Alkoholstraftäter-Delinquenz mit pathologischem Befund


Diplomarbeit, 2005

142 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Alkohol

1. Definition Alkohol
1.1 Wirkung des Alkohols
1.2 Ansehen des Alkohols
1.3 Alkoholkonsum in Deutschland

2. Alkoholismus
2.1 Definition
2.2 Ursachen
2.3 Physische, psychische und soziale Folgen
2.4 Behandlungsmethoden

II. Alkohol und Kriminalität

3. Einführung.

4. Kriminalitätsfördernder Faktor Alkohol
4.1 Bei Alltagsdelikten
4.2 Bei chronischer Delinquenz
4.3 Bei Schwerdelikten

5. Delinquenz unter akuter Alkoholisierung

6. Erklärungsversuche
6.1 Resultate der psychischen und sozialen Störungen
6.2 Resultate der gesellschaftlichen Ausgrenzung

III. Alkohol und Strafrecht

7. Grundsätzliches

8. Fragen zur Schuldfähigkeit
8.1 Schuldunfähigkeit
8.2 Verminderte Schuldfähigkeit
8.3 Strafrechtliche Maßnahmen nach Erkennen der verminderten Schuldfähigkeit oder Schuldunfähigkeit

IV. Unterbringung und Behandlung in einer Entziehungsanstalt

9. Allgemeines zum Maßregelvollzug
9.1 Zur Geschichte
9.2 Das Zusammenwirken mit anderen Justizorganen
9.3 Organisation und Räumlichkeit

10. Maßregelvollzug nach § 64 StGB
10.1 Anordnungs- und Unterbringungsvoraussetzungen
10.2 Andere Unterbringungsgründe
10.3 Die Arten der Behandlung und der zeitliche Rahmen
10.4 Behandlungsbereitschaft und Behandlungsfähigkeit

11. Die Funktion der Sozialarbeiter/innen

12. Resultate der Behandlung
12.1 Prognostische Erfolgsaussichten
12.2 Tatsächliche Erfolge

13. Verbesserungsideen
13.1 Zur Unterbringung
13.2 Zur Förderung des Patienten

Resümee

Literaturverzeichnis

Anhang
1. Biographisch-narratives Interview Herr W
2. Interview Herr B

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Alkohol und Kriminalität ist eine Verbindung, die schon seit Jahrhunderten besteht und trotzdem immer wieder neue Fragestellungen zur Strafverfolgung, zum Strafprozess, zur Strafvollstreckung und zum Straf- bzw. Maßregelvollzug aufweist. Außerdem existiert kaum ein anderes Gebiet, in welches die Medizin, die Psycho- und Sozialwissenschaften sowie die Jurisprudenz involviert sind.[1]

Die hier verfasste Diplomarbeit setzt sich gerade mit dieser Thematik auseinander und versucht die eine oder andere Fragestellung zu beantworten. Folglich handelt es sich um einleitende und spezifische Fragen zum Thema:

Was ist Alkohol?

Was ist Alkoholsucht?

Wer ist Alkoholstraftäter?

Ab wann ist man schuldunfähig bzw. teilschuldfähig?

Kann auch mit Alkoholeinfluss volle Schuldfähigkeit erkannt werden?

Dient Alkohol als Unschuldengel? (absichtliches Trinken vor einer Straftat)

Welche Rolle spielen gesellschaftliche/ familiäre/ soziale/ ... Hintergründe?

Strafrechtliche Hintergründe?

Trägt Alkohol zur Straftat bei?

Wäre der Alkoholstraftäter auch ohne Alkohol straffällig geworden?

Alkohol macht in manchen Gesellschaftsformen kriminell!

Kriminologische Hintergründe?

Medizinische Hintergründe?

Wie geht man dagegen vor?

Helfen therapeutische Ansätze?

Ist Zwangstherapie sinnvoll?

Oder nur ein Verwahren der Delinquenten?

Unternimmt der Gesetzgeber das Richtige?

Das Interesse des Autors, speziell diese Zusammenhänge zu schildern, erwuchs während eines Praktikums im Hauptstudium innerhalb der forensischen Abteilungen des Landeskrankenhauses Hildesheim. Auf Grund dessen wird der Schwerpunkt der Arbeit das letzte Kapitel (Unterbringung und Behandlung in einer Entziehungsanstalt) darstellen.

Die Diplomarbeit umfasst insgesamt vier Kapitel, die sich im einzelnen wie folgt zusammensetzen:

Mit dem ersten Kapitel wird der Einstieg über die Definition von Alkohol und Alkoholismus geboten. Dazu werden geschichtliche und regionale Unterschiede in Bezug auf die Einstellungen und Sichtweisen zum Alkohol dargestellt. Außerdem werden die chemische Zusammensetzung und die physische Wirkungsweise des Alkohols geschildert. Im weiteren Verlauf werden die Ursachen und Folgen des Alkoholismus verdeutlicht, was abschließend in der Darstellung von Behandlungsmethoden mündet.

Der Inhalt des zweiten Kapitels beschreibt die Zusammenhänge zwischen Alkohol und Kriminalität. Dabei wird der Alkohol als kriminalitätsfördernder Faktor bei unterschiedlichen Delikten deklariert, um die Verbindungen zwischen Alkoholkonsum und delinquenten Verhalten zu verdeutlichen. Enden wird diese Passage in Erklärungsversuchen, wie Alkohol kriminelles Verhalten hervorrufen kann.

Kapitel drei verweist auf mögliche Konsequenzen nach der Straftatbegehung unter dem Einfluss von Alkohol. Es werden allgemeine strafrechtliche Grundsätze und spezielle, die sich mit den Minderungen der Schuldfähigkeit auseinandersetzen, erläutert. Die Schilderung der strafrechtlichen Maßnahmen bei verminderter und aufgehobener Schuldfähigkeit bildet den Abschluss.

Das vierte und letzte Kapitel ist schließlich das umfangreichste und thematisiert die Unterbringung und Behandlung von Maßregelpatienten (gemäß § 64 StGB, siehe Punkt 7). Dabei wird anfangs auf Allgemeines zum Maßregelvollzug verwiesen, womit Chronologisches, Organisatorisches u.ä. gemeint ist.

Im Anschluss folgen Details zur Maßregel nach § 64 StGB, um beispielsweise einen Einblick in die Anordnungsgründe oder die Behandlungsfähigkeit einiger Patienten zu bieten. Ferner werden die Aufgaben und Tätigkeitsbereiche von Sozialarbeiter/innen erläutert, die innerhalb des Sozialdienstes in Entziehungsanstalten oder psychiatrischen Krankenhäusern tätig sind. Nach der Erklärung von prognostischen Erfolgsaussichten und den Fakten der tatsächlichen Behandlungserfolge endet das Kapitel mit thesenartigen Verbesserungsideen des Autors.

Um der Arbeit einen authentischen Schliff zu verpassen wurden während der Bearbeitungszeit zwei biographisch-narrative Interviews mit Patienten des Landeskrankenhauses Hildesheim durchgeführt. Der große Unterschied im Charakter und in den intellektuellen Fähigkeiten der Patienten spiegelt sich in der Qualität der Interviews wieder. Während Herr W. eine sehr detailgetreue Wiedergabe seines Lebens, mit den Schwerpunkten Alkohol, Kriminalität und Therapie, schilderte, konnte Herr B. nur auf aktuelle Probleme bezüglich seiner Therapiefortschritte verweisen. Als Ausgleich fertigte B. schon im Vorfeld (als wenn er das Ergebnis des Interviews vorher kannte) eine Art autobiographischen Aufsatz.

Hiermit wird darauf hingewiesen, dass die Interviews (sowie der Aufsatz) ein Großteil der oben gestellten Fragen beantworten und daher als sehr lesenswerter und interessanter Teil der Arbeit eingestuft sind.

Aus stilistischen Gründen wird im Fließtext dieser Arbeit bei allgemeinen Personenbezeichnungen wiederholt nur das männliche Geschlecht benannt, wenn gleichzeitig das weibliche gemeint ist. Damit ist keine geschlechtsspezifische Diskriminierung beabsichtigt, vielmehr soll hierdurch dem Lesefluss Vorrang gegeben werden.

I. Alkohol

1. Definition Alkohol

Geschichtlicher Hintergrund:

Der Begriff Alkohol stammt ursprünglich aus dem arabischen Sprachraum (alkul) und bedeutet soviel wie das „Feinste“. Etwa 1520 verwendete Paracelsus den Begriff „alkool“ und meinte damit sinngemäß „feines Pulver“. Als deutsches Wort „Alcool“ fand es ca. 100 Jahre später Gebrauch, womit Brandwein gemeint war. Alkohol etablierte sich im Laufe der letzten Jahrhunderte neben Wasser und Erdöl zur drittwichtigsten Flüssigkeit der Menschen.[2]

Chemische Erläuterung:

Zum Verzehr geeignet ist chemisch gesehen nur Ethylalkohol bzw. Ethanol (C2H5OH) und dieser wird oral eingenommen. Es handelt sich dabei um eine klare, farblose Flüssigkeit, die einen brennenden Geschmack aufweist. Da Ethylalkohol gut in anderen Flüssigkeiten löslich ist, nicht so wie Öl in Wasser, erfolgt eine rasche Resorption und Verarbeitung des Alkohols im Körper.

Um trinkbaren Alkohol herzustellen ist es nötig den Gärungsprozess von Fruchtzucker in Gang zu bringen. Als Rohstoffe dienen z.B. Früchte, Trauben, Beeren, Zuckerrüben, Zuckerrohr und (nach besonderer Verarbeitung) Kartoffeln sowie Getreide. Chemisch gesehen ist die Gärung eine Spaltung von Zucker in Alkohol und Kohlendioxyd, die durch Hefepilze und eine dafür günstige Temperatur ausgelöst wird. Je nach dem Verfahren der Herstellung werden Getränke gewonnen mit unterschiedlichem Gehalt an Ethanol.[3] Derzeitig bietet der Markt Biermischgetränke mit etwa 2%vol[4] und beispielsweise Rum mit bis zu 80%vol.[5]

Allgemein:

Alkohol wird unterschiedlich angewendet bzw. verbraucht. Er wird nicht nur als Genussmittel oder bewusstseinsverändernde Droge genutzt, sondern auch als Nahrungs-

mittel, da ein relativ hoher Energiegehalt nachgewiesen wurde (so enthält ein Gramm Alkohol 7,07 Kalorien (kcal) = 29,6 Joule).[6] Wie schon erwähnt, äußern sich die Begleiterscheinungen des Alkoholkonsums in Bewusstseinsveränderungen, die einerseits soziale Kontakte fördern und andererseits soziale Probleme mit sich führen können. Das heißt, der Konsum kann sowohl negative als auch positive Folgen haben, wobei die negativen Resultate eher bei übermäßigem Verzehr zum Vorschein kommen.

Alkohol hat ein hohes Suchtpotenzial und bei andauender Überdosierung den körperlichen Verfall zur Folge.[7]

1.1 Wirkung des Alkohols

Nach der Einnahme vergehen ca. 30 bis 90 Minuten bis sich der Alkohol im Körper verteilt hat und den Höhepunkt seiner Wirkung zeigt. Allerdings sind die Nervenzellen des Gehirns der konkrete Angriffsort. Diese sind zwar von der Blutversorgung durch die sogenannte Blut-Hirn- und Blut-Liquor-Schranke abgeschnitten, doch durch zahlreiche Kontaktstellen im Gehirn (Synapsen) miteinander verbunden. Wie bereits erwähnt ist der Alkohol leicht in anderen Flüssigkeiten löslich, so auch in Fett und Wasser, welche im Gehirn vorhanden sind. Demnach wird Ethanol nach der oralen Zufügung vorwiegend vom Zwölffingerdarm und Dünndarm aufgenommen und in die Blutbahn des Organismus verteilt. Es gelangt zum Gehirn und greift dort die Nervenzellen an, was Störfunktionen der elektrischen Impulse, die von Synapsen ausgehen, zur Folge hat.[8]

Auf ein Hoch folgt ein Tief, so wird Alkohol vom Körper auf verschiedene Weise abgebaut und ausgeschieden. Ein geringer Teil des Alkohols geht durch die Atmung und durch die Transpiration verloren. Der größte Teil allerdings wird über die Leber abgebaut, indem sie den Alkohol in den Energiehaushalt des Körpers überführt oder ihn als Wasser ausscheidet. Eine Erklärung für die körperlichen Folgeerscheinungen während des Abbaus ergibt sich aus der Tatsache, dass Zwischenprodukte wie Acetaldehyd entstehen.[9] Das Acetaldehyd-Syndrom umschreibt ein Vergiftungsbild nach dem Verzehr von Alkohol. Es sind folgende Erscheinungsmerkmale bekannt:

- intensive Rötung von Gesicht und Brustkorb,
- Schwindelgefühl,
- Kopfschmerzen und
- Atem- sowie Pulsbeschleunigung.

Nach spätestens 20 bis 24 Stunden sollten sich alle Symptome zurückgebildet haben.[10] Neben den Vergiftungserscheinungen, die durch Zwischenprodukte ausgelöst werden, treten durch Alkohol und dessen Abbauprodukte Beeinflussungen der neuronalen Übertragungsprozesse auf. So können beispielsweise Botenstoffe wie Glutamat, Dopamin, Serotonin oder Acetylcholin vermehrt bzw. vermindert ausgeschüttet werden. Auch die hormonbedingte Wirkung der Endorphine wird beeinträchtigt und so lässt sich erklären wie Alkohol belohnend, antriebsregulierend oder angstlösend wirken kann. Es werden somit Gefühle erzeugt, die als suchtfördernd gelten.

Der Alkoholpegel wird anhand einer Blutalkoholkonzentrationsmessung bestimmt und in der Maßeinheit Promille angegeben. Steigt der Pegel, vollziehen sich eindrucksvolle Veränderungen, die durch den relativ langsamen Abbau von etwa 0,15 Promille je Stunde lange anhalten. Bereits ab einem Blutalkoholwert von 0,3 Promille ist die Sehleistung leicht vermindert, die Aufmerksamkeit, Konzentration, Urteilsfähigkeit und das Reaktionsvermögen lassen ebenfalls schon nach, was durch eine steigende Risikobereitschaft begleitet wird. Einen Tunnelblick (25%Seheinschränkung), deutliche Aufmerksamkeits- und Konzentrationsverluste sowie Gleichgewichtsstörungen, Euphorie, zunehmende Enthemmung und Selbstüberschätzung erfährt derjenige, bei dem der Alkoholpegel 0,8 Promille und mehr beträgt. Liegt der Messwert bei 1,0 bis 2,0 Promille ist das Rauschstadium erreicht, wobei sich die Sehfähigkeit, besonders das räumliche Sehen, weiter verschlechtert und eine Störung der Reaktionsfähigkeit eintritt. Hinzu kommen Anzeichen von Verwirrtheit, Sprechstörungen als auch Orientierungsstörungen. Die Kritikfähigkeit geht verloren, da der Enthemmungsprozess voranschreitet. Steigt die Blutalkoholkonzentration auf 2,0 bis 3,0 Promille ist das Betäubungsstadium erreicht, in dem starke Gleichgewichts-, Konzentrations-, Gedächtnis- und Bewusstseinsstörungen auftreten. Außerdem ist das Reaktionsvermögen fast völlig verloren und Verwirrtheit, Muskelerschlaffungen sowie Erbrechen zeigen sich als Begleiterscheinungen.

Das Lähmungsstadium ist ab einem Wert zwischen 3,0 und 5,0 Promille erreicht und alle bisher genannten Beobachtungen verschlechtern sich. Bevor die Reflexions- und Bewusstlosigkeit eintritt ist die Atmung sehr schwach und der Körper ist unterkühlt. Dieses abschließende Stadium führt ab etwa 4,0 Promille zu Lähmungen, Koma, Atemstillstand und schließlich zum Tod. Diese Einteilung gilt nur für Erwachsene, da Kinder und Jugendliche spürbar empfindlicher reagieren. Für Kleinkinder beispielsweise bedeuten schon 0,5 Promille den Tod.[11]

Konkrete Verhaltensveränderungen:

Im Exzitationsstadium[12], also bei ca. 0,5 Promille tritt meist eine angeheiterte Stimmung auf, die an erhöhter Euphorie und an erhöhtem Optimismus zu erkennen ist. Durch den Konsum von Alkohol lassen Ängste nach und die Bereitschaft, neue soziale Kontakte einzugehen, nimmt zu. Diese Verhaltensveränderungen beobachtete auch Kissin bei seinen 1972 gemachten Untersuchungen. Dabei spielte es keine Rolle, ob der Alkohol lingual oder per Injektion aufgenommen wurde. Allerdings konnte festgestellt werden, dass die Stimmungsveränderungen innerhalb sozialer Gruppen stärkere Ausmaße erreichte. Mit zunehmender Steigerung der Blutalkoholkonzentration ändert sich das Verhalten eher zum Negativen. Die Stimmung ist depressiv, gereizt, müde, noch weniger ängstlich und unfreundlicher. Innerhalb sozialer Gruppen nehmen Anspielungen auf körperliche Aggressionen sowie Sex zu, da die Aggressionshemmungen mit zunehmendem Alkoholpegel sinken. Es steigt die Neigung zu riskanten Entscheidungen und Alkohol hat sedative Wirkungen, was die Erhöhung der Schmerzschwelle und der Schwelle für laute Geräusche beweisen.[13]

1.2 Ansehen des Alkohols

Wie wird Alkohol und Alkoholkonsum wahrgenommen?

Dieser Punkt soll darstellen wie Alkohol in unterschiedlich geprägten Gesellschaftsgruppen, Staaten, angesehen und beschrieben wird. Die Spannweite der Beschreibungen des Alkohols reicht von „Feind bis Freund“.

Eine prinzipiell ablehnende Haltung zum Alkohol wurde einerseits durch muslimische und andererseits durch christlich puritanische (sittenstrenge) Traditionen geprägt. Nach den zweitgenannten Traditionen richtet sich ein Grossteil der Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika und der skandinavischen Staaten. Die USA betrachten den Alkohol als eine gefährliche Droge wie jede andere und erkennt ihn somit als „Feind“. Noch vor wenigen Jahren galt in allen Staaten der USA eine Art Alkoholverbot, zumindest in der Öffentlichkeit. Das heißt, es durfte öffentlich kein Alkohol mitgeführt oder konsumiert werden. Somit galt auch das leichte Alkoholisiertsein als Straftatbestand.

Da Alkohol in den hier angesprochenen Ländern derart tabuisiert wird, sind die Alkoholproduktion und der Alkoholimport streng überwacht und wird gegebenenfalls kriminalisiert. So kommt es vor, dass bestimmte Restaurants Alkohol ausschenken dürfen und andere nicht. In einigen Ländern dürfen Gaststätten überhaupt keine Alkoholika ausschenken, dafür darf der Gast ihn allerdings mitbringen, was dazu geführt hat, dass neben den Lokalen Verkaufsstellen für Alkohol entstanden sind.

Wie schon beschrieben, wurde der öffentliche Konsum von Alkohol in den USA unter Strafe gestellt und um diese Richtlinie nicht gänzlich zu kippen wurden andere Gesetzesgrundlagen geschaffen, um den Alkoholkonsum aus der Öffentlichkeit weitestgehend rauszuhalten. So ist es beispielsweise eine Straftat, wenn ein unter 25jähriger Alkohol in einem Kraftfahrzeug mit sich führt. Des Weiteren zeigt die Strafrechtspraxis der Vereinigten Staaten ein Hang zum verschärften Bestrafen, wenn der Täter während der Straftat alkoholisiert war. Jene Praxis steht demnach im völligen Gegensatz zur deutschen Rechtsprechung und sieht in der Alkoholisierung weder strafmildernde noch entlastende Elemente.[14]

Bei einem Blick auf die jüdisch-katholischen Traditionen und dessen Staaten, zu denen auch Deutschland gehört, wird erkenntlich, dass die Alkoholproduktion wie der Alkoholimport kaum kontrolliert werden. Es findet nur eine grobe Regulierung über das Zoll- und Steuersystem der Länder statt. Der Alkohol wird also als „Freund“ betrachtet, aber als ein gefährlicher, der nicht für jedermann bzw. zu jeder Zeit zugänglich sein darf. Das bedeutet, die Öffentlichkeit setzt Grenzen, die sich z.B. im Jugendschutz, im Straßenverkehr oder im Arbeitsbereich zeigen.[15]

Innerfamiliär bietet sich ein anderes Bild, denn in vielen Familien dominiert die Meinung vor, dass Alkohol zum Erwachsenwerden dazugehört oder gar beiträgt.[16] Die Ursprünge dieses Irrglaubens können anhand unserer Geschichte nachvollzogen werden, denn erst mit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erkannte man in Europa, wie zuvor in Amerika, dass übermäßiger Alkoholkonsum zur Suchterkrankung führt. Damalige neue Untersuchungsmethoden zeigten, dass auch körperliche Krankheitsbilder durch den Genuss von Alkohol in Erscheinung treten. Bis zum 18. Jahrhundert galt die Trunksucht für die meisten Menschen also nicht als Problem, so verzehrte man Alkohol regelmäßig und übermäßig. Er wurde mit hohem Ansehen behaftet und als Nahrungsmittel, Medizin und Genussmittel konsumiert. Der hohen Wertschätzung ist es zu verdanken, dass regelmäßige Trinkgelage abgehalten wurden, die letztlich bei den Teilnehmern zur völligen Berauschung oder zur Bewusstlosigkeit führten. Als Austragungsort dieser Rituale und Feste diente häufig die Kirche, wodurch sie ihrer Pflicht nachkamen, die Gemeinde zusammenzuführen.

Unserer Lande sind solche traditionellen Berauschungen auf die Sitten der Germanen zurückzuführen, allerdings verfolgten diese magische sowie kultische Zwecke. Zu Beginn einer Zeremonie wurde gemeinschaftlich gesoffen, um sich das Wohlwollen und die Anwesenheit der Götter zu sichern. Hätte bei diesem „Zutrinken“ ein Mitzecher den angebotenen Becher abgelehnt, wäre dies als konkrete Feindseeligkeit verstanden worden. Ausgeschlossen von diesen kollektiven Trinkgelagen waren Kinder, Unfreie und Frauen, somit beschränkte sich die Gemeinschaft auf die sogenannten waffenfähigen Männer. Ein Grund dafür war wahrscheinlich die kriegerische Komponente, denn entweder brachen allgemeine Gewalttätigkeiten aus oder es wurden Trinkwettbewerbe initiiert um die männliche Stärke zu demonstrieren.

Auch heute werden Kinder gesetzlich vom Alkohol ferngehalten und bei Frauen galt Trunkenheit bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts als anstößig. In Deutschland haben sich die weiblichen und männlichen Konsummuster erst durch das Ansteigen der Frauenerwerbstätigkeit nach dem zweiten Weltkrieg und zunehmend in den 1970er Jahren angeglichen.[17]

Die erste Ansehensschwäche erfuhr der Alkohol bereits zur ersten Jahrtausendwende nach Christus durch die weltlichen und geistlichen Oberschichten. Es wurden erste Versuche unternommen den Alkoholkonsum zu begrenzen, indem ein „rechtes Maß“ aus der abendländisch-feudalen Idee entstand, welches ein Trinken von Alkohol erlaubte, jedoch nicht in diesen Massen wie es der allgemeine Pöbel tat. Es sollten gewalttätige sowie sexuelle Fehltritte verhindert werden.

Weitere Entwicklungen in diese Richtung folgten beim gesamten Volk im 15. und 16. Jahrhundert. Durch die Renaissance und die Revolution vollzogen sich Prozesse der Zivilisation wie z.B. die Ausbreitung des Buchdrucks oder die Änderungen der religiösen Ansichten, die zur Individualisierung der Bevölkerung führten. Der Protestantismus verbreitete sich und lehrte, dass die Beziehungen zwischen Mensch und Gott eher gepflegt werden, wenn soziale Kontrollen nach innen verlagert werden, um der gottgefälligen Lebensführung ganzheitlich Ausdruck zu verleihen. Um Seelenfrieden zu erlangen reichte demnach nicht mehr eine Erfüllung äußerer Opfer oder Buße. Außerdem erkannte man, dass Krankheiten nicht Ausdruck bzw. Folge von Sünde oder göttlichen Prüfungen waren, sondern eher körperliche sowie psychische Hintergründe hatte. Neben den gesundheitlichen Schäden, durch Alkohol thematisierte man nun auch die materiellen Schäden beispielsweise durch die negativen Folgen der Trunkenheit am Arbeitsplatz. Der Individualisierungsprozess wurde begleitet von steigenden Ansprüchen hinsichtlich der Sicherung des Einzelnen, was eine Verschärfung der Normalitätsgrenzen resultieren lies. Öffentliche Interessen sollten gewahrt werden und somit wurde der exzessive Konsum von Alkohol in Verbindung gebracht mit Geisteskrankheit, Kriminalität und Armut. Daher kam es, dass zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert in europäischen Städten und Staaten verschiedene Trinkverbote und Reglementierungen erlassen wurden.

Gegen Ende des 16. bis Mitte des 17. Jahrhunderts setzte sich der Konsum von Kaffee, Tee und Kakao durch und verdrängte im bürgerlichen Mittelstand den Alkohol als Uni- versalgetränk. Es änderte sich Schichtabhängig die Einstellung zur Nüchternheit und zum Alkoholkonsum, denn der Alkohol wurde im 18. Jahrhundert zu einem Symbol von Armut und des proletarischen Lebensstils. Das führte soweit, dass mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert der Alkoholkonsum und die Trunkenheit zu einem sozialen Problem wurden. Man sprach von „Elendsalkoholismus“, der verantwortlich für den Verfall der Sitten und für das Entstehen neuer sozialer Probleme wie z.B. Kriminalität war. Zur Bekämpfung dieser Probleme wurde der Alkoholismus zunehmend als behandelbare Krankheit wahrgenommen und erkannt, dass der zu Behandelnde nicht aus mangelhafter Ausstattung an Moralität, sondern eher durch seine Umwelt zur Sucht getrieben wurde. Alkohol wird seither als Droge klassifiziert und zunehmend tabuisiert, was die Erfindung der Sucht und der Kriminalisierung des Alkohols zeigt.[18]

1.3 Alkoholkonsum in Deutschland

Der Konsum von Alkohol kann in Deutschland relativ hoch beziffert werden, denn im internationalen Vergleich zählen wir zur Spitzengruppe. So kommen die Deutschen in den letzten Jahren auf einen Durchschnittskonsum von 10,5 Liter reinem Alkohol pro Kopf. Diese Menge Alkohol entspricht etwa 15 Kästen Bier plus 34 Flaschen Wein plus 8 Flaschen Spirituosen. Die Hälfte dieser Menge vertilgt allein ein „harter Kern“, der 8% der Bundesbürger ausmacht. Rechnerisch ergibt sich, dass jeder 6. Bundesbürger irgendwann in seinem Leben gesundheitliche, psychische oder soziale Probleme durch Alkoholkonsum bekommt. Jährlich erkranken ca. 100.000 Menschen neu und gegenwärtig bedeutet dies, das 4,25 Millionen Einwohner alkoholkrank sind.

Durch den überdurchschnittlich hohen Konsum sterben 42.000 Menschen jährlich an einer aus dem Alkohol resultierenden Krankheit. Geschlechtsspezifisch unterschieden liegt die Zahl der Toten durch Alkohol bei 31.000 Männern und 11.000 Frauen. Auch das durchschnittliche Todesalter liegt gegenüber den allgemeinen Lebenserwartungen von 75 (Männer) und 81 Jahren (Frauen) bei nur 55 bzw. 53 Jahren.[19]

2. Alkoholismus

2.1 Definition

Der Begriff Alkoholismus setzte sich erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, dank der Arbeit des schwedischen Arztes Huss, durch. Im allgemeinen Sprachgebrauch beschrieb der Terminus zwei Phänomene, den Alkoholmissbrauch[20] und die Alkoholabhängigkeit, welche in den 1970er Jahren eindeutig definiert wurden. Diese Unterscheidung wurde in die Klassifikationssysteme der Krankheiten aufgenommen, so auch in die „International classification of diseases“ (ICD), 10 Ausgabe 1990. Heute wird Alkoholismus nur noch mit Alkoholabhängigkeit gleichgesetzt.

Laut ICD-10 von 1992 wird das Alkoholabhängigkeitssyndrom folgendermaßen definiert: „(1) Starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren. (2) Verminderte Kontrollfähigkeit über Beginn, Beendigung und Menge des Alkoholkonsums. (3) Auftreten von Entzugserscheinungen. (4) Auftreten von Toleranzveränderungen (es wird mehr Alkohol benötigt, um die gleichen Wirkungen zu erzielen). (5) Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des Alkoholkonsums. (6) Anhaltender Alkoholkonsum trotz des Wissens um dessen schädliche Folgen“.[21] Eine endgültige Diagnose kann nur gestellt werden, wenn innerhalb eines Jahres mindestens drei der genannten Punkte ersichtlich waren.

Der Begriff Alkoholmissbrauch wurde nicht aus Gründen der Verharmlosung vom Alkoholismus abgekoppelt, sondern eher um den Unterschied zwischen krankhafter Sucht und voll beabsichtigtem Konsum hervorzuheben.[22]

Der Begriff Abhängigkeit spiegelt den der Sucht wieder, was vor einigen Jahren noch undenkbar war, denn der Begriff Sucht wurde stark negativ besetzt. Das führte soweit, dass die Weltgesundheitsorganisation alle ihre Schriften überarbeitete und das Wort Sucht durch Abhängigkeit ersetzte. Die Bedeutung des Begriffes Sucht leitet sich von „siech“, das heißt krank, ab. Erkenntlich wird dieser Zusammenhang bei den Krankheitsbegriffen wie Bleichsucht, Gelbsucht, Schwindsucht und ähnlichem. Heute defi- niert der Begriff Sucht eher das unnötige Maximieren von Verhaltensweisen, welche zudem störend wirken können. Die Rede ist von Geltungssucht, Selbstsucht, Arbeitssucht, Habsucht, Spielsucht usw..[23] In älteren Auflagen des Dudens wird Sucht gleichgesetzt mit Sünde und Leidenschaft, wohingegen die aktuelle Auflage keine Begriffserklärung mehr bietet. Dort stehen die Wörter Sucht, Suchtgefahr und Suchtgift, welche in der österreichischen Amtssprache für Drogen und Rauschgift gebraucht werden.[24] Diese Tatsache ist ein weiterer Beleg für die heutige Gebrauchsabsicht des Begriffs, nämlich Abhängigkeit und Sucht in gleicher Wertung zu benutzen.

Um von krankhafter Sucht bzw. Abhängigkeit sprechen zu können, wurde ein „Krankheitskonzept des Alkoholismus“ entwickelt. Diese Idee wurde in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts soweit vorangetrieben, dass schon 1968 das deutsche Bundessozialgericht den Alkoholismus als Krankheit anerkannt hat. Das Krankheitskonzept konstituiert einen Krankheitsbegriff, der unter folgenden Gesichtpunkten verstanden werden kann:

- Naturwissenschaftlich,
- Entwicklungspsychologisch,
- Sozialpsychologisch und
- Juristisch-Sozialrechtlich.

Neben den Befürwortern des Krankheitskonzepts stehen Meinungen von einigen Anti-Psychiatern und Verhaltenstherapeuten, die den Alkoholismus als erlerntes Fehlverhalten bezeichnen würden, welches auch wieder verlernt werden könne. Zudem umschreiben die Kritiker zwei Trinkcharakteristika und zwar das soziale Trinken und das schwere Trinken. In einigen Fällen wird auch vom pathologischen Trinken gesprochen, wobei nie von einer Krankheit die Rede ist.

Die Kritisierten haben zur Verteidigung einige Gründe zusammengetragen, um am Krankheitskonzept festzuhalten. Demnach verweisen sie auf die naturwissenschaftlichen Hintergründe der Kritiker, die nicht in der klinischen Medizin oder Psychiatrie ausreichend seien, da psychische und soziale Aspekte keine Berücksichtigung darin finden würden. Außerdem sei es zwar so, dass der Patient in seiner Krankenrolle Entlas-

tung finde, jedoch zur Behandlung gefordert werde, da er diese im Regelfall selber antreten und mitmachen müsse. Abschließend erläutern die Befürworter des Krankheitskonzepts, es helfe der Tabuisierung des Alkoholismus entgegenzuwirken und somit biete es eine Erleichterung für den therapeutischen Zugang.[25]

2.2 Ursachen

Die Frage nach der Sucht und warum nicht alle Menschen süchtig werden versucht man schon seit längerem zu klären. So galten in früheren Jahrhunderten Trunkenbolde als willensschwache und moralisch Minderwertige, die der Sünde, Trunksucht, nachgaben. Im Zuge der Aufklärung und durch das Voranschreiten der Naturwissenschaften entwickelten sich im 19. Jahrhundert zwei Erklärungsmodelle für Alkoholismus. Das Degenerationsmodell umschrieb Menschen, die eine angeborene, in sich tragende Neigung zum Alkohol haben. Im gegensätzlichen Modell, das als psychosoziales Opfermodell bezeichnet wird, sah man den Menschen vom Unglück verfolgt, dem durch seine absolute Verzweiflung nichts anderes blieb als der Alkohol.[26]

Neuere Untersuchungen beschäftigten sich mit der Familie und der Genetik, mit psychischen Dispositionen, mit Lern- und Verhaltensauffälligkeiten sowie mit psychodynamischen Hintergründen des Betroffenen.

Eine Übersichtsstudie hinsichtlich der Weitergabe und Intensität der Alkoholkrankheit innerhalb von Familien ergab, dass von männlichen Alkoholikern 27% einen alkoholkranken Vater hätten und 5% eine alkoholkranke Mutter. Noch häufiger seien wohl Alkoholikerinnen in Alkoholikerfamilien aufgewachsen. Um solche Ergebnisse erlangen zu können, wurden einerseits Zwillingsuntersuchungen, mit eineiigen und zweieiigen Zwillingen, und andererseits Untersuchungen mit sogenannten Risiko- und Nicht-Risiko-Gruppen durchgeführt. Dabei kamen ganz unterschiedliche Ergebnisse zu Tage, denn Zwillingsuntersuchungen in Großbritannien, Schweden, Finnland und den USA erzielten kaum Übereinstimmungen. Man untersuchte die Geschwisterpaare auf Alkoholismus und kam zu Übereinstimmungsraten zwischen 26% und 70% bei den eineiigen Zwillingen und zwischen 12% und 32%. bei den zweieiigen Zwillingen.

Neben den Gruppen- und Familienuntersuchungen werden auch Forschungen zur Genetik betrieben, die stichhaltigere Ergebnisse aufweisen können. So wurden genetische Marker (genetisch bedingte Merkmale) untersucht, die bei Alkoholikern im Vergleich zu Nicht-Alkoholikern deutlich häufiger vorkommen. Konkrete genetische Unterschiede sind bei bestimmten Unterformen von Blutgruppen ausgemacht worden. Außerdem werden genetische Unterschiede bei dem Vergleich von Menschenrassen ersichtlich, denn etwa 50% der Chinesen und Japaner reagieren schon auf kleine Mengen Alkohol mit Nebenerscheinungen wie Hautrötungen und Brechreiz. Zurückzuführen ist dies auf die genetisch bedingten Unterschiede im Alkoholabbau, da das Zwischenprodukt Acetaldehyd verzögert abgebaut wird.[27]

Mit psychischer Disposition ist eine Änderung der Persönlichkeitsstruktur gemeint, die bei einem Alkoholiker eintritt und die sich aus der genetischen und umweltbedingten Grundpersönlichkeit, den psychologischen Änderungen im Leben und einer Veränderung, hinsichtlich des Krankheitsprozesses durch Alkoholismus, ergibt. Erste Testreihen, die eine Grundpersönlichkeit aufweisen sollten, sind in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten durchgeführt und veröffentlicht worden. Dabei wurden Schüler während der Schulzeit und 13 Jahre später untersucht. Die Probandengruppe bestand nun aus Alkoholikern und Nicht-Alkoholikern und zeigte, dass die Gruppe der Alkoholiker während der Schulzeit ein anderes Verhalten aufwies als die, der Nicht-Alkoholiker. Festgestellt wurden erhöhte Impulsivität, Hyperaktivität, geringe Neigung zur Schadensvermeidung, Sensationslust, Abhängigkeit von Belohnung, geringe Aufmerksamkeit und Belastungs- bzw. Entspannungsprobleme. Die ersten Testreihen wurden mit männlichen Probanden durchgeführt und bei späteren kamen weibliche Probandinnen hinzu, wobei die Ergebnisse nicht so eindeutig waren. Dennoch galten die Problemtrinkerinnen während der Schulzeit als eher empfindlich, kontaktarm, reizbar und abhängig von anderen. Die hier festgestellten Persönlichkeitszüge variieren zwischen Männern und Frauen und können nicht auf alle Gruppen von Alkoholikern[28] bezogen werden, sondern vorrangig auf Gamma-Trinker (siehe Anmerkung).

Später stellte man sich die Frage, ob unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen verschiedene Stoffe mit Abhängigkeitspotenzial bevorzugen würden. So wurde festgestellt, dass dämpfende Mittel bei extrovertierten und stimulierende Mittel bei introvertierten Personen eine positive Wirkung erzeugen.[29]

Lern- und Verhaltenspsychologische Theorien erklären die Entstehung von Alkoholismus mittels zweier Konditionierungstheorien[30], einmal mit Hilfe der klassischen Konditionierung nach Pawlow und Hull und der operanten Konditionierung nach Skinner. Mit beiden Theorien lässt sich die Entstehung des Alkoholismus durch die Prinzipien der Belohnung erläutern. So wird Alkoholkonsum gefördert durch das Auftreten positiver Verstärker wie Euphorie, Verbesserung der Sozialkontakte und Anerkennung, z.B. für den übermäßigen Alkoholkonsum, und negativer Verstärker wie Vermeidung von Alkoholentzugserscheinungen, Langeweile, Stress, Spannung, Angst und Druck.[31] Durch die Steigerung der Erwartungshaltung all diese Verstärker zu erfahren schreitet der Alkoholismus voran.

Psychodynamische Theorien beziehen sich auf die Grundlagen der freudianischen Psychoanalyse und der heutigen Ich- und Objekt-Psychologie. Die Theorie brachte bisher vier Ansätze für die Entstehung von abhängigen Verhaltens hervor.

1) Alkohol wird derart stak fixiert, dass er als Liebesobjekt wahrgenommen wird. (Triebpsychologischer Ansatz)
2) Durch die Störung des Ich, der Identität und der Wahrnehmung gelingt die Trennung von Innen- und Außenwahrnehmung nur mangelhaft. Außerdem kann zwischen einzelnen Aktionen und deren Signalfunktion nicht mehr differenziert werden. (Ichpsychologischer Ansatz)
3) Die Entwicklung eines völlig überbewerteten Selbst durch frühere Kränkungen und das Auslösen von Schuldgefühlen. (Narzissmustheoretischer Ansatz)
4) Störung der Objektbeziehung, durch Schwierigkeiten beim Aufschub von Triebbefriedigungen. Es führt zu Frustrationstoleranz, Idealisierungen und einer Identifizierung, die sich an gewissen Vorhaben orientiert. (Objektpsychologischer Ansatz)

Bei dem Verfolgen dieser Ansätze können drei potenzielle Trinkertypen identifiziert werden und zwar:

1) „Neurotisch strukturierte Trinker (Konflikt- und Gelegenheitstrinker): Trinken zur Verdrängung von Konflikten“.
2) „Ich-schwache Trinker (introvertierte Personen mit depressiv-abhängiger Persönlichkeitsstruktur): Trinken zum Reizschutz“.
3) Autodestruktive Trinker (narzisstische, megalomane, teilweise aggressive Personen mit Neigung zu Impulsdurchbrüchen und asozialem Verhalten): Trinken zu Überkompensation der Ich-Schwäche“.[32]

Es existieren noch weitere Theorien die, die Psychodynamik der Abhängigkeitsentwicklung beschreiben. Watzlawick beispielsweise suchte die Entstehung des Alkoholismus in Störungen zwischenmenschlicher Interaktionen und in der Kommunikation. Demzufolge entstünden Probleme durch eine einfache Herangehensweise an Beziehungen bzw. durch eine Vernachlässigung dieser und durch das Aufstellen eines utopischen Selbstideals. Aus diesen Gründen würden ungewollte und unbeabsichtigte Situationen (z.B. ein Streit) entstehen, was die Persönlichkeit und die zwischenmenschlichen Beziehungen angreifen würde.[33]

Neben den Entstehungsbedingungen für Alkoholismus, die vom Individuum ausgehen, platzieren sich noch diejenigen, die vom sozialen Umfeld ausgehen. Einerseits kann so erklärt werden, warum nicht alle Personen, die von ihren Persönlichkeitscharakteristika als Alkoholiker prädestiniert wären, Alkoholiker sind und andererseits könnten regional-soziale Unterschiede dargestellt werden.

Soziokulturelle Einflüsse, verschiedenster Art, können durch Beobachtungen, hinsichtlich der Einstellung zum Alkoholkonsum innerhalb der Bevölkerung, ausgemacht werden. Der Konsum an sich lässt sich grob in drei Arten einteilen, einmal der rituelle Konsum (bei privaten oder öffentlichen Festen bzw. Feiern), der sozial-konvivale Konsum (vollzieht sich auch im gesellschaftlichen Rahmen, allerdings ohne direkten Anlass oder zeremoniellen Regeln) und der utilitaristische Konsum (Trinken wegen des Geschmacks oder wegen der Wirkungen wie Reduktion von Angst, Enthemmung, Stimulation usw.). Gerade bei dem letztgenannten Konsum ist der Konsument in einer Situation, schnell dem Alkohol zu verfallen. Zum Teil hängt dies mit der Einstellung zum Alkohol zusammen, nämlich das gewisse Wirkungen erwünscht werden und mit dem heimlichen Konsum außerhalb der Gesellschaft. Der Konsument braucht keine soziale Kontrolle fürchten, da er alleine in seinem Keller sitzt.[34]

Auch bei dem Herrn W. ist ein solches Trinkmuster erkennbar gewesen, denn er hat sich während der Ehe in den Keller[35] zurückgezogen und bei dem letzten Rückfall[36] ist er nach Hildesheim gefahren, hat sich ein stilles Plätzchen gesucht und dort getrunken, anstatt es zu Hause in Gesellschaft seiner Lebensgefährtin zu machen. Bei dem Herrn B. war das anders, dort könnte man anhand seiner biographischen Daten vermuten, dass er eher durch soziale und gesellschaftliche Zwänge zum Alkohol gegriffen hat, mal abgesehen von den internen Ursachen (siehe oben).[37]

In den 1940er Jahren wurden in den USA Alkoholismuserklärungsversuche, mit Hilfe utilitaristischer Modelle, entwickelt. Anhand dieser wurde festgestellt, dass das Trinkverhalten einer Gesellschaft von ihrem Angstpegel abhänge. Abgesehen davon spielt natürlich auch, wie oben beschrieben, die Einstellung bzw. Haltung zum Alkohol eine Rolle. In asketisch-puritanisch geprägten Regionen wie in angloamerikanischen oder skandinavischen Ländern, wo der Alkoholkonsum und –vertrieb stark kontrolliert wird, sind Konsumneigungen zu episodischen Alkoholexzessen zu erkennen. Genauer gesagt, es werden dort wenige Gewohnheitstrinker ausgemacht, was in jüdisch-katholisch geprägten Ländern gegenteilig ist. Es bestehen aber nicht nur gesellschaftliche oder kulturelle Unterschiede, sondern auch solche, die auf die Bevölkerungsdichte zurückzuführen

sind. So ist in vielen Ländern aller kulturellen Prägungen zu beobachten, dass in den Großstädten und auf dem Land mehr Alkohol konsumiert wird als in den Klein- und Mittelstädten.[38]

Wird die Betrachtungsweise verjüngt auf das soziale Umfeld, den Beruf, die Familie, die finanzielle Situationen, etc., werden andere Faktoren erkenntlich, die sich positiv wie negativ auf das Erleben einer Person auswirken können. Hierzulande haben sich folgende Ereignisse herauskristallisiert, die überdurchschnittlich oft zu einem vermehrten Alkoholkonsum und zum Alkoholismus führen:

- Umzug vom Land in die Stadt oder umgekehrt,
- Flüchtlingsschicksale,
- Arbeitslosigkeit und
- Wohnungslosigkeit oder Nichtsesshaftigkeit.

Mitbegünstigende Faktoren sind hier nun noch die Arten der innerfamiliären- und partnerschaftlichen Beziehungen. Damit gemeint ist beispielsweise das Aufwachsen in einer alkoholbelasteten Familie oder das Zerbrechen einer Familie, wenn das Kind noch relativ jung ist und der Bruch psychisch hoch belastend wirkt. Des Weiteren konnte festgestellt werden, dass gewisse partnerschaftliche Konstellationen über ein hohes Suchtpotenzial verfügen, was sich erhöht auf Frauen auswirkt, da sich diese intensiver mit partnerschaftlichen Konflikten auseinandersetzen.[39]

Es könnten noch weitere biologische, psychologische oder soziologische Einflüsse, die den Alkoholismus begünstigen bzw. fördern, aufgezählt werden. Allerdings wird dieses unnötig, wenn erkannt wird, dass einzelne Ursachen meist nicht in der Lage sind eine Alkoholabhängigkeit entstehen zu lassen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass mehrere Ursachen oder Einflüsse zusammenspielen und so den Konsum steigern, was letztendlich zur Suchtkrankheit führt.

2.3 Physische, psychische und soziale Folgen

Körperliche bzw. medizinische Folgen:

Die erste Folge übermäßigen Alkoholkonsums ist der sogenannte „Kater“, doch auch dieser gehört schon zu dem Alkohol-Entzugs-Syndrom, das 1953 erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde. Bei Alkoholikern treten Symptome auf, wenn sie den Alkoholkonsum abrupt vermindern oder gänzlich stoppen.

Sie haben:

- Magen-Darm-Störungen wie Appetitstörungen, Brechreiz und Durchfall,
- vegetative Störungen wie Schweißneigung und Schlafstörung,
- Kreislaufstörungen wie Herzklopfen und Pulsbeschleunigung,
- neurologische Störungen wie Zittern, Gleichgewichtsstörungen und epileptische Anfälle und
- psychische Störungen wie Angst, vermehrte Reizbarkeit, Depressionen, Gedächtnisstörungen sowie Störungen der Bewusstseinslage und Sinnestäuschungen (Halluzinationen).[40]

Folgenschwerere und irreversible Schädigungen sind die Erkrankung der Leber (z.B. Leberentzündungen, Fettleber oder Leberzirrhose), der Bauchspeicheldrüse, der oberen Verdauungswege, des Magens und des Darms, des Herz-Kreislaufsystems, der Muskeln und der Knochen. Zudem zeigen klinische Untersuchungen, dass Alkoholmissbrauch das Risiko erhöht, einen bösartigen Tumor im Mund-, Rachen-, und Kehlkopfbereich zu entwickeln. Eine derartige Gefährdung ist allerdings vom Getränk abhängig, so ist sie bei Spirituosen deutlich höher als bei Bier oder Wein. Die Veränderung des blutbildenden Systems, Stoffwechselstörungen und die Veränderung des Hormonsystems sind weitere innere Krankheitszustände, die durch Alkohol gefördert werden.[41]

Körperlich-psychische Folgen:

Eines der am häufigsten und intensivsten geschädigten Organe ist das Nervensystem, dabei können alle Anteile wie das Gehirn, das Rückenmark und die peripheren Nerven

betroffen sein. Die Folge aus diesen Schädigungen sind Hirnveränderungen, die nach jahrelangem chronischen Alkoholmissbrauch festzustellen sind. Konkrete Anzeichen dafür sind Schrumpfungen im Bereich des Stirn- und Schläfenhirns sowie im Kleinhirn. Diese Befunde konnten mit Hilfe pathologisch-anatomischer Untersuchungen an verstorbenen Alkoholikern und durch neurophysiologische Untersuchungen, z.B. EEG (misst die Hirnströme), gewonnen werden. Allein bei EEG- Untersuchungen zeigten 50% der Alkoholiker Veränderungen auf, ohne jedoch typische Muster aufzuweisen. Zudem fiel auf, dass auch die Hirndurchblutung vermindert ist. Parallel zu den physiologischen Veränderungen wurden auch psychische Auffälligkeiten dokumentiert. Diese äußern sich vor allem bei Störungen der Aufmerksamkeit, Wahrnehmungsfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, Lernfähigkeit, Abstraktionsfähigkeit, Problemlösungsvermögen und der Motorik, insbesondere der Feinmotorik. Ist ein sehr ausgeprägtes Stadium der psychischen Störungen erreicht sind Diagnosen wie Persönlichkeitsveränderung oder Demenz keine Seltenheit. Des Weiteren erleiden etwa 3-5% aller Alkoholiker, meist zwischen 50 und 60 Jahren, akut auftretende Krankheitserscheinungen wie Sehstörungen, Gang- und Standunsicherheit, Krampfanfälle, Bewusstseinsveränderungen und delirartigen Zuständen. In erster Linie liegt diese Symptomatik an einem Vitamin B1-Mangel, der durch unzureichende Zufuhr und Nichtverarbeitung im Organismus entsteht. Nach Abklingen dieser akuten Störungen bleiben häufig schwere psychische Ausfälle zurück, die sich dadurch bemerkbar machen, dass die Kranken kaum in der Lage sind sich neue Gedächtnisinhalte einzuprägen oder aber vorhandene Gedächtnisinhalte zu reproduzieren. Diese Lücken werden dann einfach mit erfundenen Einfällen gefüllt. Außerdem weisen sie Auffassungs- sowie Spontaneitätsschwierigkeiten auf und sind apathisch und desorientiert. Sogar bei einer völligen Wandlung, also der künftigen Alkoholabstinenz und der Behandlung mit entsprechenden Vitaminen, sind Heilungsprognosen ungünstig.

Eine weitere häufig auftretende Störung nach einer langen Alkoholkarriere ist das Alkoholdelir, an der etwa 5-15% aller Alkoholiker erkranken. Meist tritt diese Erkrankung nach einem Alkoholentzug auf und oft parallel zu Erkrankungen durch Unfälle, Lungenentzündungen oder Operationen. Bei dem Ausbrechen des Deliriums zeigen sich Erscheinungen wie Zittern, Schwitzen, Angst, Magen-Darm-Störungen oder epilepti- sche Krampfanfälle. Während des Höhepunktes der Krankheit, die zwischen 4 und 10 Tagen dauert, sind die Kranken erregt, nicht im Bett zu halten und desorientiert hinsichtlich Ort, Zeit und Situation. Die nicht selten berichteten Halluzinationen optischer Art zeigen bewegende Gegenstände, beispielsweise Fäden oder Mücken, jedoch eher selten weiße Mäuse. Manche Kranke sind kritiklos, stimmungsschwankend und schlafgestört, was durch einen schnellen Puls begleitet wird, manchmal auch Fieber. Bei einem unbehandelten Krankheitsverlauf sterben ca. 15% der Patienten nach wenigen Tagen und bei einem behandelten liegt die Sterberate immer noch bei einem Prozent.

Wie schon erwähnt, führt Alkohol zu Bewegungsstörungen und Zittern, wobei das Zittern (Tremor) ein separates Krankheitsbild ist. Diese Störung kann unterschiedliche Ursachen haben, z.B. ausgelöst durch chemische Substanzen oder psychischen Störungen. Daher ist es möglich, dass Alkohol bei dieser Symptomatik therapeutisch wirken kann. Der alkoholische Tremor tritt häufig beim Alkoholentzug oder beim Alkoholdelir auf, deswegen der Name „Delirium tremens“.

Eine weitere Krankheit, die etwa 20-45% der Alkoholiker aufweisen, ist die Alkohol-Polyneuropathie. Meist tritt dieses Erleiden zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr auf, wobei Alkoholikerinnen öfter betroffen sind als Alkoholiker, und äußert sich in der Schädigung der peripheren Nerven. Die Hauptursache ist die direkte Giftwirkung und der Mangel an B-Vitaminen. Es ist eine sich schleichend entwickelnde Krankheit und äußert sich anfangs durch schmerzhaftes Kribbeln, Taubheitsgefühl und Brennen an den Extremitäten. Außerdem lässt die Muskelkraft nach und es treten Muskelkrämpfe auf, welches sich zuerst an den Beinen zeigt. Die Folge wäre ein zunehmend unsicherer Gang. Das Bild wird vervollständigt durch vegetative Störungen wie vermehrte Schweißneigung und Hautveränderungen. Eine Diagnose kann bei dieser Krankheit schon im Anfangsstadium, durch ein EMG (misst die Muskelaktivität) gestellt werden.

Abschließend kann hier erwähnt werden, dass bei Alkoholikern andere Erkrankungen des Nervensystems wie beispielsweise Epilepsie, Meningitis oder Schlaganfälle öfter vorkommen als bei der Durchschnittsbevölkerung.[42]

Psychische Folgen:

Klinische Beobachtungen haben erwiesen, dass es Zusammenhänge zwischen der Alkoholabhängigkeit und psychischen Störungen gibt. So wird bei etwa 25% alkoholabhängiger Patienten eine schizophrene Psychose festgestellt. Bei 15% sind es Depressionen und bei 12% sind es Angsterkrankungen. Um eine psychische Störung zu diagnostizieren, ist die Abstinenz des Patienten nötig. Also ist die Behandlung anfangs so anzusetzen, dass der Patient vom Alkohol entwöhnt wird, bis die Entzugssymptome abgeklungen und somatische Krankheiten hinreichend behandelt sind. Erst wenn dieses Ziel erreicht ist, kann eine Behandlung der Gesamtstörung, also der psychischen Störung und der, des Alkoholismus, geschehen. Dies wird mit Hilfe einer Kombinationsbehandlung aus psychopharmakologischen, psychotherapeutischen und suchttherapeutischen Ansätzen erfolgen. Auf Alkoholiker kann die Diagnose einer anderen Krankheit erleichternd wirken, weil das abhängige Trinken nun nicht mehr durch einen Charakterfehler erklärt werden muss. Außerdem äußert sich dies auch auf die Behandelbarkeit der Alkoholkrankheit aus, da Patienten meist zugänglicher und motivierter sind.

Fragwürdig bleibt nur, ob die psychische Störung durch den Alkoholmissbrauch entstanden ist oder ob der Alkohol die Symptome lindert. Was bedeuten würde, dass die Störung schon vor der Abhängigkeit vorhanden war.

Nun folgt ein Beispiel für eine psychische Störung, die durch den Alkoholismus entstanden ist:

„Angstsymptome können z.B. als konditionierter Reflex erworben werden, wenn eine Frau nach nächtlichem Trinken morgens per Bus zur Arbeitsstätte fahren muss und dabei immer wieder Entzugssymptome erlebt. Vermeidet sie daraufhin öffentliche Verkehrsmittel wird daraus vielleicht eine Agoraphobie[43] “.[44]

Natürlich kann auch Scham und Angst vor Entdeckung der Trinkprobleme zu psychischen Reaktionen (Phobien) führen. Depressionen hingegen entstehen als direkte Folge auf Alkoholeinwirkung und oft sind sie bei einem Entzug besonders deutlich. Auslöser sind meist Schuldgefühle aufgrund des Trinkens und der daraus entstandenen psychosozialen Folgen.[45]

Psychosoziale Folgen:

Lange vor den gesundheitlichen Schädigungen treten negative soziale Auswirkungen auf, die sich einerseits auf das Individuum beziehen, z.B. durch den Führerscheinverlust, und andererseits auf das soziale Umfeld, z.B. auf familiäre, berufliche und gesellschaftliche Bedingungen.

Bei den Auswirkungen des Alkoholismus auf die Familie können individuelle Strukturen in bezug auf die Grundpersönlichkeit des Alkoholikers und auf die Toleranzbereitschaft der Familie auftreten. Gerade in der Frühphase erkennen Familienmitglieder, bewusst oder unbewusst, den schon vorhandenen Alkoholismus nicht. Das heißt, selbst wenn konkrete Indizien bzw. Fakten vorhanden sind, wird darüber hinweggesehen. Nach erkennen der Problematik tritt häufig eine gemischte Einstellung zum betroffenen Familienmitglied auf. Sympathie und Antipathie wechseln sich ab oder sind gleichzeitig vorhanden, je nach dem aktuellen Verhalten des alkoholkranken Familienmitglieds. In vielen Fällen versuchen die unmittelbaren Angehörigen das Fehlverhalten zu beseitigen, indem sie nörgelnde Kritik ausüben, allerdings nur im Familienrahmen. Nach außen wird das Fehlverhalten gedeckt, was die Angehörigen zu Co-Abhängigen macht. Durch diese meist unbeabsichtigte und unreflektierte Haltung wird der Alkoholismus des Betroffenen oft verstärkt oder zumindest aufrechterhalten. Im Verlauf der Krankheit geht die Autoritätsposition des Betroffenen verloren und ein Rollenwechsel bahnt sich an. Da nun einzelne Rollenfunktionen nicht mehr ausgeübt werden können, werden diese von Familienmitgliedern übernommen und die emotionale Abschottung der Familie nimmt ebenfalls zu. Typische Folgen sind Trennungs- bzw. Scheidungsabsichten, die sich verstärken sobald der Alkoholismus chronische Züge annimmt. Der nicht wieder rückgängig machende Autoritäts- und Rollenwechsel ist oft Auslöser für häusliche Gewalt, da die Positionen nicht dem entsprechen wie es der Betroffene vor seiner Erkrankung gewohnt war. Diese Umstände verdeutlichen, warum die Scheidungsrate bei Alkoholikern wesentlich höher liegt als bei Nicht-Alkoholikern. Allerdings sollte dazu erwähnt werden, dass die Ehescheidungen in vielen Fällen fortschreitenden Alkoholismus nach sich ziehen und somit ein Teufelskreis entsteht, der völlige Hingabe zum Alkohol und Vereinsamung ausmacht.

Bei Kindern aus Alkoholikerfamilien können schwerwiegende Folgen durch das gesamtgestörte psychosoziale Klima auftreten. Im Kleinkindalter ergeben sich mehr Erziehungsprobleme, mehr Weinen, mehr Erbrechen und später treten mehr körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schlafstörungen und Einnässen auf. Außerdem sind die kognitiven Leistungen eher schlechter und es besteht eine erhöhte Suizid- sowie Suchtgefahr.[46]

Die berufliche und wirtschaftliche Situation eines Alkoholikers ist oft abhängig von der Tätigkeit und der Rollenbesetzung in dieser. Zudem spielt das Verhalten der Umgebung, insbesondere der Vorgesetzten eine Rolle. Bekleidet der Betroffene nicht gerade eine führende oder unscheinbare Position hat der Alkoholismus meist gravierende Folgen. Die Alkoholabhängigkeit führt zu häufigeren Fehlzeiten, beispielsweise durch Trinkexzesse, und zu einer Art interessenorientierten Tunnelblick auf den Alkohol. Es folgt eine Vernachlässigung der beruflichen Tätigkeit, was zu erheblichen Spannungen zwischen den Mitarbeitern und Vorgesetzten führen kann. Durch aufkommende Angst und Ablehnung dem Betroffenen gegenüber wird die berufliche Desintegration in Gang gesetzt, allerdings nicht kontinuierlich, sondern etappenweise oder auf einen Schlag. Letztlich folgt auf den beruflichen Abstieg die Arbeitslosigkeit und somit die wirtschaftlichen Probleme. Die Arbeitslosigkeit ist einerseits Auslöser für Alkoholismus und andererseits Verstärker für schon erkrankte Personen.

Bei einem Blick auf die nächste Generation von Alkoholikerfamilien haben Untersuchungen ergeben, dass bei ihnen eher ein beruflicher Abstieg und nicht wie üblich der berufliche Aufstieg zu beobachten ist.[47]

Als Folge dieser und weiterer negativer Ereignisse treten bei Alkoholikern vermehrt Suizidhandlungen auf, die etwa 60 bis 120mal öfter vorkommen als bei Nicht-Alkoholikern. Zu unterscheiden sind dabei allerdings Selbstmordhandlungen, die einen hohen Alkoholspiegel und den daraus resultierenden unkontrollierten Aktionen zuzuschreiben sind. Gemeint sind eher Suizidhandlungen, die auf gesundheitliche und körperliche Probleme, ausgelöst durch den Alkohol, zurückzuführen sind. Des Weiteren solche, die im Zusammenhang mit Schwierigkeiten des sozialen Status und der Sozialkontakte des Alkoholikers standen.[48]

Eine weitere Folge der Ausgrenzung und des Abstiegs innerhalb des sozialen Gefüges ist die Kriminalität. Dieser Punkt wird im nächsten Kapitel ausführlich geklärt, obwohl die Thematik auch zu den psychosozialen Folgen gehört.

2.4 Behandlungsmethoden

Behandlung meint die Entwöhnung vom Alkohol und eine Beseitigung aller physischen und psychosozialen Folgen der Krankheit. Der allgemeine Behandlungsablauf geschieht in drei Phasen, der Entgiftungs- bzw. Entzugsphase, der Entwöhnungsphase und der Weiterbehandlungs- und Nachsorgephase.[49] Zur Erreichung dieses Zieles können ambulante, teilstationäre oder stationäre Behandlungsprogramme angewandt werden. Bei der Auswahl eine dieser Möglichkeiten sollte sich der Patient beraten lassen, da unterschiedliche Charakteristika zu berücksichtigen sind (siehe Tabelle 1).

Die einzelnen Behandlungsarten haben eine unterschiedliche Dauer, je nach Indikation, und diese sollte am Therapieverlauf Orientierung finden. Bei der stationären Behandlung unterscheidet man die kurzfristige Therapie (6-12 Wochen), die mittelfristige Therapie (4-5 Monate) und die langfristige Therapie (6 Monate und länger).

Die Behandlungsprogramme beinhalten häufig eine große Vielfalt an Behandlungsinstrumenten wie z.B. der Verhaltenstherapie, Gruppentherapie, Entspannungstherapie, Arbeits- bzw. Gestaltungstherapie, Sport und andere körperliche sowie geistige Therapien.

Im Regelfall werden Gruppen- und psychotherapeutische Einzelgespräche angeboten, die beispielsweise durch eine Partnertherapie komplettiert werden. Weitere spezielle therapeutische Maßnahmen finden Anwendung bei der Verhütungs- und Rückfallarbeit. Denn bei dieser kommt es darauf an, den Patienten darauf vorzubereiten, dass Rückfälle keine Seltenheit im Verlauf der Alkoholkrankheit sind, wobei jene nicht zwangsläufig in alten Gewohnheiten resultieren müssen. Letztlich führen Rückfälle häufig zu einem Umdenken hinsichtlich der Bewältigungsstrategien. Die alte (negative) Bewältigungs- strategie heißt: „Wie viel leichter wird das Leben, wenn wir einen Cognac heben“[50] und die neue (positive) sollte eher an die Folgen denken lassen.[51]

Tabelle 1[52]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach der Entwöhnungsphase beginnt die Nachsorge, Weiterbehandlung oder Rehabilitation. Es werden Hilfen im sozialen und psychotherapeutischen Bereich angeboten, die sich nach den individuellen Bedürfnissen des Patienten und seiner vorigen Behandlung

richten. Die Nachsorge befasst sich mit der Vermeidung von Rückfällen, mit der Wiedereingliederung in das Alltagsleben, wobei die neuen Einstellungen und Verhaltensweisen des Patienten berücksichtigt werden sollten und mit der Unterstützung in Krisenfällen. Hinzu kommt die Aufarbeitung der Probleme von Scham und Schuld, die während der Alkoholkarriere entstanden sind. Aus diesen Gründen kann die Nachsorge-, Weiterbehandlungs- und Rehabilitationsphase weder zeitlich noch institutionell begrenzt sein. Sie kann Jahre dauern und verschiedene Stationen wie den Hausarzt, Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen durchlaufen. Die Weiterbehandlung ist in schwierigen bzw. instabilen Fällen in Wohnheimen oder therapeutischen Wohngruppen anzusetzen und kann ein Leben lang andauern. In allen Fällen dieser Maßnahmen sollten Angehörige miteinbezogen werden.

Etwa ein Drittel aller Patienten (39% der Männer und 28% der Frauen) berücksichtigen nicht, dass sie unter einer chronischen Krankheit leiden und gehen demnach auf keine weiterführenden Hilfeangebote ein.[53]

Seit etwa 100 Jahren wird die therapeutische Behandlung von der medikamentösen unterstützt. Anfangs arbeitete man mit morphinähnlichen Substanzen, die sich wegen starker Nebenwirkungen nicht durchsetzten und somit wurden in den 1940er Jahren alkoholsensibilisierende Stoffe entwickelt. Diese Stoffe verursachten bei Alkoholkonsum eine Reihe von subjektiven Beschwerden wie Schwindel, Brechreiz oder Gesichtsrötung. Eine solche Wirkungsweise erzielte man, indem der Abbau des Alkohols auf der Acetaldehydstufe blockiert wurde und im Körper ein höherer Acetaldehydspiegel entstand. Wiederum neue Medikamente lösten die eben Erwähnten in den letzten Jahren ab, da jene nun in der Lage sind, dass suchtmäßige Verlangen nach Alkohol zu reduzieren. Weitere Erprobungen in diesem Bereich wurden mit Morphin-Antagonisten durchgeführt, was vielversprechende Ergebnisse erbrachte und zu Zulassungen einiger Medikamente führte. In Deutschland z.B. wird ein Präparat (Acamprosat) seit 1996 als Rückfallprophylaxemedikament bei Alkoholabhängigen angewendet. Die Vorteile dieser Medikamente sind unter anderem, dass sie kein Suchtpotential besitzen und nicht die toxische Wirkung von Alkohol verstärken. Abschließend sollte jedoch noch einmal er- wähnt werden, dass unklar ist, ob nach Absetzen des Medikaments das suchtmäßige Verlangen nach Alkohol reduziert bleibt.[54]

Ebenfalls seit ca. 100 Jahren nehmen Selbsthilfegruppen, entweder in der Nachsorge oder durch Eigeninitiative, eine unterstützende Funktion ein. Die Mitglieder solcher Gruppen bestehen zum Teil aus Angehörigen, vorrangig aber aus Betroffenen (Alkoholabhängige, Medikamentenabhängige usw.), die durch eigenerlebte Bezüge zum Experten werden. Sie basieren meist auf weltanschaulichen wie humanitären oder christlichen Konzepten. Daher kann es vorkommen, dass sich Betroffene in einer Gruppe wohlfühlen und in einer anderen nicht. Oft durchwandern Betroffene erst mehrere Gruppen, bevor sie sich bei einer dazugehörig fühlen.

Als Mitglied einer Selbsthilfegruppe, z.B. der Anonymen Alkoholiker, werden bestimmte Ideologien vertreten wie:

- „Wir geben zu, dass wir Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern können“.
oder
- „Wir gestehen Gott, uns selbst und einen anderen Menschen die genaue Art unserer Fehler“.[55]

Einige der größeren Selbsthilfegruppen wie beispielsweise das Blaue Kreuz, der Kreuzbund oder die Anonymen Alkoholiker (AA) betreiben neben den Mitgliedergruppen auch Beratungsstellen, manche auch Suchtkliniken.[56]

[...]


[1] Vgl.: Egg (2000) S. 5

[2] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 11

[3] Vgl.: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=29088 vom 22.03.05

[4] Anmerkung: Gehalt des puren Alkohols in Prozent zum Volumen des Getränks

[5] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 19

[6] Vgl.: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=29088 vom 22.03.05

[7] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 11

[8] Vgl.: Böhm/ Stumpf (1992) S. 87-88

[9] Vgl.: Schwoon (2004) S. 11

[10] Vgl.: Roche (1998) S. 10

[11] Vgl.: Schwoon (2004) S. 11-12

[12] Anmerkung: Exzitationsstadium = Erregungsstadium: gekennzeichnet durch Eintritt von Bewusstlosigkeit und motorischer Unruhe

[13] Vgl.: Feuerlein (1998) S. 43

[14] Vgl.: Kerner (2000) S. 13

[15] Vgl.: Kerner (2000) S. 13

[16] Vgl.: Anhang Interview Herr W. S. 100 Z. 17-22

[17] Vgl.: Groenemeyer (1999) S. 174-177

[18] Vgl.: Groenemeyer (1999) S. 177-184

[19] Vgl.: Schwoon (2004) S. 20-22

[20] Anmerkung: Missbrauch= der Gebrauch einer Sache in einer Weise, der qualitativ und/ oder quantitativ vom ursprünglichen Gebrauch bzw. Zweck abweicht. Alkoholmissbrauch= ein Konsum ,der zu körperlichen, psychischen und sozialen Schäden führt.

[21] Zitat: Feuerlein (2002) S. 15-16

[22] Vgl.: ebenda S. 15-16

[23] Vgl.: Schneider (1993) S. 13

[24] Vgl.: Duden (2000) S. 941

[25] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 16-17

[26] Vgl.: ebenda S. 31

[27] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 31-34

[28] Anmerkung: Alpha-Trinker= Trinken aus psychologischen Gründen (Konflikttrinker) Beta-Trinker= Trinken aus sozialen Gründen (Gelegenheits-Trinker) Gamma-Trinker= Trinken aus innerem Zwang (süchtiger Trinker) Delta-Trinker= regelmäßiges Trinken relativ großer Mengen, meist ohne Berauschung (Gewohnheitstrinker) Epsilon-Trinker= tagelanges exzessives Trinken, gefolgt von längeren alkholfreien Pausen (episodischer Trinker)

[29] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 34-36

[30] Anmerkung: Konditionieren= psych. einen ursprünglich neutralen Reiz mit einem reflexauslösenden koppeln

[31] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 36-37

[32] Zitat: Feuerlein (2002) S. 38

[33] Vgl.: ebenda S. 37-39

[34] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 40-41

[35] Vgl.: Anhang Interview Herr W. S.111 Z. 14-28

[36] Vgl.: ebenda S. 121 Z.11-20

[37] Vgl.: Autobiographisches Material Herr B. (ohne Seitenangaben)

[38] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 41-42

[39] Vgl.: ebenda S. 42-44

[40] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 48-49

[41] Vgl.: ebenda S. 49-55

[42] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 55-60

[43] Anmerkung: Agoraphobie= Platzangst beim Überqueren freier Plätze

[44] Zitat: Schwoon (2004) S. 23

[45] Vgl.: ebenda S. 22-25

[46] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 63-64

[47] Vgl.: ebenda S. 65-66

[48] Vgl.: ebenda S. 67-68

[49] Vgl.: Feuerlein (1998) S. 253-254

[50] Zitat: Feuerlein (2002) S. 97

[51] Vgl.: ebenda S. 93-98

[52] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 96

[53] Vgl.: Feuerlein (2002) S. 98-99

[54] Vgl.: ebenda S. 99-101

[55] Zitat: Feuerlein (2002) S. 103

[56] Vgl.: ebenda S. 101-103

Ende der Leseprobe aus 142 Seiten

Details

Titel
Alkoholstraftäter-Delinquenz mit pathologischem Befund
Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen  (Fakultät Soziale Arbeit)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
142
Katalognummer
V46281
ISBN (eBook)
9783638435055
Dateigröße
841 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alkoholstraftäter-Delinquenz, Befund
Arbeit zitieren
Mike Brandt (Autor), 2005, Alkoholstraftäter-Delinquenz mit pathologischem Befund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46281

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