Der Mensch als Versuchsobjekt. Welche Humanexperimente wurden in der NS-Zeit mit welcher Intention ausgeführt?


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Schwerpunkte

2 Humanexperimente
2.1 Zeit vor Auschwitz
2.2 Experimente in den Lagerstätten
2.2.1 Dachau
2.2.2 Auschwitz
2.2.3 Buchenwald
2.3 Absichten und Motive
2.4 Wissen um Experimente in Lagerstätten

3 Funktionen, Aufbau und Strukturen von Experimentstätten

4 Josef Mengele – Ein Gesicht der Humanexperimente

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Fragestellung

Das ausgewählte Thema soll einen facettenreichen Einblick in Gebieten der NS-Medizin und Humanexperimenten gewähren. Einen marginalen Anteil wird den Lagerstrukturen und deren Funktionen zugesprochen. Das Aufzeigen der Experimente, und die Schilderung etwaiger Intentionen, sollen das Hauptaugenmerk dieser Arbeit darstellen. Der zeitliche Fokus liegt zwischen den Jahren 1941-1945.

1.2 Schwerpunkte

Bei der Aufarbeitung von Humanexperimenten, haben insbesondere das Hybridlager Auschwitz sowie das Konzentrationslager Dachau einen immens hohen Stellenwert. Es wurden flächendeckend Experimente durchgeführt, im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück1, aber auch in anderen Konzentrations- respektive Vernichtungslagern, wurden Versuche praktiziert. Folgerichtig sind die Jahre 1941-1945 von großer Bedeutung, in dieser Zeitspanne wurde nicht nur dem Auftrag der Endlösung2 nachgegangen, sondern sind auch erhebliche Fortschritte in der (NS-)Medizin zu erkennen. Die konzentrierte Durchführung von Experimenten an Menschen, erreichte zu dieser Zeit einen Kulminationspunkt. Auch hier gilt, dass es vor und nach dieser Zeitspanne zu ähnlichen Experimenten kam, sodass die hier aufgeführten Versuche als ein Ausschnitt anzusehen sind.

Des Weiteren werden etwaige Intentionen hinter den Versuchen thematisiert. Sind einige Forschungsergebnisse in unserem heutigen Leben bzw. in der Medizin omnipräsent? Sind Methoden übernommen worden? Wertungsfrei werden die medizinischen Errungenschaften angesprochen, und deren Nutzen/Ertrag analysiert. Ein weiterer Punkt umfasst die Lagerstruktur und Lagerorganisation. Gab es spezielle Einrichtungen für Experimente? Wie erfolgte der Auswahlprozess für geeignete Probanden? Konnten eben jene Probanden temporäre Vorteile nutzen (bessere Schlafunterkunft, konstanter Zugang zu Wasser, …)? Wieso wurden Zwillinge präferiert?

Als Hauptprotagonist, und Assoziation in Bezug auf Menschenexperimente, steht vor allem Josef Mengele. „Genie und Wahnsinn“ ist in diesem Zusammenhang ein Euphemismus, denn seine Entscheidungen kosteten Tausenden von Menschen das Leben. Wie wird er von Versuchspersonen angesehen und charakterisiert?

Diesen und weiteren Fragen gilt es sich anzunehmen. Davon auszugehen, dass durchgehend ein klares Argumentationsbild vorherrscht, mit pro und contra, wäre utopisch. Für viele Perfiditäten gibt es aus unserer Sicht kein pro, es ist aber weder Bestandteil dieser Arbeit etwas zu glorifizieren, noch zu diskreditieren. Der Nürnberger Prozess hat sich dieser Einordnung gewidmet. Wichtig zu erwähnen ist auch die Begriffsproblematik des Wortes Proband respektive Probandin. Aus heutiger Sicht definiert sich der Begriff als eine (freiwillige) Teilnahme an Studien – meist medizinischer Natur. In der NS-Zeit ist es nur bedingt möglich, zwischen freiwillig und unfreiwillig zu differenzieren. Um Missverständnissen zuvorzukommen, soll klargestellt werden, dass dieser Begriff als Synonym für „Versuchsperson“, und ähnlichen Begriffen, angesehen wird.

Die Quellenlage zu diesem Thema ist kompliziert. Unmittelbar vor der Kapitulation sind essenziell wichtige Dokumente, Berichte und Forschungsergebnisse verbrannt worden. Dadurch wollten NS-Mediziner eindeutige Zeugnisse dieser Versuche vernichten, um in einer Anklage keiner Beweislast ausgesetzt zu sein. Neben den Offenbarungen im Nürnberger Prozess, waren vor allem die Zeugenaussagen von Überlebenden dieser Experimente, von großer Bedeutung. Diese sind nicht anzuzweifeln, sehr wohl aber aufgrund der Subjektivität und der schlechten, konditionellen Zustände zu jener Zeit, mit einer gewissen Skepsis anzusehen. Aufgrund der Übereinstimmung vieler, getrennter Aussagen, ergibt sich ein Gesamtbild. Des Weiteren ist vereinzeltes Bild- und Fotomaterial vorhanden, das nicht verbrannt wurde. In Russland finden sich, auch Jahrzehnte nach Kriegsende, noch immer neue Quellen, die damals von der Roten Armee, bei der Befreiung vieler Lagerkomplexe, gesichert worden sind. Die Humanexperimente galten für lange Zeit als „Pseudowissenschaft“, Publikationen aus den vergangenen Jahren, die sich mit diesem Thema objektiv auseinandersetzen, nehmen Abstand von dieser Formulierung.

2 Humanexperimente

2.1 Zeit vor Auschwitz

Bereits 1786 gab es erste Bemühungen, eine aufeinander aufbauende Hierarchie der Versuche zu formulieren. Zuerst sollen In-vitro-Versuche durchgeführt werden, durch Probeentnahmen von Patienten werden komplette Zellstrukturen und Organe simuliert, auf die im Labor zugegriffen werden kann. Ein nächster Schritt, der auch in der Gegenwart immer noch großen Anklang findet, sind die Versuche an Tieren. Die Kompatibilität verschiedener Medikamente zwischen Tieren und Menschen ist aber begrenzt, so dass die letzte Experimentstufe den direkten Versuch am Menschen vorsieht.3 In den Folgejahrzehnten nahmen die Berichte zu, in denen über Humanexperimente unterrichtet wurde. Aufgrund der nicht vorhandenen Transparenz, war es nie erkennbar, ob die Versuche an freiwilligen Probanden stattfinden, oder gegen ihren Willen. Erst als die liberale Tageszeitung, „Münchener Freie Presse“, sich 1900 solidarisch mit den Opfern der Experimente zeigte, wurde die Öffentlichkeit aufmerksam, und protestierte vehement gegen weitere Praktiken.4 Die ersten Richtlinien für Versuche am Menschen sind 1931 beschlossen worden. So ist „jeder Versuch am Menschen […] zu verwerfen, der durch den Versuch am Tier ersetzt werden kann“, außerdem sind „Versuche an Sterbenden […] unzulässig“.5 Dass das keine Wirkung haben sollte, bewiesen die nächsten Jahre. Zwar sind die zu dieser Zeit stark etablierten Begriffe wie Eugenik oder Euthanasie differenziert zu betrachten, denn sie stehen in keinem direkten Verhältnis zu Humanexperimenten, dennoch ebnen sie den Weg für weitere Vergehen. Bis zum Kriegsbeginn 1939 dokumentierte das Reichsgesundheitsamt 300.000 Zwangssterilisierungen, um die Fortpflanzung erbkranken Nachwuchses zu verhindern. Größere Kritik aus dem Volk entstand im Zuge des Euthanasiebefehls T46, der rund 120.000 psychisch Kranken und Behinderten das Leben kostete.7 Im Nürnberger Ärzteprozess ist die Rede von 50 Euthanasieärzten. Mitwissende, die über die Operation Bescheid wussten, den Befehl erteilt haben, oder die Vorfälle am Schreibtisch dokumentierten, exkludiert.

2.2 Experimente in den Lagerstätten

2.2.1 Dachau

In Dachau wurden Experimente in Unterdruckkammern verübt. Von rund 200 Häftlingen überlebten es 70 nicht. In den Stahlkammern, in denen Probanden sich in einen Fallschirm hängen mussten, sind Höhenaufenthalte von 12-21km simuliert worden. In Folge dessen traten bei den Versuchspersonen Luftembolien in den Gehirngefäßen auf. So wurde die Druckfallkrankheit detailliert registriert, und zugleich bestätigt, dass mithilfe durch Atmung von reinem Sauerstoff, die Versuchspersonen in Höhe von 13km leistungsfähig blieben. Bei dem Widersetzen der Experimente erfolgte der sofortige Tod, viele kooperierten daraufhin. Dauer-Versuchspersonen waren, wie die Formulierung bereits impliziert, tendenziell ein längeres Leben vorbestimmt. Viele Fälle dokumentieren, dass es zu erheblichen Bewusstseinsstörungen kam, die aufgrund der Kombination aus Höhenkrankheit, Druckfallkrankheit und anschließendem Sauerstoffmangel, ausgelöst wurden.8 Unter den 200 Versuchspersonen, befanden sich 20 deutsche Häftlinge. Diese nahmen freiwillig an Höhenflug-Experimenten statt, und erhofften sich dadurch Hafterleichterungen, die teilweise gewährt wurden.9 Die Intention der Experimente sah vor, dass Fallschirmspringer, bei einem Absprung aus 12km, keinem Sauerstoffmangel ausgesetzt sind, insbesondere die englischen Jagdflugzeuge waren in dieser Höhe zugegen.

Ähnlich viele sind bei den Auskühlungsversuchen gestorben, indem sie für eine bestimmte Zeit in Eiswasser verweilen mussten.10 Der Hintergrund zu diesem Experiment ist der Luftkrieg im Winter 1940/1941 gegen England, bei dem viele Piloten mit ihrem Fallschirm in den Ärmelkanal gesprungen sind. Aufgrund der Jahreszeit sind nicht wenige an den Folgen einer Unterkühlung gestorben. Anfangs wurden Schweine genutzt, um die Ursachen des Kältetods zu untersuchen. Die Intensität des Krieges nahm zu, dementsprechend sollten rasche Ergebniserfolge folgen. Zwar gibt es eine prozentual hohe Übereinstimmung des Erbgutes zwischen Schwein und Mensch, eine praxisnahe Bestätigung ist dies aber nicht. Daraufhin wurden die Versuche an Menschen ausgeweitet. Ein künstlich erbauter Wasserbehälter, mit einer Tiefe von rund zwei Metern, diente zur Simulation. Unbekleidet stieg eine Gruppe in das bis drei Grad Celsius abgekühlte Wasser, während eine andere Gruppe in Fliegeruniform im Wasser ausharren musste. Die Körpertemperatur der Probanden ist auf bis zu 32 Grad Celsius gesunken, die rektal gemessen wurde. Ab dieser Schwelle verloren die Versuchspersonen ihr Bewusstsein, und erreichten im Anschluss Temperaturen von 25 Grad Celsius. Ungefähr 60 Minuten dauerte dieses Experiment. Der forschungswichtige Ertrag, erfolgte dann nach dieser „Kältenarkose“.11 Durch Massagen, Heizdecken oder einem heißen Bad, wurde versucht, die stark unterkühlten Menschen zu erwärmen. Während der Experimente trat der frühzeitige Tod vor allem dann ein, wenn das Hinterhirn im gekühlten Wasser lag. Dies hatte zur Folge, dass ein wärmespendender Kopfschutz sowie ein Nackenschutz in die Schaumkleidung der Piloten integriert worden ist. Heutzutage sind diese Schutzfunktionen – wenn auch in leicht abgewandelter Form – noch immer präsent.

Aus Berichten der Luftwaffe ging hervor, dass abgestürzte Insassen von im Meerwasser treibenden Fliegern, immer häufiger in Seenot gerieten, und auf dem offenen Meer keinen Zugriff auf Trinkwasser haben. Die Trinkbarmachung von Meerwasser wurde an 40 Fällen (Roma und Sinti) dokumentiert, bei den Versuchen – die Entsalzung des Meerwassers im eigenen Körper durch Stärkung der Konzentrationsfähigkeit der Niere zu fördern – verlor niemand sein Leben. Ein Versuch sah vor, dass das Meerwasser lediglich geschmacklich verbessert wird, ein anderer wiederum, dass das Meerwasser entsalzen wird. Aufgeteilt in vier Gruppen, wurde in einer Zeitdauer von zehn Tagen die Seenot simuliert. Die Versuchspersonen mussten entweder hungern und dursten, bekamen nur Meerwasser, oder mit Zusätzen versehenes Meerwasser, während der Versuche mussten die unfreiwilligen Probanden permanent liegen. Die Nürnberger Prozesse verurteilten die Versuche, zwar sei niemand an den Folgen gestorben, die Langzeitauswirkungen aber gravierend. Es sind keine Erfolge verzeichnet worden.

Experimente zu Phlegmone wurden in der dafür eigens eingerichteten Versuchsstation durchgeführt. Durch eine unzureichende oder mangelhafte Nahrungsaufnahme, entstehen tiefe Wunden, mit Wasserbildung zwischen den Hautgeweben. Dadurch entstehen Eiterherde, Phlegmone, die literweise Eiterflüssigkeit enthalten. Auf der Station wurden das Wachstumstempo und die Entstehung, bis zum Endstadium, dokumentiert. Gesunden Menschen wurde teils Eiter von erkrankten Personen injiziert, um die Reaktion zu studieren. Im Anschluss wurden die Versuchspersonen mit verschiedenen Medikamenten behandelt, um die Wirksamkeit zu beobachten.12

Eine weitere Versuchsreihe spezialisierte sich auf die Immunisierung von Malaria. Die durch Anopheles-Mücken übertragene, parasitäre Erkrankung, ist Auslöser für grippeähnliche Erscheinungen, die bis zum Tod des Infizierten führen können. Im Zweiten Weltkrieg wurden bei etwa ein Drittel der krankheitsbedingten Ausfälle, von Soldaten, Malaria nachgewiesen.13 Um die Mortalitätsrate der eigenen Soldaten zu stabilisieren, wurden Humanexperimente an 1200 KZ-Insassen durchgeführt, bei denen 300 bis 400 Menschen gestorben sind.14 An den festgeschnallten Armen der Versuchspersonen, befestigten die NS-Ärzte geschlossene Kästen mit gezüchteten Anopheles-Mücken. Nach der Infizierung ist zwischen drei Verlaufsformen unterschieden worden. Die nicht lebensbedrohliche Periode, mit leichten Fieberanfällen, war das Anfangsstadium. Eine zweite Periode war die Intensivierung der Fieberanfälle, die nun jeden vierten Tag eintraten. Als äußerst lebensbedrohlich, gestaltet sich die finale Stufe, mit willkürlich aufkommenden Fieberanfällen und komatösen Zuständen des Erkrankten. Während des Krieges gab es keine Verbesserungen in der Malaria-Behandlung, so änderte sich die Intention der Experimente dynamisch zu den Geschehnissen des Krieges. Anfangs stand vor allem die Immunität der eigenen Soldaten im Vordergrund. Dies änderte sich, als nach einer anfänglichen Skepsis gegenüber Biowaffen, um potenzielles Territorium in Osteuropa nach Ende des Krieges nicht mit Bakterien zu versehen, der Entschluss gefasst wurde, Malaria gezielt gegen Feinde einzusetzen.

[...]


1 Klier, Freya: Die Kaninchen von Ravensbrück. München 1994.

2 Göring kommunizierte im Juli 1941, dass alle Juden ermordet werden sollen.

3 Kolb, Stephan; Seithe, Horst: Medizin und Gewissen, 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozeß. Frankfurt am Main 1998, S. 30.

4 Ebenda, S. 32.

5 Reichs-Innenminister, Schreiben vom 28.02.1931 an die dt. Landesregierungen.

6 Sitz des Koordinatenzentrums in Berlin, T iergartenstraße 4.

7 Merkel, Christian: „Tod den Idioten“ – Eugenik und Euthanasie in juristischer Rezeption vom Kaiserreich zur Hitlerzeit. Würzburg 2006, S. 21.

8 Sigel, Robert; Eiber, Ludwig: Dachauer Prozesse. Göttingen 2007, S. 131.

9 Ebenda, S. 133.

10 Ebenda, S. 126.

11 Ebenda, S. 139.

12 Hahn, Judith; Kavcic, Silvija: Medizin im Nationalsozialismus und das System der Konzentrationslager. Frankfurt am Main 2005, S. 100-103.

13 Ebenda, S. 111.

14 Ebenda, S. 122.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Mensch als Versuchsobjekt. Welche Humanexperimente wurden in der NS-Zeit mit welcher Intention ausgeführt?
Hochschule
Universität Rostock
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V464130
ISBN (eBook)
9783668932388
ISBN (Buch)
9783668932395
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mensch, versuchsobjekt, welche, humanexperimente, intention, ns-zeit
Arbeit zitieren
Thomas Max (Autor), 2016, Der Mensch als Versuchsobjekt. Welche Humanexperimente wurden in der NS-Zeit mit welcher Intention ausgeführt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464130

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