Doing Aging. Zur gesellschaftlichen Wahrnehmung alternder Frauen


Hausarbeit, 2017

20 Seiten, Note: 14


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Fokus | Fragestellung
1.2 Erkenntnisinteresse | Vorgehensweise

2. Der doppelte Standard des Älterwerdens
2.1 Weibliche Altersbilder – Damals und Heute
2.2 Weibliche Sexualität im Alter
2.3. Schönheit und Ideal

3. Schluss
3.1 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsnachweis

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A man doesn’t need to tamper with his face. A woman’s face is the canvas on which she paints a revised portrait of herself (Sontag 1972, 34).

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1. Einleitung

Männer ersetzen ihre Frauen durch jüngere. Das ist ein Muster. Es steht groß wie ein Elefant im Raum, aber keiner spricht darüber. Weil es beschämend ist. Weil es entmenschlichend ist und brutal. Ich fand es sehr brutal, und hab es dennoch selbst getan. (…) Natürlich denken manche, das ist ein mieser Trick, aber ich finde tatsächlich, dass es zwar brutal, aber eben auch ein natürlicher Teil des Lebens ist. Und jeder hat Angst davor, dass es ihm selbst passiert, dass man erlebt, wie ersetzbar man ist. Nur damit dieses Gespräch auch versöhnlich endet: Männer haben genauso Angst davor. Und es passiert ihnen auch tatsächlich. Allerdings gibt es, wenn Sie genau nachzählen würden, zynischerweise ein Ungleichgewicht. Diese Gender-Spezifik ist übrigens ganz wichtig im Film. (Husmann/ZEIT ONLINE 2016)

Dieser Auszug aus einem Interview Wenke Husmanns mit dem dänischen Filmregisseur Thomas Vinterberg, veröffentlicht im April dieses Jahres auf den Internetseiten der ZEIT, kann als ein Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit begriffen werden. Geführt anlässlich des aktuellen Films des genannten Regisseurs, greift das Interview die darin behandelte Thematik der durch eine deutlich jüngere Frau ersetzten Ehefrau sowie des vermeintlichen „Verfalls“ letzterer auf – und ist somit Zeugnis vorherrschender Verhältnisse, die gemeinhin als Normalität begriffen und dargestellt werden: Ein großer Altersunterschied zwischen Mann und Frau findet insbesondere dann gesellschaftliche Akzeptanz, wenn ersterem der ältere Part zukommt. Die Welt des Films verdeutlicht diese Selbstverständlichkeit von Beziehungen zwischen älteren Männern und jungen Frauen, lassen sich neben Vinterbergs „Die Kommune“ doch zahlreiche weitere Beispiele für die Allgegenwärtigkeit derartiger Verbindungen finden. Ob Bill Murray und Scarlett Johansson in „Lost in Translation“, Jeff Bridges und Maggie Gyllenhaal in „Crazy Heart“ oder Audrey Hepburn und Cary Grant in „Charade“ – all diese Liebesbeziehungen erscheinen, den zum Teil beträchtlichen Altersunterschieden zum Trotz, nicht nur glaubhaft und realistisch, sondern vor allem eines: natürlich. Immerhin stehe das Alter, so man einem gängigen Vorurteil Glauben schenkt, den Männern besser als den Frauen, veredele der Alterungsprozess erstere wie einen heranreifenden Wein, während er letztere wie Blumen welken lasse (vgl. Kröher 1996).

Redensarten wie diese spiegeln nicht nur die Abwertung wider, die alternden Frauen in dieser Gesellschaft widerfährt – und für die deren körperlicher „Verfall“ Begründung genug ist –, sie zeigen darüber hinaus die Normalität dieser Abwertung. Dass Frauen im Gegensatz zu Männern mit zunehmendem Alter Schönheit und Attraktivität einbüßen, wird als Tatsache angesehen, als Teil eines natürlichen, unabwendbaren Prozesses.

Was aber steckt hinter der gängigen Annahme, dass Männer „besser“ altern als Frauen, d.h. ihre Attraktivität mit zunehmendem Alter eher steigt, während sie bei Frauen rapide abnimmt? Dieser Frage nachzugehen und nach möglichen Ursachen für das beschriebene Ungleichgewicht zu fahnden, ist Anliegen der vorliegenden Arbeit.

1.1 Fokus | Fragestellung

Ausgehend von der in der Geschlechterforschung vorherrschenden Annahme, dass es sich beim sozialen Geschlecht nicht um ein natürliches und unveränderbares Merkmal als vielmehr um eine Konstruktion handelt – Stichwort „Doing Gender“ – sehen die Forscherinnen Birgit Blättel-Mink und Caroline Kramer auch das Alter nicht als einen ausschließlich „natürlichen“ Regeln unterliegenden, keinerlei Gestaltungsmöglichkeiten bietenden Prozess. Im Gegenteil sei in einer Kombination von Geschlecht UND Alter in zweifacher Hinsicht ein „Doing“ zu erwarten (vgl. Blättel-Mink/Kramer 2009, 9f).

Der hieran anlehnend als „Doing Aging“ bezeichnete Analyseansatz, diese Idee des „gemachten Alters“, soll den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bilden. Von Interesse ist hierbei jedoch weder die generelle Altersdiskriminierung noch die intersektionale Diskriminierung alter bzw. älterer Frauen, vielmehr sollen die gesellschaftliche Wahrnehmung letzterer in den Fokus gerückt und geschlechtsspezifische Schönheitsideale und Körperbilder betrachtet werden. Ziel ist es, Ursprünge und Einfluss herrschender Annahmen aufzuzeigen und zu hinterfragen. So hält Vinterberg es nicht nur für ein „Muster“, sondern gar „für einen natürlichen Teil des Lebens“, dass Männer ihre Frauen durch jüngere ersetzen (vgl. Husmann/ZEIT ONLINE 2016). Eben diese angebliche „Natürlichkeit“ soll im Rahmen dieser Arbeit näher beleuchtet und auf den Prüfstand gestellt werden.

1.2 Erkenntnisinteresse | Vorgehensweise

Es ist also der Ursprung dessen, was eine Gesellschaft dazu verleitet, eine Frau ab einem gewissen Alter ab-, einen Mann hingegen aufzuwerten, welcher den Kern des Interesses bildet. Es bedarf daher zunächst einer – dem begrenzten Rahmen der Arbeit angemessenen – Berücksichtigung kulturgeschichtlicher Aspekte, um die Wurzeln dieser bereits beschriebenen Diskrepanz versuchen herzuleiten. Den Schwerpunkt wird hierbei eine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung (alter) Frauen bilden; in diesem Zusammenhang ist auch auf die Konstruktion von Sexualität ein besonderes Augenmerk zu legen. Die hieran anschließende kritische – und wiederum geschlechtsspezifische – Betrachtung des Alterns wird Schönheit, Schönheitsideale und deren Stellenwert für Frauen in den Fokus rücken.

Wie an dem sprichwörtlichen „roten Faden“ wird sich wiederholt an Susan Sontags Essay „The Double Standard of Aging“ von 1972 orientiert werden. So nimmt sich die Schriftstellerin hierin als eine der ersten Stimmen den kulturellen Implikationen der Definition von „Alter“ an und verweist in aller Deutlichkeit auf die unterschiedlichen Maßstäbe, die in Bezug auf das Altern bei Männern und Frauen angelegt werden, indem sie mögliche Ursprünge und Auswirkungen gleichermaßen herausarbeitet.

Eine abschließende Beleuchtung der gegenwärtigen Situation soll die nunmehr 44 Jahre alten Erkenntnisse Sontags auf ihre Aktualität hin überprüfen und Bezüge zu zeitgenössischen Betrachtungen herstellen. Zu guter Letzt gilt es, die gesammelten Informationen und gewonnen Erkenntnisse im Rahmen eines Fazits zusammenzuführen und die eingangs aufgeworfenen Fragen vor diesem Hintergrund erneut zu beleuchten sowie idealerweise einige Gedanken zur Entwicklung neuer Perspektiven zu formulieren.

2. Der doppelte Standard des Älterwerdens

Mit dem Ende der Kindheit, so Susan Sontag, werde das Geburtsjahr einer Frau nicht nur zu ihrer Privatangelegenheit, sondern zu einer Art „schmutzigen“ Geheimnis. Das Unbehagen, das eine Frau jedes Mal überkomme, wenn sie ihr Alter preisgebe, sei dabei unabhängig von jenem angstvollen Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit, welches jeden Menschen von Zeit zu Zeit umtreibe. Dieses sei nur natürlich; niemand, weder Mann noch Frau, genieße das Älterwerden. Vielmehr gehe nach dem 35. Lebensjahr jedwede Erwähnung des eigenen Alters mit dem Gedanken daran einher, sich möglicherweise näher am Ende als am Anfang des eigenen Lebens zu befinden. Die hieraus resultierende Sorge sei alles andere als unangemessen, auch die von sehr alten Menschen angesichts ihrer schwindenden körperlichen und geistigen Kräfte empfundene Qual und Wut seien mehr als verständlich. Das hohe Alter sei eine echte Tortur1, welcher sich Männer und Frauen auf ähnliche Weise unterziehen müssten. Der Prozess des Älterwerdens hingegen sei eine sich hauptsächlich in der Einbildung abspielende Tortur, eine Art moralische Krankheit, von welcher Frauen häufiger befallen würden als Männer. Es seien vornehmlich erstere, die durch das Älterwerden mit Abneigung und Scham erfüllt würden (vgl. Sontag 1972, 29). Um ein Verständnis für diese so negativen Emotionen zu erlangen, sollen im Folgenden gegenwärtige wie auch weibliche Altersbilder vergangener Jahrhunderte beleuchtet werden.

2.1 Weibliche Altersbilder – Damals und Heute

Das Leben ist entwürdigend“, hatte Henri de Régnier gesagt; „das Leben geht vor allem dem Verfall entgegen – manchen Leuten gelingt es wohl, sich nicht entwürdigen zu lassen, den Kern ihres Wesens zu bewahren; doch welches Gewicht hat schon ein solcher Rest angesichts des körperlichen Verfalls? (Houellebecq 2005, 55)

Gemäß Sontag schüren die emotionalen Privilegien, welche diese Gesellschaft mit Jugend verbindet, in jedem Menschen Ängste hinsichtlich des Älterwerdens. Anders als in ländlichen Stammesgesellschaften finde in modernen, urbanisierten Gesellschaften eine Neubewertung des Lebenszyklus zugunsten der Jugend statt. In der Folge ließen Menschen ihr unmittelbares Bewusstsein für ihre eigenen Bedürfnisse von einer kommerzialisierten Bilderwelt von Glück und persönlichem Wohlbefinden überstrahlen. Die beliebteste Metapher für Glück in dieser zum Konsum anregenden Bildsprache sei Jugend, die, so Sontag, ihrerseits als Metapher für Energie und Bewegungsfreiheit fungiere, vor allem aber für Verlangen stehe, für Begehren, für den Wunsch nach „mehr“. Diese Gleichsetzung von Wohlbefinden und Jugend rücke den Menschen sowohl das eigene Alter als auch das anderer Personen auf nahezu zermürbende Weise ins Bewusstsein. Während in nicht-industriellen Gesellschaften exakten Daten nicht allzu viel Wichtigkeit beigemessen werde, sodass das eigene Alter oft nicht mit Sicherheit definiert werden könne, so würden Menschen in industriellen Gesellschaften regelrecht von Zahlen und Nummern heimgesucht. In einer Epoche steigender Lebenserwartung würden die letzten zwei Drittel eines jeden Lebens überschattet von einer schmerzlichen Ahnung unermüdlichen Verlustes.

Auch bei Männern führe das Altern mitunter zu depressiven Episoden, beispielsweise wenn sie sich unsicher, unerfüllt oder auf beruflicher Ebene unzureichend gewürdigt fühlten. Dennoch berge das Älterwerden für sie weniger tiefgreifende Verletzungen, käme doch zur propagierten Jugend, welche alternde Männer und Frauen gleichermaßen in die Defensive dränge, ein doppelter Standard hinzu, nach welchem alternde Frauen mit besonderer Schwere verurteilt würden. Nachgiebiger sei die Gesellschaft, wenn es um das Altern von Männern gehe; diesen sei es im Gegensatz zu Frauen „erlaubt“, auf unterschiedliche Weisen und ohne Nachteil, zu altern.

[...]


1 Für die von Sontag gebrauchte Bezeichnung „ordeal“ lassen sich zahlreiche weitere Übersetzungen finden. „Martyrium“, „Qual“, „Prüfung“ oder „bitterer Kelch“, um nur einige zu nennen, wären ebenso geeignet gewesen, auf die meist mit dem Alter einhergehenden Gebrechen und Entbehrungen hinzuweisen, wie der an dieser Stelle verwendete Begriff „Tortur“.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Doing Aging. Zur gesellschaftlichen Wahrnehmung alternder Frauen
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
14
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V463716
ISBN (eBook)
9783668931145
ISBN (Buch)
9783668931152
Sprache
Deutsch
Schlagworte
doing, aging, wahrnehmung, frauen
Arbeit zitieren
Frauke Oberländer (Autor), 2017, Doing Aging. Zur gesellschaftlichen Wahrnehmung alternder Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463716

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