Der Parzival-Erzähler, ein dominanter Erzähler?

Eine Analyse des Erzählverhaltens anhand der Erzähltheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Parzival -Erzähler als fassbare (fiktionale) Person

3. Auf der Suche nach einem dominanten Fokalisierungstyp im Parzival

4. Zur Polyfunktionalität der Erzählerrede im Parzival

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es gibt Erzähltexte, in denen die Anwesenheit des Erzählers kaum spürbar ist. In solchen Fällen wird „die Geschichte von einer anonym bleibenden Stimme vermittelt, über die der Leser keine Informationen erhält“[1]. Man nennt eine solche in der Erzählrede verborgene, keinerlei Persönlichkeitsmerkmale aufweisende, narrative Instanz ein neutrales Erzählmedium. Im Gegensatz dazu steht der sogenannte explizite Erzähler. Dieser tritt als individualisierter Sprecher aus der Erzählrede hervor, er ist als fiktive Person fassbar und meldet sich persönlich zu Wort.

Man kann also offensichtlich die Erzählinstanzen in narrativen Texten nach dem Grad der Explizität, mit dem sie in Erscheinung treten, differenzieren. In Bezug auf den Parzival -Erzähler wird man sich schnell einig werden, dass es sich offensichtlich um einen expliziten Erzähler handelt. Diese Feststellung birgt indes keinen besonders großen Erkenntnisgewinn. Viel interessanter ist dagegen Joachim Bumkes These, welche besagt, „[d]er Erzähler [trete] im ‚Pazival’ so dominierend hervor, daß man ihn für die Hauptperson der Dichtung halten könnte“[2]. Für Bumke zeichnet sich der Parzival -Erzähler also durch eine übersteigerte, die Figuren der erzählten Welt verdrängende, Explizität aus. Ich möchte Bumkes These zur Hypothese dieser Arbeit machen und die Frage stellen, ob der Erzähler im Parzival tatsächlich eine derart dominante Rolle spielt. Dazu werde ich zunächst untersuchen, wie ausgeprägt die Tendenz des Parzival -Erzählers zur „Personalisierung, Individualisierung bzw. Anthropomorphisierung“[3] ist, um dann den Entwicklungsgrad der Erzählerfigur mit dem der Figuren der erzählten Welt zu vergleichen. Danach werde ich mich der Perspektivierung des Erzählten zuwenden und mich konkret fragen, ob die erzählte Welt des Parzival tatsächlich so dominant aus der Sicht des Erzählers dargestellt wird, wie es Bumkes These nahe legt. Zum Schluss frage ich danach, welche denkbaren Erzählerfunktionen der Parzival -Erzähler wahrnimmt.

Die Analyse des Textes werde ich mit dem Instrumentarium, das die Erzähltheorie oder Narratologie[4] bereitstellt, vornehmen. Auf mehr oder weniger ausführliche Erläuterungen zu einigen narratologischen Konzepten (Fiktionalitätstheorie, Fokalisierungsmodell, Kommunikationsmodell narrativer Texte, Differenzierung der Erzählerfunktionen) kann also nicht verzichtet werden.

2. Der Parzival -Erzähler als fassbare (fiktionale) Person

Die Tendenz zur Personalisierung, Individualisierung, ja Anthropomorphisierung der Erzählinstanz nimmt im Parzival besondere Formen an. In der sogenannten Selbstverteidigung sagt der Erzähler „ich bin Wolfram von Eschenbach“ (114,12)[5] und fordert den Zuhörer somit geradezu auf in ihm nicht die fiktive Vermittlungsinstanz, sondern den realen Autor der Dichtung, also Wolfram selbst, zu sehen. Aus der Perspektive der Erzähltheorie ist eine solche Sichtweise grundsätzlich abzulehnen, hier ist der Erzähler eine werkinterne, ontisch an das Werk gebundene fiktive Instanz, während der Autor eine werkexterne reale Person darstellt. Folglich kann auch der Parzival -Erzähler nicht mehr als ein vom Autor imaginiertes „poetisches Konstrukt“[6] sein, das freilich Parallelen zum realen Wolfram aufweisen kann.

Auch wenn der Parzival -Erzähler „Wolfram“ prinzipiell nicht mit dem gleichnamigen realen Autor gleichzusetzen ist, entfernt sich dieser doch durch seine Selbstbenennung in gewisser Weise von seinem fiktiven Status und erweckt den Eindruck eine reale Person zu sein. Denselben Effekt haben die zahlreichen zeitgeschichtlichen Anspielungen des Parzival -Erzählers, die er meist in einer engen Verbindung mit seiner Person präsentiert.

Der Parzival -Erzähler gibt sich jedoch nicht nur einen realen Namen und stellt sich nicht nur in einen real-historischen Kontext, er tritt auch als Individuum deutlich hervor. Im Verlauf der Erzählung schildert er ausgiebig „seine eigenen Lebensverhältnisse und seine persönlichen Erfahrungen“[7]. Er berichtet von seiner Frau, seiner Tochter, von Haus, Hof und Heimat, von seinen Sorgen und Nöten, von seinen Neigungen und Abneigungen, so dass er dem Leser als fassbare (fiktive) Person, deutlich vor Augen steht. Der Parzival -Erzähler ist aber alles andere als eine biedere Erzählerfigur. Er ist eine schillernde Gestalt, die sich dem Zuhörer im Verlaufe der Erzählung in ganz unterschiedlichen Rollen präsentiert. Manchmal mimt er den überlegenen Kenner, den Wissenden, an andrer Stelle spielt er den Ungebildeten Ahnungslosen und Verzagten, mal gibt er sich als Ritter im höfischen Sinne, andermal als derber Possenreißer.[8]

Insgesamt kann man also mit guten Gründen davon sprechen, dass es im Verlaufe der Parzival -Erzählung zu einer umfangreichen Personalisierung, Individualisierung bzw. Anthropomorphisierung der Erzählinstanz kommt. Der, sich nach allen Regeln der Kunst entfaltenden, Erzählerfigur stehen indes relativ gering ausgeprägte Figuren auf der Handlungsebene gegenüber, die nicht als Charaktere, sondern als, fest in die Struktur der Dichtung eingebundene, Funktionsträger konzipiert sind. Im Hinblick auf den Grad der Individualisierung der Erzählerfigur und dem der Figuren der erzählten Welt kann man also berechtigterweise von einer Dominanz des Parzival -Erzählers sprechen.

3. Auf der Suche nach einem dominanten Fokalisierungstyp im Parzival

Narrative Instanzen vermitteln die Vorgänge und Zustände in der erzählten Welt entweder aus einem festen Blickwinkel oder aus verschiedenen Blickwinkeln. Es gibt in der Erzählforschung verschiedene Konzepte, wie das Phänomen der Perspektive auf die Figurenebene zu modellieren sei. Ältere sogenannte point of view-Modelle[9] haben den Nachteil, dass sie sich auf einen nur vage definierten point of view-Bergriff[10] stützen und vor allem, dass sie die Fragen: „(1) Wer erzählt den Roman? (2) In welchem Maße wird das Geschehen aus der Sicht einer oder mehrer Figuren der fiktiven Welt perspektivisch gebrochen vermittelt?“[11] vermischen.

Gérard Genette war der erste, der diese beiden Fragen systematisch voneinander trennte und den Begriff der Fokalisierung einführte, der sich ausschließlich auf die zweite Frage, also die „Perspektivierung der Darstellung relativ zu einem wahrnehmenden Subjekt“[12] bezieht. Genette unterscheidet drei Fokalisierungstypen: (1) Nullfokalisierung: Damit ist die uneingeschränkte Sicht des Erzählers auf die erzählte Welt gemeint. Dieser ist die wahrnehmende Instanz und weiß bzw. sagt mehr als die erlebenden Figuren wissen. (2) Interne Fokalisierung: Hier wird die Diegese anhand der Wahrnehmung einer erlebenden Figur erzählt. Folglich wird der Erzähler nicht mehr sagen als die erlebende Figur weiß. (3) Externe Fokalisierung: In diesem Fall berichtet der Erzähler aus der Außensicht, er nimmt also keinen Einblick in die erlebende Figur, und kann daher nur weniger sagen, als die Figur weiß. Genettes Fokalisierungsmodell ist wiederum von Mieke Bal[13] modifiziert worden. Sie kritisiert (zu Recht), dass Genette in Bezug auf seine drei Fokalisierungstypen keine konsequente Unterscheidung „zwischen dem Subjekt und dem Objekt des Fokalisierungsprozesses“[14] vornimmt. Bals Fokalisierungstheorie liefert besagte Trennung, jedoch um den Preis einer eindeutigen Verkomplizierung von Genettes Modell, welches mir, für die hier vorzunehmende Analyse des Blickwinkels auf die erzählte Welt des Parzival, vollkommen ausreichend erscheint.

[...]


[1] Nünning 1997: 329.

[2] Vgl. Bumke 2004: 215.

[3] Nünning 1997: 330.

[4] Die Bezeichnungen Erzähltheorie, Narratologie und Narrativik werden synonym gebraucht.

[5] Ich zitiere den Parzival -Text nach: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe. 2. Auflage. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Mit Einführungen zum Text der Lachmannschen Ausgabe und in die ‚Parzival’-Interpretation von Bernd Schirok. Berlin/New York 2003.

[6] Bumke 2004: 216.

[7] Bumke 2004: 217.

[8] Vgl. Bumke 2004: 217; Curschmann 1971; Schirok 2003: CXXIX-CXXXII.

[9] Vgl. z.B.: Percy Lubbock, Jean Pouillon und Norman Friedman. Auch Franz K. Stanzels prominente Theorie dreier typischer Erzählsituationen kann man im weitesten Sinne den piont of view-Analysemodellen zurechnen.

[10] Der point of view-Begriff bezieht sich nicht nur auf den Blickwinkel des Erzählers auf die erzählte Welt sondern auch ganz allgemein auf den optisch-visuellen räumlichen Standpunkt fiktiver Instanzen und außerdem auch auf den Aspekt „‚Einstellung oder Meinung zu etwas’“ (Nünning 1990: 251).

[11] Nünning 1990: 249.

[12] Martinez/Scheffel 2000: 189.

[13] Bal 1985.

[14] Nünning 1990: 258.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Parzival-Erzähler, ein dominanter Erzähler?
Untertitel
Eine Analyse des Erzählverhaltens anhand der Erzähltheorie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Parzival
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V46331
ISBN (eBook)
9783638435390
ISBN (Buch)
9783638863759
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit bietet einen prägnanten, aber sehr guten Überblick über die Erscheinungsform und die Funktion des Erzählers in Wolframs "Parzival". Zur Analyse des Erzählverhaltens greife ich auf das Instrument der Erzähltheorie bzw. Narratologie zurück.
Schlagworte
Parzival-Erzähler, Erzähler, Parzival
Arbeit zitieren
Sven Soltau (Autor), 2005, Der Parzival-Erzähler, ein dominanter Erzähler?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46331

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