Zwischen "boni mores", Tagespolitik und Karrierekalkül. Eine Untersuchung über die Intentionen der Germania des Tacitus


Hausarbeit, 2017
14 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tacitus' Germania

3. Die Intention der Germania
3.1 Die Germania im Kontext Tacitus' schriftstellerischer Karriere
3.2 Die Germania als tagespolitische Schrift
3.3 Die Germania als Sittenspiegel

4. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Eiiileitimg

Die Germania hat aufgrund ihrer Bedeutung und ihrer Einzigartigkeit in der Wissenschaft eine so groBe Rezeption erfahren, dass die Fulle an Interpretationen beinahe unuberblickbar geworden ist. Je nach Perspektive wurde die Vielzahl der in ihr enthaltenen Informationen schon als Quelle uber die Germanen oder uber die Romer, uber Wertvorstellungen oder uber politische Zustande gedeutet. Diese Deutungsvielfalt ergibt sich unter anderem daraus, dass uber die Beweggrunde, warum Tacitus die Germania schrieb, Unklarheit herrscht - schlieBlich fehlen in der Arbeit Proomium, Epilog oder sonstige Bemerkungen uber die Absichten und Vorsatze des Autors. Fur die Frage, wie die vielen einzelnen Auskunfte uber die Germanen zu interpretieren sind, ist es aber unerlasslich, die Intentionen des Autors zu verstehen: „Es macht etwas aus, ob Tacitus als Forscher und Geograph, ob er als Sittenprediger, ob er als politischer Tagesschriftsteller oder in welcher Absicht sonst geschrieben hat.“'

Doch daruber herrscht Unklarheit: Eine These ist, dass die Germania ein Beiwerk zu den Historien sei, ein ethnografischer Exkurs, mit dem Tacitus sich der Tradition vieler antiker Historiker anschlieBen wollte und mit dem er das Interesse seiner Leser beleben wollte.1 2 Andere Forscher meinen, die Germania sei eine Positionierung gegen die Tyrannis des Domitian, unter der Tacitus seine politische Karriere gemacht hatte.3 Uberhaupt wird Tacitus Rolle als Politiker auch als bedeutend fur seine schriftstellerische Tatigkeit gewertet und so ist es auch eine populare Theorie, die Germania als einen Beitrag zur politischen Diskussion uber die Sinnhaftigkeit der Germanenkriege zu verstehen4 - wobei sie schon ebenso als Empfehlung zur Invasion5 als auch als Warnung davor gedeutet wurde.6 Eine inzwischen weniger anerkannte Theorie ist die Sittenspiegeltheorie, die in der jungeren Forschung „hauptsachlich als Prugelknabe eine unsterbliche Existenz zu fuhren scheint“7: Sie besagt, dass Tacitus die Germanen als moralisches Vorbild gegenuber den immer mehr verkommenden Romern prasentieren wollte.8 Eine abgewandelte Form der Theorie, namlich dass es in der Germania eigentlich um Rom gehe und sie Zu- und Missstande im Reich aufzeige, ist aber immer noch gelaufig.9

Doch wahrend bisher nur jeweils einer dieser Ansatze in den Vordergrund gestellt wurde, ist es Anliegen dieser Arbeit, aufzuzeigen, dass mehrere dieser Intentionen, sich gegenseitig erganzend, nebeneinander Gultigkeit haben. Um das zu prufen, wird zunachst die Germania mit all ihren Eigenheiten als Quelle vorgestellt. AnschlieBend werden die verschiedenen Ansatze zur Entschlusselung der Intentionen des Autors charakterisiert, wobei sie anhand von Quellenmaterial und Forschungsmeinungen bewertet werden, bevor abschlieBend ein Ergebnis formuliert wird. Der Zweck dieses Beitrages ist es, durch die gewonnenen Erkenntnisse das Verstandnis uber die Aussagekraft der Germania zu prazisieren und zu verbessern.

2. Tacitus' Germania

Im Kontext der Fragestellung, mit welchen Intentionen Tacitus die Germania schrieb, erweisen sich einige Aspekte der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte als relevant: So werden in diesem Abschnitt neben den eigentlichen Umstanden des Verfassens und der Uberlieferung auch die Frage der formalen Einordnung und der historischen Bedeutung des Werks berucksichtigt.

Nach der vorherrschenden Forschungsmeinung verfasste Tacitus die Schrift „De situ et moribus Germanorum“, die nach dem „Agricola“ sein zweites Werk war, ungefahr im Jahr 98.10 Zu diesem Zeitpunkt war seine politische Karriere, die er schon in den Achtzigerjahren unter Domitian begann, schon soweit vorangeschritten, dass er, der im Jahr 97 das Konsulat bekleidete und Senator war, zur politischen Elite Roms gehorte.11 Somit hatte Tacitus auch Zugang zu verschiedenen literarischen und nichtliterarischen Quellen: Er wird wahrscheinlich die Moglichkeit gehabt und genutzt haben, sich mit in Germanien agierenden Militars oder Kaufleuten auszutauschen und so Auskunfte aus erster Hand zu erhalten. AuBerdem haben bereits vor ihm Poseidonios, Caesar, Livius und Plinius der Altere Schriften veroffentlicht, die Informationen uber die Germanen enthielten.12

Dass die Germania aber eine ethnografische Monografie und kein bloBer Exkurs ist, stellt eine formale Besonderheit dar: Denn auch wenn die volkerkundliche Forschung in der Antike eine groBe Tradition hatte, ist dies fast ein Einzelfall.13 Dieses Phanomen ist, wenn man sich mit der Intention der Germania beschaftigt, relevant, weil es die Frage aufwirft, was Tacitus' Beweggrunde waren, sich an einer so untypischen, kaum uberhaupt vorhandenen Gattung zu orientieren. In diesen Kontext gehoren beispielsweise die in der Einleitung vorgestellten Theorien, die Germania sei doch nur ein Exkurs zu den Historien, oder sie sei ein politischer Beitrag gewesen, der die Offentlichkeit auf Germanien aufmerksam machen wollte.

Da im Laufe der Zeit der GroBteil der anderen Quellen verloren ging, man die Germania aber im 15. Jahrhundert im Codex Hersfeldensis wiederfand14, wurde sie zu einer einzigartigen Informationsquelle. Dies ist auch einer der Grunde dafur, dass diese Schrift es zu einer herausragenden historischen Bedeutung gebracht hat: So findet man in der Forschung nicht selten Behauptungen, wie sie sei ein „berauschendes Getrank, das unter Hitler reichlich genossen wurde“15 oder sie sei eines der gefahrlichsten Bucher, die je geschrieben wurden16, aber auch solche, dass sie ein Geschenk sei, „das eine gutige Fee unserem Volke in die Wiege seiner vaterlandischen Geschichte gelegt hat.“17 Diese unterschiedlichen Bewertungen der Germania, die sich mit ihrem jeweiligen historischen Kontext wandelten, haben auch Einfluss auf die Interpretation des Werks: War man fruher noch der Meinung, die Germanen seien fur Tacitus ein moralisches Vorbild gewesen, heiBt es nun, die Sittenspiegeltheorie trage „zugegebenermaBen den Ruch deutschfrommelnder Gefuhle.“18

3. Die Intention der Germania

Im einleitend vorgestellten Forschungsstand wurde bereits gezeigt, dass die Meinungen, mit welchen Absichten Tacitus die Germania schrieb, weit auseinandergehen. Da im Laufe der Arbeit aufgezeigt werden soil, dass nicht eine dieser Interpretationen alleine, sondern im Gegenteil mehrere nebeneinander Anspruch auf Gultigkeit haben, bietet es sich an, zugunsten einer groBeren Ubersichtlichkeit die verschiedenen moglichen Intentionen nach Themenkomplexen zu sortieren: So wird im Folgenden zunachst betrachtet, welche Funktion die Germania im Kontext Tacitus' schriftstellerischer Karriere erfullte, bevor ihre Bedeutung als tagespolitische Schrift untersucht wird. AbschlieBend werden verschiedene Varianten der Sittenspiegeltheorie beleuchtet und bewertet.

3.1 Die Germania im Kontext Tacitus' schriftstellerischer Karriere

Die Zeit, in der die Germania entstand, ist ein erster Anhaltspunkt fur die Deutung der Intention, mit der sie geschrieben wurde. Denn sowohl der Umstand, dass Tacitus damals ein bedeutender Politiker war, als auch der, dass die Herrschaft Domitians gerade voruber war, konnten eine Rolle gespielt haben. Letzteres wird schon deutlich in dem Proomium des „Agricola“, in dem Tacitus die neu angebrochene Zeit lobt, in der Meinungsfreiheit im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahren wieder moglich sei.19 In der Germania fehlen zwar solche Bemerkungen, aber dass das „Domitianerlebnis“ fur Tacitus uber sein erstes Werk hinaus, vor allem also auch bei seinem zweiten, den Impuls zum Schreiben gegeben hat, ist in der Forschung eine anerkannte These.20 Sucht man allerdings in der Germania nach Textstellen, die auf die Tyrannis anspielen konnten, wird man kaum fundig: Allein einmal, als es heiBt „in proximis temporibus triumphati magis quam victi sunt“21, wird eine Anspielung auf den Domitian deutlich. Auch wenn sich darin die Grundhaltung, dass dessen Herrschaft negativ zu bewerten sei, widerspiegelt, ist der Umstand, dass dies der einzige deutliche Bezug darauf ist, eher ein Indiz dafur, dass hierin nicht der eigentliche Grund fur das Verfassen der Germania liegen kann.

Es ist aber noch ein anderer Zusammenhang zwischen Tacitus' schriftstellerischer Karriere und der Intention der Germania zu vermuten: Denn gerade als Neuling in der anspruchsvollen Gesellschaft romischer Autoren konnte er durch das AuBergewohnliche, das diese Ethnografie schon der Form nach war, Aufmerksamkeit und Beachtung erzielen; es war sogar Teil der literarischen Kultur, durch das Unbekannte und Ungewohnte die Wirkung des eigenen Werkes zu steigern.22 Tacitus wird sich der Einzigartigkeit der Germania bewusst gewesen sein und es ist kaum vorstellbar, dass er diese im Hinblick auf den Erfolg des Werks nicht gezielt einsetzte. Dieser Zusammenhang wird noch deutlicher, wenn man nicht nur die formalen Eigenheiten, sondern auch inhaltliche Aspekte berucksichtigt: Denn so werden auch der Einsatz der mythischen Elemente wie das Wirken von Herkules und Odysseus in Germanien23 ebenso erklarbar wie die fantastischen Schilderungen der entfernten Volker in Tiergestalt.24 Von dem fachlichen Anspruch, der ansonsten uber weite Teile zu erkennen ist, entfernt sich Tacitus mit diesen Ausfuhrungen; dafur regt er die Fantasie seiner Leser an und verleiht der Schrift damit auch inhaltlich Besonderheit. Dass er sich dessen selbst bewusst war, zeigen schlieBlich Formulierungen wie „quae neque confirmare argumentis neque refellere in animo est“25 oder noch deutlicher „cetera iam fabulosa“26, die die Stellen enthalten, in denen der wissenschaftliche Anspruch hintergrundig wird.

Ein letzter Ansatz, das Schreiben der Germania in Tacitus' schriftstellerischer Karriere motiviert zu sehen, ist die bereits erwahnte Exkurstheorie, die in ihr nur einen Aufmerksamkeit erweckenden Zusatz zu den Historien sieht. Sie wirkt aufgrund einiger guter Argumente auf den ersten Blick schlussig: Ethnografische Exkurse waren in der antiken Historiographie beliebt27 und Tacitus hatte sich im „Agricola“ dieser Technik bereits bedient.28 Auch wurde hierdurch die Form der Schrift erklarbar, weil sie dann ohne ihren monografischen Charakter als traditioneller Bestandteil der Geschichtsschreibung gewertet werden konnte. Die neuere Forschung hat diese Theorie allerdings zurecht verworfen, weil sich die Germania als teilweise unvergleichbar mit anderen literarischen Ethnografie-Exkursen der Antike herausgestellt hat und weil in den Historien kein Platz auszumachen ist, in den ein solcher passen konnte29 ;

[...]


1 Buchner, Karl: Tacitus, Agricola Germania Dialogus. Die historischen Versuche, hg. v. HAussler, Reinhard, Stuttgart 1985, S. 125.

2 Z. B.: Mommsen, Theodor: Die Germania des Tacitus, in: Hirschfeld, Otto (Hrsg.): Reden und Aufsatze von TheodorMommsen, Berlin 1905, S. 144-153.

3 Z. B. Nesselhauf, Herbert: Tacitus und Domitian, in: Poschl, Viktor (Hrsg.): Tacitus (Wege der Forschung Bd. 97), Darmstadt 1969, S. 208-240.

4 Z. B. Beck, Jan-Wilhelm: „Germania“ - „Agricola“: Zwei Kapitel zu Tacitus' zwei kleinen Schriften. Untersuchungen zu ihrer Intention und Datierung sowie zur Entwicklung ihres Verfassers (Spudasmata 68), Hildesheim [u. a.] 1998.

5 Perl, Gerhard: Die "Germania" des Tacitus. Historisch-politische Aktualitat und ethnographische Tradition, in: ACD 19 (1983), S. 79-89.

6 Urban, Ralf: Urgentibus imperii fatis. Die Lage des Romischen Reiches nach Tacitus, Germania 33,2, in: Chiron 12 (1982), S. 145-162.

7 Timpe, Dieter: Die Absicht der Germania des Tacitus, in: ders. und Herbert Jankuhn (Hrsgg.): Beitrage zum Verstandnis der Germania des Tacitus I, Gottingen 1989, S. 108.

8 Z. B. Drexler, Hans: Die Germania des Tacitus, in: Gymnasium 59 (1952), S. 52-70. Einen Uberblick uber die Forschung bezuglich dieser Theorie gibt es bei: Beck: Germania, S. 11.

9 O'Gorman, Ellen: No Place Like Rome: Identity and Difference in the Germania of Tacitus, in: Ash, Rhiannon (Hrsg.): Tacitus, Oxford 2012, S. 95-118.

10 Beck: Germania, S. 21. Hier werden auch die Moglichkeiten fruherer und spaterer Datierungen diskutiert, aber auch deren Unwahrscheinlichkeit uberzeugend herausgestellt.

11 Schmal, Stephan: Tacitus, Hildesheim [u. a.] 2011, S. 17.

12 Dudley, Donald: Tacitus und die Welt der Romer (ubers. v. Eggert, Helmut), Wiesbaden 1969, S. 233f. Die meistgenutzte literarische Quelle fur Tacitus war wohl Plinius' Bella Germaniae, die von den Germanenkriegen handelte.

13 Schmal: Tacitus, S. 33.

14 Ebd.: S. 29.

15 Dudley: Tacitus, S. 241. Gemeint sind damit Tacitus' Idealisierungen und Auberungen uber die Reinrassigkeit der Germanen, die missbraucht wurden, um die Ideologie des Dritten Reichs zu untermauem.

16 Momigliano, Amaldo: Studies inHistoriography, London 1966, S. 113.

17 Norden, Eduard: Die germanische Urgeschichte in Tacitus Germania, Berlin [u. a.] 1920, S. 5.

18 Schmal: Tacitus, S. 39.

19 Tac. Agr. 1-3.

20 Nesselhauf: Tacitus, v. a. S. 239f. Hierher stammt auch der Begriff „Domitianerlebnis“.

21 Tac., Germ. 37,5. Gemeint ist Domitians Triumph uber die Germanen im Jahr 83.

22 Timpe: Germania, S. 121.

23 Tac. Agr. 3.

24 Tac. Germ. 46,4.

25 Tac. Germ. 3,3.

26 Tac. Germ. 46,4.

27 Timpe: Germania, S. 112.

28 Tac. Agr. 10-12.

29 Timpe: Germania, S. 112f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zwischen "boni mores", Tagespolitik und Karrierekalkül. Eine Untersuchung über die Intentionen der Germania des Tacitus
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Klassische Altertumskunde)
Veranstaltung
Tacitus als Historiker
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V463100
ISBN (eBook)
9783668924086
ISBN (Buch)
9783668924093
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karriere, Tagespolitik, tagespolitisch, politisch, Politik, Sittenspiegel, edle Wilde, Domitian, De situ et moribus Germanorum, Agricola, Antike, Völkerkunde, Ethnographie, Historien, Trajan, libertas, Altertum, Historiograph, historiographisch, antik, antiker, Historiker, Geschichtsschreiber
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Zwischen "boni mores", Tagespolitik und Karrierekalkül. Eine Untersuchung über die Intentionen der Germania des Tacitus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463100

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