La Fanfarlo. Baudelaires Novelle


Hausarbeit, 2005
15 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Leben und Charakter Baudelaires

III. Samuel Cramer und sein Schöpfer

IV. „La femme est naturelle, c’est-à-dire abominable “

V. Schlusswort

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Charles Baudelaire ist vor allem für sein lyrisches Werk bekannt und hierbei für seinen Gedichtzyklus Les Fleurs du Mal. Durch ihn gilt Baudelaire heute als der erste Dichter der Moderne.[1] Doch vergisst man darüber hinaus oft sein Prosawerk, wie z. B. seine Prosagedichtsammlung Le Spleen de Paris, seine Übersetzungen des amerikanischen Kurzgeschichtenautors Edgar Allen Poe und seine einzige Novelle La Fanfarlo, mit der ich mich in dieser Arbeit auseinandersetzen werde.

La Fanfarlo ist ein Frühwerk Baudelaires, das 1847 in der Zeitschrift „Bulletin de la Société des Gens de Lettres“ von ihm veröffentlicht wurde, wahrscheinlich aber schon 1845/46 entstanden ist.[2] Der Plot orientiert sich dabei auffällig stark an Honoré de Balzacs Roman Béatrix, in dem der galante La Palférine von einer edlen Dame gebeten wird, die Dirne Béatrix zu verführen, die ihr den Mann abspenstig macht. Der junge Herzensbrecher ist durch seine ungezwungene Arroganz erfolgreich und die Ehe der beiden Herrschaften ist vorerst gerettet.[3] 1993 wurde die Erzählung Une grande Coquette entdeckt, die 1842 in der Zeitschrift „La Patrie“ erschienen war. Autor der zweiteiligen Kurzgeschichte war Privat d’Anglemont, ein Journalist und Schriftsteller, der aber mehr durch seine dandyhafte Erscheinung beeindruckte als durch literarischen Glanz.[4] Baudelaire verband mit d’Anglemont eine alte Freundschaft, vor allem in den Jahren zwischen 1840 und 1847. Die Personenkonstellation und das Handlungs-geschehen (bis auf einige Details) sind mit La Fanfarlo identisch und so kann davon ausgegangen werden, dass Une grande Coquette die direkte Vorlage für Baudelaires Novelle war.[5]

Beinahe alle Literaturwissenschaftler, die sich mit La Fanfarlo befasst haben, stellen den Bezug zu Baudelaires Leben in den Vordergrund. Und in der Tat spricht einiges für eine biographische Interpretation des Textes. Doch sollte dabei die literatur-wissenschaftliche Binsenweisheit nicht übergangen werden, dass der Autor mit dem Erzähler nicht identisch ist. Gezeigt werden soll also in dieser Arbeit die Ähnlichkeit des Protagonisten Samuel Cramer mit dem jungen 25jährigen Charles Baudelaire und wie sich das Leben und Denken des Poeten in seiner Novelle niederschlägt. Dabei soll nachgewiesen werden, dass Cramer für mehr steht als nur für sich selbst und dass es bei den beiden Frauen ebenso ist.

Hierfür werde ich folgendermaßen vorgehen: In Abschnitt II werde ich das Leben und den Charakter Baudelaires beleuchten, mit dem Schwerpunkt auf der fraglichen Zeit zwischen 1839 und 1847. Dem folgt eine Gegenüberstellung Cramers mit Baudelaire (III). Dann wird das Frauenbild Baudelaires eine Rolle spielen und gefragt, was davon wir in der Fanfarlo bzw. Mme de Cosmelly finden (IV). Zum Schluss werden die Ergebnisse kurz zusammengefasst.

II. Leben und Charakter Baudelaires

Am 9. April 1821 wird Charles Pierre Baudelaire in Paris geboren. Sein Vater, François Baudelaire, ist zum Zeitpunkt von Charles’ Geburt bereits 61 Jahre alt, seine Mutter Caroline erst 27. Der große Altersunterschied seiner Eltern wird gerne herangezogen, um Baudelaires schwierige Persönlichkeit oder sein kränkelndes Wesen zu erklären.[6] Dies entbehrt meiner Meinung nach jeder Grundlage, jedoch wurde zu Lebzeiten des Dichters im 19. Jahrhundert angenommen, dass alte, ‚greise’ Männer nur noch schwache Kinder zeugen können. Eine Folge des Altersunterschiedes mag aber wohl sein, dass Caroline Baudelaire früh verwitwete, als ihr Gemahl am 10. Februar 1827 an einer uns unbekannten Krankheit starb.

Der kleine Charles verbrachte den folgenden Sommer allein mit seiner von Trauer und finanziellen Sorgen beschwerten Mutter in einem Landhaus. Diese Zeit bleibt für Baudelaire als „le bon temps des tendresses maternelles“[7] in melancholischer Erinnerung und legt wahrscheinlich den Grundstein für seine ausgeprägte Liebe zur Mutter.[8] Am 8. November 1828 wird aus der Witwe die Mme Aupick, als sie den zielstrebigen, erfolgreichen Major Jacques Aupick heiratet. Baudelaire und Aupick verstanden einander nicht besonders gut und das sollte auch bis zum Lebensende so bleiben. Hier drängt sich die Annahme eines Ödipus-Komplexes regelrecht auf, doch halte ich eine solche Ferndiagnose durch Literaturwissenschaftler für spekulativ und möchte bei Belegbarem bleiben: Baudelaire trennte von seinem Stiefvater in erster Linie das unterschiedliche Wesen – hier der militärisch geprägte, erfolgreiche, ordnungs-liebende Disziplinverfechter, dort die sensible, kreative, zu Faulheit neigende Künstler-seele. Der Konflikt zwischen den beiden ungleichen Männern ging sogar so weit, dass Baudelaire in der wirren Zeit des Februars 1848 skandierte, man müsse den (inzwischen) General Aupick erschießen, welcher aktiv an der Niederschlagung der Aufstände beteiligt war.[9] Die Einstellung des Dichters zu seiner Mutter ist geprägt von der widersprüchlichen Melange aus ehrlicher Liebe, Lust an der Provokation und dem ständigen schlechten Gewissen, sie zu enttäuschen und ihr Kummer zu bereiten, wie man zahlreichen Briefen entnehmen kann, vornehmlich Briefen, in denen er sie um Geld anbettelt.

Zwischen 1839 und 1841 führt der junge Baudelaire in Paris ein freies Leben, verschuldet sich, probiert sich lustlos in Universitätsstudien und wird schließlich ob seines regellosen Lebens auf Familienratsbeschluss auf eine längere Schiffsreise geschickt. Doch er vermisst seine Pariser Heimat und kehrt im Februar 1842 wieder zu ihr zurück. Mit seiner Volljährigkeit wird Baudelaire auch Herr über das Vermögen seines verstorbenen Vaters und gewinnt dadurch die Möglichkeit, ein Leben ganz nach seinem Geschmack zu führen: Durch seine Verschwendungssucht bringt er in nur 18 Monaten die Hälfte des Erbes durch, was ca. zehn Jahresgehältern eines Staatsbeamten in etablierter Stellung entsprach.[10] Die Vorbilder, denen er nacheiferte, waren verschiedene Pariser Dandys, wie etwa sein Nachbar auf der Île Saint-Louis Roger de Beauvoir, und die geckenhaften Helden aus den Balzac’schen Romanen, wie La Palférine. Besonders viel Geld warf Baudelaire für extravagante und exzentrische Kleidung, Antiquitäten, Bücher und Bilder hinaus, außerdem für seine Vorliebe monatelang in Hotels zu logieren. Im Oktober 1843 erwähnt er zum ersten Male seine Dauergeliebte Jeanne Duval, die er aushält.[11] Er lässt sich in den Szenecafés von Paris sehen und knüpft Kontakte zu Literaten und anderen Künstlern, z. B. zu Félix Nadar, Charles Asselineau, Privat d’Anglemont, Théodore de Banville und Emile Deroy. Besorgt über Baudelaires finanzielle Sorglosigkeit beschließt der Familienrat Aupick, dem Dandy einen juristischen Vormund an die Seite zu stellen. Er ist von nun an finanziell unmündig und wird dies auch bis zu seinem Tode bleiben. Dies wird er immer als große Demütigung empfinden. Ihm wird eine stattliche Jahresrente von 2400 Francs gewährt, doch Baudelaire denkt gar nicht daran, sich einzuschränken und ein geregeltes Leben aufzunehmen, sondern spielt weiterhin den eleganten, bizarr agierenden Dandy, allerdings nur in der ‚niederen’ Boheme, dem „Milieu der Deklassierten“.[12] Er leiht sich von allen Seiten – Freunden, der Mutter, Wucherern – Geld und lebt von nun an in der ständigen Angst vor seinen Gläubigern. Der ver-hinderte Dandy „litt unter der Diskrepanz zwischen erträumter Biographie und realer Misere“.[13] Ein fassbareres Leiden war die Syphilis, die er sich schon in jungen Jahren zugezogen hatte und an der er immer wieder schwer zu tragen hatte und schließlich auch starb. Eine Quelle der Ablenkung von beiden Qualen und zugleich neuer körperlicher und seelischer Schwierigkeiten war Baudelaires Konsum von Haschisch, das er in Gesellschaft von namhaften Leuten wie Théophile Gautier, Gérard de Nerval und Honoré de Balzac einnimmt,[14] Opium, Alkohol und anderen Drogen.

[...]


[1] Vgl. Hartmut Köhler: Nachwort in: Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen, deutsch. v. Monika Fahrenbach-Wachendorff, Stuttgart 2004, S. 145-153, hier S.146.

[2] Vgl. Stefan Schulze: Die Selbstreflexion der Kunst bei Baudelaire. Eine literaturgeschichtliche Unter-suchung, Heidelberg 1999, S.39.

[3] Vgl. Elisabeth Oehler: Vom Sonett zur Prosa. La Fanfarlo von Charles Baudelaire, Köln-Rheinkassel 1999, S. 47.

[4] Ebd., S. 51.

[5] Ebd., S. 52.

[6] Vgl. H. Köhler, Nachwort, S. 148. Köhler will hier die Selbstmordversuche Baudelaires u. a. mit dem großen Altersunterschied seiner Eltern erklären. Ich halte eine solche Argumentation für spekulativ und medizinisch und psychologisch nicht beweisbar. Köhler räumt selbst ein, dass über seine medizinischen Mutmaßungen „keine stringenten Erkenntnisse vorliegen“ (ebd.).

[7] Brief Baudelaires an seine Mutter vom 6. Mai 1861, zit. n. Pascal Pia: Baudelaire, Paris, 2. Aufl. 1995, S. 18.

[8] Vgl. Claude Pichois / Jean Ziegler : Baudelaire, deutsch v. Tamina Groepper, Göttingen 1994, S.35ff.

[9] Vgl. ebd., S. 195.

[10] Vgl. E. Oehler, Sonett, S. 60.

[11] Vgl. C. Pichois / J. Ziegler, Baudelaire, S. 113.

[12] Vgl. Günter Erbe: Dandys – Virtuosen der der Lebenskunst. Eine Geschichte des mondänen Lebens, Köln u. a. 2002, S. 185.

[13] Ebd.

[14] Vgl. E. Oehler, Sonett, S. 59f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
La Fanfarlo. Baudelaires Novelle
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V46346
ISBN (eBook)
9783638435512
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dies ist eine Interpretation von Charles Baudelaires Novelle "La Fanfarlo". Die Arbeit leistet eine biographische Skizze von Baudelaire als Persönlichkeit und Dandy. Bearbeitet wird außerdem die Frage, wie sich das Dandytum und Baudelaires Idee davon in der Novelle widerspiegelt.
Schlagworte
Fanfarlo, Baudelaires, Novelle
Arbeit zitieren
Florian Burkhardt (Autor), 2005, La Fanfarlo. Baudelaires Novelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46346

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