Die US-amerikanische Invasion auf Grenada

Die Beteiligung von Demokratien an Kriegshandlungen


Essay, 2016
8 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Begründung für die Konkretisierung

Der klassische Neorealismus nach Kenneth Waltz beschreibt Sicherheit und Macht als die Ziele, welche alle Staaten in ihrem internationalen Handeln verfolgen. Ich habe mich vor allem für Grenada als Beispiel für einen offensiven Kriegsakt durch ein demokratisches Land entschieden, da es sich um eine auf den ersten Blick kleinen und scheinbar relativ unbedeutenden Kriegsakt handelt, er jedoch bei genauerer Betrachtung komplexer ist als er scheint. Besonders, da die Invasion auf Grenada durch Truppen der USA und der Organisation Ostkaribischer Staaten der erste aktive Kriegseinsatz durch US-Truppen seit dem Vietnamkrieg in den frühen 1970er Jahren war. Dieser Kriegseinsatz wäre somit ein Bruch mit der vorangegangenen Außenpolitik, welche sich vor allem durch Diplomatie und Abrüstungsgespräche mit der UdSSR auszeichnete. Warum kam es also nach fast zehn Jahren Friedenspolitik im Jahr 1983 zu diesem Kriegseinsatz gegen einen Inselstaat mit knapp 100.000 Einwohnern? Wieso sahen die USA in Grenada eine Gefahr für die Sicherheit und ihre Macht, warum unterstützte die Organisation Ostkaribischer Staaten das militärische Vorgehen gegen eines ihrer Mitgliedsländer und inwiefern lässt sich dies mithilfe der Theorie des Neorealismus in seinen verschiedenen Ansätzen erklären?

Historischer Hintergrund

Der Inselstaat Grenada, unabhängig von Großbritannien seit 1974, Mitglied des Commonwealth of Nations und der Organisation Ostkaribischer Staaten, erlebte im Jahr 1979 eine nahezu gewaltfreie Revolution durch das linksgerichtete New Jewel Movement (NJM) unter Maurice Bishop, wobei die USA-treue Regierung unter Eric Gairy gestürzt wurde. Die USA unter Präsident Ronald Reagan befürchteten dass Grenada ein zweites Kuba werden könnte und begannen sich von Grenada zu distanzieren, obwohl sich Maurice Bishop als Premierminister überwiegend für soziale Reformen einsetzte und trotz Unterstützung durch die UdSSR und Kuba um eine blockfreie Position Grenadas bemühte1. Trotz dieser Haltung entwickelte die Regierung unter Ronald Reagan diverse Pläne um der Wirtschaft Grenadas zu schaden und Regierungsgewalt Maurice Bishops zu untergraben, so zum Beispiel wurden in US-Reisebüros Gerüchte verbreitet um der wichtigen Tourismusindustrie Grenadas zu schaden2. Die Spannungen zwischen den USA und Grenada verschärften sich im Frühjahr 1983, als das Pentagon Berichte über angebliche Waffenlieferungen seitens Kubas und der UdSSR verbreitete und die These aufstellte, dass es sich beim Umbau des Flughafens Point Salines um die Errichtung einer kubanisch-sowjetischen Luftwaffenstützpunktes handelt3. Letztendlicher Grund für die Invasion war ein am 12. Oktober 1983 von linksradikalen Kräften innerhalb des NJM durchgeführter Staatsstreich, welcher der in der Inhaftierung des königlichen Generalgouverneurs und der Ermordung Maurice Bishops resultierte. Offiziell aufgrund einer Bitte durch die Organisation Ostkaribischer Staaten um eine Intervention der USA und das Bestreben, US-amerikanische Studenten auf Grenada zu schützen, gab Präsident Reagan am 25 Oktober 1983 den Befehl zur Invasion4. Die Invasion kostete 19 US-Soldaten, 45 Grenader und 25 Kubaner, größtenteils Entwicklungshelfer und Bauarbeiter, das Leben und führte zum Sturz der Putschisten unter Bernard Coard und Hudson Austin und zur Wiedereinsetzung Paul Scoons als Generalgouverneur5.

Die US-Intervention aus Sicht des Neorealismus

Prägend für die 1980er Jahre war die erneute Verschärfung des Kalten Krieges nach einer Phase der Entspannung in den 1970er Jahren. Dies entspricht einem bipolaren internationalen System nach der Theorie des Neorealismus von Kenneth N. Waltz in seiner klassischen Form6 mit den beiden Hegemonialmächten USA und der UdSSR. Bezieht man den klassischen Neorealismus auf das Beispiel Grenada, so ist der Hauptgrund, warum sich das Land nach der Revolution 1979 politisch von den USA abwendete das Ziel, einen Machtausgleich in der Karibik dadurch zu schaffen, dass sich Grenada Kuba und der UdSSR annäherte. Waltz beschreibt dazu die Prinzipen des bandwagoning (faktische Unterwerfung vor einer Hegemonialmacht im Austausch für Sicherheit) und des balancing (Ein Bündnis mit anderen militärisch schwächeren Staaten gegen eine Hegemonialmacht zur Herstellung eines Machtgleichgewichts)7. Das Prinzip des bandwagoning lässt sich beispielsweise bei den anderen Mitgliedsstaaten der Organisation Ostkaribischer Staaten erkennen, welche im Vergleich zur Hegemonialmacht USA über keine nennenswerten militärischen Kapazitäten verfügen und sie sich deshalb zur Eigensicherung in ein Bündnis mit der Hegemonialmacht begeben. Dies schützt sie auf der einen Seite vor äußeren Gefahren und, wenn man der balance-of-interest Theorie Schwellers folgt8, reduziert auch die Kosten für das eigene Militär, da die Verbündete Hegemonialmacht den Großteil der Verteidigung übernimmt, beschränkt dafür aber Autonomie der Staaten.

Darüber hinaus nennt der neorealistische Ansatz von Stephen Walt weitere Motivationsgründe, warum sich die USA und die Organisation Ostkaribischer Staaten zu einer Intervention auf Grenada entschieden. Stephen Walts Annahme vom balance of threat stellt eine Abkehr von Kenneth Waltz Annahme des balance of power da. Demnach verbünden sich Staaten nicht mehr zwangsläufig gegen den mächtigsten Staat (Wie es beim balancing Kuba- Grenada der Fall wäre), sondern gegen den Bedrohlichsten9. Dazu nennt Walt vier Kategorien von Bedrohungen. Im Falle von Grenada sind die Kategorien geographische Lage (proximity) und militärische Stärke (offensive capability)10. Grenada ist ca. 2530 Kilometer Luftlinie von den USA entfernt (St. George- Key West)11, die Entfernung zu den einzelnen Mitgliedern der Organisation Ostkaribischer Staaten ist entsprechend geringer. Des Weiteren beriefen sich die USA auf die vermeintlich von Kuba und der UdSSR getätigte militärische Unterstützung Grenadas und den angeblichen Ausbau des Flughafens zu einer Militärbasis. Diese angebliche militärische Aufrüstung stellte somit eine Gefahr für die anderen, militärisch schwachen Mitglieder der Organisation Ostkaribischer Staaten dar, welche durch die politisch instabile Lage auf Grenada bestärkt wurde. Vonseiten der USA bestand die Befürchtung, Grenada könnte zu einem ähnlichen Verbündeten der Hegemonialmacht UdSSR werden wie Kuba, was aus Sicht der USA die Stabilität und Machtverteilung in der Karibik gefährden würde, vor allem vor dem für Hintergrund der in der Kubakrise 1962 getätigten Erfahrungen der USA. Ein weiterer neorealistischer Grund, warum die USA in gegebener Lage zusammen mit der Organisation Ostkaribischer Staaten eine Intervention durchführten, ist die Position der USA als revisionistischer Staat12 . Laut Randall Schweller existieren auf Grundlage von balancing und bandwagoning zwei Arten von Staaten: Status Quo und revisionistische Staaten. Laut Schweller zeichnet sich ein revisionistischer Staat dadurch aus, dass diese Staaten der Impulsgeber und die dominante Macht in Bündnissen sind, sie bestrebt sind, die bestehende internationale Ordnung zu verändern, sie den Ausbau ihrer relativen Macht zum Ziel haben und auch dazu bereit sind, wie es das Beispiel Grenada zeigt , militärische Mittel einzusetzen. Entsprechend betreiben die USA einen offensiven Neorealismus 13. Der Gegensatz, die auf einen defensiven Neorealismus fokussierten Status Quo Staaten, ist bemüht die bestehende Ordnung zu erhalten und auf nichtmilitärischem Wege zu verteidigen14. Im Falle Grenadas fiel das Urteil über die US-Intervention international überwiegend negativ aus. Insbesondere wurden die USA von der britischen Premierministerin für das militärische Eingreifen in die inneren Angelegenheiten eines viel kleineren Staates kritisiert, welcher zusätzlich dazu noch ein Mitglied des Commonwealth of Nations ist15.

[...]


1 Vgl. https://amerika21.de/analyse/92639/usa-invasion-grenada

2 Vgl. https://amerika21.de/analyse/92639/usa-invasion-grenada

3 Vgl. Grenada-Invasion: „Ronald Reagans größte Stunde“, DER SPIEGEL 44/1983

4 Vgl. https://www.tagesschau.de/jahresrueckblick/meldung376038.html

5 Vgl. Rubner, Michael (1986): The Reagan Administration, the 1973 War Powers Resolution, and the Invasion of Grenada, S.627

6 Vgl. Waltz, Kenneth N. (1979): Theory of International Politics S.98, 161ff.

7 Vgl. Vogt, Thomas (1999): Der Neorealismus in der internationalen Politik. Eine wissenschaftstheoretische Analyse, S. 54

8 Vgl. Schweller, Randall L. (1994): Bandwagoning for Profit. Bringing the Revisionist State Back In, S.100

9 Vgl. Walt, Stephen M. (1997): The Progressive Power of Realism, S.933

10 Vgl. Walt, Stephen M. (1985): Alliance Formation and the Balance of World Power, S.9

11 Vgl. http://www.theglobetrotter.de/weltreise/planung/entfernungsrechner/

12 Vgl. Schweller, Randall L. (1993): Tripolarity and the Second World War, S.76

13 Vgl. ders, S.76

14 Vgl. ders, S.76

15 Vgl. Thatcher, Margaret (1993): The Downing Street Years, S. 327–331

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die US-amerikanische Invasion auf Grenada
Untertitel
Die Beteiligung von Demokratien an Kriegshandlungen
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Veranstaltung
Polity, Politics and Policy
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
8
Katalognummer
V464125
ISBN (eBook)
9783668918900
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neorealismus, US-Invasion Grenada 1983, Internationale Beziehungen
Arbeit zitieren
Fabian Döbber (Autor), 2016, Die US-amerikanische Invasion auf Grenada, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464125

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