Der "Erziehende Sportunterricht" - Literaturbeiträge


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Der „erziehende Unterricht“
1. Der „Erziehende Unterricht“ nach Herbart 1806

III. Der „erziehende Sportunterricht“
1. Was ist erziehender Sportunterricht ?
1.1 Merkmale eines erziehenden Sportunterrichts nach Balz 1990 und Balz/ Neumann 1999
2. Didaktische Prinzipien des Lehrens und Lernens im erziehenden Sportunterricht
2.1 in den Richtlinien Sport NRW 1999
3. Warum erziehender Sportunterricht ?
4. Wie kann Erziehung im Sportunterricht erfolgen?
4.1 Erziehung im Sportunterricht nach Cachay 1997
4.2 Praxisbeispiel nach Bruckmann/ Bruckmann 1997

IV. Fazit

V. Literatur

I. Einleitung

Literaturbeiträge zu einem erziehenden Sportunterricht finden derzeit sowohl in fachdidaktischen Veröffentlichungen als auch in Lehrplantexten beachtliche Resonanz. Offensichtlich wird versucht den Sportunterricht mit erzieherischen Aufgaben zu belegen, um ihn so in einem pädagogischen Kontext zu legitimieren. Denn Fakt ist: Der Sportunterricht heute muss sich anderen Fächern gegenüber behaupten, - er fällt Kürzungen und Sparmaßnahmen meist als erstes zum Opfer - weil er bei einigen Schulsportkritikern den Anschein einer gut getarnten Pause für Lernunwillige macht, da er keine bildenden oder erzieherischen Inhalte vermittle und ihm somit eine nutzlose Funktion nachgesagt wird.

Anhand einiger ausgewählter Literaturbeiträge zum erziehenden Sportunterricht soll veranschaulicht werden, dass der Sportunterricht sehr wohl erziehende Werte und bildende Inhalte vermitteln kann. Hierzu stehen folgende Fragestellungen im Mittelpunkt dieser Arbeit:

In Kapitel II soll anhand der Frage, „auf wen das pädagogisch-didaktische Konzept des erziehenden Unterrichts zurück geht und was sich hinter diesem Terminus verbirgt“, ein historischer Bezug geschaffen werden.

Das Kapitel III beschreibt zunächst die wesentlichen Merkmale und didaktische Prinzipien eines erziehenden Unterrichts.

Im Anschluss wird darauf eingegangen, „warum gerade der Erziehende Unterricht als Konzept für den Sportunterricht ausgewählt wurde“ und zum Abschluss soll anhand eines eher theoretischen Beitrages aber auch eines Praxisbeispiels (eine Wagnissituation im Schwimmunterricht) eine mögliche Umsetzung (die Frage nach dem „Wie?“) des erziehenden Unterrichts im Schulsport dargestellt werden.

Bei der Bearbeitung der einzelnen Fragestellungen wurden im Wesentlichen die Werke und Artikel von Ramseger 1991, Balz 1999, Beckers 2000, Bruckmann 1997, Cachay 1997 und des Ministeriums für Schule und Weiterbildung NRW 1999 herangezogen.

II. Der „erziehende Unterricht“

1. Der „Erziehende Unterricht“ nach Herbart 1806

Der Terminus erziehender Unterricht[1] geht hervor aus der Lehre von Johann Friedrich HERBART[2] (1776-1841). Er entstand gegen Ende des 18. Jahrhunderts, zur Zeit der bürgerlichen Monarchien und steht seit seiner Geburtsstunde stetig wiederkehrend im Diskussionsmittelpunkt (zum Beispiel, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts durch die „Herbartianer“ oder nach dem zweiten Weltkrieg mit Walter Asmus[3] ) wenn gefordert wird, dass „Erziehung und Unterricht in der Schule als Einheit zu verstehen und zu realisieren seien“[4].[5]

Die zeitgemäße Aufarbeitung des erziehenden Unterrichts ist vor allem Jörg RAMSEGER (*1950) zu verdanken, der zu Beginn der 90er Jahre das Werk „Was heißt ‚durch Unterricht erziehen’? Erziehender Unterricht und Schulreform“ verfasst und so den erziehenden Unterricht durch Neuinterpretation „wiederbelebt“.[6]

Herbart unterscheidet einen erziehenden Unterricht von einem Unterricht ohne Erziehung: ,,Und ich gestehe gleich hier, keinen Begriff zu haben von Erziehung ohne Unterricht, sowie ich... keinen Unterricht anerkenne, der nicht erzieht"[7].

Der zuerst genannte ist eine ,,sorgfältig geplante und durchkonstruierte Veranstaltung, ein rationaler Prozeß der Einflußnahme auf den Lernenden, wenn auch kein Prozeß der Willenssteuerung"[8].

Das Hauptaugenmerk des erziehenden Unterrichts liegt auf der „Subjekt-Orientierung“ und zielt auf eine „allgemeine Menschenbildung“. Der Schüler solle zur Selbstbestimmung und zum moralischen Handeln in seiner Lebenswirklichkeit befähigt werden. Folglich werde Erziehung nicht als repressive Einflussnahme, sondern als vertrauensvolles Beratungsverhältnis zwischen Schüler und Lehrer verstanden. Im erziehenden Unterricht gehe es damit über eine bloße Aneignung von Können und Wissen hinaus.[9]

Eine besonders wichtige Aufgabe dieses Unterrichts sei die Ausbildung der „Vielseitigkeit des Interesses“[10]. „Vielseitigkeit“ wird in diesem Zusammenhang synonym für „prinzipielle Lernbereitschaft, Empfänglichkeit, Aufgeschlossenheit und Offenheit des Geistes“[11] verwendet und „Interesse“ bezieht sich auf eine „Haltung, ein Sein und eine Praxis“.[12] Die Ausbildung einseitiger Neigungen und Begabungen solle so vermieden und die Aneignung der Wirklichkeit ermöglicht werden. Es gilt also seitens der Lehrperson Interesse für eine Sache zu wecken, Unterrichtsgegenstände mit den Schülern auszuwählen und so durch Erkenntnis und durch Teilnahme die Selbsterziehung der Schüler zu fördern, so dass das Individuum selbstständig Welterkenntnis und Urteilskompetenz aufbaue. Dies könne besonders gut in offenen Lernsituationen gelingen: Dem Schüler werden Freiräume zur Selbstbestimmung und zum eigenständigen Handeln dargeboten.[13]

Die „Sozialform“ in einem pädagogisch erziehenden Unterricht ist demnach eine „Zwei-Personen-Interaktion“, dass heißt eine „wechselseitige Beeinflussung von Erzieher und Zögling“[14].

Das wichtigste Ziel des erziehenden Unterrichts ist das sittliche Handeln eines Individuums unter dem Gesetz der Anerkennung aller anderen Individuen. Die Moralität stellt in diesem Zusammenhang den Schlüsselbegriff dar. Damit Moralität als Endprodukt erzieherischer Prozesse beim Schüler entwickelt werden kann, müssen zwei wesentliche Bedingungen erfüllt sein: Auf der einen Seite sollten pädagogische Normen und Werte durch den Erzieher vermittelt werden und gelten, auf der anderen Seite müsse der Heranwachsende die Moralität und Sittlichkeit aber auch selber wollen und zwar „aus eigener Einsicht, nicht bloß um irgend eines Vorteils willen“[15]. Der Zögling müsse sich gemäß dieser Einsicht verhalten. Sein Wille dürfe für ihn kein Maxim darstellen, sondern er müsse Konsequenz zeigen.[16]

So fasst Ramseger noch einmal die wichtigsten Folgerungen, die sich aus der Lehre Herbarts ergeben, zusammen: Der erziehende Unterricht ist erstens ein „erziehender“, weil der Schüler zur Selbstbestimmung und zum moralischen Handeln befähigt wird. Zweitens ist er ein „bildender“, weil er „Vertiefung“, „Besinnung“ und Reflexion“ im und über den Unterricht sicherstellt.[17]

III. Der erziehende Sportunterricht

1. Was ist erziehender Sportunterricht?

Der erziehende Sportunterricht ist ein didaktisch-pädagogisches Konzept, dessen Basis die Lehre Herbarts, der erziehende Unterricht, darstellt. Dieses Konzept verweißt auf die eigentliche Zusammengehörigkeit seiner einzelnen Bestandteile: „Erziehung“, „Sport“ und „Unterricht“ (bzw. Bildung).[18]

In diesem Teil der Arbeit sollen nun die wesentlichen Merkmale und Prinzipien des erziehenden Sportunterrichts auf der Basis einiger ausgewählter Autoren, die sich mit diesem Thema befasst haben, beschrieben werden.

1.1 Merkmale eines erziehenden Sportunterrichts nach Balz 1990 und Balz/ Neumann 1999

Zur aktuellen Diskussion bemühen sich unter anderen Eckhart Balz und Peter Neumann eine systematische Reflektion zum erziehenden Sportunterricht beizusteuern. „Ohne bereits einen abgeschlossenen Entwurf vorlegen zu können“[19], versuchen sie auf allgemeinpädagogischer Basis, die Entwicklungen des Unterrichtsfaches Sport mit dem Konzept des erziehenden Unterrichts in Verbindung zu bringen.[20]

Folgende sechs Merkmale sollen die charakteristischen Eigenschaften eines erziehenden Sportunterrichts darstellen:

1. Erziehender Sportunterricht ist ganzheitlich angelegt

Zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit, Handlungsfähigkeit und Sachkompetenz benötigen Schüler eine ganzheitliche Förderung, das heißt, eine Förderung, die „Kopf, Herz und Hand“[21] gerichtet ist. In sportlicher Hinsicht bedeute dies, dass ihnen sowohl motorische als auch kognitive Elemente vermittelt sowie soziale Bezüge und emotionale Stimmungen im Unterrichtsverlauf berücksichtigt werden. Als Unterrichtsbeispiel beschreibt Balz die Vermittlung der Fertigkeit „Torschuss“: Hier müsse darauf geachtet werden, dass die Schüler verstehen, dass der dem Schussbein gegenüberliegende Arm eine Gegenbewegung durchführe, und dass die Schüler bei der Arbeit in Kleingruppen auch möglichst Absprache über ihr Vorgehen treffen können.[22]

2. Erziehender Sportunterricht behandelt fächerübergreifende Themen

Um die Welt in ihren Zusammenhängen und „Vernetzungen“ besser verstehen zu können, solle der Sportunterricht fächerübergreifende Themen aufnehmen und Bezüge zu anderen Unterrichtsfächern thematisieren. So könnten, zum Beispiel, beim Wasserspringen physikalische Gesetzmäßigkeiten oder beim Ausdauerlaufen biologische Aspekte des Herz-Kreislaufsystems einbezogen werden.[23]

3. Erziehender Sportunterricht lässt Schüler mitbestimmen

Bei der Planung und Durchführung des Unterrichtgeschehens sollen Schüler möglichst häufig einbezogen werden, damit ihre Interessen zum Tragen kommen und sie Möglichkeiten der Mitbestimmung zu nutzen lernen. Sie können beispielsweise selbständig Mannschaften wählen, eigenständig Übungen zu einer Unterrichtsphase aussuchen oder Aufwärmprogramme entwerfen.[24]

[...]


[1] Vgl.: Herbart, J. F.: Allgemeine Pädagogik aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet. Göttingen 1806.

[2] Johann Friedrich Herbart wurde am 4.5.1776 in Oldenburg geboren und verstarb am 14.8.1841 in Göttingen. Er war Philosoph, Psychologe und Pädagoge und arbeitete von 1797-1800 als Hauslehrer in der Schweiz, wo er Pestalozzi kennenlernte. Von Kant und Leibniz beeinflusst, übertrug er Ansätze aus der Metaphysik und der Psychologie auf seine Pädagogik. Durch seine systematisch begriffliche Erziehungs- und Unterrichtstheorie ist Herbart einer der Begründer der wissenschaftlichen Pädagogik. (Vgl.: Brockhaus Enzyklopädie. Band VIII. Wiesbaden 1969. S.386.)

[3] Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Opus cit. S. 13-14.

[4] Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Opus cit. S. 9.

[5] Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Weinheim, Basel 19991. S. 38.

[6] Balz, E.: „Das Prinzip des Exemplarischen im erziehenden Sportunterricht.“ In: Altenberger, H. et al. (Hrsg.): Im Sport lernen, mit Sport leben. Augsburg 2001. S. 64.

[7] Herbart, J. F., zitiert durch Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Opus cit. S. 9.

[8] Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Opus cit. S. 25.

[9] Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Opus cit. S. 22-23.

[10] Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Opus cit. S. 38.

[11] Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Opus cit. S. 39.

[12] Ibidem.

[13] Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Opus cit. S. 39-42.

[14] Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Opus cit. S. 24.

[15] Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Opus cit. S. 28.

[16] Ibidem.

[17] Ramseger, J.: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?. Erziehender Unterricht und Schulreform. Opus cit. S. 55.

[18] Beckers, E.: „Grundlagen eines erziehenden Sportunterrichts“. In: LSW (Hrsg.): Erziehender Sportunterricht. Pädagogische Grundlagen der Curriculumsrevision in Nordrhein Westfalen. Bönen 2000. S. 90.

[19] Balz, E./ Neumann, P.: „Erziehender Sportunterricht“. In: Günzel, W./ Laging, R. (Hrsg.): Neues Taschenbuch des Sportunterrichts. Grundlagen und pädagogische Orientierungen. Band I. Baltmannsweiler 1999. S. 162.

[20] Balz, E.: „Das Prinzip des Exemplarischen im erziehenden Sportunterricht.“ In: Altenberger, H. et al. (Hrsg.): Im Sport lernen, mit Sport leben. Opus cit. S. 64.

[21] Balz, E./ Neumann, P.: „Erziehender Sportunterricht“. In: Günzel, W./ Laging, R. (Hrsg.): Neues Taschenbuch des Sportunterrichts. Grundlagen und pädagogische Orientierungen. Opus cit. S. 165.

[22] Balz, E.: „Erziehender Unterricht – auch im Schulsport?“ In: Lehren und Lernen 16 (1990) 9, S. 54.

[23] Ibidem.

[24] Balz, E.: „Erziehender Unterricht – auch im Schulsport?“ In: Lehren und Lernen. Opus cit. S. 54-55.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der "Erziehende Sportunterricht" - Literaturbeiträge
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V46462
ISBN (eBook)
9783638436533
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehende, Sportunterricht, Literaturbeiträge
Arbeit zitieren
Melanie Blümel (Autor), 2002, Der "Erziehende Sportunterricht" - Literaturbeiträge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46462

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