Tragik und Grausamkeit menschlichen Handelns. Analyse der Novelle „El Verdugo“ von Honoré de Balzac


Hausarbeit, 2018

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Einordnung
2.1. Realismus in ‚El Verdugo‘
2.2. ‚El Verdugo‘ als Teil der Comédie Humaine

3. Analyse der Novelle
3.1. Analyse der Handlungsstruktur ihre Bedeutung
3.2. Analyse der Chronotopoi und deren Bedeutung
3.3. Figurengestaltung und ihre Bedeutung
3.3.1. Thematische Relevanz der Namen
3.3.2. Mögliche Parallelisierung der Figuren Victor und Juanito und die Figuren als Träger von Wertekonflikten
3.4. Techniken des narrativen Diskurses und deren thematisch Relevanz

4. Systematisierung der Analyseergebnisse

5. Bibliographie.

1. Einleitung

„La Société Française allait être l’historien, je ne devais être que le secrétaire.“1 So lautet es in Balzacs avant-propos seiner Comédie Humaine, mit der letztendlich nicht die französische Gesellschaft, sondern er selbst in die Geschichte der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts eingeht. Mit seinen Worten greift er dabei nicht nur seinen bis dato nicht bewussten Erfolg des Werks voraus, sondern weist auch schon auf eine sehr allgemeine Art und Weise darauf hin, welche Inhalte seine Leser erwarten werden: Darstellungen der zeitgenössischen Gesellschaft.

In der folgenden Arbeit soll Honoré de Balzacs Gesamtwerk mit seinen Inhalten, Charakteristika und einer Einordnung in die Literaturepoche des Realismus kurz genauer vorgestellt werden, denn auch die Novelle ‚El Verdugo‘, auf der anschließend das Hauptaugenmerk liegen soll, ist Teil der Comédie Humaine. Ziel wird es sein, eine mögliche Deutung der kurzen Geschichte darzulegen, indem verschiedene Thesen ausführlich herausgearbeitet und diskutiert werden. Während dieses Deutungsteils der Arbeit werden von Genette geprägte Begrifflichkeiten zur Analyse der Handlungs- und Diskursebene immer wieder auftauchen. Vor allem in Anlehnung an Forschungsarbeiten von Janet L. Beizer (1983) und Owen Heathcote (2006), die die Novelle ‚El Verdugo‘ bereits in detaillierter Weise betrachtet haben, soll demnach anhand von Genettes Kategorien zunächst die histoire- Ebene mit der Charakterisierung der Handlungsstruktur, der Figurengestaltung und der Rolle des Chronotopos genauer analysiert werden. Dies soll vor allem vor dem Hintergrund der Darstellung von Tragik und Grausamkeit in der Novelle geschehen. Anschließend werden auf der histoire- Ebene Techniken des narrativen Diskurses dargestellt und deren thematische Relevanz sowie deren Beitrag zur Wirkungsästhetik erläutert. Wenngleich in der Gliederung der Arbeit formal eine Trennung der beiden Ebenen stattfindet, ist der wechselseitige Bezug von einer auf die andere Ebene für die Interpretation wichtig und wird somit immer wieder stattfinden, um einen möglichst umfassenden Einblick in die Welt der Novelle zu bekommen.

Im finalen Teil der Arbeit sollen die wichtigsten Analyseergebnisse noch einmal systematisiert und zusammengefasst werden, ohne dabei ein endgültiges Ende der Interpretation dieses Werks von Honoré de Balzac zu markieren. Dementsprechend sollen aufgestellte Thesen auf jeden Fall zur weiteren Diskussion anregen.

2. Einordnung

2.1. Realismus in ‚El Verdugo‘

Die für diese Arbeit vorliegende Novelle ‚El Verdugo‘ ist mit dem Jahr 1829 datiert und schließlich im Jahre 1830 in der Comédie Humaine erschienen.2 Damit liegt die Novelle in der Zeit des Realismus, der hier als Epochenbegriff der französischen Literaturgeschichte zwischen den Jahren 1830 und 1870 zu verstehen ist.3 Obwohl sich die klare Abgrenzung literarischer Epochen stets schwierig gestaltet und die Zeit der Romantik somit durchaus mit den Anfängen des Realismus verschwimmt, so schaffen die grundlegenden Prinzipien des Realismus genau zu denen der Romantik einen Kontrast. Sie widersetzen sich dementsprechend idealisierenden Darstellungen und im realistischen Schreiben vermied man vor allem das Ausschmücken mit dekorativen und exotischen Elementen.4 Stattdessen war das Ziel eine möglichst umfassende, fiktive Darstellung der zeitgenössischen Gesellschaft und ihrer Realität in allen Lebensbereichen, darunter vor allem Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.5 Insbesondere mit Blick auf die vorliegende Novelle ist wichtig und ersichtlich, dass kein Thema und auch keine gesellschaftliche Schicht einem Tabu unterliegt: Selbst „[…] [das] [furchtbare] Widerspiel in den Zurüstungen für die Hinrichtung der Familie Léganès […]“ überrascht den Leser der realistischen Novellen und Romane nicht.6 Durch diese beispielhaft realistische Abbildung von Grausamkeit kommt hier der „goût pour le sombre et l’invraisemblable“7 sehr gut zum Vorschein.

Ein weiterer zentraler Punkt, der für ‚El Verdugo‘ als Novelle des Realismus zutrifft, ist die Auswahl der Figuren, die stets stellvertretend ein gesellschaftliches Milieu verkörpern.8 Obwohl Honoré de Balzac dafür gesorgt hat, möglichst alle Typen der unterschiedlichen sozialen Schichten mit ihren verschiedenen Berufen mit in seine Geschichten zu integrieren, finden wir in den Figuren der Familie Léganès die typischen Repräsentanten des Adels gegenüber Victor Marchand als Militär und Sohn eines einfachen und kleinbürgerlichen Lebensmittelhändlers wieder. Solche Figuren finden bei der Betrachtung aller Figuren seines Gesamtwerks eindeutig häufiger den Eingang in die Novellen und Romane.9 Seine „espèces sociales“10, wie er es selbst 1842 in seinem avant-propos formuliert, werden stets von ihrer Umgebung und der zeitgenössischen Gesellschaft geformt und stellen somit ganz nach realistischem Vorbild einen authentisch wirkenden Ausschnitt aus der Gesamtgesellschaft dar.11 In einem späteren Teil dieser Arbeit werden wir speziell in ‚El Verdugo‘ sehen, inwieweit Balzac dies durch die Verfahren der Darstellung seiner Figuren gelingt.

2.2. ‚El Verdugo‘ als Teil der Comédie Humaine

Balzacs Comédie Humaine wurde erst im Jahre 1842 mit ihrem Namen versehen, um die Anlehnung an Dante Alighieris Divina Commedia zu schaffen und dennoch mit diesseitigen Geschichten zu Dantes Jenseits einen Kontrast zu bilden.12 Das Gesamtwerk ist untergliedert in drei ungleichgroße Teile, die nicht alle zum selben Zeitpunkt veröffentlicht wurden. In seinem ersten Teil der Études de mœurs, der wiederum aus sechs Kapiteln besteht, soll eine Schilderung verschiedener Stadien des Lebens stattfinden.13 Balzac begründet seine Unterteilung im avant-propos mit der bereits im vorherigen Kapitel herausgearbeiteten Tatsache, dass die Beschreibung von so vielen verschiedenen Charakteren einen zusätzlichen Rahmen forderten.14 In den darauffolgenden Études philosophiques sollen die Ursachen der zuvor gemachten Beobachtungen aufgezeigt werden.15 Balzacs Worten im avant-propos zufolge beinhalten sie zahlreiche Komödien und Tragödien und eine dieser Tragödien stellt die Novelle ‚El Verdugo‘ dar. Sein dritter Teil der Comédie Humaine, die Études analytiques, sollten die Anatomie, also die Prinzipien des sozialen Lebens beinhalten und diese diskutieren und analysieren.16 Doch wird es in diesem Teil nur eine von fünf Geschichten geben, und auch im Allgemeinen erscheinen von seinen ursprünglich 137 geplanten Werken letztendlich nur 91.17 Geschickt hat Honoré de Balzac jedoch sowohl auf der Ebene des Gesamtwerks als auch häufig in den einzelnen Novellen und Romanen die im Realismus typische Dreiheit von Beobachtung, Analyse und Kritik integriert.18

3. Analyse der Novelle

3.1. Analyse der Handlungsstruktur ihre Bedeutung

Im vorangehenden Kapitel wurde in Bezug auf die Inhalte der Études philosophiques die Novelle ‚El Verdugo‘ ohne weitere Begründung der Rubrik der Tragödien zugeordnet. Dies ist nicht nur auf die offensichtlich tragische Begebenheit eines Sohnes, der seine Familie umbringen muss, zurückzuführen, sondern auch im Sinne der Tragödie nach Aristoteles zu verstehen. Obwohl kein Drama im engen Sinne vorliegt, decken sich trotzdem zahlreiche Aspekte: Die Handlungen der Figuren, insbesondere die Hinrichtung der Familie Léganès durch ihren eigenen Sohn, rufen beim Leser Eleos und Phobos hervor. In der Regel wird dies mit ‚Jammer und Schaudern‘ übersetzt und soll beim Leser die Katharsis, also eine Reinigung, bewirken. Die klassische Tragödie nach Aristoteles ist zudem durch einen Wendepunkt geprägt, der in sich in einem Umschlag von Glück ins Unglück manifestiert.19 Die Peripetie im Handlungsverlauf der Novelle ist durch den Ausbruch des spanischen Aufstands in Menda und die auf dem Ozean anrückende englische Unterstützung markiert. Victor Marchand, der junge Militär, unter dessen Aufsicht die spanische Kleinstadt eigentlich steht, kommt jedoch kurz darauf zur Erkenntnis der Ernsthaftigkeit der Lage: Die Bewusstwerdung zeigt sich zunächst in seiner Sorge um Schutzlosigkeit: „Il était sans épée.“20 Marchand könne zudem als Verräter gelten und sieht sich bereits vom General entehrt, dem er kurz darauf verzweifelt sein Geständnis abgibt.21 Dieses Element ist mit der Anagnorisis nach Aristoteles parallelzusetzen.22 Peripetie und Anagnorisis finden hier zudem ganz nach dem Vorbild der Definition für den Idealfall der aristotelischen Tragödie nahezu gleichzeitig statt.23

Bei der Betrachtung der Handlungsführung und ihren Auswirkungen auf den Leser lässt sich außerdem eine Zweiteilung der Geschichte diskutieren. Der Paratext des Titels ‚El Verdugo‘, die spanische Übersetzung für ‚der Henker‘, wirkt in diesem Fall indirekt lektüresteuernd, indem der Fokus auf den Verwandtenmord Juanitos im zweiten Teil der Geschichte gelegt wird. Es entsteht zunächst der Eindruck, dass der erste Teil somit zwar als Hintergrundinformation für den Verlauf der Handlung dient, aber sonst keine weitere wichtige Rolle spielt. Dieses Gefühl wird zusätzlich durch die zunehmende Zeitdehnung mit dem Fokus auf der Hinrichtung im zweiten Teil der Handlung bestärkt.24 Bei genauerer Betrachtung finden sich jedoch zahlreiche nicht auszulassende Zusammenhänge, die durch beliebte Techniken Balzacs realisiert werden: Beispielsweise wird die wichtige Rolle Claras bereits in der anfänglichen Beschreibung der Natur, die sie verkörpert, antizipiert. Wieso Juanitos Schwester vor allem als Bindeglied zwischen ihm und Victor so bedeutend ist, soll im späteren Teil über die Figurenkonstellation der Novelle näher betrachtet werden. Trotz der indirekten Steuerung des Lesers gewinnt der erste Teil der Novelle jedoch dahingehend an Bedeutung, als dass mehrere solcher Antizipationen stattfinden, die nicht nur expositorisch wirken, sondern für den weiteren Verlauf der Handlung wesentlich sind.

[...]


1 Honoré de Balzac: La Comédie Humaine. Etudes de mœurs : Scènes de la vie privée, I, Paris, Gallimard 1956, 7.

2 Cf. Karl Maurer: „Das Schreckliche im Roman und die Tragödie“, in: Honoré de Balzac, Hans-Ulrich Gumbrecht/Karlheinz Stierle/Rainer Warning (Hrsg.), München, Wilhelm Fink Verlag 1980, 237.

3 Cf. Uwe Dethloff: Französischer Realismus, Stuttgart, Metzler 1997, 11.

4 Cf. Ibid.

5 Cf. Ibid, 12.

6 Cf. Ibid.

7 Alice M. Killen: Le Roman Terrifiant ou Roman Noir de Walpole à Anne Radcliffe et son influence sur la littérature française jusqu’en 1840, Paris, Librairie Honoré Champion 1967, 179.

8 Cf. Dethloff: op. cit., 12.

9 Cf. Erich Köhler: Vorlesungen zur Geschichte der Französischen Literatur. Das 19. Jahrhundert. 2, Stuttgart: Kohlhammer 1987, 41.

10 De Balzac: op. cit., 4.

11 Cf. Dethloff: op. cit., 114.

12 Cf. Köhler: op. cit., 37.

13 Cf. Hans-Joachim Müller: Der Roman des Realismus-Naturalismus in Frankreich. Eine erkenntnistheoretische Studie, Wiesbaden: Athenaion 1977, 10.

14 Cf. De Balzac: op. cit., 13sq.

15 Cf. Müller: op. cit.

16 Cf. Dominique Vachey: Balzac: La Comédie Humaine. Textes, commentaires et guides d’analyse, Paris, Nathan 1984, 8.

17 Cf. Köhler: op. cit., 44.

18 Cf. Müller: op. cit., 17.

19 Cf. Aristoteles/Manfred Fuhrmann: Poetik. Griechisch/Deutsch, Stuttgart, Reclam 1997, 35.

20 Honoré de Balzac: „El Verdugo“, in: La Comédie humaine IX. Etudes philosophiques, I, Marcel Bouteron (Hrsg.), Paris, Gallimard 1970, 869.

21 Cf. Ibid.

22 Cf. Aristoteles/Fuhrmann: op. cit.

23 Cf. Ibid.

24 Janet L. Beizer: „Victor Marchand: The Narrator as Story Seller Balzac’s ‘El Verdugo’”, in: NOVEL: A Forum on Fiction, Vol. 17, No. 1, Edward Bloom/Mark Spilka/Roger B. Henkle et al. (Hrsg.), Durham, Duke University Press 1983, 46.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Tragik und Grausamkeit menschlichen Handelns. Analyse der Novelle „El Verdugo“ von Honoré de Balzac
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V463172
ISBN (eBook)
9783668922464
ISBN (Buch)
9783668922471
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Französisch, Honoré de Balzac, El Verdugo, Novelle, Realismus, Naturalismus
Arbeit zitieren
Valentina Fabris (Autor), 2018, Tragik und Grausamkeit menschlichen Handelns. Analyse der Novelle „El Verdugo“ von Honoré de Balzac, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463172

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