Die Demographie ist die Beschreibung einer Bevölkerung. Deutschland als geteiltes Land bestand 40 Jahre aus zwei verschiedenen Bevölkerungen, die aufgrund ihrer Differenzen getrennt beschrieben werden mussten. Man könnte nun meinen, dass es nach der Widervereinigung auch zur „Vereinigung“ der demographischen Situation gekommen sei - doch dem ist nicht so. Noch heute, 15 Jahre nach der politischen Wende, müssen West- und Ostdeutschland gesondert betrachtet werden, um zu einer realistischen Einschätzung zu kommen. Viel zu groß sind die Differenzen im fertilen Verhalten und bei der Migration. Auch die Mortalität trägt zur Bevölkerungsbewegung bei.
Inwiefern die drei Faktoren Einfluss auf die demographische Situation hatten und haben, soll nun dargestellt werden. Besonders der Geburtenrückgang bedarf einer Reihe von Erklärungsansätzen, die im Anschluss behandelt werden. Zuerst aber wird ein historischer Blick auf die Entwicklung der beiden deutschen Teile vor 1989 gegeben, um die Veränderung im Osten besser herauszustellen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die demographische Situation vor der politischen Wende in Ost und West
3 Die demographische Situation heute
3.1 Mortalität
3.2 Fertilität
3.2.1 Geburtenrückgang und steigendes Erstgebärendenalter
3.2.2 Erklärungsansätze für den Geburtenrückgang
3.3 Migration
4 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die demografischen Entwicklungen in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung, wobei insbesondere die Faktoren Mortalität, Fertilität und Migration analysiert werden, um die anhaltenden Unterschiede zwischen den neuen und alten Bundesländern zu verdeutlichen.
- Historische Betrachtung des demografischen Wandels in Ost und West vor 1989.
- Analyse des Geburtenrückgangs und des Wandels im generativen Verhalten nach der Wende.
- Untersuchung theoretischer Erklärungsansätze für den Geburtenrückgang (u.a. Individualisierungsansatz).
- Bewertung der Auswirkungen von Migration auf die Bevölkerungsstruktur und das Frauendefizit.
- Einordnung der Mortalitätsentwicklung und der Lebenserwartung im Kontext der Systemtransformation.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Geburtenrückgang und steigendes Erstgebärendenalter
Die Familie galt in der DDR als Rückzugsort und hatte eine Schutzfunktion vor der Überwachung und Bevormundung des Staates. Als dieser wegbrach, kam es auch in den neuen Bundesländern zu einem einmaligen Rückgang der Geburten, der natürlich nicht nur durch den Verlust des Bezugssystems zu erklären ist. Einmalig an diesem Geburtenrückgang ist vor allem der Zeitraum, in dem er sich abspielte: Quasi von heute auf morgen, also innerhalb weniger Jahre, nämlich genau zwischen 1990 und 1994. Schon 1991 betrug die Zahl der Lebendgeborenen nur noch 54,1% derer von 1989, sank bis 1994 auf 39,6% ab, beginnt aber seither wieder langsam zu steigen. Dennoch erreicht die Geburtenzahl nicht mehr das Niveau der 70er und 80er Jahre, sondern pendelt sich ähnlich wie in den alten Bundesländern auf niedrigem Niveau ein.
Aber nicht nur die absolute Zahl der Geburten ist gesunken, sondern auch das Alter der Frauen, in dem sie ihr erstes Kind gebären. So betrug das durchschnittliche Erstgebärendenalter bei verheirateten Frauen im Jahr 2000 28,4 Jahre (unverheiratet: 26,5), was 1989 noch bei 23,8 (bzw. 23,7) Jahren lag. Weiterhin treten verstärkt Geburten bei nicht verheirateten Frauen auf. Schon zu DDR-Zeiten war es für Frauen reizvoll, früh Kinder zu bekommen, und eine Trennung vom Vater des Kindes stellte kein Problem in finanzieller oder privater Hinsicht dar. Deshalb ist auch heute noch die Zahl der unehelich geborenen Kinder mit 51,5% im Jahr 2000 wesentlich höher als in den alten Bundesländern (18,6%). Schon 1989 lag die Zahl der nichtehelich Geborenen in der DDR bei etwa 35% (BRD: 10%). Damit wird ersichtlich, dass Heirat und Kind im Osten nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die Notwendigkeit heraus, Ost- und Westdeutschland auch 15 Jahre nach der Wiedervereinigung getrennt zu betrachten, und definiert die demografischen Schlüsselfaktoren Migration, Mortalität und Fertilität.
2 Die demographische Situation vor der politischen Wende in Ost und West: Dieses Kapitel vergleicht die gegensätzlichen demografischen Entwicklungen im geteilten Deutschland, insbesondere hinsichtlich des Bevölkerungswachstums und des generativen Verhaltens.
3 Die demographische Situation heute: Dieser Hauptteil analysiert die aktuellen demografischen Trends in den neuen Bundesländern unter Berücksichtigung der veränderten Rahmenbedingungen nach 1989.
3.1 Mortalität: Es wird dargelegt, wie sich die Mortalität in Ostdeutschland an westliche Standards angepasst hat, wobei die Lebenserwartung gestiegen ist und keinen negativen Beitrag zum Bevölkerungsrückgang leistet.
3.2 Fertilität: Dieses Kapitel untersucht die drastische Veränderung des Geburtenverhaltens, das Erstgebärendenalter sowie den Zusammenhang von Heirat und Kind.
3.2.1 Geburtenrückgang und steigendes Erstgebärendenalter: Hier werden die statistischen Daten zum Einbruch der Geburtenzahlen zwischen 1990 und 1994 sowie die Verschiebung des Erstgebärendenalters detailliert beleuchtet.
3.2.2 Erklärungsansätze für den Geburtenrückgang: Verschiedene soziologische Theorien, insbesondere der Individualisierungsansatz, werden diskutiert, um die Ursachen für das dauerhaft niedrige Geburtenniveau zu erklären.
3.3 Migration: Der Fokus liegt auf der fluchtartigen Abwanderung nach 1989 und deren negativen Folgen für die Altersstruktur und das wirtschaftliche Potenzial der neuen Bundesländer.
4 Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit fasst die demografischen Herausforderungen wie das Frauendefizit und den Bevölkerungsrückgang zusammen und verweist auf die Bedeutung soziopolitischer Rahmenbedingungen für den Kinderwunsch.
Schlüsselwörter
Bevölkerungssoziologie, Wiedervereinigung, Ostdeutschland, Demografischer Wandel, Fertilität, Geburtenrückgang, Mortalität, Migration, Abwanderung, Individualisierung, Erstgebärendenalter, Familienpolitik, Bevölkerungsrückgang, demografisches Altern, Lebensbiografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die demografischen Veränderungen in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung und stellt dar, warum diese Region auch Jahre nach der politischen Wende eine spezifische demografische Betrachtung erfordert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der Mortalität, die drastischen Veränderungen der Fertilität sowie die Auswirkungen der Binnenmigration auf die Bevölkerungsstruktur.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Faktoren zu identifizieren und zu erklären, die zum demografischen Wandel und dem Bevölkerungsrückgang in den neuen Bundesländern nach 1989 beigetragen haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine sekundäranalytische Methode, indem sie vorhandene soziologische Theorien, statistische Daten und einschlägige Fachliteratur auswertet, um die demografische Entwicklung zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der demografischen Lage vor der Wende, die Untersuchung der aktuellen Mortalitäts- und Fertilitätsraten sowie die Folgen der abwanderungsbedingten demografischen Probleme.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie demografischer Wandel, Fertilitätskrise, Abwanderung, Individualisierungsansatz und ostdeutsche Transformationsgesellschaft charakterisieren.
Warum spielt die Migration eine so entscheidende Rolle für den Osten?
Die Migration ist besonders kritisch, da sie altersselektiv erfolgt und vorwiegend junge Frauen in den Westen treibt, was zu einem demografischen Altern und einem wachsenden Frauendefizit im Osten führt.
Wie erklärt die Autorin den „Schock“ der Wende im Kontext des Geburtenrückgangs?
Der Schock wird durch den Wegfall der staatlichen Lebensorganisation und die daraus resultierende Notwendigkeit erklärt, eigene Lebensentwürfe bei gleichzeitigem sozialen Unsicherheitsrisiko (z.B. Arbeitslosigkeit) neu zu bewerten.
Warum ist das Heiratsverhalten in den neuen Bundesländern heute anders als früher?
Durch den Wegfall materieller Anreize aus der DDR-Zeit und die Anpassung an westliche Lebensstile wurden Eheschließungen aufgeschoben, was zu einem deutlich gestiegenen Erstheiratsalter geführt hat.
- Quote paper
- Lydia Brandl (Author), 2005, Die demographische Situation in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46444