Die Entwicklung des Sozialen Wohnungsbaus in der frühen BRD und die Sonderrolle West-Berlins


Hausarbeit, 2018
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wohnungsbau in West-Berlin und der BRD
2.1. Sozialer Wohnungsbau
2.2. Wohnungsbau in der BRD
2.2.1. Knapper Wohnraum durch Kriegszerstörunge und Flüchtlinge
2.2.2. Erfolge im Wohnungsbau
2.2.3. Auslaufen der Förderung des sozialen Wohnungsbaus
2.3. Wohnungsbau in West-Berlin
2.3.1. Frontstadt des Kalten Krieges
2.3.2. Entwicklung der Berliner Wirtschaft und des Wohnungsbaus
2.3.3. Die Wohnungsbauförderungsbestimmungen von 1972

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Der Berliner Senat bekannte sich im Jahr 2015 erneut zur Förderung des sozialen Wohnungsbaus in Berlin, nachdem er diese im Jahre 2003 vollständig eingestellt hatte. Zunächst zögerlich, dann aber mit zunehmender Vehemenz aufgrund des Mietenvolksentscheids1, begann Berlin sich der stetig verschärfenden Wohnungsnot entgegen zu stellen. Die Beendigung der Wohnungsbauförderung in Berlin und ein unerwartet hohes Wachstum der Bevölkerung in Berlin hatten zu einem nicht mehr zu übersehendem Mangel an Wohnraum geführt2 – ein Thema, das kaum einen Berliner nicht betrifft, sind doch nur 20% der Menschen in Berlin tatsächlich Eigentümer ihrer Wohnung.3

Die Bereitstellung von Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung war in Berlin schon seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Dauerproblem, dem sich verschiedene Regierungen in unterschiedlichen Epochen annahmen.4 Als Folge des Zweiten Weltkrieges musste die Politik nicht nur in Berlin, sondern in der ganzen Bundesrepublik, schnellstmöglich Antworten liefern auf die Frage, wie für Millionen Kriegsflüchtlinge und Ausgebombte Wohnraum zu schaffen sei.5 West-Berlin entwickelte sich durch seinen Sonderstatus als eingeschlossene Stadt gegenüber dem Rest der BRD fast diametral entgegengesetzt. Als die Förderung des sozialen Wohnungsbaus in der BRD Mitte der sechziger Jahre immer weiter zurückgeschraubt wurde, suchte man in Berlin weiterhin nach Möglichkeiten den Wohnungsbau zu fördern. 1972 wurde umfangreiche und kostspielige Maßnahmen ergriffen, um die Wohnungsnot nun auch endlich in Berlin effektiv zu bekämpfen.6 Die Ursachen für diese Entwicklung in Berlin sollen in dieser Arbeit beleuchtet werden.

Das Thema Wohnungsbau ist heute so aktuell wie nie zuvor, da Mieten steigen und es scheinbar unmöglich ist, innerhalb des S-Bahnrings in Berlin bezahlbaren Wohnraum zu finden.7 Insofern ist es von Interesse zu beleuchten, welche Maßnahmen vorherige Regierungen in Berlin und im Bund ergriffen haben, um der Wohnraumnot beizukommen. Ziel dieser Arbeit ist es zu erläutern, wie sich der soziale Wohnungsbau in West-Deutschland und West-Berlin in der frühen Bundesrepublik entwickelte und zu erklären, warum in West-Berlin andere Maßnahmen ergriffen werden mussten als im Rest der Republik und wie diese aussahen. Diese politischen Weichenstellungen zur Wohnungspolitik sind in einen größeren wirtschaftshistorischen Zusammenhang einzuordnen. Die wohnungspolitischen Maßnahmen der DDR werden im Rahmen dieser Arbeit nicht erfasst, daher bezieht sich im Folgenden Berlin stets nur auf West-Berlin.

Der soziale Wohnungsbau in der Bundesrepublik ist gut dokumentiert. Umfangreiche Zahlen des Statistischen Bundesamtes geben Auskunft über Investitionen in den Wohnungsbau und deren Ergebnisse. Diese Zahlen haben insbesondere Manfred Melzer und Wolfgang Steinbeck im Auftrag des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zusammengetragen. Jedoch führen diese einen Vergleich des Wohnungsbaus in BRD und DDR durch mit dem Hauptaugenmerk auf der DDR. Wolfram Grüber hingegen beleuchtet in seinem Werk „Planen, Bauen und Kommunale Politik“ insbesondere die sozialpolitische Komponente, die beim Wohnungsbau eine Rolle spielen. Wolfgang Bohleber fokussiert sich in seiner Dissertation auf den Wohnungsbau in Berlin zwischen 1945 und 1968. Sein Buch endet leider vier Jahre bevor in Berlin im Jahre 1972 ein Gesetzespaket zur weiteren Beschleunigung des Wohnungsbaus in Kraft tritt. Die Quellen hierzu entstammen der Bibliothek des Berliner Abgeordnetenhauses und dem Abschlussbericht der Expertenkommission des Berliner Senats zum sozialen Wohnungsbau aus dem Jahr 2003.

Nach einer kurzen Zusammenfassung des sozialen Wohnungsbaus bis zum Zweiten Weltkrieg wird in dieser Arbeit zunächst die Ausgangssituation in der BRD und in West-Berlin auf dem Wohnungsmarkt geschildert. Danach werden die wohnungspolitischen Maßnahmen der BRD allgemein in den Fokus gerückt und in drei Phasen untersucht. Zunächst wird der unmittelbar nach dem Krieg einsetzende Wiederaufbau und die Beseitigung des akuten Wohnungsmangels nach der Kriegszerstörung geschildert. Darauf folgt die sich entspannende Lage auf dem Wohnungsmarkt – die nicht zuletzt aufgrund der guten wirtschaftlichen Lage stattfand. Zuletzt wird der einsetzende Trend den sozialen Wohnungsbau ab Mitte der 60er Jahre zurückzufahren erörtert, der schließlich im Ende des sozialen Wohnungsbaus in der BRD gipfelt. Hierauf folgt der Vergleich zu West-Berlin: Es werden die Effekte und Umsetzungen der Berliner Stadtregierung der Bundesgesetze auf Landesebene bis zu den Wohnungsbauförderungsbestimmungen des Jahres 1972 verfolgt. Es wird gerade dieses Gesetz und dieses Jahr als Zäsur und Endpunkt der Arbeit gewählt, weil zu diesem Zeitpunkt der Wohnungsmarkt in Berlin und West-Deutschland im krassen Gegensatz zueinander stand.

2. Wohnungsbau in West-Berlin und der BRD

2.1. Sozialer Wohnungsbau

Sozialer Wohnungsbau wurde in Deutschland bzw. im damaligen Deutschen Reich bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts betrieben. Schon damals erkannte der Staat, dass aufgrund von unterschiedlicher Entwicklungen – im endenden 19. Jahrhundert waren es das Bevölkerungswachstum und die Verstädterung der Gesellschaft – die Nachfrage nach Wohnraum nicht ausschließlich über den freien Markt geregelt werden konnte.8 Vielmehr musste der Staat unterstützend eingreifen, um auch den ärmeren Bevölkerungsschichten Wohnungen zu verschaffen. Auch die folgenden Regierungen und Staatsformen Deutschlands sahen eine staatliche Unterstützung des Wohnungsbaus als eine der zentralen Fragen in der Sozialpolitik und entscheidend für den gesellschaftlichen Frieden an. In der Weimarer Republik und dem Dritten Reich wurden Anstrengungen unternommen, um flächendeckend Wohnraum für Personen mit geringem oder gar keinem Einkommen zu schaffen.9 Konrad Adenauer bezeichnete das Vorhaben des sozialen Wohnungsbaus in den Besprechungen zum ersten Wohnungsbaugesetz von 1950 als das „wesentliche Erfordernis, um das deutsche Volk einer politischen, wirtschaftlichen, ethischen und kulturellen Genesung entgegenzuführen.“10

2.2. Wohnungsbau in der BRD

2.2.1. Knapper Wohnraum durch Kriegszerstörung und Flüchtlinge

Durch den 2. Weltkrieg war eine dramatische Lage auf dem deutschen Wohnungsmarkt entstanden. Allein auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik waren durch Bombenangriffe und sonstige Zerstörungen gut 2 Millionen von ursprünglich 11 Millionen Wohnungen zerstört und ihre rund 7,5 Millionen ehemaligen Bewohner obdachlos oder anderswo einquartiert.11 Zählt man die rund 10 Millionen Kriegsflüchtlinge aus den Ostgebieten und der sowjetischen Besatzungszone hinzu, ergibt sich ein Neubaubedarf von mindestens 5 Millionen Wohnungen.

Da infolge des Krieges auch die Wirtschaft Deutschlands danieder lag, konnte nicht erwartet werden, dass der freie Markt allein die Nachfrage nach Wohnraum befriedigen konnte – zumindest nicht ohne drastische Preissteigerungen. Außerdem, so Melzer in seinem Gesamtwerk zum Wohnungsbau nach 1945:

„In der Bundesrepublik kam (…) angesichts der Wohnungsnot – sie war als Folge sowohl der Kriegszerstörungen als auch des starken Zustroms von Flüchtlingen viel größer als in der DDR – eine Einbeziehung der Wohnungswirtschaft in den „freien Markt“ zunächst nicht in Frage.“12

Deshalb versuchten zunächst die Verwaltungen der Besatzungszonen und ab 1949 die erste Bundesregierung der Wohnungsnot auf vielfachem Wege zu begegnen. Als akutes Mittel zur Verhinderung einer rapiden Verteuerung des verbliebenen Wohnraums führte die Regierung die Wohnraumbewirtschaftung für Mietwohnungen ein.13 Dies sollte aber nur als Übergangslösung dienen, denn langfristig sollte der Wohnungsbau wieder in den freien Markt übergeführt. Nichtsdestotrotz funktionierte der rasche Wiederaufbau von Wohnraum nur mit massiven staatlichen Hilfen.

Gesammelt wurden diese verschiedenen Maßnahmen im ersten Wohnungsbaugesetz von 1950. Bereits kurz nach dem Entstehen des Bauministerium verabschiedet, sollte dieses Gesetz ein erster Schritt auf dem Weg der Bewältigung der Generationenaufgabe Wohnungsbau sein.14 In ihm ergriff der Bund gegenüber den Ländern weitgreifende planwirtschaftliche Kompetenzen und setzte die Weichen im sozialen Wohnungsbau. Die große Not der Wohnungsknappheit verhinderte größere ideologische Konflikte zwischen Regierung und Opposition, wenngleich die CDU sich als Verfechter des sozialgeförderten Eigenheims sah, und die SPD den Wohnungsbau für niedrige und niedrigste Einkommensschichten bevorzugte.15 Das Gesetz sah nach planwirtschaftlichen Maßstäben Förderquoten und Planziele vor, namentlich 300.000 sozial geförderte Wohnungen im Jahr zu errichten, sowie den bestehenden Wohnraum stark durch Mieterschutz und Wohnraumbewirtschaftung zu regulieren.16 Außerdem sollten Finanzierungshilfen des Bundes den Wohnungsbau verbilligen oder attraktiver gestalten. So übernahm der Staat Bürgschaften für Hypotheken von Investoren, die sozialen Wohnungsbau errichteten oder gewährte ihnen steuerliche Vergünstigungen. Die Förderung war an die Bedingung geknüpft, die Wohnungen nur an bestimmte Einkommensgruppen und auch nur zu vorgeschriebenen Höchstmieten anzubieten. Diese Maßnahmen führten zu einer anfänglichen Entspannung auf dem überlasteten Wohnungsmarkt in der BRD.17

Die wohnungspolitischen Maßnahmen des ersten Wohnungsbaugesetzes waren zunächst bis zum Jahr 1956 terminiert. Mit Beginn der zweiten Legislaturperiode sollte ein längerfristiges Gesetz geschaffen werden, welches einerseits die erfolgreichen Maßnahmen des ersten Wohnungsbaugesetzes langfristig sichern und auf eine solide Finanzierung stellen und andererseits den schrittweisen Ausstieg aus der strengen Regulierung des sozialen Wohnungsmarktes vorbereiten sollte.18 So sollte die Subventionierung des Wohnungsmarktes, hauptsächlich auf Bestreben der FDP, von 500 Millionen DM 1958 auf 210 Millionen DM 1963 reduziert werden. Mit dem Bundesmietengesetz aus dem Jahr 1955 zog sich der Bund auch vorsichtig aus der Regulierung von Mietpreisen und der Wohnraumbewirtschaftung zurück, getragen von allen großen Parteien im Bundestag.19

2.2.2. Erfolge im Wohnungsbau

Die wohnungspolitischen Maßnahmen in den Jahren des Wiederaufbaus hatten Erfolg: bis zum Jahre 1957 wurde die durch den Krieg zerstörten Wohnungen nicht nur durch Neubauten ersetzt, sondern wurden mit knapp 2.7 Millionen neugebauten Sozialwohnungen sogar die Wohnungszahlen vor dem Krieg übertroffen.20 Durch seinen Erfolg entstand in dieser Periode auch kein größerer Dissens zwischen den entscheidenden Parteien, die existentielle Wohnungsknappheit verhinderte politische Richtungsstreitigkeiten.21 Gegen Ende der fünfziger Jahre brachen jedoch in der Politik Streitigkeiten zwischen den Parteien auf. Im Wohnungsbaugesetz von 1956 hatten die regierende Union und FDP ein Ende der Subventionierung des Wohnungsbaus auf 1966 terminiert. Insbesondere die FDP drängte darauf, den staatlichen Einfluss in diesem Bereich zu reduzieren und die Wohnungswirtschaft vollends dem freien Markt zu überlassen. Hingegen sah die SPD den sozialen Wohnungsbau auch weiterhin als notwendiges und nützliches Mittel zur konstanten Stabilisierung des Wohnungsmarkts.22 Die CDU hingegen verschrieb sich nur der Förderung dem Eigenheimbau, um ihre Klientel zufriedenzustellen.

Ende der fünfziger Jahre war zwar immer noch ein hoher Bedarf an Wohnraum vorhanden, denn rund 2 Millionen Familien waren weiterhin ohne eigene Wohnung: Doch es war halb so viel wie zum Anfang der Dekade.23 Der noch bestehende Bedarf an Wohnungen sollte aller Vorrausicht nach bis zum Auslaufen des zweiten Wohnungsbaugesetzes durch sozialen und frei finanzierten Wohnungsbau gedeckt sein. Die Bundesregierung aus FDP und Union entschied sich daher, die günstige Lage auf dem Wohnungsmarkt zu nutzen, um regulative Maßnahmen der vorherigen Jahre zurückzunehmen. Mit dem Abbaugesetz von 1960 nahm die Regierung die Wohnraumbewirtschaftung und den umfassenden Mieterschutz, wenngleich letzteren nur schrittweise, zurück.24 Die sogenannten „Schwarzen Kreise“ verschwanden nacheinander. Mit den Miet- und Lastenbeihilfen von 1963 und dem Wohngeldgesetz von 1965 kehrte die Bundesregierung der objektbezogenen Förderung des sozialen Wohnungsbaus endgültig den Rücken.25 Die individuelle Förderung des Mieters durch Mietbeihilfen anstelle der Investorenförderung sollte im Vordergrund stehen, da dieses ein wirksameres Instrument sei. Die SPD entgegnete mit einem eigenen Entwurf zu einem dritten Wohnungsbaugesetz, die Förderung des sozialen Wohnungsbaus doch noch weiterzuführen; ein gänzliches Abwenden von der bisherigen Förderpolitik ließe sich nur schwer vermitteln. Im Wohnungsbauänderungsgesetz 1965 wurde dann neben anderen Maßnahmen die Förderung des sozialen Wohnungsbaus zwar nicht gänzlich ausgesetzt, doch stark reduziert.26

2.2.3. Auslaufen der Förderung des sozialen Wohnungsbaus

Ab 1966 regierte eine große Koalition und musste auch in der Wohnungspolitik Änderungen vornehmen. Im Rahmen der Haushaltskonsolidierungen und der Bestrebungen, die Förderung des sozialen Wohnungsbaus langfristig zu reduzieren, wurde ab 1966 die Förderung des sozialen Wohnungsbaus weiter gekürzt. Diese Kürzungen fielen zusammen mit der ersten kurzzeitigen Rezession der deutschen Wirtschaft in den Jahren 1966 und 1967– ein Vorbote der durch Ölpreiskrise, Zusammenbruch von Bretton Woods und allgemeinem wirtschaftlichen Strukturwandel ausgelösten kommenden Wirtschaftskrise ab 1973.27 Nach der kurzen Abschwächungsperiode entwickelte sich das wirtschaftliche Wachstum in der BRD wieder deutlich positiver: mit Wachstumsquoten von durchschnittlich 5% bis 1973 und einer geringen Arbeitslosigkeit, die an Vollbeschäftigung grenzte.28

Die Knappheit von Arbeitskräften führte zu neuen Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt. Es zeigt sich ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen geringer Arbeitslosigkeit und der Bereitschaft, für besseren und größeren Wohnraum umzuziehen. Der Mangel an Arbeitskräften ließ in vielen Branchen die Löhne steigen und ermöglichte es, immer mehr Menschen aus den staatlich geförderten Wohnräumen für Einkommensschwache auszuziehen.29 Der Bedarf an sozialem Wohnraum sank durch diese Entwicklung. In dieser Zeit warb der Staat aber gezielt um Gastarbeiter aus dem südeuropäischem Ausland – zwischen 1968 und 1973 rund 1,5 Millionen – die wiederrum ihrerseits Wohnraum benötigten. Parallel hierzu stieg die Inflation im Laufe dieser Periode zeitweise auf knapp 7% an, ohne dass der Staat in der Lage gewesen wäre, dem wirksam entgegenzusteuern.30

Nach keynesianischer Lehre und schiller´scher Globalsteuerung, wie Ulrich Herbert in seinem Werk zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert schreibt, wäre es Aufgabe der Regierung gewesen, in dieser Situation mäßigend auf die heiß laufende Wirtschaft einzuwirken.31 Doch keiner der Maßnahmen zu Inflationsbekämpfung oder Konjunkturdämpfung waren erfolgreich. In dieser Lage sah man Investitionen in die Baubranche unverändert als konjunkturförderndes und stabilisierendes Mittel an und förderte weiterhin den sozialen Wohnungsbau – wenngleich gezielter für einkommensschwache Gruppen oder für einzelne problematische Regionen.32 Grundsätzlich versuchte die Regierung die Förderung des sozialen Wohnungsbaus in Form der Investorenförderung zugunsten einer mieterbezogenen Subjektförderung zurückzufahren.33 Dies bedeutete, anstatt flächendeckend Bauherren im Gießkannenprinzip zu subventionieren und somit im Wohnungsbau zu unterstützen, wurden finanzschwache Personengruppen durch finanzielle Zuschüsse zu den Mieten zu unterstützt. Dieser Trend setzte sich als dauerhafte Wohnungs- und Mietenpolitik des Bundes und der meisten Ländern durch. Zusätzlich führte die gute Lage auf den Finanzmärkten und die Verfügbarkeit von Kapital zu einer Reduzierung des staatlichen Beitrags zum Wohnungsbau und einer verstärkten Rolle privater Investoren.34 In den Flächenstaaten bestand kaum noch Mangel an Wohnraum und durch die positive wirtschaftliche Lage und anfänglichen Ideen der Reduzierung des staatlichen Einflusses auf bestimmte Wirtschaftszweige im Sinne der Deregulierung versprach man sich einen ausreichenden Wohnungsbau durch die Privatwirtschaft.

Diese Erwartungen wurden sogar übertroffen, denn durch die gute wirtschaftliche Lage und die Erwartung der Bauwirtschaft, dass sich immer mehr Menschen mit guten Einkommen teurere Mietwohnungen oder gar Eigentumswohnungen leisten konnten, führten Anfang der siebziger Jahre zu einem wahren Bauboom.35 Die Bauwirtschaft überschätzte die Dauer der positiven wirtschaftlichen Entwicklung. Mit der Wirtschaftskrise ab 1973 brachen die Preise auf dem Wohnungsmarkt ein. Gänzlich anders entwickelte sich der östlichste Vorposten der Bundesrepublik, die eingeschlossene Westhälfte Berlins.

2.3. Wohnungsbau in West-Berlin

2.3.1. Frontstadt des Kalten Krieges

Die Kriegszerstörungen machten den Wohnungsbau auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik von 1945 an zu einem der wichtigsten politischen Themen. In Berlin erhielt der Wohnungsbau aufgrund der weitaus stärkeren Zerstörungen im Vergleich zum Westen einen noch höheren politischen Wert. Zählungen der sowjetischen Stadtkommandantur in den ersten Friedenstagen ergaben, dass von rund 1,5 Millionen Wohnungen am 1. Januar 1943, vor den Luftangriffen der Alliierten und der Straßenschlachten im März und April des letzten Kriegsjahres, rund ein Drittel total zerstört oder so schwer beschädigt sei, dass sie nicht mehr herzurichten seien und ein weiteres Drittel mittlere bis leichte Beschädigungen erlitten hatte.36 Rund 60 % der zerstörten Wohnungen standen im Westteil der Stadt. Damit war die Quote der zerstörten Wohnungen in West-Berlin weitaus höher als in der späteren BRD.37

[...]


1 Mietenvolksentscheid e.V.,

2 Susanne Arlt, Die selbst produzierte Wohnraumkrise, https://www.deutschlandfunkkultur.de/sozialer-wohnungsbau-in-berlin-die-selbst-produzierte.1001.de.html?dram:article_id=337335, 15.9.18.

3 Carla Neuhaus, Mieterstadt Berlin wäre gerne eine Stadt der Eigentümer, https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/immobilien/haus-oder-wohnung-mieterstadt-berlin-waere-gern-eine-stadt-der-eigentuemer/12246026.html, 21.9.18.

4 Georg Wagner-Kyora, Wohnungspolitik, in: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Band 3, Baden-Baden 2005, S. 857.

5 Thomas Knorr-Siedow, Trends im sozialen Wohnungsbau und in der Arbeitsmarktpolitik in Deutschland, in: Eick, Volker (Hrsg.), Sozialer Wohnungsbau, Arbeitsmarktintegration und der neoliberale Wohlfahrtsstaat in der Bundesrepublik und Nordamerika, Berlin 2004, S.33.

6 Prof. Dr. Klaus Zimmermann, Expertenkommission zur Anschlussförderung im öffentlich geförderten Wohnungsbau im Land Berlin, Berlin 2003, S.2.

7 Berliner Morgenpost, In Neukölln und Wedding steigen die Preise am stärksten, https://www.morgenpost.de/berlin/article214107791/Mitte-ist-am-teuersten-Marzahn-am-guenstigsten.html, 20.9.18.

8 Wagner-Kyora, Georg, 2005, S. 858.

9 Ebd.

10 Wolfgang Bohleber, Mit Marshallplan und Bundeshilfe. Wohnungsbaupolitik in Berlin 1945-1968, Berlin 1990, S. 59.

11 Manfred Melzer, Wohnungsbau und Wohnungsversorgung in beiden deutschen Staaten – ein Vergleich, Berlin 1983, S.12.

12 Ebd., S.11.

13 Georg Wagner-Kyora, 2005, S. 860f.

14 Ebd., S. 863f.

15 Ebd., S. 866.

16 Georg Wagner-Kyora, 2005, S. 851.

17 Ebd., S. 852.

18 Ebd., S. 856.

19 Ebd., S.865.

20 Ebd., S. 880.

21 Georg Wagner-Kyora, Wohnungspolitik, in: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Band 4, Baden-Baden 2007, S. 762.

22 Ebd., S. 762.

23 Ebd., S. 762.

24 Ebd., S. 762.

25 Ebd., S. 769.

26 Tilman Harlander, Wohnungspolitik, in: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Band 5, Baden-Baden 2006, S. 861.

27 Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart, München 2004, S. 392.

28 Ulrich Herbert, Die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 888.

29 Ebd., S. 888.

30 Ebd., S. 888.

31 Ebd., S. 888.

32 Georg Wagner-Kyora, 2005, S. 865.

33 Wolfgang Grüber, Sozialer Wohnungsbau in der Bundesrepublik, Köln 1981, S. 123.

34 Horst Hennemann, Ein umkämpfter Markt, in: Der Volkswirt 28 (1970), S.2.

35 Georg Wagner-Kyora, 2005, S. 884.

36 Wolfgang Bohleber, 1990, S. 24.

37 Georg Wagner-Kyora, 2005, S. 858.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung des Sozialen Wohnungsbaus in der frühen BRD und die Sonderrolle West-Berlins
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Wirtschaftsgeschichte der BRD von 1973-1993
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V464630
ISBN (eBook)
9783668933576
ISBN (Buch)
9783668933583
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wohnungsbau, West-Berlin, Bundesrepublik, Mietsubvention, Sozial
Arbeit zitieren
Max Görlich (Autor), 2018, Die Entwicklung des Sozialen Wohnungsbaus in der frühen BRD und die Sonderrolle West-Berlins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464630

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Entwicklung des Sozialen Wohnungsbaus in der frühen BRD und die Sonderrolle West-Berlins


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden