Subversion und Affirmation traditioneller Weiblichkeitskonfigurationen im Fantasyroman

George R. R. Martins "A Song of Ice and Fire"


Bachelorarbeit, 2017

38 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Zur theoretischen Grundlage
2.1 Michel Foucault: Macht, Diskurs, Körper
2.2 Judith Butlers Verständnis von Sex und Gender
2.3 Das Konzept der Performanz

3. Die misogyne Gesellschaft Westeros‘ im Abgleich mit historischen Diskursen
3.1 Mittelalterlicher Ehe-, Familien- und Glaubensdiskurs
3.2 Das frühneuzeitliche Allianzdispositiv
3.3 Einflüsse der bürgerlichen Geschlechterhierarchie

4. Analyse: Subversion und Affirmation ‚traditoneller‘ Weiblichkeitskonfigurationen
in A song of Ice and Fire
4.1 Repräsentantinnen stereotyper Weiblichkeit
4.1.1 Sansa Stark: Die mittelalterliche ingénue
4.1.2 Catelyn Stark: Archetyp der Mutter und Ehefrau
4.2 Weiblichkeit im männlichen Machthabitus
4.2.1 Daenerys Targaryen: Von der Unmündigkeit zur RegentInnenschaft
4.2.2 Cersei Lannister: Matriarchin und femme fatale
4.3 Schwert in Frauenhand: Die Figur der weiblichen Kriegerin
4.3.1 Arya Stark: „Tomboy of Westeros“
4.3.2 Brienne of Tarth: Die Frau in Männerrüstung

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

7. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

I wanted to present my female characters in great diversity, even in a society as sexist and patriarchal as the Seven Kingdoms of Westeros. Women would find different roles and different personalities, so women with different talents would find ways to work with it in a society according to who they are.1 – George R.R.Martin.

Elfen, Drachen, Trolle, Orks, Zwerge, heroische Schwertkämpfer und anmutige Prinzessinnen – spätestens seit der Popularisierung von J.R.R. Tolkiens fingierter Mythologie durch die Werke Der Hobbit und der Trilogie Der Herr der Ringe gelten jene Wesen als feste Bestandteile des Figurenrepertoires moderner Fantasyliteratur. Etliche AutorInnen versuchten sich in der Post-Tolkien-Ära an der Erschaffung fantastischer Welten, die sich meist an einem, an das Mittelalter (oder zumindest einer heutigen, oftmals laienhaften Vorstellung davon) angelehnten Stoffs bestehend aus Figuren, Lebensweisen, Gesellschaftsstrukturen und Sprache, bedienen. Diese Texte beinhalten meist einen recht herkömmlichen Quest-Plot – ein größtenteils männlicher Protagonist wird mit einem Schwert ausgestattet, um gegen sämtliche Auswüchse des Bösen anzukämpfen, was schlussendlich in der endgültigen Beseitigung der feindlichen Kräfte und damit in einem – zumeist noch durch einen Liebesplot garnierten – Happy End kulminiert. Maßgebliches Element dieser Fiktionen ist dabei die ewiggleiche Polarität zwischen Gut und Böse, die sich vor allem in der Eindimensionalität der ProtagonistInnen widerspiegelt. Charakterliche Feinschliffe werden meist aufgrund des großen Umfangs der Erzählung vernachlässigt, die Rollen der einzelnen HandlungsträgerInnen sind mit der Einführung in die Geschichte festgelegt und gewinnen auch im Verlauf dieser nicht großartig an Dynamik. Diese als obligatorisch für den Fantasy-Roman (und vermutlich generell für die Trivialliteratur) geltende Binarität wirkt sich dabei auch auf die Geschlechterrollen, die in der Fantasyliteratur konstruiert und vermittelt werden, aus. Der Held der Erzählung ist meist jung, männlich, heterosexuell und wird stets mit allen Facetten aus dem Sortiment des ritterlichen Tugendkatalogs ausgestattet. Er gilt als tapfer, gütig, mutig, treu und loyal – Adjektive, die wohl auch im 21. Jahrhundert noch Assoziationen mit männlich konnotierten Stereotypen hervorrufen. Auch der Bösewicht zeichnet sich durch allseits geläufige Männlichkeitsmarker wie rationales Kalkül, Aggressivität, Machtbestreben und einen übersteigerten Herrscherkomplex aus. Selbige Regeln gelten für die ideale Fantasy-Frau: Sie ist zurückhaltend, zärtlich, emotional, gütig und beweist sich stets als opferbereite Unterstützerin ihres Helden, dem sie treu ergeben ist. Viele dieser Eigenschaften münden schließlich in den archaischen Typen „Jungfrau“, „Mutter“ oder „Prinzessin“. Ihre Passivität wirkt sich dabei auch auf ihren Anteil innerhalb der Handlung aus. Frauenfiguren sind im Fantasyroman stets unterrepräsentiert. Tolkiens Welt fungiert hierbei als Musterexempel: In einer an Umfang bis dato unübertroffenen Erzählwelt existieren lediglich eine Handvoll an weiblichen Charakteren, die überhaupt mit einem eigenen Namen versehen werden. Aus der Haupthandlung, dem „Boys-Only-Club“ der Ringgefährten und deren Abenteuern, bleiben sie weitestgehend ausgeschlossen. Auch auf sprachlicher Ebene wird dieser Mangel an weiblicher Repräsentation in diesem Genre manifest. Äußerungen der weiblichen Figuren sind rar gesät und wachsen substantiell nicht über pathosgetränkte Plattitüden, die gegenüber dem angehimmelten Held artikuliert werden, hinaus. Fantasy ist damit ein reger Handlungsplatz patriarchalischer Strukturen und einer ausgeprägten Geschlechterpolarität, der durch die stark stereotypisierten Charaktere, denen zahlreiche Klischees innewohnen, besonderer Ausdruck verliehen wird.

Doch das mittlerweile ebenfalls weltweit rezipierte Epos George R.R. Martins, A Song of Ice and Fire und dessen TV-Adaption Game of Thrones stellen einen Bruch mit diesen festgefahrenen Konventionen des Genres dar, was vermutlich auch den ausufernden Erfolg der Serie bewerkstelligt. Betrachtet man dies jedoch oberflächlich, so sind auch bei „GRRM“ einige Kongruenzen zu den gängigen Regularitäten der Fantasyliteratur feststellbar. Auch in A Song of Ice and Fire existieren mythische Fabelwesen, es wird ebenfalls mit Schwertern gekämpft und auch realhistorische Diskurse wie Adelswesen, Klerus, Monarchie und Rittertum und die damit verbundenen Geschlechterideale konfigurieren die fiktive Gesellschaft von Westeros, dem Kontinent, der als Haupthandlungsort der Serie fungiert. Dennoch erhebt sich das Werk besonders auf Figurenebene über die bisher als versteinert geltenden Konventionen der Gattung. So zeichnet Martin seine Charaktere wesentlich dynamischer als herkömmlich, wodurch den Persönlichkeiten eine Vielzahl an Graustufen innerhalb des graduellen Spektrums zwischen Gut und Böse inhärent sind. Auch aus der Gender-Perspektive bietet Martins Werk somit viel Freiraum für subversive Prozesse innerhalb der fingierten, aber an realitätsnahen Diskursen verorteten Geschlechtermatrix der Diegese: So dient bereits die personale, in Episoden gegliederte Point-of-view-Erzähltechnik einem vermehrten „zu Wort kommen“ der auch quantitativ-inhaltlich ebenbürtigen weiblichen Charaktere und ermöglicht ihnen den Eintritt in den sonst männlich dominierten Dia- und Monolog im Fantasyroman.

Die folgende Arbeit soll demnach anhand von Figurencharakterisierungen aufzeigen, wie die weiblichen Figuren innerhalb der heteronormativen und phallogozentrischen Welt Westeros‘ agieren und dabei stereotype Konfigurationen von Weiblichkeit, die dem Fantasyroman zugrunde liegen, sowohl subversiv unterlaufen, aber zuweilen auch bestätigen. Dies soll mithilfe der theoretischen Grundlage Judith Butlers, die das biologische wie das soziale Geschlecht als Resultat diskursiver Praktiken versteht, welche durch performative Akte hervorgebracht werden, geschehen. Das Konzept Butlers wird somit auf den literarischen Diskurs projiziert, wodurch die herrschenden Geschlechterkonfigurationen in der Fantasyliteratur und auch ihre Verbindung zu realhistorischen Diskursordnungen an die Oberfläche getragen und analysiert werden sollen.

2. Zur Theoretischen Grundlage

Die narratologische Analyse anhand einer Figurencharakterisierung in dieser Arbeit soll, um eine genderspezifische Untersuchung durchführen zu können, auf die Begrifflichkeiten der amerikanischen Philosophin und Philologin Judith Butler aufbauen. Butler konstatiert, dass sowohl das soziale als auch das biologische Geschlecht als Konstrukte diskursiver Mächte anzusehen sind. Da literarische Werke, egal ob der Trivial- oder Höhenkammliteratur zugehörig, durch die Aussagen, die auf textueller Basis getätigt werden, sowohl diskursgesteuert als auch diskursprägend sind, eignet sich Butlers Werk, um eine Brücke zwischen Literaturwissenschaften und Gender-Theorie zu schaffen. Zur Übersicht und zum Verständnis sollen im Folgenden die Grundbegriffe der weitreichenden Untersuchungen Butlers erläutert werden, um das theoretische Fundament für die spätere Untersuchung am Textcorpus zu ebnen.

2.1 Michel Foucault: Macht, Diskurs, Körper

In der Auseinandersetzung Judith Butlers mit dem Wechselspiel zwischen Subjekt, Macht und Körper greift sie theoretische Ausführungen des französischen Philosophen Michel Foucault auf. Zentrales Anliegen Foucaults ist die Analyse von gesellschaftlichen Machtstrukturen. Dabei sollen die Facetten und Wirkungsweisen der Macht offengelegt werden. Die Apparate der Macht sind für Foucault jedoch keine Institutionen oder einzelne Individuen. Er sieht ihre Grundlage im Diskurs, einer „komplexen, nicht oder nur aus einer besonderen Perspektive homogenen Struktur.“2 Macht sei somit „ein offenes, mehr oder weniger (und ohne Zweifel eher schlecht) koordiniertes Bündel von Beziehungen.“3

Diese, als Diskurse verstandene Machtstrukturen sind es schließlich, die laut Foucault den Körper und das Subjekt produzieren und unterwerfen. Der Körper gilt als der Angelpunkt, an dem sich „die winzigen und örtlich begrenzten Gesellschaftspraktiken mit der Organisation der Macht verbinden.“4 Die Entstehung von Subjekten, und damit die Entstehung von scheinbar selbstgesteuerten Individuen zusammengesetzt aus Körper und Seele, geschieht dabei durch reglementierende, performative Sprachpraktiken, die den Körper materialisieren und ihn zur Projektionsfläche von Ge- und Verboten innerhalb einer Gesellschaft oder einer Epoche machen. Die Seele, ein scheinbar inneres „Ich“, ist schließlich im Umkehrschluss nicht das, was den Körper reglementiert, sondern das „Produkt körperlicher Einschreibungen“5, also nur ein Effekt der gesellschaftlichen Regulierung des Körpers anhand von Diskursen.6 Dieses konzipierte Innere ist es, das dem Subjekt schließlich eine Scheinmacht und Autonomie verleiht, aber eigentlich selbst nur Resultat der disziplinierenden Machtstrukturen ist.

Damit verwirft Foucault historische Auslegungen der Macht, die den Ursprung der Macht in Subjekten selbst sehen und kehrt dieses Schema um: Subjekte entstehen erst durch die diskursive Praxis der Macht. Das Individuum ist laut ihm also stets durch die verschleierten Mächte der diskursiven Formationen innerhalb einer Gesellschaft determiniert, ein prädiskursives Subjekt in diesem Sinne existiere somit nicht.

Für die Gender-Studies relevant wird dieses Postulat in Bezug auf Foucaults Untersuchungen zur Geschichte der Sexualität, die er in seinem dreibändigen Werk Der Wille zum Wissen ausführt. Die Vorstellungen von Sexualität einer Gesellschaft oder einer Epoche werden somit ebenfalls durch Diskurse gesteuert. Zentral hierfür sind die „Prozeduren der Ausschließung“, d.h. Aussagen, die festlegen, was als „wahr/falsch, normal/wahnsinnig und sagbar/unsagbar gilt.“7 Diese Prozeduren verfestigen somit Verbote und Tabus, durch die Individuen ihre eigene Sexualität definieren, um somit eine sexuelle Geschlechtsidentität zu verinnerlichen, die diverse andere Identitäten ausschließt und bestimmt, was innerhalb eines gesellschaftlichen Kollektivs in Bezug auf Lust und Begehren als richtig und falsch gilt, welche sexuelle Praktiken als geboten und verboten gelten und inwieweit über dies kommuniziert werden darf.

Dieser Gedanke wird schließlich zentral für Judith Butlers spätere Forschungen über die Geschlechtsidentität, in der sie dieses „Sexualitätsdispositiv“ Foucaults aufgreift und damit die kulturell bedingte Konstruktion von anatomischen und sozialen Geschlechts, Geschlechtsidentität und dem damit scheinbar in Zusammenhang stehenden sexuellen Begehren entlarvt.

2.2 Judith Butlers Verständnis von Sex und Gender

In ihrer kontrovers diskutierten Schrift Das Unbehagen der Geschlechter greift Butler Foucaults Gedanken der diskursiven Produktion des Subjekts schließlich auf, um auf radikale Art die bis dato innerhalb der feministischen Wissenschaften als allgemeingültig erachtete Trennung des biologischen und sozialen Geschlechts (sex und g ender) anzufechten. Ursprünglich von Gayle Rubin initiiert, galt die These, dass männlich und weiblich im biologisch-anatomischen Sinne als vordiskursive und unveränderbare Tatsachen gelten, während das soziale Geschlecht, also jegliche Verhaltensweisen und Eigenschaften, die Männer und Frauen aufgrund ihres biologischen Geschlechts von gesellschaftlichen Machtinstanzen zugesprochen werden, als kulturell konstruiert angesehen werden. 8 Butler verwirft diese These, indem sie postuliert, dass bereits der biologische Körper, d.h. die „körperlich-materielle Geschlechtlichkeit“ performativ sei und durch „zitatförmige Wiederholung einer diskursiven Ordnung erzeugt werden.“9 Dadurch verabschiedet sie sich, ganz im Sinne Foucaults, von der „Vorstellung eines in sich kohärenten Subjekts und eines naturhaft vorausgesetzten Körpers.“10 Eine von den Naturwissenschaften affirmierte und als natürliches Gesetz propagierte Zweigeschlechtlichkeit ist dem zur Folge nur ein Effekt einer politischen Machtapparatur im Dienste der Reproduktionsökonomie. „Natürlichkeit“ sei nur ein ebenso kulturell durch Diskurse produziertes Phantasma wie die Geschlechtsidentität selbst. Durch diese Auffassung erscheint eine Trennung von Sex und Gender für Butler als unmöglich:

„Wenn also das ‚Geschlecht‘ (sex) selbst eine kulturell generierte Geschlechter-Kategorie (gendered category) ist, wäre es sinnlos, die Geschlechtsidentität (gender) als kulturelle Interpretation des Geschlechts zu bestimmen. Die Geschlechtsidentität darf nicht nur als kulturelle Zuschreibung von Bedeutung an ein vorgegebenes anatomisches Geschlecht gedacht werden (das wäre eine juristische Konzeption).11

Verbannt man mit Butler die durch die Anatomie beglaubigte „Natürlichkeit“ des biologischen Geschlechts aus dem vordiskursiven Feld, so wird auch das Konstrukt transparent, das vermeintlichen „Kausalitäten“, die zwischen biologischem Geschlecht, Geschlechtsidentität und sexuellem Begehren bestehen sollen, etabliert und als Norm definiert. Es bestünde demnach eine „selbstverständliche Kontinuität zwischen Gender, Sex und Begehren, die für die heterosexuelle Norm funktionalisiert und als substanzieller Zusammenhang behauptet wird.“12 Diese Kontinuität „schließt die ‚Existenz‘ bestimmter ‚Identitäten‘ aus, nämlich genau jene, in denen sich die Geschlechtsidentität (gender) nicht vom anatomischen Geschlecht (sex) herleitet und in denen die Praktiken des Begehrens weder aus dem Geschlecht noch aus der Geschlechtsidentität folgen.“13 Damit ist gemeint, dass gewisse Prozesse und Machtstrukturen innerhalb unserer Gesellschaft dazu führen, dass wir es als „normal“ oder „natürlich“ erachten, dass stets im ? Rahmen der binären Geschlechtermatrix eine Frau einen Mann und ein Mann eine Frau begehrt und dass alle Formen des Begehrens, die sich nicht den Statuten bzw. den Zwängen dieses heterosexuellen Regimes fügen, im Geschlechterdiskurs, um auf Foucaults Prinzip der Ausgrenzung zurückzuführen, als falsch statt wahr oder als unnormal statt normal wahrgenommen werden. Die Ursache der Selbstverständlichkeit, mit der diese Kontinuitäten (gender coherences) den Diskurs regulieren, erläutert Butler dabei mit dem Konzept der Performanz.

2.3 Das Konzept der Performanz

Grundlage für die angebliche Kohärenz zwischen Sex, Gender und Begehren sieht Butler also in sogenannten performativen Akten. Die Begriffe „Performanz“ und „Performativität“ bezieht Butler dabei aus der Sprachtheorie John L. Austins, nach der performative Akte Sprechakte darstellen, die das, was sie benennen, gleichzeitig in Kraft setzen.14 Worten wird somit die Fähigkeit zugesprochen, durch den Vollzug des Aussprechens Realität entstehen zu lassen. Für eine simple und plakative Erläuterung dieses Konzepts dient meist das „Hebammenbeispiel“. Aus dem Sprechakt „es ist ein Junge“ oder „es ist ein Mädchen“ der Hebamme wird schließlich Realität – die Einschreibung des binär geordneten Geschlechterkonzepts auf den jeweiligen Körper. Performativität ist laut Butler eine sich „ständig wiederholende und zitierende Praxis, durch die der Diskurs die Wirkungen erzeugt, die er benennt.“15 Diese Praxis „verschleiert sowohl die Geschichtlichkeit einer Handlung als auch ihren Bezug auf Konventionen, deren Wiederholung sie ist.“16 Die Markierungen des Körpers mit den Siglen männlich und weiblich, die Schlüsse, die daraus auf die Geschlechtsidentität eines Subjekts gezogen werden und die damit verbundene, als natürlich angesehene heteronormative Matrix des Begehrens werden demnach ebenfalls durch solche performative Akte immer wieder von Neuem rekonstruiert. Diese Trias, die den Diskurs über Geschlecht innerhalb einer Gesellschaft charakterisiert, ist also stets ein „Werden“ und kein „Sein“. Es ist die Wiederholung performativer Sprechakte, die historisch als wirkmächtig gelten und auf kulturellen Konventionen beruhen, diese aufrechterhalten und somit die Illusion einer universalen Gültigkeit vermitteln. Sprache und Diskurs sind demnach „nicht in einer vorgängigen Ordnung der Dinge begründet, sondern bringen eine Ordnung der Dinge erst hervor und verleihen ihr den Status des Wirklichen.“17

Dieses ständige Wiederholen und Zitieren von Sprechakten führt Butler schließlich zu der Aussage, dass Geschlecht ein permanentes „Tun“, eine Ausführung von kulturellen Praktiken und Sprechakten ist, „von dem man nie rechtmäßig sagen kann, dass es gerade beginnt oder zu Ende geht. Als fortdauernden diskursive Praxis ist dieser Prozess vielmehr stets offen für Eingriffe und neue Bedeutungen.“18 Butler geht also davon aus, dass die Vorstellungen von Geschlechtsidentität keine immergleichen Konstanten sind, sondern historisch und kulturell fluktuieren und sich im ständigen Wandel befinden. Die Performativität von Geschlecht ermöglicht also eine Verschiebung der Bedeutungen und bietet Fläche für Neucodierungen, die durch subversive Praktiken initiiert werden können.19 Subversive Strategien sieht Butler in geschlechterüberschreitenden Handlungsweisen der Parodie und Travestie:

Geschlechterinszenierung, Parodie und Travestie werden als subversive Methoden vorgestellt, mit denen die ‚Imitationsstruktur der Geschlechtsidentität als solcher‘20 offenbart wird. Spielt die Performanz der Travestie mit der Unterscheidung von Anatomie und dargestellter Geschlechtsidentität, so stellt die Geschlechterparodie den Begriff des Originals an sich infrage. Als ‚Imitation einer Imitation‘ verschiebt sie die Bedeutung des Originals mit dem ihm zugrundeliegenden Mythos der Ursprünglichkeit und öffnet es für Resignifizierung und Rekontextualisierung.21

Diese subversiven Strategien bergen also das Potenzial, gängige Geschlechterkonfigurationen offenzulegen und auch zu unterlaufen. Diese Vorstellung Butlers soll in der Analyse dieser Arbeit auf den literarischen Diskurs übertragen werden. Es soll gezeigt werden, wie auf textueller Ebene eine binäre Geschlechtermatrix geschaffen wird, die sich an realhistorischen Diskursen anlehnt. In dieser Matrix sollen die als weibliche markierten ProtagonistInnen analysiert werden und aufgezeigt werden, wie sich diese den diskursiven Mächten innerhalb der Diegese fügen oder diese durch Nichtanpassung an die Konventionen innerhalb der Heteronormativität und den damit verbundenen Normen für „die Frau“ unterlaufen. Zunächst sollen jedoch noch die angesprochenen realhistorischen Geschlechterdiskurse analysiert werden, die in Martins fingierte Welt und den darin bestehenden Gender coherences einfließen und dem Werk somit eine gesellschaftskritische Lesart eröffnen.

3. Die misogyne Gesellschaft Westeros’ im Abgleich mit historischen Diskursen

Der Fantasy-Roman im klassischen Sinne übt sich oftmals darin, historische Gesellschaftsformen und Kulturkreise samt deren Riten und Brauchtümer auf die Diegese der eigenen Fiktion zu projizieren, um diese daraufhin mit phantastischen Elementen wie Sagenfiguren oder Magie korrelieren zu lassen. Als Vorlage hierzu dienen meist antike oder mittelalterliche Lebensweisen.

Der Eingang realhistorischer Elemente in die Welt der Fantasy offenbart sich meist schon bei der oberflächlichen, imaginär-visuellen Betrachtung der Werke – es werden Schlachten mit Schild, Schwert und Rüstung auf offenem Feld ausgetragen, Könige und Kaiser gekrönt, Ritter geschlagen und eine Ständegesellschaft etabliert, die meist in eine Dichotomie aus Adel und „armen Volk“ gespalten wird. Doch auch bei der näheren Untersuchung wird deutlich, dass auch soziale und kulturelle Aspekte wie das Familien- und Eheleben, Religionsausübung, die damit verbundenen Werte und Normen, sowie – und das ist für diese Arbeit wohl von höchstem Belangen – die Minderwertigkeit der Frau als „große Erzählung der Menschheitsgeschichte“22 in die Diegese der Werke einfließen und dabei Parallelen zu historischen Lebensweisen transparent werden lassen. Selbstverständlich kann nicht davon ausgegangen werden, dass es sich bei diesen Projektionen um auf historischen Fakten basierenden Erzählungen handelt, weil der Fantasyroman, wie bereits in der Einleitung erwähnt, sich oftmals an stereotypen und klischeehaften modernen Vorstellungen historischer Diskurse bedient. A Song of Ice and Fire will dieser These jedoch laut Autor gezielt entgegentreten:

The books reflect a patriarchal society based on the Middle Ages. The Middle Ages were not a time of sexual egalitarianism. It was very classist, dividing people into three classes. And they had strong ideas about the roles of women. One of the charges against Joan of Arc that got her burned at the stake was that she wore men’s clothing—that was not a small thing. There were, of course, some strong and competent women. It still doesn’t change the nature of the society.23

Die Serie bemüht sich also bewusst um ein möglichst realitätsnahes Abbild historischer Gesellschaftsformen, was eine geeignete Grundlage für eine auf die Performanztheorie Judith Butlers fußende Figurenanalyse nach kognitiv-rezipientInnenorientierten Aspekten ermöglicht. Welche Diskurse, Werte und Normen und vor allem daraus resultierend – welches Frauenbild und welche Geschlechterkonfigurationen in der Diegese von George R. R. Martins Werk integriert und verarbeitet werden, soll im Folgenden exakter dargestellt werden.

3.1 Mittelalterlicher Ehe-, Familien- und Glaubensdiskurs

Mit dem Aufkeimen und der Etablierung des Christentums im frühen Mittelalter gingen eine Vielzahl an gesellschaftlichen Veränderungen einher, die vor allem die Rolle der Frau im Geschlechterdiskurs maßgeblich und langfristig prägen sollte. Geistliche Gelehrte wie die „Kirchenväter“ Hieronymus (347-420) oder Augustinus (354-430) münzten dabei Topoi der Bibel wie den Ursündenfall Evas, der die Frau in ihrer Natur als grundsätzlich lasterhaft und defizitär bestimmen sollte,24 oder die Reinheit der Jungfräulichkeit Marias in gesellschaftliche Moralkodizes um, die als wegweisend für eine patriarchalische und misogyne Gesellschaftsstruktur des westlichen Mittelalters gelten. So statuiert auch Connell:

Das mittelalterliche Christentum erbte von den Heiligen und Weisen der antiken Welt des Mittelmeeres eine Tradition der Misogynie, die moderne Leser in ihrer Bösartigkeit erschreckt. Die Schriften der christlichen Intellektuellen sind durchzogen von Behauptungen über die Minderwertigkeit von Frauen in Geist und Körper, sowie der Gefahr, die sie darstellen, wenn Männer ihren Listen unterliegen.25

Die Resultate dieser klerikalen Ideologien wurden dabei vor allem im Kontext der Institution Ehe als Effekt der Vereinigung von weltlicher und geistlicher Macht deutlich.26 Die Frau galt demnach dem Mann innerhalb der Ehe als untergeordnet, ihre Aufgabe bestand vor allem in der Instandhaltung des Haushaltes und dem Aufziehen der Kinder, während der Mann im öffentlichen Bereich tätig war. Dem Mann war es erlaubt, seine Frau ohne juridische Sanktion zu schlagen, falls ein triftiger Grund hierfür bestand.27 Die Rolle der Herrschaft über die Familie war also dem Patriarchen vorbehalten, die Frau galt ihm zu „absoluten Gehorsam verpflichtet“28. Diese Prämissen wirkten sich dabei auch auf die Sexualität innerhalb der mittelalterlichen Ehe aus. Diese galt grundsätzlich als „notwendiges Übel“ zur Reproduktion, die geschlechtliche Vereinigung galt als Sünde, da sie im Widerspruch zum christlichen Reinheitsverständnis der Jungfräulichkeit stand.29 Die Frau wurde demnach, wenn sie innerhalb der Ehe Promiskuität betrieb, wesentlich härter sanktioniert, als der Mann. Gerade in adeligen Familien war dem Mann das Recht vorbehalten, auch außerhalb der Ehe sexuell aktiv zu sein – lediglich das Zeugen von unehelichen Kindern, den „Bastarden“, galt als verwerflich.

Wie von Martin selbst postuliert, soll dieses geschlechterspezifische Regelwerk des Mittelalters in A Song of Ice and Fire auf die fiktive Welt von Westeros projiziert werden. Zentraler Faktor zur Etablierung eines solchen Werte- und Normenkomplexes ist die Fingierung der Volksreligion „Faith of the seven“, die in Westeros neben einigen Spartenreligionen als zentrale geistliche Philosophie dient und sich dabei stark am christlichen Glauben des Mittelalters orientiert. So gilt der „Faith“ als prinzipiell monotheistische Religion mit dem Glauben an einen Gott, der sich allerdings in sieben an moralischen Grundsätzen orientierten Unteraspekten, die durch klar dichotome, geschlechtsspezifische Archetypen repräsentiert werden („The Father; „The Mother“; „The Warrior“; „The Maiden“; „The Crone“; „The Smith“; „The Stranger“), aufspaltet. Während Figuren wie der „Vater“ (Rechtsprechung), der Schmied (Handwerk) oder der Krieger (Kriegsführung) männlich konnotierte Praktiken und soziale Funktionen hervorheben, sind es die Mutter (Fertilität und Kindeserziehung) und die Jungfrau (Keuschheit und Reinheit), die auf die eindeutige, „von Gott gewollte“ Aufgaben- und Rollenzuweisung der Frauen referenzieren. Auch in Westeros stehen also die Rolle der Frau als Reproduzentin und damit ihre Einschränkung auf den häuslichen Bereich, aber zugleich auch der als tugendhaft deklarierte, keusche Lebensentwurf (welcher für Nonnen und voreheliche Frauen als obligatorisch galt), im Mittelpunkt. Dieser durch personifizierte Gottheiten etablierte Moralkodex zieht sich in Westeros äquivalent zum christlich geprägten Mittelalter durch alle sozialen Schichten und prägt das gesellschaftliche Leben und damit auch die Verhaltensweisen von Frau und Mann maßgeblich.

[...]


1 Unbekannte/r Autor/in: A very long interview with George R. R. Martin. http://ohnotheydidnt.livejournal.com/72570529.html (Stand 21.06.2017).

2 Neuhaus, Stefan: Sexualität im Diskurs der Literatur. Tübingen: Francke 2002, S.14.

3 Ebd., nach Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve 1978, S. 126.

4 Raab, Heike: Foucault und der feministische Poststrukturalismus. Dortmund: Ebersbach 1998, S. 34.

5 Schößler, Franziska: Einführung in die Gender Studies. Berlin: Akademie-Verlag 2008, S. 95.

6 Vgl. ebd.

7 Ebd.

8 Vgl. Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1991, S. 22.

9 Bublitz, Hannelore: Judith Butler zur Einführung. Hamburg: Junius 2013, S. 19.

10 Ebd.

11 Butler 1991, S. 24.

12 Schößler 2008, S. 96.

13 Butler 1991, S. 386.

14 Vgl. Bublitz 2013, S. 23.

15 Bublitz 2013, S.24 nach Butler, Judith: Körper von Gewicht. Berlin: Berlin-Verlag 1995, S. 22.

16 Ebd.

17 Ebd., S. 24.

18 Butler 1991, S. 60.

19 Vgl. Bublitz 2013, S. 111.

20 Butler 1991, S. 200.

21 Bublitz 2013, S. 111.

22 Bennewitz, Ingrid: Genderdiskurse und Körperbilder im Mittelalter: Eine Bilanzierung nach Butler und Laqueur. Hamburg: Lit 2002, S. 5.

23 Unbekannte/r AutorIn: A very long interview with George R. R. Martin. http://ohnotheydidnt.livejournal.com/72570529.html (Stand 21.06.2017).

24 Vgl. Bovenschen, Silvia: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zur kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003, S. 44.

25 Connell, Raewyn: Gender. Herausgegeben von Ilse Lenz. Wiesbaden: Springer VS 2013, S. 55.

26 Vgl. Duby, Georges: Die Frau ohne Stimme. Liebe und Ehe im Mittelalter. Frankfurt/Main: Fischer 1993, S. 12.

27 Lucas, Angela M.: Women in the middle ages. Religion, marriage and letters. Brighton: Harvester Press 1983, S. 12.

28 Karras, Ruth Mazo: Sexualität im Mittelalter. Düsseldorf: Artemis & Winkler 2006, S.133.

29 Vgl. Karras 2006, S. 80.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Subversion und Affirmation traditioneller Weiblichkeitskonfigurationen im Fantasyroman
Untertitel
George R. R. Martins "A Song of Ice and Fire"
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Veranstaltung
VU Gender Studies
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
38
Katalognummer
V462892
ISBN (eBook)
9783668922112
ISBN (Buch)
9783668922129
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fantasy, Roman, Gender, Judith Butler, A song of ice and fire, Game of thrones, J.R.R. Tolkien, Feminismus, Geschlechterforschung, Subversion, Überschreitung, Crossdressing, Maskerade, Gender Studies, Erzähltextanalyse, Michel Foucault, Diskursanalyse, Weiblichkeit, Phantastik, Literatur
Arbeit zitieren
Maximilian Eberle (Autor), 2017, Subversion und Affirmation traditioneller Weiblichkeitskonfigurationen im Fantasyroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462892

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