Identitätsstiftende Maßnahmen unter Ministerpräsident Franz Meyers. Die Anfänge des Landesbewusstseins in Nordrhein-Westfalen?


Bachelorarbeit, 2017
45 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Landesbewusstsein?

3 Nordrhein-Westfalen Ende der 1950er Jahre
3.1 Voraussetzungen in Nordrhein, Westfalen und Lippe
3.2 Intentionen Meyers

4 Maßnahmen zur Hebung des Landesbewusstseins
4.1 Festakt zum zehnten Jahrestag der Landesverfassung
4.2 Das große Wappen des Landes Nordrhein-Westfalen
4.2 Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen
4.2 Landeshymne und Landesname

5 Identitätsstiftende Maßnahmen in Kunst, Kultur und Gesellschaft
5.1 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
5.2 Regierungsviertel, Sport und Fernsehen

6 Fazit

7 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 . Einleitung

Mit dem Motto „Wir in Nordrhein-Westfalen“ hat die SPD unter Ministerpräsident Johannes Rau einen nachhaltigen Beitrag zum Zusammengehörigkeitsgefühl in Nordrhein-Westfalen geleistet. Rau wird noch heute häufig als „Landesvater“ von NRW bezeichnet.1 Doch wie ist es überhaupt um die Identität der Menschen in Deutschlands einwohnerstärkstem Bundesland, das 1946 aus einer „Zwangsheirat“ von Rheinland, Westfalen und Lippe hervorging, bestellt?2 Tatsächlich ist die Frage nach Ausprägung und Einheitlichkeit eines Landesbewusstseins an Rhein und Ruhr auch in der Gegenwart noch berechtigt. Umso mehr lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, wann die Suche nach einer gemeinsamen Identität in NRW ihren Anfang nahm und ob entsprechende Bemühungen überhaupt auf fruchtbaren Boden fielen. Unweigerlich landet man bei diesem Vorhaben in der Zeit des Ministerpräsidenten Franz Meyers, der die Geschicke im Land von 1958 bis 1966 leitete. Aus seinen Memoiren3, aber auch aus Zeitungsartikeln und protokollierten Landtagsdebatten und Kabinettssitzungen ist überliefert, dass es dem CDU-Politiker offenbar ein großes Anliegen war, in der Bevölkerung ein Landesbewusstsein auszuprägen. Sein Bestreben untermauerte er mit unterschiedlichen Maßnahmen, etwa mit den Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag der Landesverfassung oder der Einführung eines großen Landeswappens. Trotz aller Bemühungen zur Identitätsstiftung in Nordrhein-Westfalen ist Franz Meyers heute nach subjektivem Empfinden weitaus weniger populär als Johannes Rau.

Diese Arbeit beschäftigt sich deshalb mit der Frage danach, ob Meyers für die Anfänge eines Landesbewusstseins in NRW verantwortlich ist. Dazu muss überprüft werden, ob die Maßnahmen Meyers überhaupt durchdacht waren und inwiefern die Herangehensweise für Erfolg oder Scheitern in Bezug auf die Hebung des Landesbewusstseins maßgeblich war. Außerdem müssen die Reaktionen in Politik und Gesellschaft untersucht werden. Fand eine Auseinandersetzung mit den politischen Maßnahmen Meyers statt und wurden diese eher kritisch oder positiv betrachtet? Bei der Beantwortung dieser Fragen hilft die gute Quellenlage weiter. Sowohl die Kabinettsprotokolle als auch die Plenarprotokolle der Landtagsdebatten sind vollständig erhalten und frei zugänglich. Darüber hinaus fanden Berichterstattung und Bewertung in der zeitgenössischen Presse statt. Auch hier sind zahlreiche Hinweise zu finden. Stefan Marx hat sich in seiner Dissertation ausführlich der politischen Karriere von Franz Meyers gewidmet.4 Der Teil der Ausführungen, in denen es um Meyers Wirken im Hinblick auf ein Landesbewusstsein geht, ist auch als Aufsatz erschienen.5

In der Arbeit wird zunächst die Frage aufgeworfen, was überhaupt Landesbewusstsein ist und warum es Sinn macht, sich damit auseinanderzusetzen. In einem nächsten Schritt wird die Gesamtsituation Nordrhein-Westfalens in Politik und Gesellschaft zu Meyers Amtszeit betrachtet, um die Maßnahmen des Ministerpräsidenten sowie die Reaktionen darauf in Kontext zu setzen und ebenso die Frage zu beantworten, welche Intentionen hinter dem Handeln Meyers steckten. Nachfolgend werden die vor allem symbolhaften Maßnahmen betrachtet, die rund um den zehnten Jahrestag der Landesverfassung diskutiert wurden. In einem nächsten Schritt findet eine Auseinandersetzung mit der Hebung des Landesbewusstseins in Kultur und Gesellschaft statt, etwa durch Kunst, Sport und Fernsehen. Anhand der Quellen wird dabei stets untersucht, wie die Reaktionen darauf ausfielen und welche Gründe das gehabt haben könnte. In einem Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst.

2. Was ist Landesbewusstsein?

In einem Interview mit der WAZ machte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Beginn seiner Amtszeit eine bemerkenswerte Aussage: „Ich bin gerne Westfale, Deutscher und Europäer.“6 Vermutlich ungewollt drückte der in Detmold geborene Steinmeier damit aus, wie komplex der Zusammenhang von Identität und geographischen Räumen ist. Manchmal ist nicht einmal klar, welche territorialen Abgrenzungen gemeint sind. Bezieht sich Steinmeier hier auf den Kontinent Europa oder nur auf die Auswahl der Staaten, die Mitglied im politischen Verbund der Europäischen Union sind? Sicher ist indes, dass es ihm um den Staat Deutschland sowie um die Region – diesen Begriff wird es zu konkretisieren gelten – Westfalen geht. Es gibt also verschiedene Ebenen von Räumen, mit denen eine Identifikation stattfinden kann. Ein Bekenntnis zum Bundesland Nordrhein-Westfalen bleibt im Falle von Steinmeier jedoch aus. Es mag nur Zufall sein. Eine Auseinandersetzung mit der Frage danach, ob es ein Landesbewusstsein gibt und wie es wirkt, erscheint dennoch als sinnvoll.

In der Kultur- und Sozialwissenschaft hat sich seit Ende der 1980er Jahre der Begriff Spatial turn etabliert, der eine veränderte Wahrnehmung des Raumes beschreibt und auch Auswirkungen auf die Geschichtswissenschaft hat.7 Nachdem hier lange Jahre die Kategorie Zeit dominierte, plädierte Reinhart Koselleck dafür, den Raum als eine mit der Zeit gleichberechtigten Bedingung von Geschichte aufzufassen. Denn: Auch der Raum habe eine Geschichte.8 Fortan war der Raum nicht mehr in erster Linie eine natürliche und unveränderliche Gegebenheit, sondern konnte auch Gegenstand der historischen Forschung werden. Von besonderem Interesse sind dabei die ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Kräfte, die in einem Raum wirken und unmittelbar mit ihm verbunden sind.9 Solche Kräfte haben Einfluss auf die gesamte Gesellschaft in einem Raum und schaffen damit eine grundlegende Gemeinsamkeit. Man muss sich jedoch die Frage stellen, insbesondere im Hinblick auf Nordrhein-Westfalen, wo die Grenzen verlaufen – und zwar sowohl in geographischer als auch in kultureller Hinsicht. Zwar mögen die Landesgrenzen klar definiert sein. Doch man frage sich einmal selbst, ob Duisburg zum Ruhrgebiet oder zum Rheinland gehört. Und Hagen zum Sauerland oder zum Ruhrgebiet. Der Sozialgeograph Hans Heinrich Blotevogel unterscheidet nach Land und Region, wobei er mit dem Land das Bundesland meint. Eine Region indes sei eine „räumliche Einheit mittlerer Maßstäblichkeit“10, die zwischen der kommunalen und der staatlichen Ebene liegt. Regionen könnten sich demnach sowohl natürlich als auch politisch- administrativ voneinander abgrenzen. Blotevogel weist darauf hin, dass nach dieser Auffassung auch Bundesländer durchaus Regionen sein könnten.11 Man muss sich allerdings fragen, welch kleinere Einheit dann für die verschiedenen und voneinander in gewisser Weise natürlich und kulturell abgegrenzten Bereiche in Nordrhein- Westfalen gelten soll. Es macht daher Sinn, jene als Regionen zu bezeichnen.

Fest verankert ist seit 1950 die Landesverfassung. Sie alleine taugte und taugt jedoch nicht als identitätsstiftendes Instrument, wie die Anfangsjahre Nordrhein- Westfalens, aber auch die zum Teil immer noch andauernde Suche nach einer NRW- Identität zeigen.12 Ein Landesbewusstsein resultiert nicht zuletzt aus der Landesgeschichte. Durch die föderalistische Struktur des deutschen Staates ist es naheliegend, dass eine eng mit den Bundesländern verknüpfte Landesgeschichte betrieben wird. Die innerstaatlichen Grenzen bewirken, dass die Menschen in den Ländern wenigstens auf politischer Ebene einen gemeinsamen Nenner haben. Oder, wenn man so will, findet man hier auch eine Abgrenzung von anderen Deutschen in anderen Bundesländern. Politik ist Ländersache. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Deutschland vom zentralistischen Frankreich. Damit einher gehen ebenfalls länderspezifische sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Begebenheiten, die sich im Bewusstsein der Menschen verankern.13 Nonn hat festgestellt, dass sich die Landesgeschichte der Regionalgeschichte in den letzten Jahren angenähert hat, in deren Fokus das Exemplarische des untersuchten Raumes gerückt ist.14 Wohl auch deshalb könnte man in der Landesgeschichte hohes Sinnstiftungspotenzial vermuten, das auf Leitvorstellungen oder eine Rahmengeschichte zurückzuführen ist.15 Doch woher kommen jene Leitvorstellungen? Nationale und regionale Identitäten sind laut Blotevogel nicht geographisch gegeben und sie entwickeln sich auch nicht. Vielmehr seien sie erfunden und in den Köpfen der Menschen verankert.16 Demnach wäre ein Landesbewusstsein konstruiert, beruhend auf den politischen und gesellschaftlichen Begebenheiten in der Historie des Raumes. Invented Traditions, also erfundene Traditionen, stützen diese Auffassung. Wie im Falle von Johannes Rau. Denn Rau, der wie kein anderer für die Identifikation der Bürger mit dem Bundesland steht, hat seine Leitvorstellungen ausschließlich auf das Fundament der Tradition des demokratischen Arbeitermilieus im Ruhrgebiet aufgebaut und ist damit eigentlich gar nicht den Interessen, Bedürfnissen und der Vergangenheit der Menschen des ganzen Landes gerecht geworden.17 Nonn sagt deshalb, dass er eine historische Meistererzählung für einen Raum für problematisch hält, zumal der Historiker Unabhängigkeit und Objektivität bewahren muss.18 Das klingt durchaus plausibel. Für Politiker galt und gilt diese Einschränkung jedoch nicht und nicht zuletzt das Beispiel Johannes Rau zeigt, dass konstruierte Leitvorstellungen und Rahmenerzählungen tatsächlich einen Beitrag zur Schaffung einer einheitlichen Identität leisten können. Die Ausführungen Nonns widersprechen keineswegs dem, was Wolfram Köhler sagt. Für ihn ist Landesbewusstsein ein Solidaritätsgefühl, das bewirkt, dass sich die Menschen mit dem Land verbunden fühlen. „So etwas kann aus Traditionen heraus gewissermaßen von selbst wachsen oder durch Willensakte statuiert und gefördert werden.“19 Köhler geht also davon aus, dass man den Menschen in einem Land wie Nordrhein-Westfalen, in dem die Menschen in den verschiedenen Regionen keine gemeinsame Vergangenheit haben, trotzdem ein Landesbewusstsein geben kann. Er nennt etwa Wappen, Flaggen, Hymnen, Feste, Orden und Zeremonien als geeignete sinnstiftende Maßnahmen.20

Nach dem, was bisher über das Landesbewusstsein gesagt wurde, erscheint die Definition zutreffend, welche ein landesgeschichtliches von Lexikon Nordrhein- Westfalen gibt. Demnach setze sich das Landesbewusstsein aus zwei Teilaspekten zusammen: dem Landesgefühl und dem Landesgebietsbewusstsein. Letzteres meint die Akzeptanz, dass man zu einem staatlich-administrativen Gebilde gehört, in diesem Falle das Bundesland Nordrhein-Westfalen mit seiner Verfassung. Das Landesgefühl indes beschreibt die emotionale Bindung und das Gefühl der Zugehörigkeit an eine kulturell und mental zu definierende Gesellschaft.21 Die nachfolgenden Ausführungen werden zeigen, dass sich Meyers auch mit der Thematik des Landesgebietsbewusstseins ausführlich beschäftigt hat. Es ist wohl trotzdem das Landesgefühl der Menschen, auf das seine Maßnahmen in erster Linie abzielten. Aus der Perspektive Franz Meyers lässt sich zusammenfassend eine entscheidende Problematik für seine Zeit feststellen: Für eine aus der Tradition gespeiste Meistererzählung hat es schlicht und ergreifend an Inhalt gefehlt, weil das Konstrukt Nordrhein-Westfalen zu Beginn seiner Amtszeit als Ministerpräsident gerade erst in sein zweites Jahrzehnt gestartet war. Meyers sah sich der Herausforderung ausgesetzt, die Menschen aus drei Regionen ohne lange gemeinsame Vergangenheit für das große Ganze zu begeistern. Es wird deshalb zu klären sein, wie sich die gesellschaftlichen Verhältnisse um 1960 gestaltet haben und ob es hier Anknüpfungspunkte für identitätsstiftende Maßnahmen gegeben hat. Ebenso muss hinterfragt werden, ob die von Meyers gewählten Methoden zur Hebung des Landesbewusstseins, die sich in etwa in dem Rahmen bewegten, wie sie Köhler oben vorgeschlagen hat, geeignet waren oder ob hier durchaus andere Wege möglich gewesen wären. Im Hinblick auf die Begrifflichkeiten sollte noch erwähnt werden, dass Meyers keinen Unterschied zwischen Landesbewusstsein und Staatsbewusstsein machte.22

3. Nordrhein-Westfalen Ende der 1950er Jahre

Als der CDU-Politiker Franz Meyers 1958 Ministerpräsident von Nordrhein- Westfalen wurde, waren gerade zwölf Jahre seit der Gründung des Bundeslandes vergangen. Während der Zusammenschluss des nördlichen Rheinlands, Westfalen und ab 1947 auch Lippe auf politischer Ebene durchaus kontrovers diskutiert wurde, nahmen die Menschen in diesen Regionen die Landesgründung mehr oder weniger widerstandslos hin. Sie hatten nach Kriegsende andere Sorgen. In erster Linie ging es ihnen darum, die Existenz zu sichern. Ein Großteil der Häuser war zerbombt und es herrschte große Hungersnot. Zwischenzeitlich waren die Essensrationen für Erwachsene auf 1000 Kalorien beschränkt.23 Man darf somit davon ausgehen, dass sich den Menschen 1946 gewiss nicht die Frage nach einer Identität oder nach einem Landesbewusstsein stellte. Daran änderte auch die politische Einheit an Rhein und Ruhr nichts. Die Gründung von Nordrhein-Westfalen, auch als „Operation Marriage“ oder Zwangsheirat bezeichnet, wurde von den britischen Alliierten aus rein pragmatischen Gründen vorgenommen und hatte unter anderem auch zum Ziel, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Dafür sollten die landwirtschaftlich geprägten Regionen in Westfalen sorgen.24

Ab 1952 war Meyers NRW-Innenminister und erlebte mit, wie das Land unter der Führung seines Parteifreundes Karl Arnold als soziales Gewissen der Bundesrepublik wirkte, was sich insbesondere im staatlichen Wohnungsbau bemerkbar machte.25 Sechs Jahre später übernahm Meyers das Amt des Ministerpräsidenten. Zu dieser Zeit hatten sich die Lebensverhältnisse allmählich zum Positiven gewandelt. Die Arbeitslosigkeit war gering, die Reallöhne stiegen und damit auch der Wohlstand. Festzumachen ist dies an gewachsenen Ausgaben für Freizeit und Unterhaltung. So waren 1960 etwa bereits rund 1,8 Millionen Autos auf den Straßen im Land unterwegs. Zehn Jahre zuvor waren es noch 134 000.26 Es ging also aufwärts in Nordrhein-Westfalen und die größte Krise nach dem zweiten Weltkrieg war überstanden. Natürlich muss man vorsichtig sein, wenn man den Begriff Wohlstandsgesellschaft für die Menschen im Land in der Zeit um 1960 verwendet. Aus zeitgenössischer Perspektive muss es jedoch ein großer Zugewinn an Lebensqualität gewesen sein, ohne existenzielle Sorgen auszukommen. Es gab also allmählich den mentalen Raum dafür, sich mit anderen Themen auseinanderzusetzen. Nonn weist darauf hin, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Autoritäten in Gang kam, die schließlich in der Studentenbewegung der späten 60er mündete.27 Man darf also annehmen, dass es die gesellschaftlichen Verhältnisse durchaus ebenso erlaubten, die Gründung des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen zu hinterfragen. Vom entgegengesetzten Standpunkt aus gesehen könnte hingegen genauso gut allmählich eine Identifikation mit dem Land entstanden sein, die auf die gemeinsamen Leistungen während des Wiederaufbaus beruht. Jedenfalls: Völlig belanglos dürfte dieses Thema für die Bevölkerung im Rheinland, im Ruhrgebiet und in Lippe nicht mehr gewesen sein.

Einen anderen Ansatz, warum identitätsstiftende Maßnahmen während der Amtszeit Meyers auf fruchtbaren Boden fallen konnten, wählt Christoph Cornelißen. Nicht der Aufschwung, sondern die Krise habe hierzu eine große Chance geboten. Der Niedergang des Steinkohlebergbaus und die Strukturkrise im Ruhrgebiet hätten „ein wachsendes gesellschaftliches Bedürfnis nach geschichtlicher Orientierung und Rückversicherung“ aufkommen lassen.28 Parallel zum Aufschwung nach dem Wiederaufbau entwickelte sich in den 1960er Jahren ein Krisenbewusstsein in der nordrhein-westfälischen Bevölkerung. In der Textilindustrie wurden viele Arbeiter entlassen und auch die Hälfte der Bergleute musste sich eine neue Anstellung suchen, was in den meisten Fällen auch gelang. Der Kohleabsatz ging deutlich zurück und auch die Stahlindustrie hatte große Probleme. Die Ursachen und Gründe dafür, warum Nordrhein-Westfalen in jener Zeit massiv an Wirtschaftskraft verlor, können an dieser Stelle nicht in aller Ausführlichkeit dargelegt werden. Von Bedeutung für die Fragestellung in dieser Arbeit ist aber, dass die Umstände am Selbstverständnis der Menschen insbesondere in den industriellen Ballungsräumen genagt haben dürften.29 Dies gilt es zu bedenken, wenn die Art und Weise, wie Meyers Identität zu stiften versuchte, bewertet wird.

Bevor nun die Intentionen und Maßnahmen Meyers zur Hebung des Landesbewusstseins beleuchtet werden, muss zunächst kurz erörtert werden, welche regionalen Identitäten in den frühen Jahren Nordrhein-Westfalens überhaupt nebeneinander oder miteinander lebten.

3.1 Voraussetzungen in Nordrhein, Westfalen und Lippe

In der Anfangszeit Nordrhein-Westfalens spielten die historischen Vorbedingungen der drei Regionen des neuen Landes keine Rolle. Von größerer Bedeutung indes war der Umstand, dass die Briten das Land durch ein Besatzungsdekret gegründet hatten und auf deutsche Beteiligung verzichteten.30 Für diejenigen, die hofften, dass sich innerhalb der neuen Grenzen schnell ein Landesbewusstsein etablieren könnte, war das ein denkbar schlechter Start. Denn neben dem Landesgefühl, das es noch nicht geben konnte, mangelte es den Menschen auch am Landesgebietsbewusstsein. Noch bis 1953, führt Walter Först an, sei Nordrhein-Westfalen mehrheitlich als Provisorium aufgefasst worden.31 Bis dahin gab es also keinen Grund, sich mit dem Land zu identifizieren. Schließlich dauerte es noch einmal fünf Jahre, bis Franz Meyers Ministerpräsident wurde und erstmals das Landesbewusstsein in den Fokus rückte. Sein Problem: Die drei Landesteile hatten vor 1946 keine gemeinsame Geschichte. Zumindest nicht als Staat. Das spiegelte sich auch in den ersten Verfassungsentwürfen wider. Ende 1947 begann die Präambel mit den Worten: „Die Deutschen am Rhein und von Westfalen, in Kultur und Wirtschaft zu einer Schicksalsgemeinschaft eng miteinander verbunden (…).“32 Hier findet noch eine klare Trennung von Rheinländern und Westfalen statt und auch die Bezeichnung „Schicksalsgemeinschaft“ wirkt nicht wie eine Basis, auf der die Menschen im Land zusammenwachsen können. Dass in der endgültig verabschiedeten und durch Volksentscheid angenommen Verfassung 1950 von den „Männern und Frauen des Landes Nordrhein-Westfalen“ die Rede ist, wertet Köhler als Indiz dafür, dass die Menschen im Land schon als Ganzes verstanden werden.33 Tatsächlich war damit der Grundstein gelegt, dass die nordrhein-westfälische Bevölkerung sich als Einheit verstehen konnte. Das bedeutet aber nicht, dass dem auch gleich so war.

Was das Bewusstsein angeht, traf die Gründung Nordrhein-Westfalens die Bevölkerung der neuen Region Nordrhein am härtesten. Denn mit ihrer Eingliederung in das neukonstruierte Land ging parallel eine Teilung einher, nämlich die der alten Rheinprovinz, die sich seit 1822 vor allem auf wirtschaftlicher und auf Verwaltungsebene bewährt hatte. Nun verlief die Grenze der Besatzungszonen der Briten im Norden und der Franzosen im Süden genau durch dieses Territorium. Dabei fielen die Regierungsbezirke Düsseldorf, Köln und Aachen an den Norden, Koblenz und Trier an den Süden.34 Hans Fuchs, zwischenzeitlich Oberpräsident der Nord- Rheinprovinz, setzte sich bei der Militärregierung dafür ein, die Rheinprovinz nicht auseinanderzureißen. Er war der Auffassung, dass man die verheerenden Kriegsfolgen nur gemeinsam bewältigen konnte.35 Offenbar hatte es in der alten Rheinprovinz also so etwas wie ein Landesbewusstsein gegeben. Zumindest konnte mit der Verwaltungs- und Wirtschaftseinheit, die über mehr als 100 Jahre funktioniert hatte, eine Art Sicherheit verbunden werden. Kölns Oberbürgermeister Hermann Pünder führte im Sommer 1947 auch kulturelle und soziale Gründe an, die für eine Vereinigung der Rheinprovinz sprachen. Er sprach unter anderem von einem „Menschenschlag Rheinländer“.36 Es kann an dieser Stelle nicht darum gehen, die unterschiedlichen Mentalitäten in Nordrhein-Westfalen vollständig festzustellen und zu beschreiben. Es bleibt allerdings der Verweis auf die Gegenwart, in der es offensichtlich ist, dass sich das Wesen der Menschen an Rhein, Ruhr und Lippe unterscheidet. Für diese Arbeit entscheidend ist die Ausgangslage beim Zusammenschluss von Nordrhein-Westfalen. Die Grenzen der Provinz Westfalen verliefen seit dem Wiener Kongress 1815 weitgehend so, wie es auch später als Teil von Nordrhein-Westfalen der Fall sein sollte.37 Das dürfte den Menschen in dieser Region die Gründung Nordrhein- Westfalens leichter gemacht haben als der rheinischen Bevölkerung. Karl Rohe glaubt, dass es in der preußischen Provinz Westfalen ein Landesbewusstsein gab, das sogar ausgeprägter war als im Rheinland.38 Wenngleich nicht als Staat, so hatten die Provinzen Rheinland und Westfalen, die insbesondere zunächst in gesellschaftlicher und religiöser Hinsicht Unterschiede aufwiesen, dennoch eine gemeinsame Geschichte. Im Verhältnis zu Preußen wurden die beiden Westprovinzen häufig zusammengefasst. Es gab die Stereotypen vom fortschrittlichen Westen mit einer städtisch-industriellen Zukunft in den Westprovinzen. Zudem bildeten die beiden Provinzen seit 1815 die militärische Einheit Niederrhein und auch auf der preußischen Verwaltungsebene wurden sie zum Teil zusammengefasst.39 Als wichtigsten Punkt nennt Nonn allerdings die Industrialisierung, die an den Grenzen der beiden Provinzen nicht Halt gemacht hätte und den Begriff „rheinisch-westfälisches Industriegebiet“ hervorbrachte: „Vielmehr verklammerte sie das Rheinland und Westfalen vielleicht noch mehr miteinander, als es die preußische Politik tat – in der Realität wie in den Köpfen.“40 Es gab hier also durchaus Anknüpfungspunkte, wenn man eine Einheit in Nordrhein-Westfalen historisch legitimieren wollte.

Eine Sonderrolle nahm das Fürstentum Lippe ein, das bis nach Kriegsende unabhängig blieb.41 Nun ging es um die Entscheidung, ob sich die kleine Region Niedersachsen oder Westfalen anschließt. Laut Peter Hüttenberger hatten verschiedene Gruppierungen unterschiedliche Präferenzen. Nach Niedersachsen wollten die Bauern und Handwerker sowie die Protestanten. Letztere sorgten sich um ihr Schulsystem und wollten deshalb nicht nach Nordrhein-Westfalen. Die ersten beiden Gruppen hatten Angst davor, sie würden ausgebeutet, um die hungernde

[...]


1 Vgl. Goch, Stefan: „Wir in Nordrhein-Westfalen“. Die SPD in den 1970er und 80er Jahren, in: Mittag, Jürgen (Hrsg.): Versöhnen statt Spalten. Johannes Rau. Sozialdemokratie, Landespolitik und Zeitgeschichte, Oberhausen 2007, S. 97-122.

2 Vgl. Düwell, Kurt: Operation Marriage. Die britische Geburtshilfe bei der Gründung Nordrhein- Westfalens, in: Geschichte im Westen 21 (2006), S. 35f, im Folgenden zitiert als: Düwell: „Operation Marriage“.

3 Meyers, Franz: Gez. Dr. Meyers. Summe eines Lebens, Düsseldorf 1982, S. 341, im Folgenden zitiert als: Meyers: Gez. Dr. Meyers.

4 Marx, Stefan: Franz Meyers. Eine politische Biographie (Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 65), Essen 2003, im Folgenden zitiert als: Marx: Franz Meyers.

5 Marx, Stefan: Stiftung von Landesbewusstsein – das Beispiel des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Franz Meyers, in: Geschichte im Westen 16 (2001), Heft 1, S. 7-19, im Folgenden zitiert als: Marx: Stiftung von Landesbewusstsein.

6 WAZ vom 15. April 2017, S. 3.

7 Bachmann-Medick, Doris: Spatial turn, in: Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze – Personen – Grundbegriffe, hg. von Ansgar Nünning, Stuttgart 52013, S. 697.

8 Koselleck, Reinhart: Raum und Geschichte, in: ders.: Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt am Main 2000, S. 78ff.

9 Vgl. Ebd., S. 82 und Blotevogel, Hans Heinrich: Regionalbewusstsein und Landesidentität am Beispiel von Nordrhein-Westfalen, Duisburg 2001, S. 3, im Folgenden zitiert als: Blotevogel: Regionalbewusstsein und Landesidentität.

10 Blotevogel: Regionalbewusstsein und Landesidentität, S. 4.

11 Ebd., S. 4.

12 Vgl. Boldt, Hans: Landesverfassung und Landesbewusstsein, in: (Hg.) Brautmeier, Jürgen: Heimat Nordrhein-Westfalen. Identitäten und Regionalität im Wandel (Düsseldorfer Schriften zur neueren Landesgeschichte und Geschichte Nordrhein-Westfalens 83), Essen 2010, S. 17ff.

13 Vgl. Küppers, Heinrich: Zum Begriff der Landeszeitgeschichte, in: Geschichte im Westen 16 (2001),

Heft 1, S. 25.

14 Nonn, Christoph: Was ist und zu welchem Zweck betreibt man Landeszeitgeschichte? Zu Problemen und Perspektiven einer Landesgeschichte der Moderne, in: Geschichte im Westen 21 (2006), S. 155, im Folgenden zitiert als: Nonn: Landeszeitgeschichte.

15 Ebd., S. 162.

16 Blotevogel: Regionalbewusstsein und Landesidentität, S. 9f.

17 Vgl. Hitze, Guido: Geburtsstunde einer politischen Identifikationskampagne – „Wir in Nordrhein- Westfalen“ und der Landtagswahlkampf 1985, in: Geschichte im Westen 20 (2005), Heft 1, S. 93ff, im Folgenden zitiert als: Hitze: „Wir in Nordrhein-Westfalen“, S. 103ff.

18 Nonn: Landeszeitgeschichte, S. 164ff.

19 Köhler, Wolfram: Landesbewusstsein als Sehnsucht, in: Hüttenberger, Peter (Hrsg.): Vierzig Jahre. Historische Entwicklungen und Perspektiven des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1986, S. 172, im Folgenden zitiert als: Köhler: Landesbewusstsein.

20 Ebd., S. 172.

21 Vgl. Mölich, Georg: Landesbewusstsein, in: Nordrhein-Westfalen. Landesgeschichte im Lexikon (Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen. Reihe C: Quellen und Forschungen, Band 31), hg. von Anselm Faust, Düsseldorf 1994, S. 249-251.

22 Landtag Nordrhein-Westfalen: 4. Wahlperiode, 48. Sitzung am 18. Oktober 1960, S. 1733, im Folgenden zitiert als: LT NRW.

23 Vgl. Nonn, Christoph: Geschichte Nordrhein-Westfalens, München 2009, S. 71ff, im Folgenden zitiert als: Nonn: Geschichte Nordrhein-Westfalens.

24 Vgl. Düwell: „Operation Marriage“, S. 35f.

25 Vgl. Nonn: Geschichte Nordrhein-Westfalens, S. 83.

26 Ebd., S. 86ff.

27 Ebd., S. 91f.

28 Cornelißen, Christoph: Historische Identitätsbildung im Bindestrichland Nordrhein-Westfalen (SBR- Schriften 26, IX. Stiftungsfest der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets Bochum), Bochum 2008, S. 16, im Folgenden zitiert als: Cornelißen: Historische Identitätsbildung.

29 Vgl. Nonn: Geschichte Nordrhein-Westfalens, S. 94ff.

30 Vgl. Först, Walter: Als das neue Land noch keine Geschichte hatte, in: Geschichte im Westen 2

(1987), Band 2, S. 171.

31 Ebd., S. 172.

32 LT NRW: 1. Wahlperiode, Drucksache Nr. 166 vom 15. November 1947.

33 Vgl. Köhler: Landesbewußstein als Sehnsucht, S. 173.

34 Vgl. Dorfey, Beate: Die Teilung der Rheinprovinz. Zur Diskussion um eine Zonengrenze, in:

Geschichte im Westen 4 (1889), Heft 1, S. 7f.

35 Vgl. ebd., S. 8f.

36 Vgl. ebd., S. 16.

37 Vgl. Nonn: Geschichte Nordrhein-Westfalens, S. 37f.

38 Rohe, Karl: Politische Traditionen im Rheinland, in Westfalen und Lippe. Zur politischen Kultur Nordrhein-Westfalens, in: Landeszentrale für politische Bildung in Nordrhein-Westfalen (hg.): Nordrhein-Westfalen. Eine politische Landeskunde, Köln 1984, S. 16.

39 Vgl. ebd., S. 39 u. 44.

40 Ebd., S. 50.

41 Vgl. ebd, S. 37.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Identitätsstiftende Maßnahmen unter Ministerpräsident Franz Meyers. Die Anfänge des Landesbewusstseins in Nordrhein-Westfalen?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
45
Katalognummer
V463697
ISBN (eBook)
9783668923485
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identitätsstiftende, maßnahmen, ministerpräsident, franz, meyers, anfänge, landesbewusstseins, nordrhein-westfalen
Arbeit zitieren
Marcel Kling (Autor), 2017, Identitätsstiftende Maßnahmen unter Ministerpräsident Franz Meyers. Die Anfänge des Landesbewusstseins in Nordrhein-Westfalen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463697

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