Wahrnehmung, Auswirkung und Wandel von Raum und Zeit im Alltag des Mittelalters

Eine Spurensuche nach den Ursprüngen der zeitlich-räumlichen Strukturen in modernen Gesellschaften


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Räume im Mittelalter
2.1 Das mittelalterliche Weltbild anhand der Ebstorfer Weltkarte
2.2 Wahrnehmung und Nutzung des Lebensraums
2.3 Metaphysische Räume

3. Zeitstrukturen im Mittelalter
3.1 Zeitbewusstsein im Kloster
3.2 Zeitbewusstsein auf dem Land
3.3 Die Erfindung der mechanischen Uhr

4. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Unter dem Einfluss der Globalisierung ist Manches längst selbstverständlich geworden, was Menschen früherer Epochen völlig fremd war. Ein Beispiel: Der Blick auf die Uhr. Ein anderes: Der Blick auf eine Landkarte, der heute digital ganz einfach möglich ist. Raum und Zeit sind allgegenwärtig und beeinflussen das Leben der Menschen in hohem Maße. Die Frage, die in dieser Arbeit gestellt werden soll, ist, ob das auch im Mittelalter schon so war. Bedacht wird dabei ein Zeitraum, der ungefähr von 1000 bis 1400 reicht, ohne dass die Grenzen dabei exakt festgelegt werden. Beide, Raum und Zeit, sind eng miteinander verknüpft und können eigentlich nur zusammengedacht werden. In der heutigen Gesellschaft stellt sich doch häufig die Frage, in welcher Zeit welcher Raum überbrückt werden muss. Um zu erfahren, wie sich das im Mittelalter darstellte, muss man sich zuerst klar machen, wie der Raum in dieser Epoche definiert war und welche natürlichen Voraussetzungen, Gedanken und Ideale dafür von Bedeutung waren. Anhand zeitgenössischer Karten wird dargestellt, welches Weltbild die Menschen im Mittelalter hatten. Im Mittelpunkt soll dabei die Ebstorfer Weltkarte stehen. Die Kartographie kann dem mittelalterlichen Raumverständnis jedoch nur einen Rahmen geben. Daraus ergibt sich eine Überleitung zur Alltagsgeschichte. Wie haben die verschiedenen Menschengruppen im Mittelalter den Raum genutzt und wie haben sie ihn wahrgenommen? Welcher Raum stand ihnen überhaupt zur Verfügung? Nachfolgend wird kurz auf die metaphysischen Räume eingegangen, sprich: Welche imaginären Orte haben die Menschen beeinflusst?

Im Anschluss daran wird erörtert, wie die Zeit in diesen Räumen auf die Menschen wirkte. Es muss überprüft werden, ob die Lebensbedingungen eine bewusste Wahrnehmung von Zeit überhaupt nötig machten und was, wenn nicht die Uhr, zur zeitlichen Orientierung diente. Immerhin ist die Zeit heute wohl der wichtigste Faktor für den Lebensrhythmus des Einzelnen sowie der Gemeinschaft, weil sich Firmen, Institutionen und selbst Freizeiteinrichtungen, Vereine oder Fernsehsender nach ihr richten. Pünktlichkeit, besagt ein Klischee, ist eine Tugend der Deutschen. Aber seit wann? Diese Arbeit begibt sich auf eine Spurensuche ins europäische Mittelalter, das mit der Erfindung der mechanischen Uhr im 14. Jahrhundert einen entscheidenden Wandel erfuhr. Anhand zeitgenössischer Quellen wird der Versuch unternommen, das Zeitverständnis im mittelalterlichen Alltag zu rekonstruieren. Zahlreiche Forscher, genannt seien hier Jacques Le Goff1 und Peter Dinzelbacher2, haben das Leben im Mittelalter nachgezeichnet. In den letzten Jahrzehnten gerieten vermehrt die Alltags-3 und jüngst auch die Umweltgeschichte des Mittelalters in den Fokus.4 Die Quellenlage muss insgesamt als gut bewertet werden. Allerdings gilt es zu berücksichtigen, dass Quellen aus dem bäuerlichen Alltag selten sind und somit gewissenhafte Interpretationen fast ausschließlich anhand von zeitgenössischen Darstellungen geistlicher Gelehrter oder weltlicher Herrscher vorgenommen werden können. Das muss im Zusammenhang mit dieser Arbeit, die den Anspruch erhebt, sich mit einem Teil der Alltagsgeschichte des Mittelalters zu beschäftigen, besonders betont werden. In einem Fazit werden die Ergebnisse zusammengetragen und die Frage beantwortet, wie sich Raum und Zeit auf die Menschen im Mittelalter ausgewirkt haben, welche Veränderungen eingetreten sind und welche Bedeutung diese für das Leben in der Gegenwart haben.

2. Räume im Mittelalter

Wie sah das mittelalterliche Weltbild aus? Wie haben die mittelalterlichen Menschen den Raum wahrgenommen und genutzt? Und welche Räume existierten nur in der Vorstellung? Es wird schnell deutlich: Raum ist abstrakt, schwer greifbar und vielschichtig. Um der Frage nachzukommen, welche Brücken des heutigen Raumverständnisses sich bis ins Mittelalter schlagen lassen, muss in erster Linie überprüft werden, welche natürlichen Räume die Menschen zu jener Zeit wie genutzt haben und vor allem: warum? Man kommt jedoch nicht umher, die Geographie miteinzubeziehen, denn auch hier lassen sich vielleicht wichtige Hinweise finden, zumal die Vorstellung der Welt ganz sicher Einfluss auf ihre Nutzbarmachung hat. Gleiches gilt für die metaphysischen Räume, welche in den Köpfen der Menschen existierten, sich ihren Weg aber auch in die reale Welt schafften.

Maßgeblich für das mittelalterliche Denken ist die Vorstellung eines geozentrischen Weltbildes, in dem die Erde im Mittelpunkt eines räumlich begrenzten Kosmos steht. Bis im zwölften Jahrhundert die Aristoteles-Rezeption einsetzte, galt die Vorstellung nach Platon, dass der Kosmos einheitlich, organisch und von einer Weltseele beherrscht sei. Dann aber setzte sich das aristotelische Weltbild durch, nach dem es eine klare Unterscheidung zwischen Himmel und Erde gibt. Demnach ist unter dem Mond die Welt von Geburt, Leben und Tod, darüber kreisen die fünf vollkommenen Planeten und mit den Fixsternen am Himmel endet der physikalische Raum. Jenseits dessen befindet sich der zeit- und raumlose Himmel Gottes. Erst im 16 Jahrhundert beschrieb Kopernikus das heute gültige heliozentrische Weltbild.5 Charakteristisch für das aristotelische Weltbild ist das Vertikalprinzip, also der Blick nach oben. Ziel des mittelalterlichen Menschen ist der Aufstieg der Seele in den Himmel. Der Raum auf der Erde ist für ihn daher wenig bedeutend und wird als von Gott vollendet geschaffen hingenommen. Entscheidender ist daher der Horizont. Hier „endet das Irdische ganz real und geht ins Göttliche über, Endlichkeit und Unendlichkeit fließen ineinander.“6

2.1 Das mittelalterliche Weltbild anhand der Ebstorfer Weltkarte

Das oben genannte Raumverständnis nach dem Vertikalprinzip bedeutet nicht, dass es nicht auch eine Vorstellung von der räumlichen Tiefe gab. Aus mittelalterlichen Landkarten lässt sich schließen, dass es ein Bewusstsein über die geographische Beschaffenheit der Erde gab. Hartmut Kugler hat 2007 eine Neuauflage der Ebstorfer Weltkarte herausgegeben. Die beigelegte 60 x 60 cm große nachgedruckte Karte soll an dieser Stelle als Quelle dienen. Kugler selbst nennt die Ebstorfer Weltkarte „die bei weitem größte und reichhaltigste Erddarstellung, die aus dem europäischen Mittelalter jemals bekannt geworden ist.“7 In einer Abhandlung, die das Raumbewusstsein im Mittelalter wiedergeben möchte, darf diese Karte daher nicht fehlen. Im Original betragen die Maße 3,5 x 3,5 Meter und somit insgesamt rund 13 Quadratmeter. Kugler vermutet den Ursprung der Karte im Benediktinerinnenkloster Ebstorf, wo sie um 1300 entstanden sein soll.8 Sie ist damit ein wichtiges Dokument, wenn es darum geht, das mittelalterliche Weltbild aus europäischer Sicht zu rekonstruieren.

Die gesamte Karte ist quadratisch angelegt. Den größten Teil nimmt die runde Erdansicht ein, an den Außenrändern befindet sich eine Legende. Die Erdkarte folgt dem T-O-Schema, das man auf verschiedenen überlieferten Karten aus dem Mittelalter findet. Kugler nennt unter anderem die Herefordkarte und die Londoner Psalterkarte, beide stammen jeweils aus dem 13. Jahrhundert.9 Das große „T“ stellt in diesem Schema das Mittelmeer dar und teilt die Karte in Ost-West-Ausprägung ungefähr in der Mitte. Oberhalb des „T“ ist Asien verortet, darunter im Norden (also auf der Karte unten links) Europa und im Süden (unten rechts) Afrika. Auf der Ebstorfer Weltkarte nimmt Afrika den kleinsten Teil ein.10 Damit sind nach Kugler genau jene Kontinente in einem vergrößerten Ausschnitt dargestellt, die den Menschen der damaligen Zeit zugänglich waren.11 Darüber hinaus könnten die drei Teile auch jeweils als Verbreitungsgebiet einer Religion angesehen werden.12 Im Zentrum der Karte liegt Jerusalem mit dem Grab Christi. Dazu steht geschrieben: „Diese hochberühmte Stadt ist für die ganze Welt Hauptstadt aller Städte, weil die Rettung des Menschengeschlechts durch Tod und Auferstehung des Herrn vollbracht worden ist.“13 Jesus Christus steht im Mittelpunkt der Welt und bildet zugleich ihren Rahmen. Am oberen Bildrand ist Christi Haupt dargestellt, links und rechts seine Hände und ganz unten seine Füße. Es ist nun an dieser Stelle nicht notwendig, Kuglers Diskussion aufzugreifen, wie genau das Christusbild zu deuten sei.14 Entscheidend ist, wie allgegenwärtig der religiöse Aspekt auf der Ebstorfer Weltkarte und auch auf anderen Weltkarten ist. Und so viel sei dann doch gesagt: Es ist zumindest nicht komplett abwegig, zu behaupten, Christus umfasse die Welt mit seinen Händen. Genauso darf man sich im Hinblick auf das Vertikalprinzip bestätigt fühlen. Denn Christus und seine Glieder liegen auf der Karte am Rand der Welt, sozusagen am Horizont. Es entsteht der Eindruck, als sei der Übergang vom irdischen Himmel zum göttlichen Himmel tatsächlich ein fließender gewesen. Da die Welt aber, wie Peter Dinzelbacher es sagt, nicht nur die Überwelt, sondern auch die Unterwelt unmittelbar berührt, müsste auch das auf der Karte zu erkennen sein.15 Tatsächlich lassen sich einige außergewöhnliche Orte am Rand der Karte und somit am Rand der Welt wiederfinden. Im Nordosten, also am linken oberen Kartenrand, befinden sich zum Beispiel der „Hyrkanische Wald, in dem es Vögel gibt, deren Federn bei Nacht leuchten, und viele andere wilde Tiere“ sowie „Acheron, der Höllenfluß. Hier ergießt er sich, wenn man dem Glauben schenken darf, ins Meer.“16 Dass Räume aus der Vorstellung in der Realität allgegenwärtig werden, wird an anderer Stelle noch einmal aufgegriffen.

Die für diese Arbeit wohl wichtigste Erkenntnis lautet: Es findet auf der Ebstorfer Weltkarte eine Vermischung von geographischen, historischen und religiösen Inhalten statt, wobei die geographischen Inhalte keinesfalls exakt dargestellt sind. Weder was ihre Lage angeht noch in Bezug auf ihre Ausprägung. Nicht einmal Größenverhältnisse sind exakt wiedergegeben.17 Das bestätigt, was weiter oben bereits gesagt wurde: Der geographische Raum ist für den mittelalterlichen Menschen weitestgehend unbedeutend. Ihn beschäftigen religiöse Aspekte – und die Beschaffenheit des bewohnten sowie des genutzten Raums, wie die nachfolgenden Ausführungen darlegen sollen. Vorher soll an dieser Stelle aber noch auf Folker Reichert verwiesen werden, der in seinem jüngsten Werk zahlreiche zeitgenössische Karten und Darstellungen deutet und so das mittelalterliche Weltbild rekonstruiert. Reichert widerspricht nicht der Auffassung, dass die Raumdarstellung im Mittelalter stark von religiösen Aspekten geleitet war. Er legt allerdings auch dar, dass man sich schon seit dem 12. Jahrhundert und noch mehr im späten Mittelalter um mehr Genauigkeit in der Kartographie bemühte.18

2.2 Wahrnehmung und Nutzung des Lebensraums

Wenn es um Wahrnehmung geht, dann geht es immer auch um Subjektivität. Daher wird es an dieser Stelle nicht möglich sein, ein einheitliches Bild von der mittelalterlichen Raumwahrnehmung zu zeichnen. Insbesondere wird es notwendig sein, das Leben auf dem Land vom Leben im Kloster zu unterscheiden. Eine dritte Kategorie sind die Höfe der weltlichen Herrscher. Es darf jedoch angenommen werden, dass sämtliche Gruppierungen vom mächtigen europäischen Wald beeinflusst wurden. Nun war es jedoch nicht der Wald an sich, der einen großen räumlichen Wandel einleitete, sondern die, die ihn abholzten. Wenn Le Goff den Fortschritt mit der Urbarmachung gleichsetzt, dann ist darunter zu verstehen, dass sich die Menschen inmitten dieses Waldes ihren Platz erst schaffen mussten.19 Für die Ritter befriedigte der Wald die Abenteuerlust. Die Bauern hingegen schätzten den Wald wegen seiner Rohstoffe, an erster Stelle das Holz, und der dort zu findenden Nahrung.20 Letztlich musste der Wald mit seinem fruchtbaren jedoch auch für die menschliche Entwicklung herhalten. Durch Rodung entstanden schon seit dem neunten Jahrhundert und intensiver seit dem elften Jahrhundert zunächst landwirtschaftlich geprägte Flächen und später dann Städte. Eine Fläche so groß wie England, sagt Schubert, sei auf deutschem Boden zwischen dem elften und 13. Jahrhundert gerodet worden.21 Kühnel wird etwas genauer und datiert die größten Rodungen im europäischen Wald nördlich der Alpen zwischen 1150 und 1170 sowie 1220 und 1230.22 Mitverantwortlich für die ausgiebigen Rodungen war ein Bevölkerungswachstum, der die Erschließung neuer Ackerflächen notwendig machte.23 Eines wird offensichtlich: Hatten bei der Visualisierung des Raums, wie oben festgestellt, stets religiöse Aspekte eine Rolle gespielt, so geht es bei der Nutzung doch vornehmlich um die natürlichen Bedürfnisse des Menschen. Es wurde Lebensraum geschaffen und außerdem Fläche, die es ermöglichte, in diesem Lebensraum tatsächlich zu überleben.

So unbedeutend daher die Bauern in ihrem Ansehen waren, so wichtig waren sie dennoch für die mittelalterliche Gesellschaft. Sie waren mehr als alle anderen unmittelbar von dem sie umgebenen Raum abhängig. Denn in der Grundherrschaft bewirtschafteten die Bauern das Feld nicht nur, um die eigene Versorgung zu gewährleisten, sondern auch, um die entsprechenden Abgaben zu ernten, welche in einer Hufe, wie der bäuerliche Hof genannt wurde, fällig wurden.24 Für den Bauern war der Lebensraum damit gleichzeitig Arbeitsraum und man darf davon ausgehen, dass es wenige Gründe gab, diese Stätte zu verlassen. Heute kommt man um das Thema Mobilität kaum herum, wenn man über den Raum spricht. Im Mittelalter indes scheint man sich um die Möglichkeiten der Fortbewegung kaum Gedanken machen zu müssen. Wenn nun Le Goff sagt, dass es durchaus Bewegungen im Mittelalter gegeben habe, dann darf man diese jedoch nicht mit solchen vergleichen, wie man sie heute kennt. Le Goff nennt zum einen Reisen und Pilgerfahrten, die allerdings gewiss nur einer kleinen Gruppe vorbehalten waren. Er nennt aber auch, und das ist hier entscheidend, den Verlust der landwirtschaftlichen Fläche, sei es durch Flucht oder durch Wegnahme durch den Grundherrn. Eine gewisse Rastlosigkeit sei darauf zurückzuführen, dass die meisten Menschen keinen Besitz, kein Eigentum gehabt hätten.25 Dem muss man entgegen, dass hier eine Raumüberwindung entstand, die ja gerade auf eine Veränderung des Alltags zurückzuführen ist und keine, die im eigentlichen lebens- oder arbeitsalltag notwendig wurde. Eine Ausnahme nennt Goetz: In einigen Regionen mitteleuropäischen Regionen habe es schon zu karolingischer Zeit Märkte gegeben, auf denen Bauern ihre Überschüsse angeboten hätten.26

Der Lebensraum der Mönche war ebenfalls gleichzeitig Arbeitsplatz und beschränkte sich in der Regel auf das Kloster, das sie nur in Ausnahmefällen verließen.27 Die Klöster waren in der Regel so eingerichtet, dass dies auch nicht nötig war. Sie verfügten unter anderem über eigene Felder, Tiere, eine Bäckerei und sogar eine Brauerei und waren damit so funktional ausgestattet, dass die Versorgung der Mönche gewährleistet war.28 Den Tagesablauf der Mönche bestimmten in erster Linie die Gebetszeiten, auf die später noch genauer eingegangen wird. Außerdem verrichteten die Mönche auch Arbeit – wie sonst sollte die Selbstversorgung funktionieren?29 Wie sehr der Tag der Mönche getaktet war, geht aus den Benediktregel hervor: „Müßiggang ist der Feind der Seele; deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Zeiten mit heiliger Lesung beschäftigt sein.“30 Beten, arbeiten, schlafen – so kann der Tagesablauf der Mönche zusammengefasst werden. Zwar ist das Leben der Mönche im Mittelalter in keiner Weise mit dem der ländlichen Bevölkerung zu vergleichen, trotzdem gab es eine Gemeinsamkeit: Ihr Lebensmittelpunkt war an einem bestimmten Ort fixiert. Mit der Herausbildung von Territorialstaaten ab dem 12. Jahrhundert legten sich auch die Bischöfe und Fürsten auf einen festen, von anderen abgegrenzten Raum fest, in dem sie grundherrschaftliche Rechte ausübten. Vor allem auf den Fürstenhöfen entwickelte sich in der Folge eine eigene Kultur sowie ebenfalls eine eigenständige Verwaltung.31

Eine Ausnahme im Hinblick auf die Mobilität waren die Ritter. Kampf, Jagd und Herrentum, so Goetz, bildeten nach ihrem Selbstverständnis den Mittelpunkt ihres Lebens.32 Es ist an dieser Stelle nicht möglich, alle offenen Fragen rund um das Rittertum und ihre Lebensweise zu diskutieren. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Kriegshandlungen stets mit Bewegungen, mit Raumüberwindung einhergingen. Zumindest solche Ritter, die für ihren Herrn oder die Kirche in den Krieg zogen, müssen daher mobil gewesen sein.

Diese Ausführungen lassen darauf schließen, dass der Alltag des mittelalterlichen Menschen von einer gewissen Bewegungsarmut geprägt war. Darunter ist nicht zu verstehen, dass er faul war, denn natürlich bewegte sich beispielsweise ein Bauer auf dem Feld. Bloß: Er bewegte sich nur selten fort. Eine Entwicklung hin zu einer Mobilität, die annähernd mit der heutigen zu vergleichen ist, setzte erst mit der Entwicklung der Städte ein, die einen Wandel der Kultur und des Arbeiterlebens bewirkte. Kaufleute und Handwerker wirkten und wirtschafteten in einem größeren Radius, als es noch die Bauern auf ihrem Feld taten. Allerdings resultierte dieser Fortschritt aus einem Prozess, der über einen längeren Zeitraum andauerte.33

[...]


1 Unter anderem: Le Goff, Jacques: Kultur des Europäischen Mittelalters (Knaurs große Kulturgeschichte 5), München 1970, im Folgenden zitiert als: Le Goff: Kultur des Mittelalters.

2 Unter anderem: Dinzelbacher, Peter (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte (Kröners Taschenausgabe Bd. 469), Stuttgart 2008.

3 Zur Alltagsgeschichte bezieht Hans-Werner Goetz Stellung, in: Goetz, Hans-Werner: Leben im Mittelalter. Vom 7. bis zum 13. Jahrhundert, München 1986, Vorwort und S. 13-20, im Folgenden zitiert als: Goetz: Leben im Mittelalter.

4 Zur Umweltgeschichte: Hoffmann, Richard C.: An Environmental History of Medieval Europe (Cambridge Medieval Textbooks), Cambridge 2014, im Folgenden zitiert als: Hoffmann: Environmental History.

5 Grabmayer, Johannes: Europa im späten Mittelalter: 1250-1500. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte, Darmstadt 2004, S. 151, im Folgenden zitiert als: Grabmayer: Europa im späten Mittelalter und Dinzelbacher, Peter: Mittelalter, in: Dinzelbacher, Peter (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen, Stuttgart 2008, S. 696f., im Folgenden zitiert als: Dinzelbacher: Mittelalter.

6 Grabmayer: Europa im späten Mittelalter, S. 154.

7 Kugler, Hartmut (Hrsg.): Die Ebstorfer Weltkarte. Kommentierte Neuauflage in zwei Bänden (Bd. 1), Berlin 2007, S. 3, im Folgenden zitiert als: Kugler: Ebstorfer Weltkarte (Bd. 1).

8 Ebd., S. 3.

9 Kugler, Hartmut (Hrsg.): Die Ebstorfer Weltkarte. Kommentierte Neuauflage in zwei Bänden (Bd. 2), Berlin 2007, S. 15f., im Folgenden zitiert als: Kugler: Ebstorfer Weltkarte (Bd. 2).

10 Ebd. S. 15.

11 Ebd., S. 17.

12 Le Goff: Kultur des Mittelalters, S. 227.

13 Kugler: Ebstorfer Weltkarte (Bd. 1), S. 92.

14 Kugler: Ebstorfer Weltkarte (Bd. 2), S. 19f.

15 Dinzelbacher: Mittelalter, S. 696.

16 Kugler: Ebstorfer Weltkarte (Bd. 1), S. 58.

17 Grabmayer: Europa im späten Mittelalter, S. 157f.

18 Reichert, Folker: Das Bild der Welt im Mittelalter, Darmstadt 2013, S. 95.

19 Le Goff, Kultur des Mittelalters, S. 215f.

20 Ebd., S. 216 und Kühnel, Harry: Mittelalter, in: Dinzelbacher, Peter (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen, Stuttgart 2008, S. 648f, im Folgenden zitiert als: Kühnel: Mittelalter.

21 Schubert, Ernst: Alltag im Mittelalter. Natürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander, Darmstadt 2012, S. 42f., im Folgenden zitiert als: Schubert: Alltag im Mittelalter.

22 Kühnel, Mittelalter, S. 654.

23 Schubert: Alltag im Mittelalter, S. 43.

24 Goetz: Leben im Mittelalter, S. 129f.

25 Le Goff: Kultur des Mittelalters, S. 218f.

26 Goetz: Leben im Mittelalter, S. 136.

27 Ebd., S. 88.

28 Ebd., S. 90ff.

29 Ebd., S. S. 105ff.

30 Regula Benedicti c. 48, in: Quellen zur Alltagsgeschichte im Früh- und Hochmittelalter. Erster Teil, hg. von Ulrich Nonn (Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters. FSGA 40b), Darmstadt 2003, S. 135ff.

31 Goetz, Leben im Mittelalter, S. 167ff.

32 Ebd., S. 183f.

33 Gurevič, Aron J.: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen (Beck’sche Sonderausgaben), München 1980.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Wahrnehmung, Auswirkung und Wandel von Raum und Zeit im Alltag des Mittelalters
Untertitel
Eine Spurensuche nach den Ursprüngen der zeitlich-räumlichen Strukturen in modernen Gesellschaften
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V463700
ISBN (eBook)
9783668929036
ISBN (Buch)
9783668929043
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wahrnehmung, auswirkung, wandel, raum, zeit, alltag, mittelalters, eine, spurensuche, ursprüngen, strukturen, gesellschaften
Arbeit zitieren
Marcel Kling (Autor), 2016, Wahrnehmung, Auswirkung und Wandel von Raum und Zeit im Alltag des Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463700

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