkoholsüchtigen Patienten hat im Rahmen einer Therapie allerdings weder das Bestreben, noch das Vermögen, dem Alkohol völlig zu entsagen. Um dieser Gruppe einen niederschwelligen Therapieeinstieg zu verschaffen, wurde die Maßnahme des kontrollierten Trinkens entwickelt, bei der ein Trinkziel & ein Trinkplan festgelegt werden, einhergehend mit anderen therapeutischen Maßnahmen.

Ziele: Die vorliegende Studie soll prüfen, ob die Maßnahme des kontrollierten Trinkens, flankiert durch andere Maßnahmen wie einem webbasiertem Entwöhnungsprogramm, kognitiver Verhaltenstherapie, Motivational Interviewing und Beratungsgesprächen zu einer Einschränkung der Trinkmenge und damit zu einer Schadensbegrenzung führt oder ob das Anstreben der Abstinenz das Ziel der Wahl bei der Alkoholentwöhnung ist.

Design: Metaanalyse, Metastudie, Survey, Review oder „Übersichtsarbeit“

Methodik: Auswertung von Studien anhand der Checkliste zur „Beurteilung einer Interventionsstudie“ der Universität Halle und vier Bias-Kriterien.

Ergebnis: 1. Alleine die freie Auswahl des Therapieziels durch die Klienten scheint ein Alkoholentwöhnungsprogramm zum Erfolg zu führen und es ist dann gleichgültig, welches Ziel die Klienten anstreben und ob sie das Ziel während der Behandlung wechseln. 2. Vergleicht man eine Maßnahme der anonymen Alkoholiker, bei der die Teilnehmer/innen Abstinenz anstreben, mit einer Maßnahme mit kognitiver Verhaltenstherapie, das auf kontrolliertes Trinken hinauslaufen soll, so stellt sich heraus, dass die persönlichen Ziele der Klienten nicht immer mit den Zielen der Maßnahme übereinstimmen. Klienten, deren persönliches Ziel die Abstinenz ist, erreichen die besten Erfolge, wenn sie sich in ein abstinentes Setting begeben. 3. Zielsetzungen einer Alkoholentwöhnungsbehandlung sollten individuell festgelegt werden und u. a. von den Trinkgewohnheiten des Klienten vor Behandlungsaufnahme abhängen.

Schlussfolgerungen: Die Studien belegen, dass kontrolliertes Trinken in einigen wenigen, klar definierten Fällen ein probates Mittel ist. Hier wäre zu prüfen, ob das betreute Trinken, eine Sonderform des kontrollierten Trinkens in stationären Einrichtungen, eine geeignete Maßnahme ist. Allerdings liegen bisher keine Studien zu betreutem Trinken mit experimentellem Design vor. Dringend sollten die bereits vorhandenen Angebote des betreuten Trinkens wissenschaftlich ausgewertet werden, um zu ermitteln, ob die Methode des betreuten Trinkens eine gute Strategie zur Eindämmung des Alkoholkonsums bei chronischen, pflegebedürftigen Alkoholikern ist und allgemein in stationären Pflegeinrichtungen eingesetzt werden kann.

Schlüsselwörter: kontrolliertes Trinken, Trinkziel, betreutes Trinken

1 Einleitung

Die Diagnose „F10.2 Abhängigkeitssyndrom“ subsummiert alle Abhängigkeiten von „psychotropen Substanzen“, also auch von Alkohol, wobei es sich hier jedoch um eine medizinische Diagnose handelt (vgl. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. 2017, 55). Bei den von Heuwinkel-Otter et al. ins Deutsche transferierten und modifizierten Pflegediagnosen taucht Alkoholismus nicht als eigene Pflegediagnose auf, sondern findet sich mal als Teil einer Problembeschreibung, mal als eines der Ursachen des Problems (vgl. Heuwinkel-Otter et al. 2011). Bei der Pflegediagnose „S6 Selbstwertgefühl gestört“ findet sich Alkohol in der Beschreibung von Lebenssituation und Krankheitsbild, aber in Kombination mit anderen Problemen: „Arm, Alkohol, Außenseiter“ (Heuwinkel-Otter et al. 2011, 276). Nur noch bei einer weiteren Pflegediagnose wird Alkohol etwas mehr beleuchtet: Bei der Pflegediagnose „V2 Vergiftungsgefahr/Vergiftung“ wird auch in eines von 15 Unterpunkten die „Alkoholvergiftung“ beschrieben (Heuwinkel-Otter et al. 2011, 348 ff.). Gehen wir zurück auf das Original, die NANDA International Nursing Diagnoses; die Diagnose mit dem Code 00078 „Ineffective health management“ (Herdmann, Kamitsuru 2018, 151) ist wohl der Oberbegriff für das Problem, das der Patient mit Unterstützung des Pflegepersonals zur Bekämpfung der Alkoholsucht in Angriff nehmen muss (vgl. Johnson et al. 2012, 197; vgl. Herdmann, Kamitsuru 2018, 151). Entsprechend der NOC (Nursing Outcomes Classification = Pflegeergebnisklassifikation) wird das Ergebnis Nr. 1629 „Alcohol Abuse Cessation Behavior“ (Johnson et al. 2012, 360) als „personal actions to eliminate alcohol use that poses a threat to health“ (Johnson et al. 2012, 360) definiert. Im gleichen Klassifikationswerk werden auch die zu diesem NOC gehörigen Interventionen gemäß NIC (Nursing Interventions Classification = Pflegemaßnahmenklassifikation) genannt, wie z. B. „Behavior Modification (...) Coping Enhancement (...) Counseling (...) Self-Efficacy Enhancement“ (Johnson et al. 2012, 197).

Obschon sowohl in der Gesundheits- und Krankenpflege, als auch in der Altenpflege oftmals Alkoholiker/innen zu versorgen sind, so ist doch auffällig, dass bei den im Folgenden ausgewerteten Studien über kontrolliertes Trinken (KT) kein einziger Pflegewissenschaftler mitgewirkt hat. Die Autor/inn(en) der in dieser Hausarbeit ausgewerteten Studien stammen aus folgenden Fachrichtungen: Biostatistik, Epidemiologie, Health Law, Policy & Management, Innere Medizin, Neuroscience & Physiologie, Psychiatrie, Psychologie und Public Health (vgl. Enggasser et al. 2015, 63; Berglund et al. 2016, 64; Haug et al. 2018, 2140). Mag sein, dass dies damit zusammenhängt, dass Pflegende bei der Behandlung der Alkoholsucht eher assistierend, als federführend wirken; jedoch kommt ihnen gerade beim betreuten Trinken, einer Sonderform des KT in stationären Pflegeeinrichtungen, eine besondere Rolle zu, da dort Ärzt/innen und Therapeut/innen nur sporadisch in Erscheinung treten und die Pfleger/innen es sind, die die alkoholkranken Bewohner/innen versorgen, ihnen den Alkohol zuteilen, sie motivieren oder konfrontieren.

Dennoch fristet das Thema „Alkoholsucht“ in der Pflegewissenschaft ein eher stiefmütterliches Dasein. Dies aber, obwohl sich die Alkoholsuchterkrankung und die Folgeerkrankungen bis zur Pflegebedürftigkeit verketten. Denn chronischer, gestörter Alkoholkonsum führt nicht nur zu einer sozialen Isolation und Verwahrlosung des Erkrankten, sondern auch zu einer Reihe von Folgeerkrankungen wie dem „Korsakowsyndrom, einer kaputten Leber, Unterernährung, Sensibilitätsstörungen“ (Landschek 2014, 46). Diese zögen eine Pflegebedürftigkeit nach sich, die dann zur Heimeinweisung führe (vgl. Landschek 2014, 46).

2 Hintergründe

2.1 Verschiedene Arten des Trinkens: Abgrenzung der Begriffe

Der Begriff des KT ist von anderen Formen des Trinkens abzugrenzen, wie die folgende Auflistung der verschiedenen Arten des Trinkens zeigt:

Moderates Trinken: Alkoholkonsum hat eine genderspezifische Obergrenze und hat keinerlei negative Konsequenzen; trinkfreie Tage; die diversen Gesundheitsorganisationen definieren die Oberwerte unterschiedlich (vgl. Kruse et al. 2001, 248 ff.).

Soziales Trinken: Gemessen an der gesellschaftlichen Gruppe, aus der man stammt (Sinusmilieu?); sozial verträgliches Handeln trotz Alkoholkonsum; Trinken zu gemeinschaftlichen Anlässen, wo auch mal mehr als moderat getrunken wird (vgl. Kruse et al. 2001, 250).

Normales Trinken: Spontane Entscheidung, ob und wie viel getrunken wird; es kann zu Räuschen kommen; die Grenzen des moderaten Trinkens werden gelegentlich überschritten (vgl. Kruse et al. 2001, 248).1

Selbstkontrolliertes Trinken: Nicht nur, aber vor allem für chronisch Alkoholkranke, für die Abstinenz keine realistische Option darstellt; ein Trinkplan und Trinkobergrenzen werden aufgestellt; der Betroffene ist selbst für die Steuerung des Alkoholkonsums zuständig und wird von Fachleuten bei der Erreichung seiner Ziele unterstützt. Das selbstkontrollierte Trinken wird von Psychotherapie, Medikamenten und/oder Selbsthilfegruppen begleitet (vgl. Körkel 2015, 148).

Fremdkontrolliertes Trinken: Ausgabe begrenzter Alkoholmengen durch das Personal einer Einrichtung des Gesundheitswesens (vgl. Körkel 2015, 148).

Betreutes Trinken: Sonderfall des fremdkontrollierten Trinkens in einer stationären Pflegeeinrichtung: Die Zuteilung begrenzter Alkoholmengen erfolgt durch Pflegepersonal oder Sozialpädagogen; das Prozedere wird zwischen Einrichtung und Bew. schon bei Einzug vertraglich geregelt; das Heim verwaltet das Taschengeld des Bew., um den „Beikonsum“ des Bew. von selbst besorgtem Alkohol zu verhindern oder wenigstens einzuschränken (Ihlefeld 1999, 233 ff.)2

Abstinenz3: Konsum von keinerlei Alkohol; von vielen Suchtexperten und den Abstinenzverbänden für Suchtkranke, die sich vom Alkohol langfristig entwöhnen wollen, empfohlen (vgl. Soyka 2005, 326).

2.2 Geschichte des Konzepts des „kontrollierten Trinkens“

Ohne es wirklich zu beabsichtigen, löste der Dekan des Instituts für Psychiatrie des Maudsley Hospitals in London David Lewis Davies4 mit seinem Artikel „Normal Drinking in Recovered Alcohol Addicts“ im Jahre 1962 eine große Wirkung aus. Er hatte in diesem Artikel sieben Fälle von Männern beschrieben, die sieben bis elf Jahre zuvor eine zwei- bis fünfmonatige Alkoholentwöhnungsbehandlung in oben genannter Psychiatrie absolviert hatten und nach der Entlassung zum „normalen Trinken“ - angeblich - zurückgekehrt waren. Mit dieser vermeintlichen Erkenntnis, dass ehemalige Suchtkranke eines Tages ohne fremde Hilfestellung wieder ganz normal Alkohol konsumieren können wie jede/r andere x-beliebige Mitbürger/in, forderte Davies nicht nur einen „medical consensus“ (Edwards 1994, 249) heraus, sondern ebenso die zentrale Idee der US-amerikanischen Antialkoholismus-Bewegung, dass man nur durch Abstinenz von der Alkoholsucht befreit werden könne (vgl. Edwards 1994, 249). Mit oben genanntem Artikel erreichte Davies „one of the highest citation scores of any contribution to the alcoholism literature“ (Edwards 1994, 249). Der aber trotz der großen Resonanz auf die Leitideen bei der Alkoholentwöhnung unwirksam blieb, da weder die Auffassung des amerikanischen Establishments, das Alkoholismus eine Krankheit sei, noch die Alkoholentwöhnungsprogramme sich daraufhin änderten; ebenfalls unberührt von Davies‘ Erkenntnissen blieben die Glaubensstrukturen der Anonymen Alkoholiker (vgl. Edwards 1994, 249).

Nun waren die wissenschaftlichen Standards 1962 andere als in der Gegenwart im Jahr 2019 und die Fallstudie von Davies ist vom Design weit vom heutigen Goldstandard, also einer randomisierten, kontrollierten Studie (RCT), entfernt: keine Kontrollgruppe, keine Randomisierung, handverlesene Auswahl der dem Studienleiter persönlich bekannten Probanden, keine Labor- oder Klinikbedingungen; eine Saison-Hilfskraft besucht die Probanden zu Hause, befragt diese und ihr persönliches Umfeld und hat keinen Maßstab dafür, ob ihm die befragten Personen wirklich die Wahrheit sagen. Griffith Edwards geht in seinem Aufsatz „D. L. Davies and `Normal drinking in recovered alcohol addicts´: the genesis of a paper“ mit Davies deswegen scharf ins Gericht, räumt jedoch ein, dass man diese Studie im Kontext der damaligen Wissenschaftspraxis betrachten muss (vgl. Edwards 1994, 252): „The presentation and analysis of case histories was at that time a widely accepted research form“ (Edwards 1994, 252), erklärt der Psychiater, beschreibt aber ausführlich, welchen Irrtümern Davies und Kollegen in ihrer 1962er Studie erlegen waren; im Jahre 1983, also 21 Jahre später, hatte nämlich Edwards eine zweite Follow-Up-Untersuchung an denselben Probanden durchgeführt, die schon an der 1962 ersten Follow-Up-Untersuchung von Davis teilgenommen hatten und einige Fehler und Irrtümer von Davies aufgedeckt (vgl. Edwards 1994, 255 ff.).5 Das Hauptproblem schien zu sein, dass die Probanden und Angehörigen dem Interviewer (Davies hatte die Interviews an eine Saison-Hilfskraft delegiert) 1962 die Unwahrheit gesagt hatten und wesentlich mehr Alkohol konsumierten, als sie offiziell zugaben. Auf die Idee, den Probanden Blut zu entnehmen und die Gammawerte zu kontrollieren oder die Probanden unter Klinikbedingungen aufzunehmen und hinsichtlich von Entzugssymptomen zu beobachten, kamen Davies und sein Team offensichtlich nicht. Auch befragte man nicht die Hausärzte oder Hausärztinnen der Probanden und forderte auch keine Krankenhausunterlagen an (vgl. Edwards 1994, S. 257).6 Wenn die Probanden selber nicht befragt wurden, dann wurden die Angehörigen interviewt; Proband Nr. 2 hatte aber seiner Ehefrau gedroht, gegen sie Gewalt anzuwenden, wenn sie dem Interviewer die Wahrheit über seinen Alkoholkonsum offenlegt (vgl. Edwards 1994, 257).

2.3 Leitende Forschungsfrage

Was bleibt also von der Studie von Davies übrig, wenn man berücksichtigt, dass der empirische Teil seiner Arbeit völlig nutzlos ist? Immerhin, Davies hatte es vermocht, eine gute Frage zu stellen, denn obzwar es ja wirklich sein kann, dass die beste Methode, um von der Alkoholabhängigkeit loszukommen, die völlige Abstinenz ist, muss dies aber doch erstmal überzeugend belegt und bewiesen werden, damit es nicht so wie ein unbegründetes Dogma klingt.

Auf die Frage, ob ein Suchtkranker nach einer Entwöhnung wieder normal trinken kann, ist Davies nicht ganz alleine gekommen, denn schon in einigen Studien, auf die er referiert (vgl. Davies 1962, 101 f.), wurde diese Frage gestellt; aber keiner hat diese Frage so breitenwirksam formuliert, denn auch wenn, wie oben beschrieben, die Leitideen der Alkoholentwöhnung sich durch Davies Behauptungen erst mal nicht geändert haben, so löste Davies mit seinem Bericht viele Ideen und Forschungsaktivitäten aus (vgl. Edwards 1994, 254).

Entscheidend ist folgende Überlegung: Offensichtlich führt nicht jeder Alkoholkonsum zur Sucht, weil sonst jeder, der nur ein einziges Glas Sekt trinkt, gleich zum Alkoholiker werden würde. Manche Menschen probieren Alkohol einmal aus, finden es aber unbehaglich und lassen dann ganz die Hände davon. Aber was unterscheidet nun den „normalen“ Alkoholkonsumenten, der hin und wieder, meist anlassbezogen und in Gesellschaft, etwas trinkt von einem Menschen, der mal suchtkrank war und dann eine Entwöhnung durchführte? Für die anonymen Alkoholiker ist die Sache klar: „We alcoholics are man and woman who have lost the ability to control our drinking. We know that no real alcoholic ever recovers control. All of us felt at times, that we were regaining control, but such intervals - usually brief - were inevitably followed by still less control, which led in time to pitiful and incomprehensible demoralization. We are convinced to a man that alcoholics of our type are in the grip of a progressive illness. Over any considerable period we get worse, never better.“ (Alcoholics Anonymous 2001, 30)

Ist aber die landläufige Behauptung wirklich wahr, dass ein ehemaliger Alkoholiker rückfällig werde, wenn er nur einen einzigen Tropfen Alkohol zu sich nähme? Was hat sich in dem Suchtkranken durch die Suchterkrankung geändert, so dass für ihn nur die Abstinenz die einzige Option ist, vom Alkohol loszukommen? Davies führt die Argumente aus der Fachliteratur an: Die Alkoholsucht führe zu einer biochemischen Veränderung des Körpers, so dass Alkohol bei Suchtkranken ganz anders wirke als bei normalen Menschen (vgl. Davies 1962, 102). Oder aber die Persönlichkeit würde derart verändert, so dass normaler Alkoholgebrauch nicht mehr möglich sei (vgl. Davies 1962, 102). Davies selbst hielt dem entgegen, dass Alkoholsucht wie das Lernen von etwas ist und dass die Alkoholiker durch ihre Umgebungsbedingungen zu Alkoholikern werden, vergleichbar etwa mit der Dressur eines „circus horse“ (Davies 1975, zitiert nach Edwards 1994, 254); genauso, wie Menschen die Alkoholsucht erworben haben, können sie die Abhängigkeit auch wieder abschütteln.

Denn es gibt noch eine zweite Frage, die sich an oben formulierte Frage anschließt: Gilt die Regel, dass ehemals Suchtkranke nur durch Abstinenz von der Sucht loskommen, für alle Personen oder gibt es spezielle Fälle, bei denen Ausnahmeregeln gelten bzw. wo man im Sinne einer Schadensbegrenzung versucht, den Alkoholkonsum einzudämmen, weil man erkannt hat, dass der Patient ohnehin nie ganz vom Alkohol loskommen wird?

Das Gesamtgebilde aus diversen Krankheiten, sozialen Faktoren und Selbstpflegedefiziten bei multimorbiden Suchtkranken im fortgeschrittenen Zustand scheint der Grund dafür zu sein, dass „Suchtexperten (...) davon aus[gehen], dass es dann für Totalabstinenz und Entzug bis auf Ausnahmen zu spät ist.“ (Landschek 2014, 46)

Das Pflegefachmagazin „Heilberufe“ berichtet vom „betreuten Trinken“, das in einigen Seniorenpflegeheimen in Düsseldorf, Schwerin, Bremen und Hannover praktiziert werde (vgl. Landschek 2014, 47) und bei dem den Bewohner/innen „Alkohol regelmäßig zugewiesen“ (Landschek 2014, 47) werde. Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber, dass das Pflegepersonal auch das Taschengeld des Bewohners kontrolliert, weil jener sich sonst zusätzlich zu dem zugeteilten Alkohol weitere alkoholische Getränke erwerben könne (vgl. Landschek 2014, 47). Das betreute Trinken scheint also eine Adaption des fremdkontrollierten Trinkens in Seniorenpflegeheimen zu sein.

Hier ist also der Ausgangspunkt dafür, die Studienlage zu KT zu sichten und zu schauen, ob valide, objektive und reliable Studien hierüber vorliegen. Im nächsten Schritt sollte man darüber reflektieren, inwieweit diese Erkenntnisse auf die stationäre Altenpflege übertragen werden können. An dieser Stelle soll aber keine zu große Erwartung entstehen, da die Studien- und Literaturlage zu „betreutem Trinken“ dürftig ist.

3 Methode: Suchstrategie beim vorliegenden Survey

Da bereits ein Survey zu KT vom Suchtexperten Joachim Körkel vorliegt, das bis zum 1. Februar 2015 reicht (vgl. Körkel 2015), werden hier nur Studien berücksichtigt, die ab dem 2. Februar 2015 erschienen sind. Es wurde lediglich die Datenbank „Medline“ über „Pubmed“ durchsucht, und zwar nach den Begriffen „controlled drinking“ und „drinking goal“. So wurden 25, abzüglich der Überschneidungen 22 Studien gefunden; nach Lektüre der Abstracts kamen 11 Studien in die engere Wahl. Dabei spielte es zunächst keine Rolle, mit welcher Methode das KT flankiert wurde, also ob nun Medikamente, Verhaltenstherapie oder andere Interventionen das eigentliche Programm begleiteten, weil es denkbar gewesen wäre, dass die Zielsetzung und die Trinkkontrolle im Vordergrund stehen, die anderen Maßnahmen das KT aber nur ergänzen. Doch schnell stellte sich heraus, dass die Studien, bei denen Medikamente eingesetzt wurden, nicht mit den Studien, bei denen Verhaltenstherapie angewandt wurde, vergleichbar waren, weswegen drei reine Medikamentenstudien ausschieden. Ebenso schied eine Studie aus, bei der Schlafentzug zur Suchtbekämpfung bei Collegestudenten angewandt wurde, weil diese Maßnahme sehr spezifisch ist und auch mit einer Verhaltenstherapie nicht vergleichbar ist. Eine Studie wandte sich der Frage zu, inwieweit übermäßiger Alkoholkonsum zu automatisierten Verhalten führt; interessantes Thema, aber hier nicht relevant. Zwei weitere Studien stellten sich erst bei näherem Hinsehen als Übersichtsarbeiten aus und schieden auch aus. Von den vier verbliebenen Arbeiten waren drei Sekundäranalysen von Daten, die aus größeren Studien herausgezogen wurden; davon bezogen sich zwei Sekundäranalysen auf die gleiche Datenbasis. Erst später stellte sich heraus, dass die Studie von Enggasser et al. auch schon in der Übersichtsarbeit von Körkel berücksichtigt wurde, weil sie zwar auf Papier erst 2015 erschienen ist, aber bereits 2014 online publiziert wurde. Sie wurde trotzdem für die vorliegende Studienarbeit beibehalten, da Körkel einige kritische Aspekte dieser Studie nicht ausreichend beleuchtet hat. Im Anhang 1 wird anhand des „PRISMA“-Flussdiagramms die Suchstrategie illustriert.

4 Ergebnisteil

4.1 US-amerikanische Veteranenstudie „VetChange“

Enggasser et al. führten ca. 2010 mit 600 US-Kriegsveteranen, die am Irakkrieg und an der „Operating Enduring Freedom (OEF)“ zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus teilgenommen hatten, eine kognitive Verhaltenstherapie durch, die nicht nur die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung, sondern auch die Bekämpfung von Alkoholmißbrauch im Fokus hatte (vgl. Enggasser 2015, 64). Das Besondere an dieser Therapie war, dass sie webbasiert verlief und damit vollautomatisiert war; die Studienteilnehmer bearbeiteten acht Module zu Hause an ihren Heimcomputern, schätzten sich dabei selbst ein („selfmonitoring“) und setzten sich auch von alleine ihre Therapieziele (vgl. Enggasser 2015, 64). Die hier interessierende Studie ist eine Sekundäranalyse der auf diese Weise erhaltenen Daten und bezieht sich lediglich auf ein Subsample der Veteranen-Studie von 305 Probanden, die noch bei Modul 3 mit dabei waren und da erst ihre Trinkziele festlegten (vgl. Enggasser 2015, 64). Den Probanden war freigestellt, ob sie Abstinenz anstrebten oder lieber in moderater Weise Alkohol mit selbst definierten Tages- und Wochenlimits konsumierten; sie konnten auch während der Studie das Ziel ändern (vgl. Enggasser 2015, 64). So entstanden vier Gruppen: die Gruppe von Probanden, die Abstinenz anstrebten, die Gruppe von Probanden, die moderat tranken, die Gruppe von Studienteilnehmer/innen, die von moderatem Trinken zu Abstinenz wechselten und die Gruppe von Personen, die von Abstinenz zu moderatem Trinken switschten (vgl. Enggasser 2015, 64). Dabei stellte sich heraus, dass es völlig unerheblich war, welches Ziel sich die Probanden steckten, denn alle vier Gruppen reduzierten ihren Alkoholkonsum. Wichtig für das positive Ergebnis war die freie Auswahl des Therapieziels (vgl. Enggasser 2015, 63).

[...]


1 Ursprünglich wurde „normales Trinken“ wie „soziales Trinken“ definiert, wie das folgende Zitat von Davies zeigt: „(...) use of alcohol has never gone beyond the limits regarded as permissible in the cultural groups from which they are drawn“ (Davies 1962, 95).

2 Hier ist z. B. an Geldgeschenke von Angehörigen zu denken, die vom Bew. in Alkohol umgesetzt werden (Ihlefeld 1999, S. 238).

3 „Abstinence is controlled drinking with a limit of zero.“ (Nancy Handmaker zit. n. Kruse et al. 2001, 245) Ein amüsantes Statement, das die Dehnbarkeit und Überschneidung der Begriffe aufs Korn nimmt.

4 Vorname „ D avid L ewis“ rekonstruiert durch den „Main Catalogue“ der britischen Nationalbibliothek via der Website https://www.bl.uk/.

5 Proband Nr. 3 war zu diesem Zeitpunkt schon verstorben und anstatt dessen wurden Angehörige befragt (vgl. Edwards 1994, S. 255).

6 Die Anforderung von Unterlagen über die Probanden von niedergelassenen Ärzten oder Krankenhäusern war aus datenschutzrechtlicher Perspektive damals ein noch viel einfacheres Unterfangen.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Review von Studien zu „controlled drinking“ & „drinking goal“. Februar 2015 bis Dezember 2018
Hochschule
Charité - Universitätsmedizin Berlin  (Ínstitut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft)
Veranstaltung
Modul 02 - Fachwissenschaftliche Vertiefung
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
26
Katalognummer
V462704
ISBN (eBook)
9783668914315
ISBN (Buch)
9783668914322
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kontrolliertes Trinken, Trinkziel, betreutes Trinken
Arbeit zitieren
Magister Artium Markus Hieber (Autor), 2019, Review von Studien zu „controlled drinking“ & „drinking goal“. Februar 2015 bis Dezember 2018, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462704

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