Der zu Anfang der 1580er Jahre entstandene, sogenannte „Schildkrötenbrunnen“ von Taddeo Landini ist nicht nur - in Bezug auf damalige Verhältnisse - in seiner Materialwahl und in der anschließenden künstlerischen Ausarbeitung, sondern auch in seinem ikonographischen Programm und dem damit verbundenen Analyseweg ein einzigartiges Werk nicht nur römischer Brunnengestaltung. Somit gehörte er die ersten 50 Jahre nach seiner Aufstellung auf der Piazza Mattei zu den berühmtesten und bedeutendsten Brunnen Roms, aber auch heute hat er weder an künstlerischen noch interpretativen Wert verloren. Dennoch hat sich die Kunstgeschichte bisher nur wenig mit diesem Werk beschäftigt. Dem soll anhand dieser Hausarbeit Abhilfe geleistet werden, wobei sich der vorliegende Text hauptsächlich auf die Magisterarbeit von Thomas Eser stützt, der sich darin - wie bis dato kein Anderer - ausführlich mit der Fontana delle Tartarughe auseinander gesetzt hat.
Nach einer Zusammenfassung der Baugeschichte, einer auf das Wesentliche begrenzten Wiedergabe Taddeo Landinis Leben und Wirken und einer ausführlichen Beschreibung des Brunnens - besonders der vier Knabenakte Landinis - konzentriert sich der zweite Teil der Hausarbeit auf das komplexe ikonographische Programm des Schildkrötenbrunnens, durch dessen Analyse sich die Thematik des Dargestellten erschließen lässt. Im Zuge dessen gilt es, eine Reihe von Vergleichsbeispielen heranzuziehen. Abschließend sei noch auf die Umgestaltung des Brunnens unter Papst Alexander VII. verwiesen. Dieser ließ dem Brunnen in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts vier - den Namen der Fontana begründenden - Schildkröten hinzufügen, wodurch auch die Interpretation modifiziert wurde.
Heute gilt der Schildkrötenbrunnen als Treffpunkt Homosexueller, was mit der freizügigen und androgynen, geradezu carravagesken Präsentation der Knabenakte einhergeht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entstehungsgeschichte der Fontana delle Tartarughe
3. Taddeo Landinis Leben und Werk - Ein Umriss
4. Beschreibung der Fontana delle Tartarughe
5. Analyse der Ikonographie und Erschließung der Thematik
5.1. Die Umgestaltung des Brunnens unter Papst Alexander VII.
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe ikonographische Programm des „Schildkrötenbrunnens“ (Fontana delle Tartarughe) von Taddeo Landini in Rom. Ziel ist es, die Thematik des Werkes durch eine Analyse der Figurenkomposition, den historischen Kontext und zeitgenössische Vergleichsbeispiele zu entschlüsseln, wobei insbesondere der Einfluss der Umgestaltung unter Papst Alexander VII. beleuchtet wird.
- Entstehungs- und Baugeschichte des Brunnens auf der Piazza Mattei
- Biographischer Abriss zu Leben und Wirken von Taddeo Landini
- Detaillierte Beschreibung der plastischen Gestaltung und der Knabenakte
- Ikonographische Deutung der Knabenfiguren als Wind- und Temperamenten-Allegorien
- Analyse der nachträglichen Ergänzung der Schildkröten als emblematisches Sujet
Auszug aus dem Buch
4. Beschreibung der Fontana delle Tartarughe
Die Fontane delle Tartarughe ist eine Brunnenstockanlage, die sich durch eine kräftige, geschwungene, in ihren Grundzügen quadratische Basis definiert, an deren vier Ecken große, stilisierte Muscheln als Wasserbecken fungieren und auf der eine bauchige Säule emporragt, die die Brunnenschale trägt. Um diese Säule herum gruppieren sich die vier fast lebensgroßen Landini-Knaben. Sie befinden sich jeweils hinter und oberhalb einer der Muscheln, beziehungsweise fast vollständig unter der Tazza. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts scheint jeder Knabe einer Schildkröte dazu zu verhelfen, entgegen seiner zentrifugalen Position in diese kriechen zu können, indem er sie mit erhobenem Arm zum Rand der Schale weist. Dabei befindet sich jeweils ein Fuß des Knaben auf einem Delphinkopf, der wiederum am hinteren Ende der Muschel mittig aufliegt.
Um diese sich viermal wiederholende Anordnung Muschel-Delphin-Knabe-Schildkröte befindet sich das flache Wasserbecken, das von einem niedrigen Sockel gerahmt wird. Auch das Becken ist im Prinzip quaratisch, ahmt aber in seinen Ecken die Form der gegenüberliegenden Muscheln nach, so dass duch den Wechsel von geschwungener und gerader Begrenzung ein Oktogon entsteht. Auch das dezent verziere Eisengeländer folgt mit seinen Steinpollern dieser Form. Die flache, das heißt fast auf Straßenniveau befindliche Sockelbegrenzung des Brunnens evoziert einen Raumbezug zwischen der öffentlichen Anlage und dem kleinen, von Palastbauten umzäunten Platz. Der Brunnen ist dabei nicht mittig auf der Piazza Mattei gelegen, sondern leicht dezentral aufgestellt, so dass er von den Höfen der Palazzi Mattei Antico aus betrachtet werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt den Schildkrötenbrunnen als ein in Materialwahl und ikonographischem Programm einzigartiges Werk vor und erläutert den methodischen Ansatz der Arbeit.
2. Die Entstehungsgeschichte der Fontana delle Tartarughe: Dieses Kapitel behandelt die städtebaulichen und hygienischen Hintergründe des Acqua Vergine-Projektes und den Kontext der Platzgestaltung durch die Familie Mattei.
3. Taddeo Landinis Leben und Werk - Ein Umriss: Hier wird der Lebenslauf des florentinischen Bildhauers kurz zusammengefasst und sein Status als etablierter Künstler in Rom zur Zeit der Auftragsvergabe skizziert.
4. Beschreibung der Fontana delle Tartarughe: Es erfolgt eine detaillierte technische und visuelle Analyse der Brunnenanlage, der plastischen Anordnung der Knabenfiguren und der Integration der Delphine.
5. Analyse der Ikonographie und Erschließung der Thematik: Der Hauptteil widmet sich der Deutung der Figuren als Allegorien für Winde, Jahreszeiten und menschliche Temperamente unter Einbeziehung kunsthistorischer Quellen.
5.1. Die Umgestaltung des Brunnens unter Papst Alexander VII.: Dieser Abschnitt untersucht den Eingriff in das ursprüngliche Programm durch die Hinzufügung der Schildkröten und deren Deutung als „Festina-Lente“-Symbolik.
6. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse und einer Reflexion über die Rezeptionsgeschichte sowie die heutige Bedeutung des Brunnens.
Schlüsselwörter
Schildkrötenbrunnen, Fontana delle Tartarughe, Taddeo Landini, Ikonographie, Römische Brunnenkunst, Knabenakte, Windpersonifikation, Temperamentenlehre, Piazza Mattei, Festina-Lente, Papst Alexander VII., Kunstgeschichte, Renaissance, Bildhauerei, Rom
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit dem „Schildkrötenbrunnen“ (Fontana delle Tartarughe) von Taddeo Landini, einem bedeutenden Werk der römischen Skulptur des 16. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Neben der Baugeschichte steht vor allem die ikonographische Analyse der vier Knabenfiguren sowie der Wandel der Interpretation durch spätere Hinzufügungen im Zentrum der Untersuchung.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, das komplexe, oft hinter der rein ästhetischen Aktdarstellung verborgene Bedeutungsprogramm des Brunnens zu erschließen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorische Analyse, die auf einem Vergleich mit zeitgenössischen literarischen Quellen, ikonographischen Vorbildern und der Auswertung der vorhandenen Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der detaillierten Beschreibung der Brunnenarchitektur und der anschließenden ikonographischen Interpretation, welche die Figuren mit Wind- und Temperamenten-Allegorien in Verbindung bringt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben dem Namen des Künstlers (Landini) und des Werkes (Schildkrötenbrunnen) vor allem Ikonographie, Allegorie, Windpersonifikation und der historische Kontext der römischen Stadtaufwertung.
Warum wurden dem Brunnen erst später Schildkröten hinzugefügt?
Die Ergänzung erfolgte unter Papst Alexander VII. um 1657/58, um den Brunnen durch das „Festina-Lente“-Symbol (Eile mit Weile) mit einem zeitgemäßeren, emblematischen Sujet aufzuwerten.
Welche Rolle spielt die Androgynität der Knabenfiguren?
Die androgynen, freizügigen Darstellungen werden als ein wesentlicher Teil des künstlerischen Programms betrachtet, der zur damaligen Zeit neuartig war und als Inspirationsquelle für spätere Künstler wie Caravaggio diskutiert wird.
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- Katharina Krings (Author), 2004, Die Fontana delle Tartarughe von Taddeo Landini, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46382