Die hier vorliegende Arbeit stellt eine Auseinandersetzung mit dem sozialen Phänomen Erinnerung in einer kolonialen und postkolonialen Gesellschaft dar. Die Hauka dienen als Beispiel, um den Vorgang des kollektiven Erinnerns unter ethnologischen Aspekten zu untersuchen. Der analytische Schwerpunkt liegt auf dem Zusammenhang von Körper und Erinnerung.
Die Hauka sind eine der Götter-Familien der westafrikanischen Songhai. Sie kamen in den 1920ern während des Kolonialismus zu Angehörigen der Ethnie. Die Zeit, in der die Hauka erstmalig erschienen, war eine Phase, die für die Songhai einen harten aufgezwungenen sozio-kulturellen Wandel bedeutete. Dieser Einschnitt prägte die Erinnerung und die Identität der Betroffenen. Die Erfahrungen der Kolonialzeit gingen bei den Songhai in das sogenannte soziale Gedächtnis ein. Die Hauka erscheinen, indem sie von Medien Besitz ergreifen. Während sie sich im Körper der Medien befinden, imitieren sie die ehemaligen Kolonialherren. Dementsprechend sind die einzelnen Hauka Europäer und meist militärische Personen wie Generäle. In den Besessenheitsritualen und -situationen leben die Erinnerungen an die Vergangenheit in körperlicher Form (embodied memories) wieder auf und werden in gegenwärtige Zusammenhänge gebracht. Die Auswirkungen und Ästhetik ihrer Handlungen, so der Anthropologe Stoller, gehen soweit, dass sie sogar das politische Geschehen unter dem Regierungschef Kountché im postkolonialen Niger beeinflussten (Stoller 1995).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Republik Niger
1.1. Die Kolonisierung Nigers
1.2. Kolonialkultur, Steuern und Zwangsarbeit
1.3. Der postkoloniale Niger
2. Die Hauka – Götter der Songhai
3. Das kollektive Gedächtnis – Gegenwart und Performanz des Vergangenen
4. Geschichte, Gedächtnis und Identität
5. Erinnerungsriten
6. Körper und soziales Gedächtnis
6.1. „Incorporating practice“
6.2. „Embodied memories“ und die Macht der Imitation
6.3. Die Hauka als Erinnerungsfiguren
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das soziale Phänomen der Erinnerung in einer kolonialen und postkolonialen Gesellschaft am Beispiel der Hauka-Bewegung bei den westafrikanischen Songhai, wobei der analytische Schwerpunkt auf der untrennbaren Verbindung von Körper und Erinnerung liegt.
- Ethnologische Analyse von kollektiven Erinnerungsprozessen
- Die Rolle des Körpers als Träger und Medium des sozialen Gedächtnisses
- Die Hauka als symbolische Repräsentation kolonialer Machtstrukturen
- Wechselwirkung zwischen Performanz, Ritualen und Identitätsbildung
- Historischer Kontext von Niger und den Songhai in der Kolonialzeit
Auszug aus dem Buch
6.2. „Embodied memories“ und die Macht der Imitation
Bei den Hauka kommt als entscheidender Fakt hinzu, dass sie während ihrer Performanz gezielt imitieren. Die Hauka kopieren, während sie von einem Medium Besitz ergreifen, die ehemaligen Kolonialherren. Imitation besitzt Macht: To copy means to master something, wie Stoller es ausdrückt. Der Erinnerungsträger Körper wird im Fall der Hauka von Dritten, den Gottheiten, genutzt. Über den Körper der Menschen wird die Vergangenheit unter Einbezug von Ausdruck, Formalität und Effektivität in einer Performanz nachgespielt und die gegenwärtigen Bezüge eingebracht.
Imitation ist nach Taussig Ergebnis eines sogenannten zweiten Kontakts im Rahmen kolonialen Zusammentreffens (Taussig nach Stoller 1995: 42). Der Erstkontakt ist geprägt von der Erkenntnis, einer bisher unbekannten Form menschlicher Existenz zu begegnen. Der zweite Kontakt ist von einer eigenständigen Dynamik geprägt, die auf der Weiterverarbeitung der ersten Eindrücke beruht. Im zweiten Kontakt sieht eine Person fragmentierte und neu zusammengesetzte Abbildungen ihrer selbst, reproduziert durch „die Anderen“. Er ist ein dynamischer Austauschprozess und primäres Merkmal der Besessenheit der Songhai durch die Hauka. Die Hauka-Götter sind die Verkörperung der Vorstellung der Songhai über die Europäer, geprägt vom ersten Kontakt kolonialen Machtstrebens. Für Taussig sind die Hauka ein besonders faszinierendes Beispiel des Zweitkontakts, da die Reproduktion der Europäer in Form physischer Imitation besteht (Taussig nach Stoller 1995: 44). Die Besessenheit der Hauka-Anhänger ist von ganzkörperlicher Sensorik geprägt, von Musik sowie von Gerüchen durch Räucherwerk und, nicht zuletzt, von Bewegung.
Durch die körperlichen Aktivitäten werden die Auslöser der kollektiven Erinnerung hervorgerufen (Stoller 1995: 37). Der Körper ist der zentrale Locus der Besessenheit. Ist ein Medium von einem Hauka besessen, so äußert sich dies in physischer Aktion: Sprache, Körperhaltung und Verhalten ändern sich, sind nicht mehr individuell menschlich, sondern folgen den Regeln und Vorstellungen des Hauka-Pantheons.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in das soziale Phänomen der Erinnerung ein und setzt den analytischen Schwerpunkt auf die ethnologische Untersuchung des Zusammenhangs von Körper und Erinnerung anhand der Hauka.
1. Die Republik Niger: Dieses Kapitel erläutert den historischen Kontext von Nigers Kolonialisierung, die sozio-kulturellen Veränderungen durch das französische Regime und die postkoloniale politische Situation.
2. Die Hauka – Götter der Songhai: Es wird die Entstehung der Hauka-Bewegung als Reaktion auf die koloniale Unterdrückung beschrieben und ihre Rolle als mächtige, Götter-gleiche Figuren dargestellt.
3. Das kollektive Gedächtnis – Gegenwart und Performanz des Vergangenen: Basierend auf Halbwachs und Connerton wird untersucht, wie kollektive Erinnerung nicht statisch ist, sondern durch soziale Interaktion und Rituale ständig neu konstruiert wird.
4. Geschichte, Gedächtnis und Identität: Hier wird die Differenz zwischen historischer Rekonstruktion und sozialem Gedächtnis analysiert und deren Bedeutung für die Identitätsbildung hervorgehoben.
5. Erinnerungsriten: Die Bedeutung von Ausdruck, Formalität und Effektivität in Ritualen wird anhand der Hauka-Zeremonien als Mittel zur Wahrung von kollektivem Gedächtnis und Gruppenidentität erklärt.
6. Körper und soziales Gedächtnis: Das Kapitel verdeutlicht, dass der Körper als zentraler Träger des sozialen Gedächtnisses fungiert, insbesondere durch körperliche Automatismen, Imitation und Besessenheitspraktiken.
Schlüsselwörter
Hauka, Songhai, soziales Gedächtnis, kollektives Gedächtnis, Erinnerung, Körperlichkeit, Performanz, Besessenheitsritual, Kolonialismus, Postkolonialismus, Identitätsbildung, Imitation, Stoller, Connerton, Niger
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Phänomen der Erinnerung in einer kolonialen und postkolonialen Gesellschaft und nutzt die Hauka-Besessenheitskulte der Songhai als ethnologisches Fallbeispiel.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen das soziale Gedächtnis, die Bedeutung des Körpers als Erinnerungsträger, koloniale Machtstrukturen sowie der Einfluss von Ritualen auf die Identität.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, zu verdeutlichen, wie Vergangenheit durch performative Akte und den menschlichen Körper in der Gegenwart präsent gehalten und aktiv ausgehandelt wird.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin stützt sich auf ethnologische Theorien, insbesondere die Ansätze von Paul Connerton, Maurice Halbwachs und Paul Stoller, um die Handlungen der Hauka-Anhänger zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung Nigers, die theoretische Fundierung des kollektiven Gedächtnisses, die Analyse von Erinnerungsriten und die Untersuchung des Körpers in der „Incorporating Practice“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Besessenheit, Performanz, soziale Konstruktion von Geschichte, Habitus und Zombifizierung.
Wie beeinflussten die Hauka die Politik im postkolonialen Niger?
Laut dem Text nutzte der Präsident Seyni Kountché die Symbolik und das Image der Hauka – Effizienz, Härte und militärische Stärke –, um seine eigene Macht zu legitimieren und sich als effektiver Staatsmann zu präsentieren.
Warum spielt der Körper eine zentrale Rolle in dieser Untersuchung?
Der Körper wird nicht nur als analytisches Objekt betrachtet, sondern als aktives Medium, in dem sich Erinnerungen durch Automatismen (habit memory) und rituelle Imitation körperlich manifestieren und bewahren.
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- Julia Dombrowski (Author), 2000, Die Hauka - Erinnerung als sozialer Prozess, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46465