Das Argument des unvollständigen Wissens


Studienarbeit, 2010
11 Seiten, Note: 2
Anonym

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Qualia

2 Das Argument des unvollsta¨ ndigen Wissens

3 Einwande
3.1 Der Fa¨higkeiten-Ansatz
3.2 Neues Wissen/Alte Tatsachen

4 Schlussbemerkung

5 Literatur

1 Einleitung

Eine treibende Kraft hinter anti-physikalistischen Argumenten ist die uns intui- tiv gegebene Unterschiedlichkeit des Mentalen vom Physischen. Introspektiv er- scheint uns unser Geist als etwas das ganz andere Merkmale aufweist als die physischen Dinge in der Welt und es scheint als ha¨tten diese beiden Bereiche keine gemeinsamen Eigenschaften. Auf der anderen Seite stehen die immensen Probleme, die sich ergeben, wenn man versucht diese so unterschiedlichen Dinge mit einander in Verbindung zu bringen. Der Physikalismus behauptet aufzeigen zu ko¨ nnen, dass das Mentale nichts ist, das u¨ ber das Physische hinausgeht, son- dern dass es auf dieses reduziert werden kann.

In dieser Hausarbeit werde ich eines der meist diskutierten Argumente ge- gen den Physikalismus untersuchen: das Argument des unvollsta¨ ndigen Wissens , das von Frank Jackson am deutlichsten als ein Argument gegen den Physika- lismus formuliert wurde (vgl. Nida-Ru¨ melin 2010, 1). Mit diesem Experiment mo¨ chte Jackson zeigen, dass man trotz vollsta¨ndigem Wissen u¨ ber die physische Beschaffenheit der Welt, nicht alle Tatsachen kennt, die deren Aufbau betref- fen. In der Debatte, die Jacksons Gedankenexperiment folgte und die auch heute noch nicht beendet ist, wurde eine Reihe an Gegenargumenten angefu¨ hrt. Ich werde mich in dieser Arbeit mit zwei viel diskutierten Antworten auf Jackson befassen und untersuchen, ob sich das Argument gegen diese verteidigen la¨sst. Beide versuchen unsere Intuition nicht anzugreifen. Zuna¨chst werde ich genau- er darstellen, aus welcher Intuition heraus das Argument vorgebracht wird. Der zweite Abschnitt dient dann der Reproduktion des Gedankenexperiments, bei der ich mich teilweise von Jacksons originaler Formulierung entfernen werde, um mich der Darstellung des Experiments im weiteren Diskussionsverlauf anzu- passen. Nach einem kurzen U¨ berblick u¨ ber die Antwortstrategien untersuche ich dann nacheinander zwei dieser Einwa¨nde genauer, um dann mit einer knappen Schlussbemerkung zu schließen.

1.1 Qualia

Wa¨hrend ich an meinem Schreibtisch sitze, erhalte ich eine Vielzahl von Ein- dru¨ cken und Erfahrungen: Einen Blau-Eindruck, wenn ich auf das vor mir lie- gende Buch blicke, einen Warm-Eindruck von der Sonne die mich bescheint und hin und wieder einen akustischen Fahrender-Zug-Eindruck und unza¨hlige mehr. Damit sind keine Eigenschaften der Dinge gemeint, sondern die mir di- rekt bewusste Qualita¨ t der Erlebnisse. Alle diese Eindru¨ cke fu¨ hlen sich auf eine charakteristische Art und Weise an und wir haben eine Vielzahl an sprachlichen Mitteln, um zu beschreiben, welchen Eindruck etwas auf uns macht, welchen pha¨ nomenalen Charakter es besitzt. Dennoch scheitern wir wenn wir versuchen jemandem mitzuteilen wie es sich anfu¨ hlt einen bestimmten Eindruck zu haben, wenn dieser einen solchen nie hatte und auch keinen, den wir zum Vergleich anfu¨ hren. Wir ko¨ nnen ihm keine klare begriffliche Definition davon liefern (vgl. Beckermann 2008, 409; Ravenscroft 2008, 286). Es gibt scheinbar etwas, wie es ist diesen Eindruck zu haben, das sich nicht sprachlich u¨ bermitteln la¨sst. Dieser Ausdruck geht auf Thomas Nagel zuru¨ ck, der in ’What is it like to be a bat?’ (1974) schrieb, dass wir um zu erfahren wie es ist eine Fledermaus zu sein, ih- Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten re subjektive Perspektive einnehmen mu¨ ssten. ” fundamentally an organism be has conscious mental states if and only if there is something that it is like to that organism - something it is like for the organism“ (Nagel 1974, 436, seine Hervorhebung).

Wenn ich die Erlebnisqualita¨ t meines Blau-Eindrucks von eben bezeichnen will, kann ich davon sprechen, dass er die Eigenschaft der Bla¨ ue aufweist im Gegensatz zu dem Buch selbst, welches die Eigenschaft hat blau zu sein. Der hier verwendete Fachausdruck ist Qualia , der Plural von Quale (vgl. Becker- mann 2008, 421 Fußnote 19 u. 409; Ravenscroft 2008, 286). So verwendet be- zeichnet dieser Ausdruck also nur die pha¨nomenale Qualita¨t der uns unmittelbar gegebenen Eindru¨ cke und es scheint unmo¨ glich zu sein diese zu leugnen. Strittig aber ist der ontologische Status der Qualia, ihre Beschaffenheit, ihre Rolle in der Welt und ihr Verha¨ltnis zum Physischen (Tye 2009). Insbesondere geht es um die Frage, ob eine physikalistische Theorie die Existenz von Qualia erkla¨ren kann. Wenn also behauptet wird, Qualia gebe es nicht, wird (in den meisten Fa¨llen) nicht bestritten, dass wir unmittelbare Erlebnisqualita¨ten erfahren, sondern dass wir etwas annehmen mu¨ ssen, das u¨ ber das physische hinausgeht, um sie zu er- kla¨ren. Wer dagegen von der Existenz von Qualia spricht meint meistens, dass sie nicht-physische Eigenschaften sind. Das beru¨ hmteste Argument auf dieser Grundlage ist das Argument des unvollsta¨ ndigen Wissens von Frank Jackson:

2 Das Argument des unvollsta¨ ndigen Wissens

Jackson entwarf in seinem Aufsatz ’Epiphenomenal Qualia’ (1982) folgendes Szenario: Mary ist eine brillante Wissenschaftlerin, die alles was es an physika- lischer Information u¨ ber das Sehen von Farben zu wissen gibt weiß. Sie weiß ausnahmslos alles was physisch und physiologisch vor sich geht, wenn jemand Farben sieht. Sie kann vollsta¨ndig und lu¨ ckenlos erkla¨ren, was passiert, wenn das Licht von einer roten Tomate reflektiert auf die Netzhaut fa¨llt, von dort u¨ ber den Sehnerv ins Gehirn und wie die Information dort verarbeitet wird, bis der Beob- achter durch das auspressen von Luft durch seine Stimmba¨nder und die Formung seiner Zunge und Lippen etwas u¨ ber die Tomate sagt. Sie hat alles Wissen u¨ ber die physischen Vorga¨nge des Farbensehens und zwar auf allen Ebenen (zellula¨r, molekular, atomar ...), die notwendig sind um diese vollsta¨ndig zu erkla¨ren. Al- lerdings ist Mary in einem schwarzweißen Zimmer gefangen gehalten und hat in ihrem ganzen leben noch nie eine Farbe gesehen. Sie hat sich ihr Wissen u¨ ber schwarzweiße Bu¨ cher und einen schwarzweißen Bildschirm angeeignet, hat farblose Speisen zu sich genommen usw. (vgl. Jackson 1982, 130; Beckermann 2008, 413; Ravenscroft 2008, 305). Fu¨ r dieses Gedankenexperiment ist es not- wendig, dass sie wirklich noch nie etwas farbiges gesehen hat, selbst an ihr selbst nicht und auch nicht durch eventuelle Nachbilder auf ihrer Netzhaut. Inwieweit dies tatsa¨chlich mo¨ glich ist brauchen wir hier nicht zu beachten1.

Eines Tages wird Mary freigelassen und sieht zum allerersten mal in ihrem leben eine rote Tomate. Was wird passieren?

Will she learn anything or not? It seems just obvious that she will learn something about the world and our visual experience of it. But then it is in- escapable that her previous knowledge was incomplete. But she had all the physical information. Ergo there is more to have than that, and Physicalism is false (Jackson 1982, 130 seine Hervorhebung).

Die meisten Menschen haben wie Jackson die Intuition, dass Mary hier etwas neues lernt. Sie wusste zwar vorher alles was es an physikalischer Information u¨ ber das Farbensehen zu wissen gibt, aber erst jetzt, nach dem sie eine rote To- mate gesehen hat, weiß sie wie es ist etwas rotes zu sehen, erst jetzt kennt sie das Quale Ro¨ te. Also mu¨ ssen pha¨nomenale Qualita¨ten etwas nicht-physisches sein, denn sonst ha¨tte sie es auch vor ihrer Entlassung schon gekannt. Demnach ist der Physikalismus falsch (vgl. Beckermann 2008, 414; Ravenscroft 2008, 305). Jacksons Argument la¨sst sich wie folgt rekonstruieren2:

(1) Mary hat vor ihrer Entlassung Wissen u¨ ber alle physikalischen Tatsachen, die das Farbensehen betreffen.
(2) Nach ihrer Entlassung lernt Mary etwas Neues, sie weiß dann wie es sich anfu¨ hlt rot zu sehen.
(3) Nach ihrer Entlassung erwirbt Mary Wissen u¨ ber eine neue Tatsache, die das Farbsehen betrifft (aus 2).
(4) Es gibt Tatsachen, die keine physikalischen Tatsachen sind (aus 1 u. 3).
(5) Der Physikalismus ist falsch (aus 4).

3 Einwande

Die Diskussion um Mary erstreckt sich in viele Bereiche der Philosophie und es sind eine Menge von oftmals sehr technischen Fragen zu beantworten, sowohl von den Verfechtern des Arguments als auch von dessen Kritikern.

Da es sich hier um ein Gedankenexperiment handelt ist (1) schwer anzugrei- fen ohne die Legitimita¨t von Gedankenexperimenten zu hinterfragen. Dennoch ist in der Diskussion dieser Punkt angegangen worden (s. Nida-Ru¨ melin 2010, 4.1). Einige wenige, z.B. Daniel Dennett, sind der Meinung, dass unsere Intuiti- on, Mary lerne etwas neues, uns ta¨uscht und somit wa¨re (2) falsch; wenn Mary vollsta¨ndiges Wissen u¨ ber das Farbensehen habe, ko¨ nne sie sich vor ihrer Ent- lassung vorstellen , wie es ist, eine Farbe zu sehen (vgl. Nida-Ru¨ melin 2010, 4.1). Die meisten Philosophen sind aber der Meinung, dass Mary tatsa¨chlich etwas neues lernt, nur mit dem Schluss, dass Mary Wissen u¨ ber eine neue Tat- sache erlangt, sind sie nicht einverstanden oder aber sie glauben nicht, dass der Physikalismus dadurch widerlegt wa¨re (Beckermann 2008, 416). Vertreter des Fa¨ higkeiten-Ansatzes sind der Meinung, Mary lerne zwar etwas neues, aber mei- nen, dass es nur eine neue Fa¨higkeit sei. Sie greifen also den Schritt von (2) auf (3) an, genau wie die Vertreter des Alte Tatsachen/Neues Wissen-Ansatzes die behaupten, Mary bekomme nur einen neuen Zugang zu einer ihr altbekannten Tatsache. Nach diesen beiden Gruppen erha¨lt Mary also kein propositionales Wissen dazu, ohne das Jacksons Argument nicht funktioniert.

3.1 Der Fa¨ higkeiten-Ansatz

Vertreter dieses Ansatzes bestreiten die Gu¨ ltigkeit des Schrittes von (2) auf (3) und bauen ihre Argumentation auf dem Unterschied zwischen Wissen-dass (kno- wing that) und Wissen-wie (knowing how) auf. Dieser Unterschied kann im Deutschen durch die Verwendung von Wissen“ und Ko¨ nnen“ deutlich gemacht werden. Im ersten Fall ist demjenigen der weiß, dass etwas der Fall ist eine be- stimmte Tatsache oder ein Fakt bewusst - Er weiß, dass die Erde um die Sonne kreist oder dass Frank Jackson ein Philosoph ist. Er besitzt eine U¨ berzeugung, die einen bestimmten Inhalt hat, eine Proposition , die wahr oder falsch sein kann (Beckermann 2008, 293). Im zweiten Fall geht es um die Fa¨higkeiten, die jemand besitzt, darum, dass er weiß, wie etwas ist – etwa wie man Fahrrad fa¨hrt oder ein Portra¨t malt.

Dass Mary etwas neues lernt, la¨sst Jackson schließen, sie erhalte neues pro- positionales Wissen, sie lerne neue Fakten bezu¨ glich des Farbensehens kennen. Dieser Schritt ist nicht unproblematisch: Vertreter des Fa¨higkeiten-Ansatzes ak- zeptieren zwar Schritt (2), bestreiten aber dass hieraus folgt, Mary lerne deshalb neue Tatsachen kennen - bestreiten also (3). Sie erhalte kein neues propositio- nale Wissen dazu, sondern lerne nur wie man Farben sieht, also eine Fa¨higkeit (Beckermann 2008, 417; Ravenscroft 2008, 312). Wenn das stimmt ist es nicht erstaunlich, dass Mary etwa neues lernt, denn sie hatte sich nur damit bescha¨ftigt sich Fakten anzueignen. Dann ist die Menge an Wissen-dass, die Mary sich vor- her angeeignet hat, nicht gro¨ ßer geworden und es ist unproblematisch fu¨ r den Physikalismus, wenn man Mary neue Fa¨higkeiten zugesteht - Wenn Mary vor- her alle Fa¨higkeiten besessen ha¨tte, wu¨ sste sie auch wie es ist Farben zu sehen.

Aber ist es plausibel, dass Mary eine neue Fa¨higkeit und keine Tatsache lernt? Wie wu¨ rde diese Fa¨higkeit aussehen? David Lewis hat darauf die Antwort, dass Farben sehen ko¨ nnen nichts weiter ist ist als die Fa¨higkeiten, sich an Farben zu Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten erinnern , sie sich vorzustellen und sie wiederzuerkennen : ” Ability Hypothe- sis says that knowing what an experience is like just is the possession of these abilities to remember, imagine, and recognize“ (Lewis 1997, 593 seine Hervor- hebung). Wenn wir einmal eine Erfahrung gemacht haben, ko¨ nnen wir uns spa¨ter daran erinnern und uns ausmalen wie es ist und sollten wir wieder einmal die- se Erfahrung machen, werden wir sie auch wiedererkennen. Dabei ist es nicht notwendig diese Erfahrung auch bezeichnen zu ko¨ nnen oder angeben zu ko¨ nnen wann man diese das letzte mal gemacht hat (vgl. Lewis 1997, 592).

Einige Philosophen haben darauf hingewiesen, dass die drei Fa¨higkeiten we- der notwendig noch hinreichend fu¨ r das Erleben von Farben sind; Es ist durch aus vorstellbar, dass eine Person, die keine dieser Fa¨higkeiten aufweist, dennoch in der Lage ist eine Farbwahrnehmung zu haben (vgl. Nida-Ru¨ melin, 4.4). Wei- terhin besteht die Frage, ob der Erwerb einer neuen Fa¨higkeit nicht immer auch Wissen u¨ ber Tatsachen beinhaltet - immerhin weiß der Fahrradfahrer auch, dass er seine Beine in einer bestimmten Art und Weise bewegen muss, um erfolg- reich Fahrrad zu fahren (vgl. Nida-Ru¨ melin, 4.6). In der weiteren Diskussion wurde versucht eine umfassendere Analyse des Erlebnis-Begriffs zu finden, die Jacksons Argument auf die gleiche Weise attackiert. Jackson selber entgegnete diesem Einwand in seinem Aufsatz ’What Mary Didn’t Know’ (1986), dass es zwar zutreffe, Mary erhalte neue Fa¨higkeiten, aber dass das nicht alles sei. Er erweitert dazu das Gedankenexperiment um den Umstand, dass Mary vor ihrer Entlassung etwas u¨ ber das Problem des Fremdpsychischen erfahren hat. Dabei geht es um die Frage, wie wir und ob wir u¨ berhaupt wissen ko¨ nnen, dass andere Menschen eine Psyche haben wie wir. Als Mary also ihre schwarzweiße Umge- bung verla¨sst und das erste mal eine rote Tomate sieht, erfa¨hrt sie wie es ist Rot zu sehen und vor allem lernt sie wie es sich fu¨ r andere anfu¨ hlt. Dann fa¨llt ihr aber das Problem des Fremdpsychischen ein und sie fragt sich, ob sich das fu¨ r andere wirklich so anfu¨ hlt, wie fu¨ r sie. Sie wa¨gt eine Weile die Argumente gegenein- ander ab und kommt am Ende zu dem Schluss, dass es sehr wohl gute Gru¨ nde gibt, zu glaube, dass andere Menschen auch eine Psyche und somit auch diese Art von Erlebnissen haben (Jackson 1986, 294). Wenn also das was Mary dazu- gelernt hat Fa¨higkeiten sind, mu¨ ssen diese Gegenstand ihrer U¨ berlegungen ge- wesen sein. Das ha¨lt Jackson aber fu¨ r falsch: ” representational abilities were a known constant throughout. What else then was she agonizing about than whe- ther or not she had gained factual knowledge of others? There would be nothing to agonize about if ability was all she acquired on her release“ (Jackson 1986, 294 seine Hervorhebung). Wa¨hrend sie also u¨ ber das Problem des Fremdpsychi- schen nachdachte konnte sie die ganze Zeit u¨ ber die rote Tomate wahrnehmen. Mary bekommt also nach ihrer Entlassung sowohl neue Fa¨higkeiten, als auch Wissen u¨ ber neue Tatsachen.

Es ist aber fraglich ob Jackson so dem Einwand entgehen kann, denn dass an- dere Menschen eine Psyche haben und genau wie sie Qualia wahrnehmen wenn sie z.B. mit ihrer Hand u¨ ber ihren Schreibtisch streicht oder an ihrem Kaffee riecht, war ihr auch schon vor ihrer Entlassung bekannt. Und da Mary sich alles Wissen das Farbensehen betreffend angeeignet hat, wusste sie auch, dass andere Menschen von sich behaupten Qualia wahrzunehmen (vgl. Beckermann 2008, 419). Das heißt der Inhalt ihres Zweifelns ist kein nach ihrer Entlassung neu erworbenes Wissen.

3.2 Neues Wissen/Alte Tatsachen

Ein weiterer Ansatz, der unserer Intuition gerecht werden will, Mary lerne etwas neues, ohne daraus folgern zu mu¨ ssen, sie erhalte Wissen u¨ ber eine neue Tatsache ist der Neues Wissen/Alte Tatsachen-Ansatz .

Ein Blinder kann genau wie jemand der Sehen kann wissen, dass etwas eine Farbe hat. Mit den richtigen Hilfsmitteln kann er sogar feststellen welche Farbe ein Gegenstand aufweist und somit korrekt mit Farbbegriffen umgehen. Er hat nur einen anderen Zugang zu ihnen als ein Normalsehender und bedient sich anderer Mittel. Dieser Idee nach weiß Mary auch vor ihrer Entlassung schon, dass die rote Rose die pha¨nomenale Qualita¨t der Ro¨ te hat (durch Selbstausku¨ nfte anderer Personen z.B.) erha¨lt aber dann einen neuen Zugang zu ihr. Ihr Wissen bezieht sich sowohl vor als auch nach der Entlassung auf die selbe Tatsache, die ihr auf zwei unterschiedliche Weisen gegeben ist (vgl. Beckermann 2008, 420). Diese Art des Gegebenseins ist ein Begriff aus der Sprachphilosophie und geht auf Gottlob Frege zuru¨ ck, der in seinem Aufsatz ’U¨ ber Sinn und Bedeutung’ (1892) folgende U¨ berlegung anstellte: ” Morgenstern“ und ” Abendstern“ haben beide das selbe Bezugsobjekt3 – die Venus. Wenn sich die sprachliche Bedeutung dieser Ausdru¨ cke darin erscho¨ pfen wu¨ rde etwas zu bezeichnen ha¨tten die beiden folgenden Sa¨tze den selben Erkenntniswert:

(a) der Morgenstern = der Morgenstern (b) der Morgenstern = der Abendstern

Das ist aber offensichtlich nicht der Fall: (a) gilt a priori wa¨hrend (b) uns wirklich etwas neues sagt. Also muss ein Name neben seinem Bezugsobjekt noch etwas anderes haben, was Frege den Sinn nennt, oder ”die Art des Ge- gebenseins”(Frege 1982, 26). Der gleiche Gegenstand kann also durch mehrere Begriffe gegeben sein, die unterschiedliche Sinne haben.

Aus dieser Erkenntnis heraus entwickeln die Vertreter dieses Ansatzes folgen- de Erwiderung auf Jacksons Argument: Pha¨nomenale Qualita¨ten, wie z.B. die Ro¨ te sind physische Eigenschaften des Erlebens und Mary hat Wissen u¨ ber alle physikalischen Begriffe , die auf diese Eigenschaft Bezug nehmen. Als Mary aus ihrem schwarzweißen Zimmer kommt und eine rote Tomate sieht, erha¨lt sie neu- es Wissen, na¨mlich dass sich die Eigenschaft Ro¨ te ” und so“ anfu¨ hlt. Aber was sie hier lernt ist keine neue Tatsache, sondern sie erha¨lt einen neuen Begriff von der Eigenschaft Ro¨ te, der von den vorher angeeigneten physikalischen Begriffen zwar sinnverschieden ist, aber das selbe Bezugsobjekt hat. Die selbe Eigenschaft ist ihr auf zwei unterschiedliche Weisen gegeben (vgl. Nida-Ru¨ melin 2010, 4.6; Beckermann 2008, 422). Wenn man Freges Terminologie folgt, kann man auch als Physikalist die Meinung vertreten, dass Mary eine neue Tatsache lernt. Das liegt daran, dass Frege unter Tatsache den Sinn eines Gedanken versteht (so- fern dieser wahr ist). Demnach dru¨ ckt der Begriff von Ro¨ te, den Mary vor ih- rer Entlassung hatte, eine andere Tatsache aus, als der Begriff der Ro¨ te, den sie erha¨lt, als sie die rote Rose sieht, da diese ja unterschiedliche Sinne haben. Die- se Art von Tatsache nennt man auch feinko¨ rnig . Ein anderer Tatsachen-Begriff (wie bisher in dem Text verwendet) besagt, dass ein Gegenstand eine bestimm- te Eigenschaft hat oder dass mehrere Gegensta¨nde in einer bestimmten Relation zueinander stehen. Hier spricht man von einer grobko¨ rnigen Tatsache. Einem Physikalisten zufolge handelt es sich bei den Bezugsobjekten der verschiede- nen Begriffe, die Mary von der Ro¨ te hat, um die selbe grobko¨ rnige Tatsache, wa¨hrend er ihr zugestehen kann Wissen u¨ ber eine neue feinko¨ rnige Tatsache zu bekommen (vgl. Beckermann 2008, 425).

Kritiker dieses Arguments ko¨ nnen darauf verweisen, dass wenn die Beiden Begriffe unterschiedliche Sinne haben, dann mu¨ ssen sie auch unterschiedliche Eigenschaften des Bezugsobjektes herausgreifen. Wenn das mentale Pra¨dikat ” ’M’ und das physikalische Pra¨dikat ’P’ sinnverschieden sind, dann muss es eine bestimmte Menge von Eigenschaften (Merkmalen) geben, die das Vorliegen der Eigenschaft M implizieren, und eine andere Menge von Eigenschaften (Merk- malen), die das Vorliegen der Eigenschaft P implizieren“ 4 (Beckermann 2008, 121 seine Hervorhebung). Durch den Begriff der Morgenstern“ ist die Venus ” auf eine Weise gegeben, die mit der Eigenschaft verbunden ist, der hellste Stern am Morgenhimmel zu sein, durch der Abendstern“ mit der Eigenschaft, der ” hellste Stern am Abendhimmel zu sein. Analog greifen die physikalischen Be- griffe der Ro¨ te diese dadurch heraus, auf ihre physikalische Verfassung zu ver- weisen. Durch den pha¨nomenalen Begriff dagegen, ist die Ro¨ te definiert durch die Eigenschaft, eine bestimmte Erlebnisqualita¨t zu haben. Und somit sind nicht- physische Eigenschaften auf einem ho¨ heren Level wiedereingefu¨ hrt (vgl. Nida- Ru¨ melin 2010, 4.8).

4 Schlussbemerkung

Das Gedankenexperiment und das damit verbundene Argument Frank Jacksons besticht durch seinen vergleichsweise Einfachen Aufbau und stellt unsere Intuiti- on hinsichtlich einer Erkla¨rungslu¨ cke auf ein argumentatives Geru¨ st. Die beiden oberen Antwortstrategien versuchen beide unserer Intuition nachzugehen und gleichzeitig zu zeigen, wo die argumentativen Fehler liegen. Nach den Argu- menten des Fa¨higkeitsansatzes ist es schwer darauf zu beharren, Mary lerne neue Tatsachen kennen und nicht schlicht und einfach eine Reihe neuer Fa¨higkeiten. Allerdings sind diese Argumente auch nur so stark wie die Erkla¨rungskraft der Analyse, das Erleben von pha¨nomenalen Qualita¨ten sei bestimmte Fa¨higkeiten zu besitzen. Wenn es dagegen stimmt, dass der Physikalismus nur bestreiten muss, Mary lerne neue grobko¨ rnige Tatsachen kennen, la¨sst sich das Experiment gut ausheben. Dann aber muss ein Physikalist die Existenz von Sinnen akzep- tieren und erkla¨ren wie feink o ¨ rnige Tatsachen in einer physischen Welt enstehen ko¨ nnen.

5 Literatur

- Beckermann, Ansgar (2008): Analytische Einfu¨ hrung in die Philosophie des Geistes, Berlin: de Gruyter.
- Frege, Gottlob (1892): U¨ ber Sinn und Bedeutung, in: Zeitschrift f. Philo- sophie u. philos. Kritik, 100, 25-50.
- Jackson, Frank (1982): Epiphenomenal Qualia, in: The Philosophical Quar- terly Vol. 32 No. 127, 127-136.
- Jackson, Frank (1986): What Mary Didn’t Know, in: The Journal of Phi- losophy, Vol. 83 No. 5, 291-295.
- Lewis, David (1997) in: Block, Flanagan, Gu¨ zeldere (ed.)(1997): The Na- ture of Consciousness, Massachusetts Institute of Technology.
- Nagel, Thomas (1974): What Is It Like to Be a Bat?, in: The Philosophical
Review Vol. 83 No. 4, 435-450.
- Nida-Ru¨ melin, Martine, Qualia: The Knowledge Argument, The Stanford
Encyclopedia of Philosophy (Summer 2010 Edition), Edward N. Zalta
(ed.), URL = http://plato.stanford.edu/archives/sum2010/entries/qualia-knowledge
- Ravenscroft, Ian (2008): Philosophie des Geistes, Stuttgart: Reclam.
- Tye, Michael, Qualia, The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Summer 2009 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = http://plato.stanford.edu/archives/sum2009/entries/qualia/

1 s. Ravenscroft 2008, 307 fu¨ r eine la¨ngere Begru¨ ndung

2 s. Ravenscroft 2008, 307 und Beckermann 2008, 414 fu¨ r andere Rekonstruktionen und Nida- Ru¨ melin 2010 zur Interpretation von physical information als Tatsachen

3 Anstatt wie Frege von Bedeutung und Sinn eines Ausdrucks zu sprechen, spricht man heute von dem Bezugsobjekt und dem Sinn eines Ausdrucks

4 Beckermann geht hier auf eine Kritik der Identita¨tstheorie ein, wie sie von J.J.C. Smart for- muliert wurde

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Das Argument des unvollständigen Wissens
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V463054
ISBN (Buch)
9783668902275
Sprache
Deutsch
Schlagworte
argument, wissens
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Das Argument des unvollständigen Wissens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463054

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