Heinrich Manns Roman Der Untertan hat seit seiner Buchveröffentlichung 1918 an gesellschaftlicher Brisanz nicht verloren, was sich an der Fülle der Sekundärliteratur ablesen läßt.
Vorliegende Abhandlung bespricht einen neuen Gesichtspunkt, den des von Macht und Manipulation gezeichneten Verhältnisses zwischen Diederich Heßling und Guste Daimchen. Als wichtigstes Stilmittel fungiert die Satire, die in einer Übertragung des Privaten auf das Öffentliche auch zur Spiegelung der wilhelminischen Gesellschaft, die von einem Streben nach Macht und Geld geleitet wird und zugleich von Liebesunfähigkeit und Verlustängsten geprägt ist, dient.
Die Analyse der satirischen Mittel stützt sich hierbei auf einen mikrostrukturellen Ansatz und steht im Mittelpunkt der ersten Hälfte des Textes. Im zweiten Teil werden die im Untertan herausgearbeiteten Züge der Paarbeziehung untersucht und in Verbindung mit allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen des Kaiserreiches gebracht. So stehen die masochistischen Vorstellungen von Machterlangung und –ausübung in direktem Zusammenhang mit sozialen Strukturen außerhalb der Institution Familie.
In vorliegendem Text wird die didaktische Kraft der Satire herausgestellt, die dem Rezipienten zwar kein Lösungsmodell vorgibt, ihm aber abverlangt, im Vergleich mit dem eigenen Ideal aus dem Negativen ein Gegenbeispiel zu entwerfen.
Inhaltsverzeichnis
1. Was darf Satire? Alles.
2. Formen der Satire nach Petra Süßenbach
2.1 Parallelität im Handlungsverlauf
2.2 Das Einzelwort
2.3 Die Wortgruppe
2.4 Satz und Abschnitt
2.5 Rhetorische Figuren
3. Guste Daimchen und Diederich Heßling im Blickpunkt der Satire
3.1 Der Aspekt der Macht und seine satirische Umsetzung
3.2 Materialismus und Sexualität – zwei Komponenten der Macht
3.3 Macht und Familie
4. Satirische Macht und mächtige Satire
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die satirische Darstellung der Beziehung zwischen Guste Daimchen und Diederich Heßling in Heinrich Manns Roman "Der Untertan" unter Anwendung der mikrostrukturellen Analyse von Petra Süßenbach.
- Satirische Verfahrensweisen nach Petra Süßenbach
- Die Machtdynamik in der Beziehung von Heßling und Daimchen
- Wechselspiel von Materialismus und Sexualität
- Satirische Darstellung von Familien- und Gesellschaftsbildern
- Die Rolle der Sprache als Instrument der Entlarvung
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Aspekt der Macht und seine satirische Umsetzung
Wie Süßenbach bemerkt, behandeln Metaphern oft das Thema der Macht21. Da Macht gerade im Verhältnis Diederichs und Gustes das zentrale, bindende Moment ist, lassen sich entsprechend viele Metaphern finden. In diesem Zusammenhang fällt die häufige Verwendung des Bezugswortes „Knie“ auf, auch in Diederichs und Gustes Beziehung22.
Eine weiterer Bereich für Metaphern, die die Beziehung der beiden kennzeichnen, ist die Aggressivität, insbesondere Bilder des Krieges. Aggressionen dienen zur Erhaltung und Erlangung der Macht. Sie finden sich schon in der Szene der ersten Begegnung:
[...], aber Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter Klasse hin und verteidigte sein Recht. Er gab dem Beamten sogar zu verstehen, er möge sich nur nicht die Zunge verbrennen, man könne nie wissen, mit wem man es zu tun habe. Als er dann den Sieg erstritten hatte und die Damen abgezogen waren, kam statt ihrer eine andere. Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog einfach aus ihrem Beutel eine Wurst und aß sie aus der Hand, wobei sie ihm zulächelte. Da rüstete er ab, erwiderte, breit glänzend, ihre Sympathie und sprach sie an. [...] Und er griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte er eine Ohrfeige. (U 84 – 85; Unterstreichungen E.L.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Was darf Satire? Alles.: Einleitung in die Thematik der Satire in "Der Untertan" und Vorstellung der methodischen Grundlage nach Petra Süßenbach.
2. Formen der Satire nach Petra Süßenbach: Theoretische Erläuterung der satirischen Analysewerkzeuge wie Parallelität, Wortwahl, rhetorische Figuren und Satzstruktur.
3. Guste Daimchen und Diederich Heßling im Blickpunkt der Satire: Untersuchung der spezifischen Beziehungsdynamik unter den vier Säulen Macht, Sexualität, Materialismus und Familie.
4. Satirische Macht und mächtige Satire: Zusammenfassende Betrachtung der satirischen Bloßstellung von Machtstreben und gesellschaftlicher Untertanenmentalität.
Schlüsselwörter
Heinrich Mann, Der Untertan, Diederich Heßling, Guste Daimchen, Satire, Macht, Materialismus, Sexualität, Gesellschaftskritik, Literaturanalyse, Petra Süßenbach, wilhelminische Ära, Metapher, Untertanenmentalität, Romananalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die satirische Darstellung der Beziehung zwischen Guste Daimchen und Diederich Heßling im Roman "Der Untertan" von Heinrich Mann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Macht, der Sexualität, des Materialismus sowie das Familienbild im wilhelminischen Zeitalter.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Anwendung von Petra Süßenbachs "Formen der Satire" die satirischen Verfahrensweisen aufzuzeigen, mit denen Heinrich Mann die Machtstrukturen und den Charakter seiner Figuren demaskiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine mikrostrukturelle Herangehensweise gewählt, die auf der Analyse von sprachlichen Elementen, rhetorischen Figuren und metaphorischen Strukturen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der satirischen Mittel und deren Anwendung auf konkrete Textpassagen, die das Machtstreben und die moralische Verderbtheit des Protagonistenpaares beleuchten.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Satire, Machtausübung, Materialismus, wilhelminische Gesellschaft und sprachliche Entlarvung.
Welche Rolle spielt der Kaiser in der satirischen Darstellung?
Der Kaiser dient Diederich als ständiger Referenzpunkt für seine eigene Machtlegitimation, wodurch Heinrich Mann die Person des Kaisers und das Verhalten der Untertanen satirisch lächerlich macht.
Warum wird Guste Daimchen oft mit Tieren verglichen?
Der Tiervergleich, insbesondere mit Schweinen, dient dazu, ihren wohlhabenden, materiellen Charakter zu verbildlichen und als satirisches Mittel für ihren sozialen Status und ihre Rolle in der Ehe zu nutzen.
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- Evelyn Lehmann (Author), 2003, Heinrich Mann, "Der Untertan". Satirische Macht und mächtige Satire, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46374