Zwischen der Veröffentlichung der Novellen Aus dem Leben eines Taugenichts von Joseph von Eichendorff (1826) und Bahnwärter Thiel von Gerhart Hauptmann (1888) liegen über 60 Jahre. Wie hat sich die Darstellung von Raum und Zeit in der Literatur während dieser Zeitspanne gewandelt und inwiefern lässt sich das in die jeweiligen Literaturströmungen jener Zeit einordnen? Was ist charakteristisch für Eichendorffs romantischen Raum und wo liegen die Unterschiede zum vom Naturalisten Hauptmann aufgezeichneten Raum? Eine Betrachtung lohnt sich deshalb, weil diese unbedingt vor dem Hintergrund kultureller, politischer und technischer Entwicklungen im 19. Jahrhundert geschehen muss. Sowohl der Mensch selbst als auch die durch ihn gemachte Technik haben zu jener Zeit einen Wandel erfahren, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind. In gewisser Weise war die Französische Revolution 1789 ein Vorläufer unserer heutigen Demokratie und der technische Fortschritt beschäftigt Gesellschaft und Forscher gleichermaßen nach wie vor.
Aus dem Leben eines Taugenichts und Bahnwärter Thiel sind herausragende Werke ihrer Epochen. Es macht deshalb Sinn zu überprüfen, ob sich in der Raum- und Zeitdarstellung dieser Werke Hinweise auf einen den Menschen in seiner Wahrnehmung beeinflussenden Wandel finden lassen, wie diese sich unterscheiden und welche Rückschlüsse sich daraus ziehen lassen. Dazu wird es zunächst einen groben literaturgeschichtlichen Überblick geben, der die für diese Arbeit wichtigsten Schlagworte nennt. In der Folge wird die Chronologie der hier gegenständlichen Erzähltexte eingehalten und deshalb zunächst Aus dem Leben eines Taugenichts auf seine Darstellungsformen von Raum und Zeit überprüft. Wichtige Motive werden dabei das Wandern sowie die Ferne sein. Im Anschluss werden Raum und Zeit im Bahnwärter Thiel unter der Berücksichtigung von Technik und Natur analysiert sowie gleichzeitig Parallelen und Unterschiede zum Taugenichts aufgezeigt. Stets berücksichtigt werden mögliche Charakteristika der Romantik und des Naturalismus.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Literaturgeschichtlicher Kontext
2.1 Romantik und Eichendorff
2.2 Naturalismus und Hauptmann
3. Raum und Zeit in Aus dem Leben eines Taugenichts
3.1 Das Wandermotiv
3.2 Die Ferne
4. Raum und Zeit in Bahnwärter Thiel
4.1 Das Wärterhäuschen und Thiels Haus
4.2 Einfluss der Industrialisierung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Wandel in der Darstellung von Raum und Zeit in der deutschsprachigen Literatur zwischen 1826 und 1888, anhand der Werke von Joseph von Eichendorff und Gerhart Hauptmann, um die Einflüsse kultureller und technischer Entwicklungen auf die menschliche Wahrnehmung zu verdeutlichen.
- Vergleich von Romantik und Naturalismus
- Analyse des Wandermotivs und der Bedeutung der Ferne
- Einfluss der Industrialisierung und Technik auf den Raum
- Gegenüberstellung von freiem Individuum und mechanisiertem Alltag
- Wandel der Naturbeschreibung in der Literatur
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Wandermotiv
Maßgeblich beeinflusst sind Raum und Zeit in Aus dem Leben eines Taugenichts durch das Wandermotiv. In seinen Ausführungen zur Gattungsfunktion des Reiseberichts sagt Peter Brenner, dass die Gattung sich zur Zeit der Jahrhundertwende des 18./19. Jahrhunderts – also in der Zeit, in der auch der Taugenichts entstand – in einer Phase des Umbruchs befunden habe. Einen besonderen Typus repräsentiert laut Brenner Eichendorffs Taugenichts, der eine „Ausfahrt in die Utopie“ sei und sich als Kritik an den traditionellen Reiseformen lesen lasse. Eichendorff verfasste mit seiner Harzreise zwar selbst einen der wenigen romantischen Reiseberichte, die in ihrer Form tatsächlich das Reisen in den Mittelpunkt stellen. Die Reiseauffassung der Romantiker lässt sich allerdings anhand des Taugenichts besser beschreiben. Brenner liest aus den literarischen Texten der Romantiker folgendes Reiseideal: „Der Planung und Zielorientierung wird die Improvisation gegenübergestellt. Der Romantiker läßt sich seinen Weg vom Zufall vorgeben und ist bereit, auf jede Ablenkung einzugehen.“
Schon im ersten Kapitel des Taugenichts erfüllt die Novelle diese Kriterien einer romantischen Reiseauffassung: „Wenn ich ein Taugenichts bin, so ist’s gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.“ Den Protagonisten zieht es hier „in die Welt“, ein konkretes Ziel gibt es zunächst nicht. Zudem geschieht die Reise nicht aus eigenem Antrieb, sondern sein Vater, der ihn vor die Tür setzt, gibt ihm den Impuls dazu. Die Reise ist daher spontan und ungeplant. Die Stadt Wien wird nur zufällig sein erstes Ziel. Als ihn zwei Damen aus einem Wagen heraus fragen, wohin er reist, ist der Taugenichts aufgrund seiner Ziellosigkeit peinlich berührt und antwortet daher spontan, dass er „nach W.“ wolle. Im dritten Kapitel ist zwar Italien schnell als Reiseziel ausgemacht. Jedoch: „Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, dass ich eigentlich den rechten Weg nicht wusste.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Fragestellung nach dem Wandel der Raum- und Zeitdarstellung zwischen Eichendorff und Hauptmann im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen.
2. Literaturgeschichtlicher Kontext: Das Kapitel ordnet die beiden Autoren in ihre jeweiligen Epochen, die Romantik und den Naturalismus, ein und definiert die für die Analyse relevanten Merkmale.
3. Raum und Zeit in Aus dem Leben eines Taugenichts: Hier wird untersucht, wie das Wandermotiv und das Konzept der Ferne die unbestimmte, abstrakte Raumdarstellung bei Eichendorff prägen.
4. Raum und Zeit in Bahnwärter Thiel: Der Fokus liegt auf der engen räumlichen Gestaltung in Hauptmanns Werk und dem Kontrast zwischen Natur und der durch die Industrialisierung bedingten Technik.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Unterschiede zusammen: Vom frei handelnden romantischen Individuum hin zur durch Technik und Milieu determinierten Figur des Naturalismus.
Schlüsselwörter
Romantik, Naturalismus, Eichendorff, Hauptmann, Raumdarstellung, Zeitdarstellung, Wandermotiv, Ferne, Industrialisierung, Technik, Natur, Literaturvergleich, Novelle, Subjektivität, Milieu.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den literarischen Wandel in der Darstellung von Raum und Zeit zwischen der Spätromantik und dem Naturalismus am Beispiel von Eichendorffs Taugenichts und Hauptmanns Bahnwärter Thiel.
Welche Epochen stehen im Zentrum der Untersuchung?
Die Arbeit vergleicht die Romantik (vertreten durch Eichendorff) mit dem Naturalismus (vertreten durch Hauptmann).
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu belegen, dass sich die veränderte Wahrnehmung von Raum und Zeit in der Literatur direkt aus den technischen und gesellschaftlichen Umbrüchen des 19. Jahrhunderts ableiten lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparatistische literaturwissenschaftliche Analyse, die Motive und Raumbeschreibungen in den Primärtexten im Lichte des literaturgeschichtlichen Kontexts interpretiert.
Welche Themenfelder werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt das romantische Wandermotiv und das Ideal der Ferne bei Eichendorff sowie den Einfluss von Industrialisierung, Technik und Natur auf die Raumwahrnehmung bei Hauptmann.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die wichtigsten Begriffe sind Raumdarstellung, Zeitdarstellung, Industrialisierung, romantisches Wandermotiv, Technik und Natur als Gegenpole.
Welche Rolle spielt die „Ferne“ bei Eichendorff?
Die Ferne fungiert als magischer Ort der Sehnsucht, der seinen Zauber verliert, sobald er erreicht wird, was die Unabgeschlossenheit und Freiheit des romantischen Helden unterstreicht.
Warum wird im Bahnwärter Thiel die Natur anders dargestellt als im Taugenichts?
Während Natur bei Eichendorff eher skizzenhaft bleibt, wird sie bei Hauptmann detailliert beschrieben, um den Kontrast zur mechanisierten, industrialisierten Arbeitswelt Thiels zu schärfen.
- Arbeit zitieren
- Marcel Kling (Autor:in), 2016, Darstellung von Raum und Zeit im Kontext von Romantik und Naturalismus am Beispiel von Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts" und Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463744