Wahre Liebe oder Bluff? Selbstfindung durch Liebe


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Liebe?

3. Individuen in der Gesellschaft

4. Selbstfindung durch Liebe
4.1 Liebe in der Gesellschaft
4.2 Liebe in der Partnerschaft
4.3 Das Spiel mit der Liebe

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Sie sind auf der ständigen Suche nach sich selbst und möchten gerne so viel wie möglich über ihre Umwelt erfahren. Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie erreiche ich meine Ziele? Wer soll mich begleiten?

Die Liebe nimmt einen hohen Stellenwert in unserem Alltag ein, denn sie ist allgegenwärtig. Wir werden überall mit ihr konfrontiert. Mama und Papa sagen mindestens einmal am Tag ‚Ich liebe dich‘, die Schwester; der Bruder; das Kind befindet sich aktuell in einer neuen, romantischen Liebesbeziehung. In den Nachrichten wird der neuste Stand der Promibeziehungen bekannt gemacht, im Fernseh laufen Verkupplungsserien, auf dem Weg zur Arbeit stehen Paare an der Bushaltestelle, die Händchen halten, am Flughafen oder Bahnhof halten sich zwei Liebende in den Armen und trauern um den bevorstehenden Abschied. In den sozialen Medien werden Bilder und Texte gepostet, die ein glückliches Liebespärchen, oder deren Trennung bezeugen. Sogar in Zeitschriften und Magazinen kann man immer wieder über die Liebe lesen. Im Radio werden ständig Lovesongs gespielt und der neuste literarische Bestseller handelt von einer Liebesbeziehung mit extremen Vorlieben.

Doch was ist Liebe? Warum ist sie so allgegenwärtig und so mächtig? Ist sie wichtig für mich als Person? Kann ich auch ohne Liebe leben? All das sind Fragen, mit denen sich Individuen auseinandersetzen. In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, wie die Gesellschaft durch Liebe beeinflusst wird, und ob die Liebe den Menschen ergreifen und bestimmen kann.

Zunächst muss geklärt werden, was die Liebe ist. Hervorgehoben werden hier zwei Werke Luhmanns, der das „Kommunikationsmedium Liebe [als einen] symbolische[n] Code“1, beschreibt, mit dem Versuch, „das Unwahrscheinliche […] zu ermöglichen“2. Im Anschluss werden die Individuen und ihre Umwelt betrachtet. Die Frage nach der Bedeutung und Essenz der Liebe für die Gesellschaft, und spezieller in einer Partnerschaft, werden erläutert. Ziel der Arbeit ist es, herauszufinden, ob, und wenn ja, wie die Liebe den Menschen verändern kann. Muss dabei ein bestimmtes Muster verfolgt werden? Gibt es Unterschiede der Individuen im Umgang mit Liebe? Abschließend werden im Fazit eine Auswertung der Ergebnisse des Zusammenhangs der Gesellschaft mit dem Thema Liebe dargelegt

2. Was ist Liebe?

Jeder empfindet und beschreibt Liebe anders. Sie ist individuell, muss aber mehr sein, als ein subjektives Gefühl. Luhmann bezeichnet die Liebe als einen Kommunikationstypen, der bestimmte Merkmale aufweist, welche bei Gelingen die Menschen anregen, analoge Gefühle auszubilden.3

Das bedeutet, Liebe ist nicht statisch, sondern verändert sich mit ihrer Gesellschaft. Beobachtungen ermöglichen, Anzeichen von Liebe zu analysieren und interpretieren, und auf ihr Gelingen/Misslingen hin zu untersuchen. Diverse Zusammenhänge lassen sich nur dann herstellen, wenn Verhältnisse reflektiert und miteinander verknüpft werden. Nun entsteht „der Bedarf für einen [Kommunikations-] Code“4, um sich selbst und sein persönliches Empfinden zum Ausdruck zu bringen. Man kann über die Liebe sprechen, schreiben, philosophieren, sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede über ihre Auswirkungen herausarbeiten. „Die jeweilige Mythologie der Liebe kann uns daher einen Zugang eröffnen für das Verständnis des Verhältnisses von Kommunikationsmedium und Gesellschaftsstruktur.“5 Symbolisch aufgeladene Zeichen ermöglichen den Ausdruck des Unsichtbaren und Intrinsischen in die reale Welt.6 Sie ermöglichen die Versprachlichung von Gefühlen und Emotionen. Die Menschen können sich ihrer Umwelt mitteilen.

Liebe bietet, wonach sich Menschen sehnen: einen ‚Fels in der Brandung‘. Jemanden, der einem Schutz, Bestätigung, Verständnis, Unterstützung und Geborgenheit bietet. Als höchster Ausdruck der Liebe gilt die Ehe, eine sozialisierte Institution. Nachdem man diesen Punkt erreicht hat, so Luhmann, geht es mit der Liebe nur noch bergab. Er beschreibt die Ehe als Symbol, sich nicht mehr lieben; nicht mehr um den Partner bemühen zu müssen, und weist darauf hin, dass die Instabilität einer Beziehung durch die Ehe nicht geschützt sei.7 In einer Beziehung gibt es immer Heimlichkeiten, die dem Partner verschwiegen werden. Erfahrungen und Geheimnisse, wie Seitensprünge, kuriose Hobbies, Besorgnisse, oder finanzielle Angelegenheiten bleiben dem Gegenüber manchmal ewig verborgen. Dies geschieht, um den Partner vor Beunruhigungen, Wut, Angst, Schmerz oder Sorgen zu schützen.8 Eng verbunden mit der Ehe, ist in einigen Fällen die Scheidung. Sie „scheint weniger bedrohlich, als sich selber, die eigenen Wünsche, aufzugeben.“9 Das Ziel der Scheidung ist es, sich von dem Partner zu distanzieren, weniger abhängig zu sein und die eigene Identität durch Isolation wiederherzustellen. Sie dient dem Zweck der „Selbstbehauptung und Selbsterhaltung“.10 Dieser Egozentrismus verleitet den Menschen dazu, alles, was seinen Erwartungen an die Zukunft im Weg steht, zu eliminieren, denn der Scheidungspartner scheint diese Bestrebungen nicht länger erfüllen zu können.

Werte, wie Liebe oder Ehe, sind menschliche Erfindungen, um Ordnung in der Welt zu schaffen.

[D]ie Medien selbst sind nicht diese Sachverhalte; sondern […] Kommunikationsanweisungen […]. In diesem Sinne ist das Medium Liebe selbst kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen […] kann, […] wenn entsprechende Kommunikation realisiert wird.11

Menschen glauben an die Liebe, um ihrem Leben einen Sinn zu geben und Halt zu finden.12

3. Individuen in der Gesellschaft

Das ganze Leben besteht aus Regeln, Gesetzen und Normvorschriften, nach denen man sich zum Wohle der Gesellschaft richten und an die man sich halten sollte. Es gibt vorgefertigte Wege und Bahnen, die einschlagen werden können, um ein Zwischenziel zu erreichen. Diese Strukturen sind gleichermaßen einschränkend wie individuell. Nicht jeder schafft trotz gleichem Lehrplan und derselben Unterrichtsgestaltung den gleichen Abschluss, nicht jeder erzielt gleiche Ergebnisse in einem Einstellungstest oder Vorstellungsgespräch. Die Entwicklung geschieht individuell, wenngleich der grobe Start ins Leben bereits durch diverse Behörden, Institutionen und Organisationen festgelegt wurde.13 Jeder möchte individuell sein, muss sich aber gleichzeitig anpassen, um erfolgreich in der Gesellschaft integriert zu werden.

Es ist schwierig sich von den anderen abzugrenzen, wenn erst herausgefunden werden muss, wer man ‚wirklich‘ ist. Es gibt verschiedenste Identitätsfindungsangebote und Chancen14. Dabei werden Gruppierungen und Kategorien eröffnet, in welche man sich einordnen kann. Sie werden genutzt, um sich selbst zu entdecken, oder aber auch, um das Selbstbild bestätigt zu finden. Menschen leben in einer gebunden Freiheit, was bedeutet, dass sie ihr Leben, nach ihren eigenen Wünschen und Vorlieben, selbst gestalten können, solange sie sich dabei an die Regeln und Vorstellungen der sozialen Gemeinschaft halten. Von Bankmitarbeitern wird beispielsweise gefordert, sich in einem Anzug oder einem anderen vergleichbar schicken Outfit zu präsentieren, da dies Autorität und Kompetenz ausstrahlt. Wer beim Sporttreiben einen Wintermantel trägt, wird schief angeschaut. Auf Wohltätigkeitsveranstaltungen oder Galen wird eine Abendgarderobe vorausgesetzt, während im Schwimmbad Badeklamotten anzuziehen sind. Schon die Kinder werden durch ihre Vorbilder zur Eigenständigkeit erzogen. Sie sollen selbstständig und eigenverantwortlich handeln.

Gesellschaften und Rollenbilder sind nicht unumstößlich, wir können sie aktiv beeinflussen und verändern. Die ständige und andauernde Auseinandersetzung mit der Selbstfindung und Neufindung der eigenen Person fördert zwar eine „gelingende[] Sozialisation“15, wird aber von Prisching als „virulente[s] Problem“16 unserer aktuellen Gesellschaft bezeichnet. Er verbindet damit die vorherrschende Komplexität, die zunehmende Herausforderung und die daraus resultierende Identitätsfindungskrise, da durch Selbstreflexivität ein enormer Zeitaufwand von Nöten ist, bei welchem das Individuum ausschließlich auf sich selbst fokussiert ist und somit andere Tätigkeiten vernachlässigt. Das soziale Umfeld eines Jeden besteht aus vielen Komponenten. Jede einzelne Facette des Lebens muss reflektiert und überdacht werden. Wie möchte man sich darstellen und in Szene setzen?

Jeder Mensch ist ein Teil der Gesellschaft. Einzelne möchten sich aus ebendieser Masse absondern und als Individuum realisiert werden. Sie möchten einzigartig und keine Nachahmungen oder Ebenbilder anderer sein. Dieses Vorhaben fordert Willensstärke und Ehrgeiz. Sie unterliegen dem Bedarf sich mitzuteilen, gesehen zu werden und durch Andere (soziale) Bestätigung zu finden. Dazu müssen selbstständig und aktiv Kommunikationsbasen eröffnet und gefördert werden. Menschen knüpfen Beziehungen nur, um daraus einen (gegenseitigen) Nutzen zu ziehen. „Freundschaften sind zugleich Selbstcharakterisierungen für die Öffentlichkeit.“17 Die Umwelt bietet ihnen dabei genügend Identifikationsangebote.

4. Selbstfindung durch Liebe

4.1 Liebe in der Gesellschaft

Durch die Globalisierung und sich stetig weiterentwickelnden Medien, besteht die Möglichkeit, dass zunehmend mehr Menschen, mit verschiedenen Nationalitäten, Kulturen und Bräuchen, miteinander in Kontakt treten können. Ansichten, Wertevorstellungen und Gewohnheiten werden durch „zwischenmenschliche Interpenetrationen“18 multipler und komplexer. Freundschaften könnte man oft eher als Bekanntschaften bezeichnen und diese sind meist nutzenorientiert. Pflegt man ‚gute Kontakte‘, kann es vorkommen, dass manche Aufgaben und Schwierigkeiten im Alltag flexibler und schneller gelöst werden können.

Nicht jeder liebt auf die gleiche Weise und gewiss nicht die gleichen Dinge. Liebe ist immer subjektiv und individuell. Sie „wird eine Leerformel, die die Liebenden selbst zu füllen haben.“19 Menschen brauchen etwas, worum sie sich kümmern und was sie beschützen können, damit sie sich in der Welt gebraucht fühlen. Sie benötigen einen „Endzweck“20. Den finden sie in einer Partnerschaft, in der Fürsorge und Zuwendung für das eigene Kind, oder in anderen subjektiven Lebensweltbereicherungen. Sie grenzen sich von der Gesellschaft ab und schaffen durch ihre Nähe Intimität. Liebende investieren Zeit und sammeln persönliche Erfahrungen miteinander, die sie verbindet, und auf welche sie sich den Rest ihres Lebens beziehen können. Sie entwickeln ihren eigenen Code, ein einzigartiges Beziehungssystem, schaffen eine gemeinsame Umwelt und ein besonderes Gefühl der Wir-Verbundenheit. Je mehr gemeinschaftliche Erfahrungen und Entwicklungen gemeinsam erlebt werden, desto stärker wächst das Band des Vertrauens. Dieses ist schwierig aufzubauen, aber einfach zu zerstören. Wird das Vertrauen einmal gebrochen, so bleibt die Angst des Missbrauchs immerwährend (wenn auch nur unterbewusst im Hintergrund) bestehen. Grenzen werden kontinuierlich überschritten, gebrochen, verschoben und neu gesetzt.

Durch die Kommunikation mit unserer Umwelt überprüfen wir unser Selbstbild. Wie werde ich von meinen Mitmenschen wahrgenommen? Was muss getan werden, um bei den anderen das gewünschte Ansehen oder eine bestimmte Einschätzung zu erhalten? Durch den Umgang miteinander lernt man sich selbst besser kennen. Bewusste Filter, wie Betonung oder Verschleierung; Hervorhebungen und Vernachlässigungen gewisser Bereiche, werden eingesetzt. Die Selbstthematisierung als mediale Inszenierung ist für die Persönlichkeitsentwicklung heutzutage zusätzlich wichtig, da hierdurch das private Umfeld für wichtig empfunden und geliebt wird. „Individuen sind bereit, relativ hart zu arbeiten, solang[e] sie das Gefühl haben, dass diese Tätigkeit zu ihrer Identität beiträgt.“21

Die Gesellschaft ist eine „Manipulationsgesellschaft“22. „Schöne Männer und Frauen machen besser Karriere, und starkes Übergewicht hemmt das Fortkommen.“23 Ästhetik liegt zwar im Auge des Betrachters, führt jedoch automatisch, oder auch unterbewusst zu Begünstigungen. Dieses Phänomen beeinflusst Menschen, die glauben, nicht attraktiv genug für ihre Umwelt zu sein. Sie schminken sich und tragen Klamotten, von denen sie denken, dass sie den anderen gefallen. Sie nehmen andere Verhaltensmuster an, begeben sich nur in sorgfältig ausgewählte Milieus und verkehren in bestimmten Personenkreisen. Doch dieses Versteck hinter einer Maske, bezeugt meist nicht, welche die eigentliche Persönlichkeit ist. Die „Aufrechterhaltung der Fassade“24 wird angestrebt, um den optimalen Schein des Selbst vor den gesellschaftlichen Werten zu wahren.

Ständig fühlt man sich dazu verpflichtet, in der Gesellschaft ein positives Bild zu hinterlassen. In einer Partnerschaft darf man dagegen Schwäche zeigen und muss sich nicht ständig rechtfertigen oder vorgeben jemand zu sein, der man nicht ist. Eine Liebesbeziehung kann daher sehr entlastend sein25. „In allen Umfragen zur Lebenszufriedenheit stehen Liebe, Partnerschaft und Familie als zentrale Faktoren des Wohlbefindens an erster Stelle […]. Intime Partnerschaft ist somit eine der wichtigsten Quellen für Lebensfreude und psychische Stabilität.“26

4.2 Liebe in der Partnerschaft

Je mehr Gemeinsamkeiten zwei Personen haben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich aufeinander einlassen. Ähnliche Bedürfnisse, sowie soziale und kulturelle Hintergründe erleichtern die Ausbildung gemeinsamer Perspektiven.

„Partnerschaft [soll] einen Zuwachs an Zufriedenheit und Glück darstellen“.27 Vordergründig steht bei der ‚wahren Liebe‘ nicht der Eigennutz, sondern der Geliebte. Der Partner gehört zur Identität. Der Liebende muss ihn und seine Umwelt akzeptieren, denn Menschen lassen sich nur auch im Zusammenhang mit deren Umwelt begreifen. Das Ziel soll nicht sein ihn zu verändern, oder jede seiner Handlungen zu rechtfertigen, sondern vielmehr seine Denk- und Vorgehensweisen zu entschlüsseln, um anschließend sein Verhalten in zukünftigen Situationen vorhersehen zu können. Die Verhaltensmuster zu verstehen, ermöglicht die Vorausplanung unausgesprochener Wünsche. So hat der Partner das Gefühl, dass er verstanden wird. Wesentliches lernen Menschen nur durch Beobachtung. „Intimität und Autonomie werden als psychologisierbare Grundbedürfnisse verankert und, da sie als gleichrangig gewertet werden, die Forderung abgeleitet, sie in ein balanciertes Verhältnis zueinander zu bringen.“28 Diese Entwicklungsaufgaben können gelingen oder misslingen und entscheiden über den Fortbestand der Paarbeziehung.

Werden kleinere Makel am Partner entdeckt, so werden diese meist bedingungslos toleriert. Luhmann beschreibt dieses Phänomen als ein „Gefängnis, aus dem man nicht entweichen möchte“, oder als eine „Krankheit, die man der Gesundheit vorzieht“.29 Entscheidend dafür ist, dass es ein „von Natur aus notwendiges Begehren, geliebt zu werden“30 gibt. Menschen möchten sich gerne anderen mitteilen, Gehör, Anerkennung und Bestätigung finden. Eng verbunden mit dem Lieben, ist die Eifersucht. Wird der Treue ein hoher Stellenwert zugeschrieben, so sind Verlustängste der Liebe des Partners existenzieller.31 Selbstzweifel und Bedenken wachsen, die Furcht vor dem Verlassenwerden steigt. Die Angst, der Partner kann in der Welt jemanden finden, der seinen Erwartungen mehr entspricht, kann schwach ausgeprägt, vorübergehend, anhaltend, oder krankhaft sein. Liebende hoffen, dass der Partner die eigenen Hoffnungen und Wünsche erwidert. Es gibt erwünschte und unerwünschte Merkmale, die von dem Gegenspieler erfüllt werden können. „Jugendlichen mit besonderen ästhetischen Präferenzen (z.B. bei Moden, Musik, Mangas), die sich an ihren Wohnorten manchmal marginalisiert fühlen, kommen […] Communitys zur Suche von Gleichgesinnten sehr entgegen.“32

Im Grunde ist die reine Beziehung ein einziges Paradox. Man will eine Schicksalsgemeinschaft sein, die unbedingt zusammengehört, in der ein Du und ein Ich zu einem Wir verschmelzen, Egoismus und Eigensinn auf einer Ebene keine Rolle spielen dürfen. Aber auf einer anderen Ebene sieht man dieses hoch komplexe Unternehmen ganz selbstverständlich und mit angemessenem Egoismus […] als Bedürfnisbefriedigungsanstalt.33

Das Internet ermöglicht Individuen die Kontaktaufnahme und besonders die Kontakterhaltung über wesentlich größere Distanzen, als zu den Zeiten, zu denen es das World Wide Web noch nicht gab. Es bietet vor allem Liebenden, die räumlich weit voneinander entfernt leben, die Möglichkeit trotzdem täglich in Kontakt zu stehen. Doch warum führen Menschen Fernbeziehungen34 ? Manche, weil die ‚wahre Liebe‘ keine Grenzen kennt und ein zukünftiges Aufeinandertreffen und Beisammenbleiben erhofft wird. Die Wartezeit lässt sich schließlich relativ mühelos durch Messenger, Internettelefonie und Internetkameras überbrücken. Der Partner ist trotz vieler Kilometer sichtlich anwesend. Außerdem verleiht auch diese Art Beziehung dem Individuum das Gefühl des Geliebt- und Gebrauchtwerdens. Andere Menschen führen Fernbeziehungen, um die eigene Attraktivität im nahen Umfeld zu steigern. Es gibt Personen, die immer genau das haben möchten, was sie nicht (so einfach) bekommen können. Je größer die Herausforderung35, desto höher ist die Motivation und das Engagement das Ziel zu erreichen. Je mehr Menschen sich um eine Person bemühen, desto begehrter und gebrauchter fühlt sich ebendiese. Die Fernbeziehung wird als Attraktivitätssteigerungsfaktor genutzt und nutzt nicht zwingend den Effekt der ehrlichen Liebe.

„Narzissten haben keine guten Beziehungen zu anderen Personen. Denn sie sind davon überzeugt, dass ihre eigenen Gefühle und Absichten, Bedürfnisse und Wünsche Vorrang haben, und sie achten jene der anderen nicht.“36 Das Zentrum des Lebens sind sie selbst. Nur die eigenen Bedarfe sind wichtig, Empathiefähigkeit fehlt. Manche möchten sich nicht festlegen, aus der Angst, etwas Spannenderes zu verpassen. Während die Ehe in unserem Verständnis als Institution der Monogamie gilt, sind nichteheliche Partnergemeinschaften unverbindlich und einfacher in der Durchführung. Das ist gut für diejenigen, die sich nicht entscheiden können, denn so ist es einfacher, seine Lebensabschnittsgefährten zu wechseln. „Für den Erfolg von Paarbeziehungen spielt nicht zuletzt der Stellenwert eine Rolle, den das Paar [also auch die einzelnen Partner] der eigenen Beziehung zumißt [sic!].“37 Eine nicht funktionierende Beziehung kann eine hohe Belastung im Alltag darstellen, die sich auch auf andere Bereiche (Familie, Freunde, Arbeit, …) auswirken kann. Können Konflikte, Meinungsverschiedenheiten und Missstände nicht angemessen und ausreichend geklärt werden, ist es besser, die Partnerschaft zu beenden.

[...]


1 Luhmann 2015, S. 9, Hinzufüg. J.L.

2 ebd., S. 28, Hinzufüg. J.L.

3 ebd., S. 9

4 ebd., S. 60, Hinzufüg. J.L.

5 Luhmann 2008, S. 28

6 vgl. Luhmann 2015, S. 30-37

7 vgl. ebd., S. 199

8 vgl. Goffman 2014, S. 60

9 Beck; Beck-Gernsheim 1990, S. 92

10 ebd., S. 94

11 Luhmann 2015, S. 22f

12 vgl. Beck; Beck-Gernsheim 1990, S.167ff

13 In der Regel besuchen Kinder den Kindergarten, bevor die Schulpflicht in Deutschland greift. Bevor man einen Beruf ausüben kann, muss man eine Ausbildung oder ein Studium erfolgreich absolviert haben.

14 Tests in Zeitschriften, im Internet; Horoskope, esoterische Angebote, organisierte Freizeitaktivitäten, angeleitete Gesprächsrunden, uvm.

15 Prisching 2009, S. 10, Hinzufüg. J.L.

16 ebd., S. 10, Hinzufüg. J.L.

17 Luhmann 2015, S. 101

18 ebd., S. 14

19 Beck; Beck-Gernsheim 1990, S. 13

20 Frankfurt 2014, S.59

21 Prisching 2009, S. 125, Hinzufüg. J.L.

22 ebd., S. 107

23 ebd., S. 155

24 Goffman 2014, S. 36

25 vgl. Luhmann 2015, S. 29, 67 und 168

26 Hahlweg 2008, S. 1

27 Braukhaus 2000, S. 173, Hinzufüg. J.L.

28 Buchholz 2000, S. 84

29 Luhmann 2015, S. 79

30 ebd., S. 80

31 vgl. Mees 2000, S. 67

32 Hoffmann 2014, S. 37, Hinzufüg. J.L.

33 Simons 2009, S. 112

34 Beziehungen, in welchen sich die Partner aufgrund weiter räumlicher Distanz nicht häufig sehen.

35 zum Beispiel an einen Mann zu kommen, der bereits vergeben ist

36 Prisching 2009, S. 28

37 Kaiser 2000, S. 121, Hinzufüg. J.L.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wahre Liebe oder Bluff? Selbstfindung durch Liebe
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V463184
ISBN (eBook)
9783668902855
ISBN (Buch)
9783668902862
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wahre, liebe, bluff, selbstfindung
Arbeit zitieren
Jennifer Fleck (Autor), 2017, Wahre Liebe oder Bluff? Selbstfindung durch Liebe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463184

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