Ein liebes Lied - Humor in Ernst Jandls 'sommerlied'


Hausarbeit, 2003

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Humor in Jandls „sommerlied“ – eine Vorbemerkung

2. Thematische Einordnung des Gedichtes „sommerlied“

3. Anmerkungen zu Metrik und Sprache des Gedichtes
3.1 Zustand und Prozeß
3.2 Spezifizierung und Generalisierung
3.3 Stimmungsaufbau und Spannung

4. Theorien zum Humor
4.1 Jean Pauls Humorbegriff
4.2 Schmidt-Hiddings Synchronisches Wortfeld der Komik

5. Wie humorvoll ist Jandls „sommerlied“? – Humor in Verbindung von Sprache und Theorie
5.1 Totalität und Erhabenheit als humoristische Mittel im „sommerlied“
5.2 Subjektivität, Sinnlichkeit und Emotionen

6. Zusammenfassung: Humor und Religion. Wie religiös ist das „sommerlied“?

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis

1. Humor in Jandls „sommerlied“ – eine Vorbemerkung

sommerlied[1]

wir sind die menschen auf den wiesen

bald sind wir menschen unter den wiesen

und werden wiesen, und werden wald

das wird ein heiterer landaufenthalt

Thema dieser Arbeit wird der Nachweis humoristischer Züge in Ernst Jandls Gedicht „sommerlied“ sein. Dabei geht es zunächst in den Kapiteln 2 und 3 um inhaltliche und sprachliche Besonderheiten und Auffälligkeiten.

Typisch für Jandl sind das überraschende Zusammenspiel von Überschrift und Text und die Aussagekraft weniger Verse zu komplexen Themen. Auch hier weise ich in meinem ersten Kapitel auf die scheinbare Widersprüchlichkeit von Überschrift und Text hin. Dabei geht es darum, daß Assoziationen zur Überschrift, die ohne Kenntnis des Textes gesammelt wurden, zunächst eine Erwartungshaltung des Rezipienten aufbauen, die auf den ersten Blick der eigentlichen Thematik entgegengesetzt zu sein scheinen. Warum sich dieser Gegensatz meiner Meinung nach bei näherer Betrachtung auflöst, greife ich in den folgenden Kapiteln immer wieder auf.

Um das Vorhandensein und die Wirksamkeit von Humor in Jandls Gedicht nachzuweisen, erachte ich es nicht für notwendig, wortgeschichtliche Erläuterungen zum Begriff Humor anzubringen. Viele Theorien gibt es über Charakteristik und Aussage von humorvollen Texten, die in ihrer Gesamtheit anzusprechen, den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Einer der ersten, der den Humor in der Sprache genauer von anderen Arten des Komischen abgegrenzt hat, war Jean Paul. Seine Überlegungen dazu sollen die maßgebliche theoretische Grundlage meiner Arbeit bilden.

Desweiteren gehe ich auf die Arbeiten von Schmidt-Hidding und Schütz ein, die wertvolle Informationen zum Thema boten.

Der religiöse Gehalt des Gedichtes wird von mir nicht schwerpunktmäßig thematisiert, sondern nur in einem Ausblick im letzten Kapitel angesprochen. Etwas genauer erfolgt jedoch eine Auseinandersetzung mit der Geisteshaltung des Barock, in dessen Memento mori ja auch eine eindeutig religiöse Haltung wiederzufinden ist.

2. Thematische Einordnung des Gedichtes „sommerlied“

Das Gedicht „sommerlied“ von Ernst Jandl überrascht im allgemeinen beim ersten Lesen oder Hören durch die vermeintliche Widersprüchlichkeit zwischen den mittels der Überschrift hervorgerufenen Assoziationen und dem tatsächlichen Inhalt des Gedichtes[2]. Daß jedoch eine durchaus positive Grundstimmung zum Tragen kommt und die evozierten Assoziationen nicht unbegründet sind, möchte ich im weiteren Verlauf der Arbeit aufzeigen.

Was ist nun der die anfängliche Widersprüchlichkeit hervorrufende Inhalt? Ernst Jandl beschreibt Gedankengänge zum Sterben und zum Kreislauf der Natur, die im lyrischen Ich beim Anblick von Wiesen aufkommen, welche – wie wir dem Titel entnehmen können – wohl in voller sommerlicher Pracht erscheinen. Eine nähere örtliche oder zeitliche Bestimmung wird nicht vorgenommen. Es bleibt dem Leser überlassen, hier einen in der Tat von Ernst Jandl und einigen Begleitern erlebten Landausflug zu sehen oder eine fiktive Person, die diese Gedanken beim Anblick von Sommerwiesen hat[3]. Wichtig ist dabei allerdings die äußerst subjektive Wirkung des Gedichtes, die Involviertheit eines jeden, die Ernst Jandl durch die Benutzung des Personalpronomens „wir“ (Verse 1 und 2) erreicht. Typisch für monologische Gedichte ist es, keine Gruppe im besonderen anzusprechen, sondern sich an ein allgemeines Publikum zu wenden, hier mittels des Substantives „menschen“ in den Versen 1 und 2.

Bei der Gegenüberstellung von Leben (Überschrift und erster Vers) und Tod (2. – 4. Vers) kommen keine schmerzlichen Empfindungen auf; durch die vorbereitenden Assoziationen trägt die heitere Grundstimmung über die Ernsthaftigkeit und Spannung des Themas hinweg und gipfelt auch im vierten Vers in dem Vergleich des Todseins mit einem „heitere[n] landaufenthalt“. Die Abweichung zwischen Jetzt und Zukünftigem ruft nicht nur Wehmut, sondern Hoffnung hervor. Das lyrische Ich wird sich der Unausweichlichkeit des Naturkreislaufes bewußt und gewinnt dieser eine positive Seite ab. Wie später zu zeigen sein wird, ist dies ein Merkmal für die dem Humoristen typische Einstellung.

Aus dieser Erkenntnis und den Erfahrungen des Ich erwächst ein Mitteilungswunsch, der sich in oben genannter Anrede („wir“ und „menschen“) zeigt. Es ist denkbar, das Gedicht als Appell an das Publikum zu verstehen, innezuhalten und sich des Todes, aber auch des Lebens bewußt zu werden. Um auf die Spannung zwischen Jetzt und Zukunft hinzuweisen, teilt Jandl das Gedicht in zwei Teile. Vers 1 gibt die Gegenwart wieder, Verse 2 bis 4 die Zukunft. Daß in Gegenwärtigem schon die Zeichen der Zukunft erkennbar sind, erinnert stark an den Barock. Interessant ist hierbei die Gewichtung von Gegenwart und Zukunft. Symbolisch für die Kürze unseres Daseins im Verhältnis zum Ausmaß der Zukunft ist nur ein Vers dem Jetzt gewidmet und drei Verse dem Kommenden. In der barocken Kunst schwingt auch immer das Memento mori mit, nicht jedoch ohne das Gegenstück des Carpe diem[4]. Nur im Zusammenspiel dieser beiden Ideen ist die Freude am Leben zu erklären: Da wir alle vergänglich und uns dieser Tatsache bewußt sind, sollen wir, so lange es uns möglich ist, genießen, was das Leben bietet.

In diesem Zusammenhang ist Barnis[5] Aufsatz von der „barocken Seele“ Ernst Jandls zu erwähnen. Sie stellt fest, Ernst Jandl hätte gleich dem Menschen des Barock das Elend der Menschheit in seinem Schöpfungszustand vor Augen[6]. Hier schwingt eine eher bittere Note beim Anblick des blühenden Lebens mit, die dem Humor durchaus zu eigen ist.

3. Anmerkungen zu Metrik und Sprache des Gedichtes

Alle vier Verse des Gedichtes beginnen unbetont, also mit einem Auftakt. Pro Vers lassen sich vier Hebungen aufzeigen. Es handelt sich somit um jambische Verse mittlerer Länge, welche sich für betrachtende Gedichte eignen[7] und einen beweglichen Satzbau erlauben.

In Vers 3 zeigt sich eine weibliche Zäsur, die auch optisch durch das einzige Satzzeichen des Gedichtes, das Komma, erkennbar ist. Dadurch wird der Vers in zwei Bögen geteilt.

Zwischen den Versen 2 und 3 findet ein Kadenzwechsel statt. Verse 1 und 2 schließen unbetont, also weiblich, Verse 3 und 4 schließen betont, also männlich. Weiblich endende Verse klingen im allgemeinen weich, während männliche Kadenzen eher fest und bestimmt wirken[8].

Vers 1 wird von einem monotonen Gleichmaß geprägt, zwischen zwei Hebungen folgt immer eine Senkung. Dieses wird in den folgenden Versen aufgehoben. Hier werden sie daktylisch, was einen lebhaft tänzerischen, sogar feierlichen Rahmen gibt.

[...]


[1] Ernst Jandl: Poetische Werke. Bd. 5: Dingfest; Verstreute Gedichte 4. Hrsg. von Klaus Siblewski. 1.Auflage. München 1997. S. 51.

[2] Hierfür habe ich vor meinem Referat nur die Überschrift des von mir vorzustellenden Gedichtes angegeben und im Plenum Assoziationen gesammelt. Folgendes wurde mir genannt: fröhlich, heiter, Liebe, Unbeschwertheit, „Ein Bett im Kornfeld“, Blumen, Wiese, Mücken, Sonne, träumerisch, „Midsummernight’s dream“, Sommer – Sonne – Strand – Meer. Der Grundton der Assoziationen verheißt eher ein Gedicht voller Leben und Leichtigkeit. Vermutungen, die auf ernste und schwere Themen, gar die Todesthematik, abzielten, kamen nicht auf.

[3] Vgl. Werner Ross: Grünes Sterbelied. In: Frankfurter Anthologie. Bd. 6: Gedichte und Interpretationen. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki. S. 236. Ross berichtet von einem zum Gedicht gehörenden Datum, das ich allerdings in meiner Ausgabe nicht habe. Er schließt daraus, daß Jandl diesen Ausflug aufs Land tatsächlich gemacht haben könnte.

[4] Vgl. auch Ross, Grünes Sterbelied, 1982, S. 237. Meiner Meinung nach sieht Ross das Memento mori zu einseitig. Natürlich ist das „Schreckbild des Todes“, wie er sagt, unangenehm und nicht gern gesehen, aber dennoch gab es im Barock auch die ausufernde Lebenslust, die durch das zweite Prinzip, das Carpe diem erklärt wird. Beide Seiten des Lebens zählen und sind zu berücksichtigen. Sich nur einseitig zu orientieren, ist eine Unausgewogenheit. Das Ungewöhnliche ist allerdings tatsächlich, das Nennen von Sommer und Tod im gleichen Atemzug.

[5] Sara Barni: L’anima barocca di Ernst Jandl. In: Reitani, Luigi (Hrsg.): Ernst Jandl: proposte di lettura. Udine: 1997. S. 147-152. [Quaderni della Biblioteca austriaca; 1]

[6] Barni, L’anima barocca, 1997, S. 149: „Esattamente come l’uomo barocco egli ha sotto gli occhi la miseria dell’umanità nel suo stato creaturale.”

[7] Horst Joachim Frank: Wie interpretiere ich ein Gedicht?: Eine methodische Anleitung. Tübingen 1991. S. 26. [UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher; 1639]

[8] Frank, Wie interpretiere ich ein Gedicht?, 1991, S. 30.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Ein liebes Lied - Humor in Ernst Jandls 'sommerlied'
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Proseminar: Spielarten des Komischen in der Sprache
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V46372
ISBN (eBook)
9783638435772
ISBN (Buch)
9783656878186
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lied, Humor, Ernst, Jandls, Proseminar, Spielarten, Komischen, Sprache
Arbeit zitieren
Evelyn Lehmann (Autor), 2003, Ein liebes Lied - Humor in Ernst Jandls 'sommerlied', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46372

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