Die Bedeutung des Coming-out für die Sozialisation schwuler und lesbischer Jugendlicher


Hausarbeit, 2000
29 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Hauptteil
1. Definitionsversuch des Begriffs Homosexualität
2. Einordnung der Homosexualität in die Gender Theory
2.1. Psychologische Androgynität
2.2 Queer Theory
2.3. Psychologische Abläufe in der Sozialisation
2.3.1. Bikulturalismus
2.3.2. Marginalität
2.3.3. Normative Kreativität
2.4. Homophobie
3. Das Coming-out - Bedeutung für den schwul-lesbischen
Lebenslauf
3.1. Einflußfaktoren
3.2. Coming-out-Gruppen
3.2.1. Partnerzentrierter Gesprächsansatz
3.2.2. Methoden der Gesprächsführung
3.2.3. Themenzentrierte Interaktion (TZI) und Kommunikationsregeln
3.2.4. Phasen der Gruppenarbeit
4. Studien zur Homosexualität
4.1. Kritik an der Studienlage
4.2. Aktuelle Studien
5. Forderungen

III Fazit
Literaturliste

I Einleitung

Im April 2000 erschien die 13. Shell Jugendstudie. Auch diese reiht sich in eine lange Reihe von Studien ein, welche beharrlich das Thema Homosexualität meiden. Ganz besonders ist aber die Situation von jugendlichen Schwulen und Lesben kaum untersucht worden. In dieser Arbeit wird deshalb der Frage nachgegangen, inwiefern sich die Sozialisation von schwulen und lesbischen Jugendlichen von der heterosexuellen unterscheidet, oder ob die Aussagen der Shell-Studie ohne weiteres auf Schwule und Lesben angewandt werden können. Ausgehend von dieser Beurteilung sollen Forderungen an die Politik und die Jugendarbeit formuliert werden.

Zuerst wird der „Arbeitsgegenstand“ Homosexualität anhand von verschiedenen Erklärungsmodellen vorgestellt und ein eigener Definitionsversuch unternommen. Anschließend folgt eine Verortung des Begriffs Homosexualität im Gedankengebäude der Gender Studies, mit besonderem Bezug auf die Queer Theory, um dann konkret am Beispiel des Coming-outs die Besonderheit der schwul-lesbischen Sozialisation aufzuzeigen. Hieran werden Studien zum Thema Homosexualität vorgestellt und die Shell Jugendstudie kritisch in Bezug auf dieses Thema gewürdigt. Letztlich folgt eine Reihe von Forderungen, die sich aus der aktuellen Situation und der Studienlage ergeben.

Vorweg ist noch anzumerken, daß sich grundsätzlich alle Punkte immer auf schwule und lesbische Jugendliche beziehen. Dennoch kommt es teilweise vor, daß in einigen Punkten (z.B. 2.4 Homophobie) vermehrt nur auf Schwule bezug genommen wird. Dies ist nur durch die Literaturlage bedingt und spiegelt keine beabsichtigte Auslassung des lesbischen Standpunktes wider.[1]

II Hauptteil

1. Definitionsversuch des Begriffs Homosexualität

Zunächst ist es angebracht, den Begriff Homosexualität zu definieren. Es gibt viele verschiedene Definitionsversuche, wobei die meisten ihren Fokus auf dem rein sexuellen Aspekt der Homosexualität richten. So führt der Pschyrembel, dessen Anspruch darin besteht ein Fachwörterbuch für Klinik und Praxis zu sein, Homosexualität immer noch auf und rückt sie medizinisch in den Kontext einer Krankheit. Ganz entscheidend ist in seiner Definition der sexuelle Aspekt, der allerdings noch um den soziologischen des Coming-outs ergänzt wird.[2] Diese Form der Definition wird im Brockhaus[3] noch durch den sexualwissenschaftlichen Aspekt des Übergangs von Heterosexualität über Bisexualität hin zur Homosexualität ergänzt. Als entscheidender Schritt wird die psychoanalytische Erklärung angefügt, die die Homosexualität in der frühen Kindheit angelegt sieht und durch die Identitätsfindung im Coming-out nach Außen getragen werde. Hierauf folgt der Hinweis, daß die jüngste Entwicklung der Psychotherapie dahin führe den Patienten (Krankheitsaspekt!) zur Akzeptanz seiner sexuellen Disposition zu bringen. Dies wird allerdings durch Vorurteile der Therapeuten gegenüber dem Thema Homosexualität oft erschwert.[4] Alle diese Erklärungs- und Definitionsversuche haben nicht nur die Betonung der Sexualität als ausschlaggebendes Moment gemein, sondern auch die Vernachlässigung der gesellschaftlichen Konstruktion der Begriffe Homosexualität, wie auch des Begriffes Geschlecht.[5] Auch wird kein Bezug auf die fortgeschrittene Ausdifferenzierung innerhalb der Gruppe der Homosexuellen genommen.[6]

Der emotionale Aspekt der Homosexualität wird gerne in diesen Definitionen ausgeklammert, wohl, weil eine Gleichsetzung mit der Heterosexualität vermieden werden soll:

„[...] Je pense que c’est cela qui rend „troublante“ l’homosexualité: le mode de vie homosexuel beaucoup plus que l’acte sexuel lui-même. Imaginer un acte sexuel qui n’est pas conforme à la loi ou à la nature, ce n’est pas ça qui inquiète les gens. Mais que des individus commencent à s’aimer, voilà le problème.“[7]

Der Begriff Homosexualität vereint demnach mehrere Aspekte. Zum einen bezeichnet er die gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung und in den meisten Fällen auch deren Auslebung. Weiterhin ist aber auch eine gesellschaftliche Komponente mit dem Begriff verbunden. Sich offen als schwul oder lesbisch in der Öffentlichkeit zu verhalten und zu bekennen, kann vielfältige Reaktionen mit sich führen. Ein Minderheitenbewußtsein ist hier von entscheidender Bedeutung im Identitätsfindungsprozeß des Individuums, genauso wie eine etwaige Diskriminierung, die mit dem Status als Minderheit einhergeht. Diese Faktoren kommen ganz entscheidend im Coming-out zu tragen, dem persönlichen und gesellschaftlichen Selbstfindungsprozeß von offen lebenden Schwulen und Lesben. Dies meint auch Stümke, der in der Schwulenbewegung eine relevante gesamtgesellschaftliche Komponente sieht:

„Schwule sind dabei, sich von einer nur sexuellen, nunmehr auch zu einer sozialen Minderheit zu emanzipieren, einer Minderheit, die ihren eigenen Platz in der Gesellschaft beansprucht.“[8]

Letztlich umfaßt der Begriff Homosexualität, die viel zu oft vernachlässigte Komponente der emotionalen Empfindungen zum gleichen Geschlecht. Dies ist nicht primär eine Besonderheit der Homosexualität wie etwa die sexuelle Orientierung oder der gesellschaftliche Platz als Minderheit, dennoch aber erwähnenswert, da es im öffentlichen Diskurs, als auch in der Fachwissenschaft, gerne in Vergessenheit gerät.

2. Einordnung der Homosexualität in die Gender Theory

In unserem täglichen Leben nehmen wir viele Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Konzepten von Maskulinität und Femininität wahr. Vivien Burr gibt in ihrem Buch „Gender and Social Psychology“ einige Beispiele hierfür an.[9] Sei dies nun die Körpersprache, die uns bei Drag Queens deshalb so erheitert, weil eine weiblich konnotierte Gestik von einem verkleideten Mann ausgeführt wird, oder aber die Gesprächshaltung, die bei Männern und Frauen sehr unterschiedlich ist. Während der Mann gerne unterbricht und direkter in seinen Aussagen ist, macht die Frau anscheinend vermehrt indirekte Vorschläge, läßt sich eher unterbrechen und signalisiert öfter Anteilnahme durch verbales Winken. Dies läßt sich noch auf unsere gesellschaftlichen Konnotationen für Handschriften übertragen und auf die unterschiedliche Gestaltung von Gebrauchsgegenständen (z.B. Herren- und Damenuhren), je nachdem für welches Geschlecht sie entworfen wurden.

All diese Unterschiede sind nicht durch unser biologisches Geschlecht verursacht, sondern finden ihre Verankerung in einer gesamtgesellschaftlichen Festlegung der Begriffe Maskulinität und Femininität und der damit verbundenen Vorstellungen. Da anzunehmen ist, daß eine schwul-lesbische Sozialisation anders verläuft als eine heterosexuelle (aufgrund einer gesellschaftlichen Rollenfestlegung durch das biologische Geschlecht und eine Verletzung dieser Rollenerwartungen durch die Wahl des Sexualpartners aus dem gleichen Geschlecht), ist es von Wichtigkeit, diese im Lichte der Gender Theory zu betrachten, da Gender als „the social significance of sex“[10] festgelegt ist.

2.1. Psychologische Androgynität

„Heterosexuality is as much a product of learning, social pressure, and cultural values as homosexuality. All sexual desires, practices, and identities not only are gendered but reflect a culture’s views of nature, the purpose of life and procreation, good and evil, pleasure and pain; the discourses about them are permeated with power.“[11]

Hetero-, wie Homosexualität sind gesellschaftlich bedingte Begriffe und spiegeln Aspekte der jeweiligen Kultur wieder, wie zum Beispiel die Vorstellungen von Ehe, Gut und Böse und der Naturauffassung. Letztlich ist aber der Diskurs, der die Konnotationen der Begriffe bewirkt, ein Machtdiskurs. Die Mehrheit, hier die heterosexuelle Gesellschaft, legt fest was „gut“ und „böse“ ist und wie die Norm aussieht. Homosexualität wird an dieser Norm defizitär beurteilt.

Ebenso sind die Vorstellungen von Maskulinität und Femininität sozial konstruiert.[12] Die Zuordnung zur Maskulinität oder Femininität erfolgt aufgrund des biologischen Geschlechts; die Konnotationen, die mit der Zuordnung einher gehen, sind aber primär nicht durch das Geschlecht, sonder durch die historisch-soziologische Entwicklung der jeweiligen Gesellschaft bedingt. Die gesellschaftliche Auffassung von maskulin und feminin bedingt auch die psychologische Praxis und Theorie. Jene definierte lange Zeit eine psychisch gesunde Person als einen Menschen, der sich so verhält, wie auch sein Geschlecht es vorgibt, also entsprechend den allgemeinen Vorstellungen von weiblich und männlich.[13] Genau dies bezeichnet aber Bem als psychologische Zwangsjacken und wies mit ihrer Theorie der psychologischen Androgynität daraufhin, daß genau das Gegenteil der Fall sei.[14] Zum Beispiel lassen sich gerade Krankheitsbilder wie Magersucht und Bulimie auf diese geschlechtstypischen Verhaltensweisen zurückführen. Bem bezeichnet gesunde Personen, als Menschen, die sowohl den weiblichen, als auch den männlichen Teil in sich akzeptieren und ausleben. Die Anteile müßten im Gleichgewicht miteinander sein, was sie als „androgyny“ betitelt. Aber genau dieses Gleichgewicht werde in unserer Sozialisation aufgrund der festgelegten Konnotationen von männlich und weiblich verhindert.[15]

2.2. Queer Theory

Das Interesse an sozialer Geschlechtsbildung in der Sozialisation hat Schwule und Lesben zur Entwicklung der Queer Theory innerhalb der Gender Studies gebracht. Wer nicht heterosexuell ist, wird schnell als abweichend und damit negativ beurteilt,[16] damit soll dieser Denkansatz aufräumen. Er basiert auf der Dekonstruktion des Begriffs Gender, denn:

„Gender, too, is conceived as an exact copy of something that never really existed in the first place: there is no „real“, underlying maleness or femaleness on which we base our performances.“[17]

Die Queer Theory versucht nun durch Dekonstruktion Gender und Sexualität von allen normativen Aussagen zu befreien, um die Unnatürlichkeit und Unhaltbarkeit dieser Begriffe aufzuzeigen. Männlichkeit und Weiblichkeit werden als Nachahmungen gesellschaftlicher Werte dargestellt und nicht als sich aus dem biologischen Geschlecht ergebende Einheiten.[18] Sie werden als Modeerscheinungen oder als aufgesetzte Verhaltensweisen begriffen und nicht als Hauptelemente eines natürlichen Konzeptes von Männlichkeit oder Weiblichkeit. Das Ziel dieser Theorie ist es, diese polarisierenden Einteilungen in der Zukunft aufzuheben.

Ein Weg dahin ist, nach Ansicht der VertreterInnen der Queer Theory, bereits eingeschlagen worden. Als eine Art Übergang von der jetzigen polarisierten Situation zum zukünftigen Ziel, steht das „gender bending/ gender fucking“. Hier wird versucht die gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlechtlichkeit und der dazu gehörigen Rolle, mit Hilfe von „Verkleidungen“ und der bewußten Umkehr traditioneller Geschlechterrollen zu erreichen. Dabei soll die Künstlichkeit dieser gesellschaftlichen Auffassungen aufgezeigt werden. Gute Vertreter hierfür sind Boy George, Annie Lennox und Madonna, die ohnehin als schwule Ikonen gelten.[19]

2.3. Psychologische Abläufe der Sozialisation

Die DenkerInnen der Queer Theory befassen sich auch mit der Psychologie und stehen in Bezug auf die Sozialisation von Schwulen und Lesben vor zwei Problemen. Das erste Problem teilen Schwule und Lesben mit allen anderen Minderheiten und den Frauen. Die heutige Psychologie, basierend auf Freud, setzt eine Norm fest, von der aus sie alles, was davon abweicht, als krank oder nicht der Norm entsprechend und deshalb als behandlungsnötig ansieht:

„Psychology“, the official entity, values those experiences that are white, male, heterosexual, young, middle class, abled-bodied and North American.“[20]

[...]


[1] Alle im Folgenden verallgemeinernde Bezeichnungen beziehen sich auf weibliche wie männliche Personen.

[2] Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. S. 657/658

[3] Brockhaus. Band 10. S. 232-234

[4] Pope, Kenneth S./Sonne, Janet L./Holroyd, Jean: Sexualität in der Psychotherapie. S. 72

[5] König, Oliver: Sexualität. S. 553

[6] König, Oliver: Sexualität. S. 556

[7] Foucault, Michel; in: Povert, Lionel: Dictionnaire Gay. S. 196

[8] Stümke, Hans-Georg: Demokratie ist abendfüllend. Die alte Coming-out Bewegung ist tot. S. 56

[9] Burr, Vivien: Gender and Social Psychology. S. 3

[10] Burr, Vivien: Gender and Social Psychology. S. 11

[11] Lorber, Judith: Paradoxes of Gender. S. 56

[12] Burr, Vivien: Gender and Social Psychology. S. 126

[13] Burr, Vivien: Gender and Social Psychology. S. 127

[14] Burr, Vivien: Gender and Social Psychology. S. 127

[15] Burr, Vivien: Gender and Social Psychology. S. 127

[16] Kitzinger, Celia/ Wilkinson, Sue: Virgins and Queers. Rehabilitating Heterosexuality?. S. 403

[17] Kitzinger, Celia/ Wilkinson, Sue: Virgins and Queers. Rehabilitating Heterosexuality?. S. 411

[18] Kitzinger, Celia/ Wilkinson, Sue: Virgins and Queers. Rehabilitating Heterosexuality?. S. 410/411

[19] Kitzinger, Celia/ Wilkinson, Sue: Virgins and Queers. Rehabilitating Heterosexuality?. S. 412

[20] Brown, Laura S.: New Voices, New Visions. Toward a Lesbian/Gay Paradigm for Psychology. S. 296

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Coming-out für die Sozialisation schwuler und lesbischer Jugendlicher
Hochschule
Universität Hamburg  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Einführung in die Jugendsoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
29
Katalognummer
V4628
ISBN (eBook)
9783638128414
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendsoziologie, Sozialisation, Coming-out, schwul, lesbisch, Shell-Studie
Arbeit zitieren
Thomas Grömling (Autor), 2000, Die Bedeutung des Coming-out für die Sozialisation schwuler und lesbischer Jugendlicher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4628

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