Digitale Nomaden. Was sie motiviert und welche Rolle die Arbeit in ihrem Leben spielt


Fachbuch, 2019

72 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Hinweis:

1 Einleitung
1.1 Relevanz
1.2 Fragestellung
1.3 Aufbau und Zielsetzung

2 Forschungsfeld
2.1 Erkenntnisstand
2.2 Forschungslücke

3 Theoretischer Hintergrund
3.1 Definitionen
3.2 Theoretische Vorannahmen
3.3 Abgeleitete Theorieannahmen für die Interpretation empirischer Befunde

4 Methodisches Vorgehen
4.1 Fundierung und Gütekriterien
4.2 Erhebungsmethode
4.3 Ablauf der Erhebungsphase
4.4 Auswertungsmethode

5 Empirie und Forschungsergebnisse
5.1 Falldarstellungen
5.2 Fallvergleich
5.3 Typisierung und Mustererstellung

6 Diskussion
6.1 Was motiviert Menschen als digitale Nomaden zu arbeiten?
6.2 Welche Rolle spielt Arbeit im Leben von digitalen Nomaden und inwiefern unterscheidet sich diese Rolle im Vergleich zu anderen Arbeitsweisen?
6.3 Welche Herausforderungen erleben digitale Nomaden in ihrer Arbeitsweise und welche Strategien haben sie zur Bewältigung dieser entwickelt?
6.4 Wie nachhaltig ist das digitale Nomadentum für die Einzelperson?

7 Reflexion des Forschungsprojekts
7.1 Reflexion der verwendeten Methoden
7.2 Reflexion der Rolle als Forscher und Interviewleiter

8 Fazit und Ausblick
8.1 Fazit
8.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Anhang 1: Leitfaden für problemzentrierte Interviews

Anhang 2: Aufruf zur Suche von Interviewpartnern

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum:

Copyright © Science Factory 2019

Ein Imprint der GRIN Publishing GmbH, München

Druck und Bindung: Books on Demand GmbH, Norderstedt, Germany

Covergestaltung: GRIN Publishing GmbH

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bedürfnispyramide nach Maslow

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bausteine des Interviewleitfadens

Gender-Hinweis

Obwohl aus Gründen der Lesbarkeit im Text die männliche Form gewählt wurde, beziehen sich die Angaben auf Angehörige beider Geschlechter.

1 Einleitung

Jedem Arbeitnehmer in Deutschland stehen bei einer Woche mit sechs Werktagen per Gesetz jährlich mindestens 24 Urlaubstage zu. Um sich in dieser Zeit zu erholen, verlassen viele Menschen ihre Heimat und verreisen an bisher unbekannte Orte. Reisen sind teuer, die Erwartungen sind hoch und die Möglichkeiten ein Land und ihre Kultur wirklich kennenzulernen durch die zeitliche Einschränkung begrenzt.

Dass es auch anders gehen kann, zeigt eine ansteigende Zahl von Menschen, die die klassische Trennung von Arbeit und Reisen in der Freizeit aufhebt und beides miteinander kombiniert. Man nennt sie digitale Nomaden - Reisende, die als Angestellte oder Freiberufler von überall auf der Welt arbeiten können, solange sie einen Laptop und eine Internetverbindung haben. An Stelle eines strukturierten Bürojobs, entscheiden sie selbst flexibel wann und von wo sie arbeiten.

Aber wie ist das möglich? Sucht man im Internet nach Antworten, findet man Bilder von Menschen, die mit ihrem Laptop am Strand arbeiten. Beim Gedanken an Sand in der Tastatur und der blendenden Sonne auf dem Bildschirm, mögen erste Zweifel aufkommen. Wer sind diese Menschen, die scheinbar dort arbeiten wollen, wo andere Urlaub machen?

In dieser Arbeit soll es darum gehen, dem Arbeitstrend der digitalen Nomaden auf den Grund zu gehen und die Motivation der digitalen Nomaden, einen solchen Lebensstil zu führen, zu hinterfragen. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt soll die Frage bilden, mit welchen Herausforderungen digitale Nomaden konfrontiert werden und wie sie damit umgehen. Es soll außerdem thematisiert werden, ob ein Leben als digitaler Nomade dauerhaft möglich ist und welche Auswirkungen dies hätte.

Ziel ist es durch qualitative und problemzentrierte Leitfadeninterviews, einen Einblick in die Beweggründe von digitalen Nomaden sowie ein Bild der Rolle von Arbeit in ihrem Leben zu erhalten. Da es sich bei der qualitativen Befragung um ein exploratives Verfahren handelt, ist es nicht möglich, Mutmaßungen über mögliche Ergebnisse anzustellen.

1.1 Relevanz

Wandel der Arbeit. Die westlichen Nationen befinden sich im Übergang von der industriellen zur nachindustriellen Wirtschaft. Globalisierung und technischer Fortschritt sorgen für rasante Veränderungen und nie dagewesene Herausforderungen. Die digitale Revolution stellt alte Strukturen in Frage und fordert die Gesellschaft heraus. (vgl. Beise & Jakobs, 2012: p.11) Im Wandel der Arbeitsbedingungen verlieren vorgeschriebene Arbeitszeiten und feste Arbeitsplätze in vielen Branchen zunehmend an Bedeutung. Mobilität ist einer der großen Trends, welcher die Arbeitswelt von morgen bestimmt. (vgl. Beise & Jakobs, 2012: p.9)

Die Wirtschaftskrise 2008 schuf als Nebeneffekt ideale Rahmenbedingungen für ein Zeitalter der Freiberufler. Mobile und Cloud-Technologien sowie soziale Netzwerke wie Facebook und LinkedIn ebnen den Weg dafür. (vgl. Pickard, 2017: p.188) Eine in 2016 veröffentlichte McKinsey Studie zeigt, dass die Zahl der Freiberufler in den USA und Europa bereits bei 20-30% liegt (vgl. Manyika et al., 2016: p.11). „The Industrial Revolution moved much of the workforce from self-employment to structured payroll jobs, now the digital revolution may be creating a shift in the opposite direction” (Pofeldt, 2016: p.2).

Digitale Nomaden. Gleichzeitig steigt die Anzahl derer, die als Freiberufler oder Selbstständige ihre Heimat verlassen und nebenbei die Welt bereisen. Anfangs handelte es sich bei den digitalen Nomaden meist um Kreative, Akademiker oder Informationstechnologen, mittlerweile entdecken aber mehr und mehr Berufszweige den Vorteil der Fernarbeit für sich. (vgl. Pickard, 2017: p.188) In seiner Präsentation auf der Konferenz „DNX Global“ in Berlin in 2015, stellt Pieter Levels, Gründer von Plattformen wie Nomad List und Remote OK, die Behauptung auf, dass es in 2035 eine Milliarde digitale Nomaden geben wird. (vgl. Levels, 2015: p.1) Dafür spricht eine Kombination aus Trendprognosen der Demographie, Technologie und Soziologie. Plakativ zusammengefasst: „Fast, cheap internet; Fast, cheap air travel; Lots of freelancers; No marriages; No ownership“ (vgl. Levels, 2015: p.1). Die tatsächliche aktuelle Zahl der aktuellen digitalen Nomaden kann ebenfalls nur geschätzt werden. Tatsache ist, dass es immer mehr werden und sie vor allem aus entwickelten Ländern kommen. (vgl. Gelgota, 2017: p.1)

Bedeutung für Arbeitgeber & Arbeitnehmer. Diese Entwicklung bringt neue Herausforderungen für Arbeitgeber konventioneller Unternehmen mit sich. Wollen sie digitale Nomaden beschäftigten, wirkt sich das nicht nur auf die Kommunikation innerhalb der Teams und die Arbeitsatmosphäre, sondern auch auf Führungsstile und Erfolgskontrolle aus. Chancen entstehen hingegen hinsichtlich Flexibilität, Einsparungen bei Räumlichkeiten und höherer Agilität durch die Beschäftigung von Freiberuflern. Auch die Produktivität kann möglicherweise gesteigert werden. (vgl. Jaeger, 2016: p.1) Erste komplett digitale Unternehmen, wie z.B. der Online-Dienst Zapier, zeigen, dass ein Unternehmen nicht mehr unbedingt ein Büro braucht und eine Zusammenarbeit mit 80 Mitarbeitern in 13 verschiedenen Ländern funktionieren kann. (vgl. Elman, 2017: p.1) Für Arbeitnehmer erschließen sich durch die generelle Zunahme an freiberuflichen und selbstständigen Tätigkeiten neue Möglichkeiten. Auch wenn einige die Entwicklung kritisch betrachten und nicht jeder so arbeiten wollen wird, wird es basierend auf den Prognosen für viele Menschen eine Option werden, die mehr Selbstbestimmung und Freiheit mit sich bringen kann. Aber auch Selbstdisziplin und -management sind dadurch gefordert. (vgl. Elman, 2017: p.1f.)

Die Thematik ist somit differenziert zu betrachten, da sie als Arbeitstrend im Zeitalter der Digitalisierung die Wirtschaft und ihre Teilnehmer bereits stark beeinflusst und voraussichtlich in der Zukunft an Bedeutung noch zunehmen wird. Der Versuch, ein Verständnis über die Motive und Herangehensweise dieses Lebens- und Arbeitsstils zu erlangen, wird aus diesem Grund für notwendig gehalten.

1.2 Fragestellung

Aus der oben definierten Relevanz des Forschungsgegenstandes ergeben sich unterschiedliche, jedoch verknüpfte Fragestellungen. Die Verknüpfung der Themenschwerpunkte Motivation und Rolle der Arbeit in Bezug auf digitale Nomaden wird durch die Struktur der durchgeführten problemzentrierten Leitfadeninterviews sichergestellt. Es lassen sich im Einzelnen vier Fragestellungen ableiten:

1. Was motiviert Menschen als digitale Nomaden zu arbeiten?
2. Welche Rolle spielt Arbeit im Leben von digitalen Nomaden und inwiefern unterscheidet sich diese Rolle im Vergleich zu anderen Arbeitsweisen?
3. Welche Herausforderungen erleben digitale Nomaden in ihrer Arbeitsweise und welche Strategien haben sie zur Bewältigung dieser entwickelt?
4. Wie nachhaltig ist das digitale Nomadentum für die Einzelperson?

1.3 Aufbau und Zielsetzung

Die genannten Fragestellungen sollen im Rahmen dieser Arbeit aufgearbeitet und umfassend beantwortet werden. Dafür wird zunächst im Theorieteil das Forschungsfeld hinsichtlich des aktuellen Erkenntnisstandes der Forschung erarbeitet und die theoretischen Hintergründe erläutert. Daraufhin werden die verwendeten Methoden zur Beantwortung der relevanten Fragestellungen detailliert dargestellt. Im Folgenden werden die durch die Auswertung der empirischen Datenerhebung gewonnenen Ergebnisse zusammenfassend in Form von Falldarstellungen und –vergleichen aufgezeigt und eine Typisierung und Mustererstellung vorgenommen. Im Rahmen der anschließenden Diskussion sollen die Ergebnisse in den Gesamtkontext eingeordnet und vor dem theoretischen Hintergrund sowie dem aktuellen Stand der Forschung reflektiert werden. Hierbei wird auch der Erkenntnisgewinn bezüglich der definierten Fragestellungen bewertet. Abschließend erfolgt eine Reflexion des Forschungsvorhabens.

2 Forschungsfeld

Um einen Einblick in den aktuellen Forschungsstand zu digitalen Nomaden, den damit zusammenhängenden Arbeitstrends und Arbeitsmotivationstheorien sowie der Bedeutung von Arbeit für den Menschen zu geben, sollen im folgenden Kapitel relevante Studien und Literatur zu diesem Thema vorgestellt werden. Zunächst wird die Geschichte der Entwicklung des Arbeitstrends hergeleitet und in das Weltgeschehen eingeordnet. Nach Betrachtung des heutigen Erkenntnisstandes wird daraufhin die Forschungslücke für diese Arbeit aufgezeigt und die Relevanz des Themas in Bezug zur Einleitung nochmal erläutert.

2.1 Erkenntnisstand

Die Geschichte. Die Grundlage für digitales Nomadentum wurde mit der Erfindung und Verbreitung des Internets gelegt. Nachdem 1991 die erste Internetseite der Welt online ging, dauerte es nur wenige Jahre bis 1995 schätzungsweise 20-30 Millionen Menschen das Internet nutzten (vgl. Gilbert, 2013: p.1). Kurz darauf erschien auch der Begriff „digital nomad“ das erste Mal: Tsugio Makimoto and David Manners veröffentlichten 1997 ihr Buch „Digital Nomad“ und prägten damit den Begriff. Sie erkannten bereits 1997 die Veränderungen, die innovative Technologien in den zukünftigen Jahren mit sich bringen würden. Im Vorwort heißt es:

„Technology does not cause change but it amplifies change. Early in the next millenium it will deliver the capability to live and work on the move. [...] People will therefore be able to ask themselves, 'Am I a nomad or a settler?' For the first time in 10.000 years that choice will become a mainstream life-style option.“ (Makimoto & Manners, 1997)

Im Jahr 1998 wird der Online-Bezahldienst PayPal gegründet und ermöglicht es, Zahlungen standortunabhängig abzuwickeln - ein Meilenstein für digitale Nomaden. Im selben Jahr bringt außerdem Edward Hasbrouck mit „The Practical Nomad. How To Travel Around The World“ den ersten Ratgeber heraus, der Tipps zur Reiseplanung und -finanzierung speziell für digitale Nomaden beinhaltet. Ab 1999 wird das digitale Nomadentum massentauglich, denn Laptops haben nun W-Lan, die Preise sinken und die Akkus halten länger. In diesem Jahr geht auch die globale Plattform „Elance“ online, eine Website auf der sich Freiberufler und Unternehmen vernetzen und kollaborieren können. 2014 schließt sich Elance mit dem 2005 gegründeten Wettbewerber oDesk zusammen, welche nun gemeinsam die größte Freiberufler-Plattform der Welt Upwork mit 12 Millionen registrierten Freiberuflern und 5 Millionen Kunden betreiben. Im Jahr 2003 kommt Skype auf den Markt und ermöglicht die internationale Weiterleitung einer Festnetznummer an den Skype-Account oder eine Nummer in einem anderen Land, was heute für die Arbeit vieler digitalen Nomaden unabdingbar ist. 2006 wird der Reiseblogger „Where the Hell is Matt“ ein YouTube-Star und erhält als erster Sponsorengelder von Konzernen, um weitere Videos zu produzieren und deren Marken zu repräsentieren. Nachdem 2007 Tim Ferriss, der selbst Unternehmer ist und 2004 fünfzehn Monate durch die Welt reiste, sein Buch „The 4-Hour Work Week. Escape the 9-5, Live Anywhere And Join The New Rich“ veröffentlicht, inspiriert er damit eine ganze Generation Reisender. Das Buch wird zum New York-Bestseller und wird von vielen digitalen Nomaden als der Auslöser für die Veränderung ihres Lebens- und Arbeitsstils genannt. (vgl. Gilbert, 2013: p.1)

In den Folgejahren vernetzt sich die Gemeinschaft der digitalen Nomaden vermehrt online auf verschiedenen Plattformen und Blogs, z.B. hat die größte Facebook-Gruppe zum Thema „Digital Nomads Around The World“ derzeit 57.372 Mitglieder (Stand: 11.11.2017). Es finden außerdem regelmäßig globale Konferenzen zu dem Thema statt, wie z.B. seit 2012 die DNX Conference (dnxglobal.com).

Auch immer mehr Marken nutzen den Trend, z.B. startet National Geographic 2009 einen eigenen Blog (digitalnomad.nationalgeographic.com) und auch Dell Computers wirbt auf ihrer Website (digitalnomads.com, Website eingestellt in 2012) dafür ihre Technologie dafür zu nutzen, um von überall aus zu arbeiten. Mittlerweile gibt es so viele digitale Nomaden, dass sich ein lukratives Geschäftsmodell daraus entwickelt hat, anderen Menschen zu vermitteln, wie sie selbst digitale Nomaden werden können. In 2010 startet z.B. die Digital Nomad Academy (digitalnomadacademy.com). (vgl. Gilbert, 2013: p.1) Aber auch das Organisieren von gemeinschaftlichen Reisen mit digitalen Nomaden wurde kommerzialisiert, wie z.B. seit 2014 vom Unternehmen Remote Year Inc. (remoteyear.com), welches Komplettpakete verkauft, sodass sich die Kunden um fast nichts mehr selbst kümmern müssen. Das Produkt ist sehr erfolgreich, da der Reisezeitraum feststeht und somit die eventuelle Rückkehr zum ehemaligen Arbeitgeber verhandelt werden kann und durch die Reisegemeinschaft potentielle Partner und Ideen für Neugründungen gefunden werden können. (vgl. Grandke, 2014: p.1)

Digitale Nomaden in der Forschung und Literatur. Das Phänomen „digitale Nomaden“ ist erst in den letzten Jahren vermehrt Gegenstand der Forschung und Basis von literarischen Werken geworden. Im Folgenden werden einige relevante Veröffentlichungen vorgestellt.

Unter dem Titel „Community, Identity & Knowledge among Digital Nomad Entrepreneurs“ untersuchten 2015 Andrew Lentz und Duyen Nguyen an der Universität Lund (Schweden) im Rahmen ihrer Masterarbeit, inwiefern sich digitale Nomaden der Gesellschaft oder bestimmten Gruppen zugehörig fühlen, wie sie ihre Identität beschreiben und Wissen erlangen. Um ein Verständnis über die Gemeinschaft der digitalen Nomaden zu erlangen und die Identitäten explorativ zu erforschen, führten sie semi-strukturierte Interviews mit acht digitalen Nomaden. Sie stellten fest, dass viele der Interviewten sich in ihrer Heimat als Außenseiter fühlten und daher zu reisen begannen. Ihre Befunde zeigten, dass die meisten digitalen Nomaden alleinstehend sind und der Lebensstil eine Familienplanung schwer zulässt. Auch zur Arbeitsweise machten sie Beobachtungen: „Given a lack of outside structure in the form of a job, or even location, DNEs [Digital Nomad Entrepreneurs] expressed the ability to stay focused as a key component to survival.” (Lentz & Nguyen, 2015: p.44)

In ihrer Bachelorarbeit mit dem Titel „Digital Nomads: The Drivers and Effects of Becoming Location Independent“, die sie 2015 an der Hochschule Breda (Niederlande) verfasste, beschäftigte sich Kayleigh Franks mit folgenden Fragen:

1. How digital nomadism differentiates from other forms of long-term travel?
2. What are the push/pull factors of becoming location independent?
3. What are the effects of becoming a digital nomad?“ (Franks, 2015: p.4).

Für die Untersuchung führte sie 22 Interviews in Chiang Mai, Thailand, einer der Hochburgen für digitale Nomaden. Als Push-Faktoren identifizierte sie „the unchallenging 9-5 jobs they previously had, safety and escaping their individual comfort zones“ (Franks, 2015: p.4), Pull-Faktoren waren unter anderem Bücher, insbesondere „The 4-hour Work Week“ von Tim Ferriss, die glamouröse Darstellung von digitalen Nomaden in den Medien und Freiheit (vgl. ebd. p.5). Der Wandel zum digitalen Nomaden ruft eine Steigerung der Kreativität, eine Abnahme an Erfolgserlebnissen und Einsamkeit hervor. (vgl. Franks, 2015: p.6)

2010 veröffentlichten Brian Harmer und David Pauleen einen Artikel in der Fachzeitschrift „Behavior & Information Technology“ mit dem Titel „Attitude, aptitude, ability and autonomy: the emergence of ‘offroaders’, a special class of nomadic worker“. Die Autoren beschreiben eine aufstrebende Arbeiterklasse, die omnipräsente Technologien mit Persönlichkeiten vereint: Diese Menschen lösen gerne Probleme, sind zielstrebig und brauchen hohe Autonomität. Sie bringen einen gewissen Grad an Unternehmertum mit und favorisieren die Freiheit zu arbeiten wann und wo sie wollen. Ihre Forschung zielt darauf ab, Nachweise für diese andere Art zu arbeiten zu finden und suggeriert, welche Auswirkungen die Anstellung von Individuen mit der beschriebenen Persönlichkeit auf Managementprozesse von Organisationen hat. (vgl. Harmer & Pauleen, 2010: p.4) Die Ergebnisse ihrer Studie zeigen, dass die scheinbar unbegrenzte Autonomität von nomadischen Arbeitern nur in ihrem eigenen Arbeitskontext gegeben ist, d.h. sie beinhaltet zeitliche und ortsgebundene Restriktionen. Ein freiberuflicher Journalist muss z.B. seine Zeit- und Ortsplanung an die seines Interviewpartners anpassen. Auch bei Teamarbeit muss weiterhin eine Abstimmung erfolgen, was mit den Präferenzen des nomadischen Arbeiters kollidieren kann. (vgl. Harmer & Pauleen, 2010: p.6f.)

Der erste erfolgreiche deutschsprachige Ratgeber „Wir nennen es Arbeit: Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“ von Holm Friebe und Sasha Lobo (2006), nähert sich der Thematik digitaler Nomaden auf Basis eigener Erfahrungen. Die Autoren lieferten den Medien Material zur kontroversen Diskussion des Themas. Sie erklären die Möglichkeiten dieser Lebensform, Geschäftsmodelle und brechen mit konventionellen Arbeitsverhältnissen. (vgl. Friebe & Lobo, 2008: p.15f.) Kritiker warfen den Autoren zur Zeit der Veröffentlichung jedoch eine mangelnde Reflektion der beworbenen Ideologie und eine Kompatibilität des Lebensstils für eine absolute Minderheit der Bevölkerung vor (vgl. Rathgeb, 2006: p.1).

Die Literaturrecherche zum Thema digitale Nomaden verdeutlicht, dass sich vor allem die digitalen Nomaden selbst mit ihrer besonderen Lebens- und Arbeitsform beschäftigen. Auf unzähligen Blogs, YouTube-Kanälen und anderen sozialen Medien werden nicht nur hilfreiche Erfahrungen, sondern auch kritische Gedanken zur z.B. Nachhaltigkeit des Lebensstils und Nachteilen der Arbeitsweise geteilt (vgl. May, 2017: p.1).

Auch die internationalen Medien berichten seit einigen Jahren stetig über das Phänomen digitale Nomaden. Für ihren Artikel „Globetrotting Digital Nomads: The Future of Work or Too Good To Be True?“ (2015) recherchierte Autorin Beth Altringer für das Magazin Forbes selbst im Umfeld der digitalen Nomaden und führte in Ubud, Bali Interviews mit zahlreichen Personen zu ihrem Lebensstil. Sie interessierte sich insbesondere dafür, ob diese Arbeitsweise finanziell dauerhaft tragbar ist und sich lohnt. Dafür startete sie Anfang 2015 eine globale Befragung mit dem Fokus auf der Finanzplanung von digitalen Nomaden. „I wanted to figure out if this was a viable career lifestyle, a subsidized holiday, or a relatively high-risk financial and career gamble“ (Altringer, 2015: p.1). Sie stellte fest, dass die Hochverdienenden der Studie aus drei Gruppen bestehen: Unabhängige Finanzmanager, mehrfache Unternehmer und elitäre Software-Ingenieure. Im Durchschnitt verdient diese Oberschicht 8.000 U.S.-Dollar pro Monat, wobei die Unternehmer deutlich mehr als die anderen verdienen. Die Mittelschicht besteht aus Unternehmern, ehemaligen Mitarbeitern von erfolgreichen Start-Ups und gefragten Mitarbeitern aus Tech-Unternehmen, die verhandelt haben, von irgendwo aus zu arbeiten. Am mittleren und unteren Ende der Einkommenshöhe sind deutlich mehr digitale Nomaden verschuldet (mehr als 60% haben über 60.000 U.S.-Dollar Schulden). Die ausgeübten Tätigkeiten auf dieser Ebene sind u.a. Online-Verkäufe und Marketing, Blogging und Life Coaching. (vgl. Altringer, 2015: p.1)

2.2 Forschungslücke

Insgesamt zeigen die dargestellten Studien die vielfältigen Forschungsschwerpunkte, die darauf abzielen, digitale Nomaden als Arbeitstrend, als Persönlichkeit oder gesellschaftliches Phänomen besser verstehen und einordnen zu können. Die Veröffentlichungen fokussierten jeweils einen oder mehrere Aspekte, analysierten diesen intensiv und strebten oftmals empirische Belege an.

Die vorliegende Arbeit orientiert sich an diesem Vorgehen und befasst sich mit einer auf digitale Nomaden bezogenen Thematik, die in dieser Form noch nicht behandelt wurde. Die Frage nach der Motivation zum digitalen Nomadentum, lässt sich lediglich ansatzweise in der Untersuchung von Kayleigh Franks Push- und Pull-Faktoren wiederfinden. Lentz und Nguyen legten den Schwerpunkt auf Gemeinschaft, Identität und Wissen, thematisieren in ihrer empirischen Auswertung jedoch auch Erkenntnisse bezüglich der Motivation und Arbeitsweisen der Interviewten. Somit zielen die Fragestellungen dieser Arbeit darauf ab, einen neuen Fokus auf das Thema digitale Nomaden zu setzen und durch die Diskussion der empirischen Ergebnisse sowie des theoretischen Hintergrunds, einen Beitrag dazu zu leisten, die Forschungslücke zum Thema „Motivation von digitalen Nomaden und die Rolle von Arbeit in ihrem Leben“ zu schließen.

3 Theoretischer Hintergrund

Nachdem der aktuelle Stand der Forschung dargelegt wurde, soll nun der theoretische Hintergrund dieser Arbeit beleuchtet werden. Zunächst werden die notwendigen Definitionen der relevanten Begrifflichkeiten abgegrenzt und erläutert. Anschließend soll der Fokus auf die sozialpsychologischen Funktionen von Arbeit gerichtet werden. Neben den Theorien der Arbeitsmotivation unter Betrachtung von sowohl Inhalts- als auch Prozesstheorien, sollen auch Faktoren der Arbeitszufriedenheit beleuchtet werden.

Um den theoretischen Hintergrund mit der auf die Fragestellung dieser Arbeit ausgerichteten Empirie zu verknüpfen, werden im abschließenden Teil dieses Kapitels die daraus hervorgehenden, kritischen Vorannahmen abgeleitet.

3.1 Definitionen

Digitaler Nomade. Ein digitaler Nomade ist ein Unternehmer, Arbeitnehmer oder Freiberufler, der hauptsächlich digitale Technologien verwendet, um seine Arbeit zu verrichten und gleichzeitig ein ortsunabhängiges bzw. multilokales Leben führt (vgl. Franks, 2016: p.8). Dabei muss die Person nicht zwingend ihr Heimatland verlassen, um als digitaler Nomade zu gelten, ausschlaggebend ist vielmehr die innere Einstellung und Denkweise. (vgl. Gelgota, 2017: p.1) Der Begriff „digitaler Nomade“ ist nicht der einzige, der für reisende Arbeiter verwendet wird. Im Zusammenhang mit dem Thema findet sich u.a. auch die Verwendung von „E-Worker“, „Internet-Nomade“, „Büronomade“ oder „Urban Nomad“. (vgl. Pickard, 2017: p.188) Das Dasein eines digitalen Nomaden wird häufig als „location independent“ erklärt - ein Begriff der durch die Bloggerin Lea Woodward und ihren gleichnamigen Blog (locationindependent.com) geprägt wurde.

Abgrenzung zu Telearbeit. Unter Telearbeit (auch Fernarbeit, Teleworking oder Telecommuting) werden Arbeitsformen verstanden, bei denen der Arbeitnehmer mindestens einen Teil seiner Arbeit außerhalb des Gebäudes des Arbeitgebers verrichtet. Die genauen Regelungen werden in einem Arbeitsvertrag oder einer Betriebsvereinbarung festgehalten. Telearbeiter können auch digitale Nomaden sein, der Begriff digitales Nomadentum schließt Telearbeit mit ein, lässt sich aber nicht auf diese Arbeitsform reduzieren, da auch Selbstständige und Freiberufler digitale Nomaden sein können. (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon, 2017 a: p.1)

Abgrenzung zu Expatriates. Ein Expatriate (kurz Expat) ist ein Arbeitnehmer, der von seinem Arbeitgeber vorübergehend an einen ausländischen Standort des Unternehmens entsandt wird. Der Zeitraum beträgt meist ein bis fünf Jahre. Dabei hat der Expatriate im Gastland im Normalfall für die Dauer des Einsatzes einen festen Wohnsitz und Arbeitsplatz und unterscheidet sich somit eindeutig vom ortsunabhängig arbeitenden digitalen Nomaden. (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon, 2017 b: p.1)

Abgrenzung zu Work & Travel. Die Reiseform Work & Travel ist ein Auslandsaufenthalt, bei dem Reisende sich durch kurze oder längere Gelegenheitsjobs vor Ort finanzieren. Es ist eine Kombination aus intensivem Bereisen eines Landes und wechselnden Jobs, welche aber auch ein Praktikum oder ehrenamtliche Tätigkeiten sein können. Work & Travel Visa, vor allem in Australien, Neuseeland und Kanada, werden auch von digitalen Nomaden genutzt. Diese Reiseform in ihrem ursprünglichen Sinn kann aber dem digitalen Nomadentum nicht gleichgesetzt werden, da die Reisenden ihre Arbeit nicht digital sondern vor Ort verrichten. (vgl. Möller, 2016: p.1)

Freiberufler (engl. Freelancer). Zu der freiberuflichen Tätigkeit gehören die selbstständig ausgeübte wissenschaftliche, künstlerische, schriftstellerische, unterrichtende oder erzieherische Tätigkeit, die selbstständige Berufstätigkeit der z.B. Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Architekten, Wirtschaftsprüfer, beratenden Volks- und Betriebswirte, Heilpraktiker, Journalisten, Bildberichterstatter, Übersetzer und ähnlicher Berufe. (vgl. §18 EStG) Eine freiberufliche Tätigkeit ist nach deutschem Recht kein Gewerbe. Menschen, die freie Berufe ausüben, werden als Freiberufler bezeichnet. Die freien Berufe haben im Allgemeinen auf der Grundlage besonderer beruflicher Qualifikation oder schöpferischer Begabung die persönliche, eigenverantwortliche und fachlich unabhängige Erbringung von Dienstleistungen höherer Art im Interesse der Auftraggeber und der Allgemeinheit zum Inhalt. (vgl. Bruns, 2017: p.1)

3.2 Theoretische Vorannahmen

Funktionen der Arbeit. Als Ausgangspunkt der Betrachtung wird, ohne auf die umfangreiche Diskussion zur historischen Entwicklung der Arbeit sowie den möglichen Betrachtungsebenen und Aspekten dieses Begriffs einzugehen (vgl. z.B. Wiswede, 1980: p.9ff.), ein Überblick über die Funktionen von Arbeit gegeben. (Lück, 1990: p.69)

Die in den 1930er Jahren durchgeführte Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“, von Marie Jahoda, Paul Larzarsfeld und Hans Zeisel (1930) wies systematisch die psychische Bedeutung von Arbeit und Arbeitslosigkeit nach. Im Zuge dessen fasste sie in ihrem Modell der manifesten und latenten Funktionen der Erwerbsarbeit fünf Erfahrungs- und Erlebniskategorien zusammen. Mit der An- oder Abwesenheit dieser Dimensionen setzen sich die Menschen unserer Gesellschaft fortwährend auseinander, so Jahoda (vgl. Leithäuser et al., 2013: p.64; vgl. Leithäuser et al., 2009: p.100).

„Man kann aufgrund einer Analyse der Arbeit als Institution einige weitere Erfahrungen benennen, die der überwältigenden Mehrheit der Arbeitenden aufgezwungen werden: Die Auferlegung einer festen Zeitstruktur, die Ausweitung der Brandbreite sozialer Erfahrungen in Bereiche hinein, die weniger stark emotional besetzt sind als das Familienleben, die Teilnahme an kollektiven Zielsetzungen oder Anstrengungen, die Zuweisung von Status und Identität durch die Erwerbstätigkeit und die verlangte regelmäßige Tätigkeit. Diese Erlebniskategorien unterliegen nicht der Willkür eines guten oder schlechten Unternehmers, sie folgen notwendigerweise aus den Strukturen der modernen Erwerbstätigkeit.“ (Jahoda, 1983: p.99f.)

Laut Jahoda hat sich die Struktur des Erwerbslebens mindestens seit Beginn der industriellen Revolution nicht mehr geändert. Es gebe zwar noch andere gesellschaftliche Institutionen, die ihren Mitgliedern eine oder mehrere dieser Kategorien aufzwingen, aber nur die Notwendigkeit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten verbindet sie alle. (vgl. Jahoda, 1983: p.99f.) „All diese Erlebniskategorien hat Freud einmal in einem Aphorismus beschrieben, als er gesagt hat, dass die Arbeit der Menschen stärkste Bindung an die Realität ist. Diese Bindung an die Realität brauchen wir alle, wenn wir uns nicht verlieren wollen in Tagträumen und Phantasien.“ (Jahoda, 1983: p.46) Zusammenfassend beschreiben somit die fünf Erlebniskategorien als latente Funktionen die sozialisatorischen Wirkungen der Arbeit, die manifeste Funktion ist der Gelderwerb. Darüber hinaus beschreiben diese Kategorien den Beitrag, den die Arbeit für die Bildung des Lebenssinns der meisten Menschen leistet. (vgl. Leithäuser et al., 2013: p.64) Die Erlebniskategorien können sowohl gute als auch schlechte Qualitäten haben, aber das Erlebnis dieser ist unvermeidlich (vgl. Jahoda, 1983: p.46). Im Folgenden sollen die fünf Erlebniskategorien erläutert werden:

- Zeitstruktur. Arbeit teilt den Tag in Arbeitszeit und Freizeit auf und gibt somit eine genaue Planung des Tages vor, an die sich ein Mensch halten kann bzw. muss. Sie zwingt den Menschen zu einem strukturierten Tagesablauf und bindet ihn in den Rhythmus der Gesellschaft ein. (vgl. Jahoda, 1984: p.12) Jahoda nennt Arbeit als Voraussetzung für Freizeit, weil diese erst reizvoll wird, wenn sie knapp ist. Somit ist unfreiwillige Arbeitslosigkeit nicht mit Freizeit gleichzusetzen. (vgl. Jahoda, 1995: p.11)
- Aktivität. Die organisierte Arbeit erzwingt eine Aktivität des Menschen. Durch die auferlegten Strukturen bekommt der Mensch eine Aufgabe und entwickelt durch die wiederholte Tätigkeit Qualifikationen. Daraus ergeben sich Kompetenzen und ein generelles Gefühl von Handlungskompetenz. (vgl. Jahoda, 1995: p.12)
- Kollektivität. Organisierte Arbeit ist eine tägliche Demonstration, „dass es kollektive Zusammenarbeit geben muss, um die materielle Kultur eines industrialisierten Landes zu erhalten“ (Jahoda, 1983: p.45). Eine Einzelperson kann zwar auch alleine etwas bewerkstelligen, aber sie kann z.B. nicht alleine ein Stahlwerk betreiben. Durch Arbeitsteilung wird der kollektive Zweck der Arbeit verdeutlicht. Der Mensch hat zudem eine stark ausgeprägte soziale Existenz. (vgl. Jahoda, 1983: p.46)
- Identität und Status. Arbeit bestimmt in allen industrialisierten Ländern den Status und die Identität eines Menschen. Sie zeigt einem, wo man in der Gesellschaft steht, unabhängig davon wie der Mensch dies bewertet. (vgl. Jahoda, 1983: p.46).
- Erweiterung des sozialen Horizonts. Der Kontakt zu Kollegen am Arbeitsplatz spielt sich auf einer weniger emotionalen Ebene ab, als der Kontakt zur eigenen Familie. Der Mensch ist gezwungen Kontakte aufzubauen, die er privat nicht suchen würde. Dies führt zu einer Bewusstseinserweiterung, denn „selbst eine scheue und zurückgezogene Person [ist] gezwungen, ihre Kenntnisse von der sozialen Welt zu erweitern, da sie Ähnlichkeiten oder Unterschiede der Gewohnheiten, Ansichten und Lebenserfahrungen anderer im Vergleich zu den eigenen beobachtet.“ (Jahoda, 1995: p.50) Nach Jahoda sind diese Kontakte als Gegenstück zur Emotionalität der Familie existentiell notwendig (vgl. Jahoda, 1995: p.50).

Die Arbeitswelt hat sich seit der Veröffentlichung Jahodas weiterentwickelt. Die objektiven Arbeitsbedingungen in den meisten Arbeitsorganisationen haben sich, wie einleitend erläutert, in den letzten Jahrzehnten verändert. (vgl. Leithäuser et al., 2009: p.101) Jahodas Modell bezieht sich außerdem vor allem auf Arbeitnehmer und ist nicht vollständig auf selbstständig Tätige anwendbar. Nichtsdestotrotz sollen in dieser Arbeit die Erkenntnisse von Jahoda als Basis für die Betrachtung der Arbeitsweisen und Herausforderungen von digitalen Nomaden dienen, da sie bis heute das Fundament für die Auseinandersetzung von Soziologen mit den Funktionen von Arbeit bilden.

Arbeitszufriedenheit. Das Konstrukt der Arbeitszufriedenheit wird von Kirchler als „die generelle Einstellung einer Person zu ihrer Arbeit“ (vgl. 2005: p.243) definiert. Die Zufriedenheit ergibt sich aus der Summe subjektiver Zufriedenheiten mit einzelnen Arbeitsaspekten, wobei die wichtigsten Facetten die Arbeitsaufgabe, Kollegen, Vorgesetzte und Arbeitsbedingungen mit jeweils unterschiedlichen Gewichtungen sind. (vgl. Felfe & Six, 2006: p.39f.) In Abgrenzung zum Begriff der Arbeitsmotivation legt die Arbeitszufriedenheit „den Schwerpunkt auf die Gefühle und Einstellungen gegenüber der Arbeit, berücksichtigt aber auch das Verhalten“ (Weinert, 2004: p.246). Bei der Arbeitsmotivation liegt der Fokus hingegen allein auf dem Verhalten. (vgl. Walser, 2012: p.3) Nicht zu verwechseln ist Arbeitszufriedenheit mit Leistungsmotivation, welche als Aspekt der Arbeitsmotivation „die Bereitschaft, sich - engagierter als durchschnittlich üblich - mit der Aufgabenerfüllung zu beschäftigen“ (Berthel & Becker, 2010: p.48) beschreibt.

Eine Vielzahl an Motivationstheorien liefern Erklärungsmodelle für die Entstehung von Arbeitszufriedenheit. Im Folgenden sollen die relevantesten Motivationstheorien aufgeführt und erläutert werden.

Arbeitsmotivation. Die Motivationsforschung zielt darauf ab menschliche Bedürfnisse zu kategorisieren und einzuordnen. „Ein Bedürfnis (need) [wird] als ein interner Mangelzustand verstanden [..], der Kognitionen und Verhalten insofern steuert, dass damit eine Bedürfnisbefriedigung erreichbar erscheint“ (Kirchler, 2005: p. 326). Vom Transfer in die Arbeitswissenschaften wurde erwartet das Arbeitsverhalten anhand von Motivlagen prognostizieren zu können (vgl. Walser, 2012: p.4). In Bezug auf Arbeitsmotivationstheorien wird zwischen zwei Theoriearten unterschieden, die jeweils einen unterschiedlichen Aspekt der Motivation betrachten: Den Inhalts- und Prozesstheorien. Inhaltstheorien entwickeln Taxonomien menschlicher Motive und humanistisch orientierte Konzepte. Sie postulieren universelle Motivstrukturen, können aber die individuellen Unterschiede in der Arbeitsleistung nicht erklären. Dahingegen erklären Prozesstheorien die Dynamik der Motivation und kognitiv orientierte Konzepte. Durch die Dynamik in der Prozessperspektive ist zu erklären, mit welcher Intensität und Ausdauer Handlungsalternativen verfolgt und die dabei erzielten Ergebnisse bewertet werden. Berücksichtigt man die Chronologie der Publikationen, wird ersichtlich, dass die Theorien oftmals aufeinander aufbauen. (vgl. Walser, 2012: p.4f.)

Im Folgenden sollen für die Thematik dieser Arbeit ausgewählte Inhalts- und Prozesstheorien vorgestellt, erläutert und in der späteren Diskussion mit der Empirie dieser Arbeit in Verbindung gebracht werden. Es handelt sich bei der Maslowschen Bedürfnishierarchie (1954) und der Leistungsmotivationstheorie nach McClelland (1961) um Inhaltstheorien, bei dem Zirkulationsmodell nach Porter und Lawler (1968) und der Feldtheorie nach Lewin (1963) um Prozesstheorien.

Die Maslowsche Bedürfnishierarchie, auch bekannt als Bedürfnispyramide, ist eine sozialpsychologische Theorie, die menschliche Bedürfnisse in fünf Kategorien hierarchisch darstellt (vgl. Abb. 1). Sie wurde 1954 von Abraham Maslow entwickelt und gilt als inhaltstheoretische Grundlage für spätere Konzepte der Arbeitsmotivation. (vgl. Kirchler, 2005: p.99) An der Basis stehen physiologische Bedürfnisse, wie Hunger oder das Schlafbedürfnis, welche die physische Existenz sichern. Ihnen übergeordnet sind Sicherheitsbedürfnisse, wie Stabilität, Geborgenheit und Struktur, die das Individuum vor Gefahren aus der Umwelt schützen. Soziale Bedürfnisse beinhalten Freundschaft, Liebe und Zugehörigkeit und sichern das Zusammenleben in z.B. einer Familie. Darüber stehen die Bedürfnisse nach Anerkennung, Achtung und Wertschätzung. (vgl. Drumm, 2008: p.392) Maslow differenziert später das Bedürfnis nach Selbstachtung und die Anerkennung durch Dritte (vgl. Maslow, 1970: p.97). An der Spitze steht das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, das Streben des Menschen das zu tun wofür er geeignet ist und seiner Natur treu zu bleiben (vgl. Maslow, 1970: p.74ff.). DIe Bedürfnisse einer unteren Kategorie müssen weitestgehend erfüllt sein, bevor diejenigen der höheren Kategorie als existent empfunden werden. (vgl. Drumm, 2008: p.392)

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Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Digitale Nomaden. Was sie motiviert und welche Rolle die Arbeit in ihrem Leben spielt
Autor
Jahr
2019
Seiten
72
Katalognummer
V464293
ISBN (eBook)
9783964870025
ISBN (Buch)
9783964870094
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Digitale Nomaden, Remote Work, Motivation, Arbeitstrends, Arbeitswandel, Digitalisierung, Wirtschaftspsychologie, New Work, Digital Nomad, Reisen
Arbeit zitieren
Annika Reinke (Autor), 2019, Digitale Nomaden. Was sie motiviert und welche Rolle die Arbeit in ihrem Leben spielt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464293

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