Seine wohl bekannteste Ökonomiekritik des Abendlandes, „Das Kapital“, beginnt Karl Marx mit einem Kapitel über die Ware. Er tut dies in der Überzeugung, in ihr die elementare Grundeinheit kapitalistischen Denkens erkannt zu haben. Über sie, und nicht umgekehrt, will er die Austauschprozesse erklären, denen Menschen und Waren unterworfen sind. Im weiteren Verlauf seines Werkes entschlüsselt er unter anderem Kauf und Verkauf von Arbeitskraft, Geld zur Schatzbildung, als Zahlungsmittel, sowie seine Verwandlung in Kapital und von da an viele kapitalistische Grundbegriffe, so zum Beispiel Mehrwert und Akkumulation.
Während manche Rezipienten Marx' Theorie bis heute als den Durchbruch feiern, mit dem die kapitalistische Wirtschaftsform und alle damit einhergehende Ungerechtigkeit begründet zurückgewiesen werden kann, unterstellen andere Marx eine Vermenschlichung der Waren und eine Verdinglichung menschlicher Handlungen und verweisen Marx Warenwerttheorie in die Metaphysik.
Die vorliegende Arbeit stellt eine Untersuchung der Grundlage dar, von der beide Lager ausgehen müssen: Dem Marxschen Begriff der Ware. Folgendermaßen ist sie aufgebaut: Marx beansprucht im Kapital grundlegende Wahrheiten über die Ware herauszuarbeiten. Dass und wie Dinge zu Waren werden, veranschaulicht sich in einem mehrstufigen Systemprozess, während dessen ihr Wert sich in verschiedener Form äußert. Marx' Analyse folgt einem bestimmten Aufbau, den ich im ersten Teil meiner Arbeit nachvollziehen werde.
Daran anschließend werde ich überprüfen, inwiefern es Anhaltspunkte für Marx' Annahme gibt, in der Ware eine ökonomische Elementarform gefunden zu haben. Ich werde herausarbeiten, in welchem Verhältnis Ware und Arbeit zueinander stehen. Laut Marx verfügen Waren über einen mystischen Charakter. Ich werde auch klären, was er damit meint.
Am Ende meiner Arbeit greife ich im Lichte der Untersuchungsergebnisse existierende und eigene Kritikpunkte an Marx' Warenwertform auf, ordne sie ein und verifiziere sie bzw. weise sie zurück.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wertformen
2.1 Gebrauchswert
2.2 Tauschwert
2.3 Geld
3. Die Ware
3.1 Ware als Arbeit und Arbeit als Ware
3.2 Der mystische Charakter der Ware
4. Kritik
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Fundament der Marxschen Theorie, indem sie den Warenbegriff und dessen Entstehungsprozess durch die Wertformen analysiert, um das Phänomen der Warenfetischisierung zu erklären.
- Die stufenweise Systematik der Wertformen von Gebrauchswert bis hin zur Geldware.
- Das Verhältnis zwischen menschlicher Arbeit und der Warenform.
- Der mystische Charakter der Ware und die daraus resultierende Verdinglichung.
- Die kritische Auseinandersetzung mit Marx' Methodik der Warenwerttheorie.
Auszug aus dem Buch
3.2 Der mystische Charakter der Ware
„Der mystische Charakter der Ware entspringt […] nicht aus ihrem Gebrauchswert. Er entspringt ebensowenig aus dem Inhalt der Wertbestimmungen. Denn erstens, wie verschieden die nützlichen Arbeiten oder produktiven Tätigkeiten sein mögen, es ist eine physiologische Wahrheit, daß sie Funktionen des menschlichen Organismus sind […]. Was zweitens der Bestimmung der Wertgröße zugrunde liegt, die Zeitdauer jener Verausgabung [...], so ist die Quantität sogar sinnfällig von der Qualität unterscheidbar. […] Woher entspringt also der rätselhafte Charakter des Arbeitsprodukts, sobald es Warenform annimmt? Offenbar aus dieser Form selbst.“31
Marx verwendet zum Beschreiben von Warenaustauschprozessen häufig Personifikationen, und macht so die Schilderung von aktiv handelnden Menschen überflüssig. Das tut er nicht etwa, weil ihm der Status der Austauschenden unbekannt wäre. Vielmehr möchte er hervorheben, welch verrücktes Eigenleben Dinge entwickeln, sobald sie Warenstatus erlangen.32 „Als Ware“, so sagt er, seien sie „Bürger dieser Welt.“33
Im Warenkapitel des Kapitals schildert Marx vorwiegend den mysteriösen Zustand der Ware, dessen Zustandekommen dagegen nur in Grundzügen. Es lässt sich jedoch anhand der in 2.2 und 2.3 beschriebenen Prozesse anlässlich der verschiedenen Wertformen von Waren plausibel nachvollziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsabsicht, den Marxschen Warenbegriff als elementare Grundlage kapitalistischen Denkens durch eine methodische Untersuchung der Wertformen zu beleuchten.
2. Wertformen: Analyse der stufenweisen Entwicklung von Warenwert durch Gebrauchswert und Tauschwert bis hin zur universellen Geldform.
3. Die Ware: Erläuterung des Doppelcharakters der Ware und der Fetischisierung, die Arbeitsprodukten eine eigenständige, mystische Macht verleiht.
4. Kritik: Diskussion der Einwände gegen Marx' Warenwerttheorie, insbesondere durch Jürgen Schampel, sowie Verteidigung des dialektischen Ansatzes.
5. Fazit: Zusammenführung der Ergebnisse und Reflexion über die heutige Bedeutung des Warenfetischismus in einer von virtuellen Größen geprägten Wirtschaft.
Schlüsselwörter
Marx, Kapital, Ware, Gebrauchswert, Tauschwert, Geld, Wertform, Arbeitswert, Fetischisierung, Verdinglichung, Dialektik, Ökonomiekritik, Warenwelt, Warenkapital, Kapitalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse des Marxschen Warenbegriffs und der Frage, wie Dinge in der kapitalistischen Gesellschaft zu Waren mit einem „mystischen Charakter“ werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Wertformen (Gebrauchswert, Tauschwert, Geld), der Zusammenhang von Arbeit und Ware sowie der Mechanismus der Warenfetischisierung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Entstehungsprozess der Ware und deren Bedeutung im ökonomischen System anhand von Marx' Theorie nachzuvollziehen und kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wendet eine strukturierte Analyse der Marxschen Argumentationslogik an und nutzt eine Simulation der Situation eines einzelnen Produzenten, um die Wertformen herleitbar zu machen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Wertformen, die Analyse der Ware als Arbeitsprodukt und die Erklärung des mystischen Charakters der Ware sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der Theorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Ware, Wertform, Gebrauchswert, Tauschwert, Fetischisierung und Kapitalismuskritik.
Wie unterscheidet sich der Ansatz des Autors von dem traditioneller Marx-Rezipienten?
Der Autor wählt einen deduktiven Ansatz, indem er bei der Perspektive eines einzelnen Individuums ansetzt, anstatt wie Marx primär die Ware selbst in den Vordergrund der Analyse zu stellen.
Wie bewertet der Autor die Kritik von Jürgen Schampel?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Schampels Kritik an der mangelnden empirischen Nachweisbarkeit der Marxschen Theorie durch die Anwendung der dialektischen Methode entkräftet werden kann.
- Arbeit zitieren
- Raven E. Dietzel (Autor:in), 2016, Quidproquo. Die Ware und ihr Mysterium im Kapital, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463592