Warum sollte das Thema Tod im Sachunterricht behandelt werden?


Hausarbeit, 2014

13 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bedeutung des Todes
2.1 Tod aus medizinischer Sicht
2.2 Tod aus psychologischer Sicht
2.3 Tod aus religiöser Sicht

3. Tod- Tabuthema in unserer Gesellschaft ?
3.1 Gesellschaftliche Entwicklung des Themas Tod
3.2 Tod aus der Sicht von Kindern
3.3 Initiativen zur Aufhebung des Tabuthemas Tod- Die Hospizbewegung

4. Das Thema „Tod“ im Sachunterricht der Grundschule
Sachunterrichtsrelevante Aspekte des Themas Tod
Sachunterricht als „Korrektiv“ ?

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir begegnen dem Tod überall auf verschiedenste Weise. Die Medien berichten von Unfällen, Morden oder tragischen Krankheitsfällen. Dennoch ist im 21.Jahrhundert eine gesellschaftliche Verdrängung im Umgang mit thanatalen Phänomenen zu beobachten (vgl. Jennessen 2007, 7 zit. nach Jäger 2003, 34). Im Großteil der modernen Gesellschaft wird die Endlichkeit des menschlichen Lebens mit Furcht und Schmerzen assoziiert (vgl. Gudjons 1996, 7). Es fehlt eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Tod im Erwachsenenkreis und er ist somit auch ein Tabuthema im schulischen Leben geworden. Die Heranwachsenden werden aber dennoch mit dem Tod konfrontiert, ob im Fernsehen, mit dem Tod eines Haustiers oder von Großeltern. Wenn dann eine Aufklärung und Unterstützung im Familienkreis aufgrund der Tabuisierung ausbleibt und die Schule diesen elementaren Aspekt des Lebens ebenfalls nie aufgegriffen hat, stehen die Kinder mit meist für sie unerklärbaren Emotionen alleine (vgl. Daum 2003, 25ff). Der Sachunterricht hat sich zu einem seiner Ziele gesetzt „Schülerinnen und Schüler darin zu unterstützen, ihre natürliche, kulturelle, soziale und technische Umwelt sachbezogen zu verstehen, [...] sich darin zu orientieren, mitzuwirken und zu handeln“ (GDSU 2013, 9). Diesen Anspruch kann die Schule nicht gerecht werden, wenn die Vergänglichkeit des Lebens ignoriert wird. Man weiß heute, dass nicht die Kinder den Tod tabuisieren, sondern die Erwachsenen (vgl. Daum 2003, 25). Im Rahmen dieser Arbeit werden deshalb die Gründe dieser Tabuisierung untersucht, weshalb dieses Thema unbedingt in den Sachunterricht aufgenommen werden muss und inwieweit wir dieses Thema zunächst im schulischen Bereich und dann auch in der Gesellschaft enttabuisieren können. Hierfür soll zunächst versucht werden, das Thema Tod unter verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten. Darauf aufbauend wird die gesellschaftliche Problematik der Tabuisierung beleuchtet, bevor explizit die kindliche Sicht erläutert wird. Die Arbeit endet mit einem Bezug zum Sachunterricht in der Grundschule und der Frage, ob die Grundschule Kindern eine Basis für das Verstehen des Lebens als Ganzes ermöglicht.

2. Die Bedeutung des Todes

Der Tod ist nach dem Duden wie folgt definiert: Aufhören, Ende des Lebens, Augenblick des Aufhörens aller Lebensfunktionen eines Lebewesens.1 Schon mit dieser Definition ist zu erkennen, dass es weder allein rein biologisch-naturwissenschaftliche Beschreibungen gibt, noch dass sie frei von kulturellen Wertvorstellungen wären (vgl. Noack 2007, 18). Aus diesem Grund müssen drei Bereiche genauer betrachtet werden:

2.1 Tod aus medizinisch er Sicht

In der Medizin wird der Zeitpuntk des Todes eines Lebewesen mit dem Gesamthirntod gleichgesetzt. Man unterscheidet zwischen „Hirntod“ und „klinisch Tod“. Mit dem klinichem Tod wird der Zustand des Eintretens eines Atem- oder Herz- Kreislaufstillstandes verstanden, eine Reanimation ist noch möglich. Der Hirntod dagegen ist endgültig und bedeutet das irreversibele Aussetzen aller Funktionen des Gehirns (vgl. Noack 2007, 22). Seit 1986 gilt er deshalb in der Medizin als Definition des Begriffes Tod.2 Da aber trotz des Hirntodes die Kreislaufunktionen eines Menschen in unserer heutigen Gesellschaft aufrechterhalten werden können, gibt es ein neues Verständnis von Leben und Sterben und der Macht der Menschheit, diesem Phänomen entgegenzuwirken.

2.2 Tod aus psychologischer Sicht

Die psychologische Vorstellung von Tod ist vor dem Hintergrund der „mannigfachen Auswirkungen, die der Tod als imaginatives oder reales Ereignis auf das Verhalten und Erleben von Menschen hat“ (Ochsmann 1993, 13 zit. nach Ochsmann 1986) und der Trauer zu verstehen, wobei die Trauer den größeren gesellschaftlichen Aspekt beinhaltet. Allerdings etabliert sich der Verlust der Fähigkeit zu Trauern neben der Verdrängung des Todes als eine Problematik, die die Tabuisierung immer mehr verstärkt (vgl. Gudjons 1996, 9).

2.3 Tod aus religiöser Sicht

Der Tod hat in den Religionen eine zentrale Rolle als Teil des Lebens und Natur. Gerade in den monotheistischen Religionen fällt die Akzeptanz des Todes leichter, weil der Glaube der Existenz der Seele im Jenseits das Leben mit Sinn füllt und ein Leben nach dem Tod entscheidender ist als das Leben auf der Welt. Damit ist der religiöse Mensch immer in einer Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Leben danach. Wie sehr die Angst vor dem Tod dadurch verringert wird, ist sowohl vom Individuum als auch von der Gesellschaft abhängig (vgl. Ochsmann 1993, 87)

3. Tod- Tabuthema in unserer Gesellschaft ?

„Das Leben in der Industriegesellschaft wirkt so, als ob niemand stirbt“, so beschreibt es Mischke 1996 in ihrem Werk „Der Umgang mit dem Tod“. Damit wird die heutige „Ausgrenzung der Todesproblematik aus dem persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Leben“ (Jennessen 2007, 7) und die Nonakzeptanz dieses Naturgesetztes bezeichnet. Außerdem ist eine Aktualität des Konfliktes zwischen dem Bewusstsein der Endlichkeit der Existenz und des gleichzeitigen Dranges nach ewigem Leben zu erkennen (vgl. Iskenius-Emmler 1988, 13). Diese Tabuisierung thanatalen Gegebenheiten ist keine rein individuelle Angelegenheit, sondern stark gesellschaftlich geprägt (vgl. Feldman 1996, 26f).

3.1 Gesellschaftliche Entwicklung des Themas Tod

Mit der kulturellen Evolution hat sich die Vorstellung der Menschen über das Sterben, den Tod und dem Umgang mit der Trauer gewandelt. Zwar sind unterschiedliche Interpretationen über die derzeitige Auseinandersetzung mit der Todesproblematik vorhanden, dennoch sind einige ausschlaggebende Entwicklungen zu erkennen, die hier besonders anhand der Ausarbeitungen Sven Jennessens in seinem Werk „Manchmal muss man an den Tod denken...“ (2007, 9ff) dargestellt werden. Säkularisierung, die Verweltlichung des Lebens ist ein wichtiger Wandel, der zur „Veränderung des Todesverständnisses in unserer Gesellschaft beigetragen hat“ (9). Die Unabhängigkeit der Menschen von der Kirche, die permanent in Auseinandersetzung mit der Thanatologie war, führt dazu, dass jedes Individuum nun für sich selbst seine Beschäftigungsmethode mit dem Tod finden muss. Daraus resultiert unmittelbar, wie Jennessen sagt, die „Betrachtung des Todes als Erzfeind des Menschen“ (9), denn bei dem Versuch, das Leben in vollen Zügen zu genießen, ist der Tod ein Störfaktor. Rituale, die stark mit der Religiosität verbunden sind, werden heute ebenfalls widerrufen. Doch gerade diese Rituale bieten Orientierung, Sicherheit und einen Zeitpunkt der Verarbeitung von Emotionen (Wilkening 1998, 16). Unsicherheit ist immer stark mit Ängsten verknüpft. Die Unsicherheit im Umgang mit der Sterblichkeit führt deshalb zur Ausgrenzung des Themas sowohl aus dem gesellschaftlichen als auch aus dem privaten Leben (vgl. 10). Die soziale Umstrukturierung ist ein weiterer Grund für die weitgehende Tabuisierung der Thematik. Damit ist unter anderem der Geburtenrückgang und somit die Veränderung der Familienstrukturen von Großfamilien zu Kleinfamilien und „die Trennung der Generationen“ (10) gemeint. Die Familienmitglieder sind nicht mehr unmittelbar mit einem Sterbenden und seiner Pflege konfrontiert. Die mangelnde Präsenz des Todes führt zur Verdrängung einer eigentlichen Normalität. Auch die Verbesserung der Lebenserwartung durch diverse Entwicklungen führt dazu, dass uns der Tod sehr weit entfernt scheint. Die verdrängte Todesangst allerding führt zur Lebensangst, wie Gudjons in seinem Artikel „Der Verlust des Todes in der Modernen Gesellschaft“ darstellt (Gudjons 1996). Die Institutionalisierung markiert eine weitere gesellschaftliche Entwicklung, die in unserer heutigen Gesellschaft die Desintegration des Todes aus dem Leben bewirkt. Wenn vor 100 Jahren noch 5 Prozent der Menschen in Krankenhäusern starben, beträgt der Anteil heute fast 90 Prozent (Mischke 1996, 222). Im heutigen Zeitalter sind vielfältige Institutionen und Einrichtungen entstanden, die den Tod aus dem sozialen und gesellschaftlichen Leben isolieren. Beispiele sind Pflege- oder Seniorenheime sowie zahlreiche Kliniken. Einer der Gründe hierfür ist die veränderte Arbeits- und Lebensstruktur des Einzelnen. „Die Pflege und Betreuung eines Angehörigen bis zu seinem Tod [bedeutet] einen enormen physischen, psychischen, finanziellen und organisatorischen Aufwand“ (12).

Neben der Betrachtung der Belastung spielen auch die Angst und der Schutz vor der Konfrontation mit dem Sterben und dem Tod eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt ist der medizinische Fortschritt für den Glauben an die Unsterblichkeit und der Vorstellung des Todes als eine Krankheit verantwortlich. Die Macht der Medizin und die Idee der Bekämpfung des Todes (vgl. Wilkening 1998, 12) haben unmittelbare Auswirkungen auf die Vorstellung des Todes im 21.Jahrhundert. Jennessen beschreibt die „Wechselwirkung der gesellschaftlichen Institutionalisierung des Sterbens“ (13, Abb. 1) als immer fortlaufende Spirale in der sich die Menschheit befindet. Nach Jennessen beginnt sie mit der Furcht vor der Begegnung mit einem Sterbenden, geht über zur radikalen Ausgrenzung dieses wichtigen Teils des Lebens und führt letztendlich zur Verlagerung des Sterbens in Institutionen. Das Sterben und der Tod sei somit eine eigene Insel und nicht Bestand des Lebens. Die Menschen vergäßen damit, dass das Leben den Tod bereits beinhaltet und dessen Desintegration ein verfälschtes Bild vom Leben herausstelle. Kinder werden in so eine Gesellschaft hineingeboren und lernen Emotionen, die den Tod betreffen, zu verdrängen. Eine Tabuisierung wird somit von Generation zu Generationen weitergetragen (vgl. Jennessen 2007, 14ff).

3.2 Tod aus der Sicht von Kindern

Die oben ausgeführten gesellschaftlichen Entwicklungen haben einen direkten Einfluss auf die kindliche Entfaltung. Die Kinder heutzutage erleben viel weniger den Tod eines Familienangehörigen im vertrauten Kreis als Heranwachsende im 19.Jahrhundert (vgl. Iskenius-Emmler 1988, 145). Die unmittelbare Konfrontation bleibt so zum größten Teil aus, sollte aber nicht die Beschäftigung mit dieser Thematik beeinträchtigen. Eltern versuchen ihre Kinder oft vor todbezogenen Problemen zu beschützen oder verschönern den Tod. Die Gründe dafür sind recht unterschiedlich. Zum einen haben sie selbst Angst vor einer Konfrontation und wissen nicht wie sie damit umzugehen haben. Zum Anderen etablieren sich Selbstschutzmechanismen im Bezug auf den Kontakt zu Sterbenden und Toten, die sich in der Interaktion mit den Kindern widerspiegeln, angesichts der Angst, Kinder in Berührung mit etwas Schrecklichem zu bringen (vgl. Daum 2003, 25). Dabei werden Kinder etwa von Beerdigungen oder der familiären Trauer ausgegrenzt (vgl. Wilkening 1998, 88). Doch Kinder begegnen dem Tod in verschiedenster Weise, nicht zuletzt auch durch die breite Darstellung in der Medienwelt in Form von Serien, Filmen und Nachrichten. Nicht die Kinder tabuisieren den Tod, sondern die Erwachsenen (vgl. Daum 2003 ,25). Dabei gehen Kinder im Gegensatz zu den Erwachsenen viel offener damit um, als man ihnen zutraut (vgl. Krause 2013, 13). Sie spüren sehr wohl die Angst, Unsicherheit und Trauer der Erwachsenen, auch wenn sie diese nicht genau zuordnen können (vgl. Daum 2003, 25; vgl. Jennessen 2007, 14). Trotz der fehlenden Beihilfe seitens der Bezugspersonen haben Heranwachsende durchaus eine Vorstellung vom Tod. Diesbezüglich orientiert man sich stark am entwicklungspsychologischen Phasenkonzept von Jean Piaget, der die Auffassung von Tod vom Alter und der kognitiven Entwicklung abhängig machte. Dennoch ist diese Vorstellung nicht allgegenwärtig und auch nicht zu pauschalisieren (vgl. Krause 2013, 15). Kinder konstruieren ihre Welt durch subjektive Erfahrungen und haben dadurch auch eine individuelle Auffassung von Tod und Sterben. Das Bild von Tod und Sterben wird durch das familiäre, schulische, soziale, kulturelle und auch religiöse Umfeld bestimmt (vgl. Daum 2003, 26 zit. nach Feldmann 1997). Die Entwicklungspsychologie leistet aber durchaus einen Beitrag, wenn es darum geht, die kognitive Entwicklung eines Kindes zu begreifen und eine Orientierung zu bieten. Stark vereinfacht und unabhängig vom genauen Alter kann man zusammenfassen (vgl. Daum 2003, 26; Krause 2013, 15f): Zunächst können Kinder die Begrifflichkeiten Tod und Sterben in ihrer Auswirkung nicht begreifen. Auch die Irreversibilität des Todes wird nicht realisiert. Mit dem Beginn des Vorschulalters entwickelt sich eine wirklichkeitsnähere Vorstellung von Tod, bevor der Tod dann als unwiderruflich verstanden wird. Das Interesse besonders im Grundschulalter ist groß und Kinder scheuen sich nicht Friedhöfe zu besuchen oder einen offenen Sarg zu beobachten. Sie wollen die Welt und das Leben entdecken. Mit zunehmendem Alter werden äußere Einflüsse größer und die Erwachsenen- Normalität, sprich die Tabuisierung, wird übernommen. Die Vorstellung vom Tod spiegelt sich auch in ihrer kindlichen Form des Trauerns wieder. „Kinder trauern, aber sie trauern anders“ (Daum 2003, 26). Da sie vieles nicht genau zu ordnen, verläuft die Trauer auch sprunghaft. Das Trauern der Kinder steht dabei im Zusammenhang mit dem Trauern der Erwachsenen. Kinder brauchen in dieser Phase Unterstützung, Verständnis für die Verarbeitung eines Verlustes und Aufklärung. Die Vermeidung dieser wichtigen Aufgabe kann starke Unsicherheiten und Aufarbeitungsprobleme hervorrufen, die bis hin zu neurotischen Fehlentwicklungen führt (vgl. Jennessen 2007, 15f).

[...]


1 https://www.duden.de/rechtschreibung/Tod

2 Dritte Fortschreibung der „Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes“ des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer vom 9. Mai 1997

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Warum sollte das Thema Tod im Sachunterricht behandelt werden?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V463116
ISBN (eBook)
9783668917064
ISBN (Buch)
9783668917071
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tod, sachunterricht, grundschule, tabu, thema, kinder, sterben, sensibilisieren, perspektivrahmen
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Warum sollte das Thema Tod im Sachunterricht behandelt werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463116

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