Transferdimensionen innerhalb der Bön-Religion Tibets


Essay, 2015
12 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2.Die Bön-Religion: eine kurze Einführung
2.1. Bön – drei Begriffe
2.2. Historische Entwicklung
2.3. Der regionale und mythologische Ursprung

3. Proto-buddhistische Kontaktdimensionen
3.1. Mediterrane Einflüsse
3.2. Zoroastrismus
3.3. Schamanismus

4. Bön und Buddhismus
4.1. Die Svastika
4.2. Der K’yun -Vogel
4.3. Vajra und Phurbu

5. Fazit

1. Einleitung

Die Bön-Religion Tibets ist als Gesamtkonzept schwer beschreibbar, da alleine der Begriff des Bön in unterschiedlichen Kontexten verschieden belegt ist. Er beschreibt sowohl eine tibetische Urreligion aus vorbuddhistischer Zeit als auch eine bis heute praktizierte Religion, welche parallel zum Buddhismus existiert und ihr streckenweise bis zur beinahigen Ununterscheidbarkeit ähnelt. Etliche wissenschaftliche Arbeiten haben sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie die inhaltlichen Elemente des Bön zu diesem Bild beigetragen haben. Viele Wissenschaftler sind sich einig: der Bön ist eine synkretische Religion, die aus vielen Bereichen der Welt beeinflusst wurde, bevor sie zu dem wurde, was sie heute ist. Daher möchte ich mich in diesem Essay der Frage widmen, wo in der Bön-Religion Kontaktdimensionen zu anderen Religionen und Kulturen räumlich und zeitlich erkennbar sind.

2. Die Bön-Religion: eine kurze Einführung

Bevor ich mich den Detailaspekten der Fragestellung widme, möchte ich kurz einige Grundlagen zur Bön-Religion ansprechen, die bereits bei der Bewertung einzelner Themen eine Rolle spielen werden. Ein umfassender Abriss ist an dieser Stelle unmöglich, da es den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

2.1. Bön – drei Begriffe

Im Allgemeinen besteht in der Wissenschaft ein Konsens darüber, dass die Bezeichnung selbst schwer zu fassen ist. Der Begriff des „Bön“ und das dazugehörige Adjektiv „bönpo“ hat drei verschiedene Bedeutungen:

- Eine vorbuddhistische Religion, welche im Verlauf des 8. Und 9.
Jahrhunderts allmählich unterdrückt und verdrängt wurde, welche jedoch nur unvollständig rekonstruierbar ist und sich auf die Person des (heiligen) Königs und seine übernatürlichen Fähigkeiten konzentrierte. Ebenfalls standen Begräbnisriten hier im starken Fokus der rituellen Praxis.
-Eine noch immer praktizierte Religion, die ihr Entstehungsdatum im 10. Bis 11. Jahrhundert findet und starke Parallelen zum Buddhismus aufweist. Während von einigen Seiten bezweifelt wird, ob es sich überhaupt um eine eigenständige Religion handelt oder doch eher um eine unorthodoxe Form des Buddhismus wird stark debattiert, da die Innenperspektive dieser Religion sich auf die vorbuddhistische Religion bezieht, was jedoch nicht abschließend belegbar ist.
- Der Komplex der heutzutage existierenden Praktiken des Volksglaubens, der Magie und der Wahragerei, was unter Anderem verschiedene Wahrsage-praktiken und lokale Götterkulte beinhaltet.

2.2. Historische Entwicklung

In seiner Selbstwahrnehmung wurde der Bön bereits vor dem Buddhismus in Tibet praktiziert und genoss die Unterstützung der tibetischen Könige. Dies änderte sich jedoch stark mit der Verbreitung des Buddhismus durch König Trisong Detsen, welcher mutmaßlich die Priester und Wahrsager des Bön vertrieb oder zur Annahme des Buddhismus zwang. Das Wissen um den Bön wurde in einigen wenigen Familien traditionell weitergegeben, bis es zu einem späteren Zeitpunkt, ca. im 10. bis 11. Jahrhundert erneut aufblühte. Zu dieser Blüte verhalf unter anderem die Wiederentdeckung der als „Schätze“ bezeichneten Textsammlungen im 10. Jahrhundert. Zur Zeit der Verfolgung des Bön wurden ganze Sammlungen von Bön-Texten verborgen, zu dem Zweck, dass man sie zu einem späteren Zeitpunkt wiederfinden sollte, wenn die Zeit dazu reif wäre. Oft geschah diese Wiederauffindung durch zufällige Vorkommnisse.

Die Bönpo erzählen, dass Texte teilweise von Wanderern und Dieben gefunden und im Tausch weitergegeben oder verkauft wurden. Dies wird unter anderem als Argument angeführt, wieso Bön-Texte buddhistischen Werken oft inhaltlich stark ähneln, da buddhistische Schreiber diese in ihre Werke haben einfließen lassen.

2.3. Der regionale und mythologische Ursprung

Aus der Binnenperspektive liegt der Ursprung des Bön außerhalb Tibets. Er florierte im 7. Bis 8. Jahrhundert in einem Land namens ZhangZhung, welches von Tibet erobert wurde. Durch die Eroberung verlor das Land seine eigenständige Sprache und kulturelle Autonomität. Zwar wird heutzutage angenommen, dass diese Überlieferung bezüglich der Eroberung eines Landes durch Tibet im Kern wahr ist, jedoch konnte bis heute die ethnische und kulturelle Identität wie auch die Schriftsprache ZhangZhungs nicht exakt rekonstruiert werden. Generell wird angenommen, das besagte Gebiet lag im Westen von Tibet, mit dem Berg Kailash in seinem Zentrum1.

Darüber hinaus beansprucht der Bön für sich jedoch eine mythologische Ursprungsdimension, die noch weiter im Westen liegt. So soll das Land Takzik der eigentliche Ursprung dieser Religion sein. Der Begriff Takzik selbst scheint eine zentralasiatische Herkunft anzudeuten (eventuell eine etymologische Verwandtschaft mit Tadschikistan), jedoch konnte dieses heilige Heimatland niemals klar identifiziert werden. Erschwerend kommt hinzu, dass Takzik ebenfalls eine mystische Dimension besitzt. Es handelt sich dabei nicht ausschließlich um eine weltlich-geographische Ursprungs- bezeichnung, sondern ebenfalls um einen verborgenen, paradiesähnlichen Ort, der starke Ähnlichkeiten mit dem heiligen buddhistischen Ort Shambhala aufweist2.

Interessant ist an dieser Stelle jedoch bereits, dass diese religiöse Selbstwahrnehmung – nämlich die einer Religion, welche ihren Ursprung nicht ursächlich im tibetischen Kernland hat sondern erst zum Ort ihrer späteren Blüte gebracht werden musste – zwei Transferdimensionen berücksichtigt. Zum einen schließt der narrative Rückverweis des heutzutage praktizierten reformierten Bön die Lücke zwischen dem alten Bön des 7. Und 8. Jahrhundert und der Wiederentdeckung im 10. Jahrhundert (wenn auch vermutlich zum Zwecke der Eigenlegitimierung). Darüber hinaus jedoch berücksichtigt er eine vermutete regionale Transferleistung von einem nichttibetischen Ursprung in die neue tibetische Heimat, auch wenn diese in einem mythologischen Kontext aus der diesweltlichen Ebene herausgelöst wird.

3. Proto-buddhistische Kontaktdimensionen

Während die zuvor erwähnten Transferdimensionen ausschließlich eine Binnenperspektive darstellen, gibt es jedoch auch handfeste Anzeichen, dass der Bön durch Kontakte und Transfers von Wissen und Praktiken anderer Kulturen beeinflusst wurde. So finden sich teilweise zoroastrische, manichäische, schamanistische, altägyptische, aber auch andere Elemente im Bön erkennbar wieder. Einige Autoren gehen so weit, den Bön als ein typisches Beispiel einer synkretistischen Religion zu bezeichnen3. Eine umfassende Sammlung an Belegen anzuführen ist an dieser Stelle nicht möglich. Daher sind die folgenden Beispiele stellvertretend zu werten.

3.1. Mediterrane Einflüsse

Den großen Hochreligionen des zentralasiatischen Altertums geht eine Phase voraus, welche einerseits durch Nomadentum, andererseits durch Ackerbau gekennzeichnet ist. Es wird angenommen, dass während dieser Phase eher animistische und schamanistische Kulte praktiziert wurden. So setzt. z.B. Siegbert Hummel voraus, dass während dieser Zeit solare Schamanenkulte und lunare Fruchtbarkeitskulte einen Beitrag zur Formierung der tibetischen Kultur leisteten4. Diese könnten unter anderem ursprünglich aus dem mediterranen Kulturraum zur Zeit des Megalithikums stammen. Als Beleg hierfür werden Menhire angeführt, welche in Westtibet bei Shigatse und im Gebiet der großen Seen, aber in Verbindung damit ebenfalls Schalensteine, welche sich bei sNye-thang südöstlich vor Lhasa und nördlich von Li-thang an den Seiten einzeln stehender Monolithen finden. Diese als magische Fruchtbarkeitszeichen gedeuteten Monumente finden sich bei Ackerbaukulten bis in die Eisenzeit wieder. Ähnliche Monumente wurden im französischen Carnac und Palästina gefunden. Relevant ist hierbei eine Praxis, bei der Megalithen mit Fett oder Butter bestrichen werden, welche in ähnlicher Form bereits im Alten Testament beschrieben wird5. Einige anthropomorph gestaltete Menhire in Westtibet, welche vermutlich zum Gedenken an Verstorbene errichtet wurden, erinnern ebenfalls an palästinensische Monumente mit einem ähnlichen Hintergrund. Parallelen zwischen französischen und tibetischen Megalithen finden sich ebenfalls in Form von Votivinschriften und angebrachten Geschlechts- symboliken, welche einen starken Bezug zu Fruchtbarkeitskulten erkennen lassen.

[...]


1 Tuttle, Grey & Schaeffer, Kurtis R. (Herausg.) (2013): „The Tibetan History Reader“, Columbia University Press, S. 187

2 Tuttle & Schaeffer: „The Tibetan History Reader“, Columbia University Press, S. 188

3 Ludwig, Klemens (2010): „Tibet“, 5. Auflage, München, Verlag C. H. Beck, S. 30.

4 Hummel, Siegbert (1959): „Eurasische Traditionen in der tibetischen Bon-Religion“, Budapest, Opusc. Ethn. Mem. Lud. Birö Sacra, Budapest, S. 165.

5 Hummel: „Eurasische Traditionen in der tibetischen Bon-Religion“, S. 168.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Transferdimensionen innerhalb der Bön-Religion Tibets
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (CERES)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V464270
ISBN (eBook)
9783668932524
ISBN (Buch)
9783668932531
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tibet, Buddhismus, Bön, Religion
Arbeit zitieren
Simone Lohmeier (Autor), 2015, Transferdimensionen innerhalb der Bön-Religion Tibets, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464270

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