Merleau-Ponty und Piaget. Lernen als phänomenologische Gestalt oder stufenartige Strukturkonstruktion


Hausarbeit, 2018

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Lernen und Entwicklung aus Sicht der Erkenntnistheorie als Thema im 20. Jahrhundert

2. Zur Phänomenologie und phänomenologischen Methodik

3. Merleau-Pontys phänomenologischen Auffassung von Lernprozessen

4. Lernen und Entwicklung aus der Sicht von Piagets psychogenetischer Erkenntnistheorie

5. Merleau-Pontys und Piagets Theorien im Vergleich
5.1 Subjekt und Objekt im Prozess des Erkenntnisgewinns
5.2 Zum Begriff der Gestalt und Struktur
5.3. Die Rolle der Wissenschaft in der Erkenntnistheorie

6. Fazit

7. Literatur

1. Lernen und Entwicklung aus Sicht der Erkenntnistheorie als Thema im 20. Jahrhundert

„Im Alter von etwa zwölf Jahren vollzieht nach Piaget das Kind das cogito und entdeckt die Wahrheiten des Rationalismus. Es entdeckt sich als Vereinigung von sinnlichem und intellektuellem Bewußtsein, als ein Gesichtspunkt der Welt gegenüber und als aufgerufen, diesen Gesichtspunkt zu überwinden, um auf der Ebene des Urteils Objektivität zu konstituieren. Doch Piaget geleitet das Kind zum Alter der Vernunft, als genügten die Gedanken des Erwachsenen sich selbst und höben alle Widersprüche auf. In Wirklichkeit muß das Kind in gewisser Weise gegen die Erwachsenen -oder gegen Piaget- Recht behalten, muß, soll es für den Erwachsenen auch eine einzige intersubjektive Welt geben, das barbarische Denken des frühen Kindesalters als unentbehrlichen Erwerb auch dem des Erwachsenen zugrundeliegen bleiben. Mein Bewußtsein, eine objektive Wahrheit zu konstruieren, gäbe mir immer nur eine objektive Wahrheit für mich, die bemühteste Unvoreingenommenheit ließe mich nie meine Subjektivität überwinden“.1 – Merleau-Ponty 1966

Marice Merleau-Ponty und Jean Piaget waren als akademische Philosophen Mitte des 20. Jahrhunderts auf der Suche nach einer Möglichkeit, den Prozess des menschlichen Erkenntnisgewinns nachvollziehen zu können. Die beiden französischsprachigen Autoren beschäftigten sich in diesem Zuge auch mit Psychologie, die sie mit ihrer erkenntnistheoretischen Forschung in Verbindung brachten. Merleau-Ponty stieß dabei auf die Schriften von Edmund Husserl und entwickelte daraufhin ein phänomenologisches Verständnis von Lernen und Erkenntnis.2 Piaget dagegen begründete eine eigene erkenntnistheoretische Denkrichtung, die als psychogenetische Erkenntnistheorie,3 oder auch als strukturgenetischer Konstruktivismus bezeichnet werden kann. Die Entwicklungsstadien, die er vor diesem Hintergrund beschreibt, haben auch noch auf die heutige Entwicklungspsychologie großen Einfluss. Die ursprüngliche Intention seiner Forschung war allerdings erkenntnistheoretischer Natur.4

Ziel dieser Arbeit soll es sein, Merleau-Pontys phänomenologische Theorie von Lernprozessen, die er vor allem in „Die Struktur des Verhaltens“ beschreibt, mit der psychogenetischen Auffassung Piagets zu vergleichen, welche er in seiner „Theorie der gestiegen Entwicklung“ zusammenfasst. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, welches die zentralen inhaltlichen Differenzen beider Autoren sind, die zu Merleau-Pontys kritischer Haltung gegenüber Piagets Lerntheorie führen. Da beide Verfasser im Lauf ihres Lebens verschiedene Werke veröffentlichten und ihre Positionen teilweise modifizierten, werde ich mich größtenteils auf die genannten Werke konzentrieren und auf eine umfassendere Untersuchung verzichten.

Dazu soll zunächst eine kurze Einführung in die Denkweise der Phänomenologie erfolgen, um im Anschluss Merleau-Pontys Auffassung von Verhalten und Lernen zu skizzieren, die auf phänomenologischen Annahmen beruht und Lernprozesse als sinnhafte Gestalten betrachtet. Im Folgenden sollen die wesentlichen Kernpunkte von Piagets Lerntheorie beschrieben werden, die Lernen als Prozess innerhalb einer stufenartigen Konstruktion von kognitiven Strukturen begreift. Abschließend sollen die Positionen gegenübergestellt werden, wobei ich vor allem auf die Rolle von Subjekt und Objekt im Erkenntnisprozess, auf die unterschiedlichen Definitionen von Struktur und Gestalt, sowie auf die Bedeutung der Wissenschaft aus Sicht beider Autoren eingehen werde.

2. Zur Phänomenologie und phänomenologischen Methodik

Die Phänomenologie als philosophische Denkrichtung wurde zuerst von Edmund Husserl beschrieben. Merleau-Ponty bezieht sich etwa 50 Jahre später bei der Entwicklung seiner eigenen phänomenologischen Abhandlungen unter anderem auf Husserls Beschreibung der Phänomenologie. Dabei betont er, dass es sich um eine philosophische Ausrichtung handelt, die schwer zu definieren und zu beschreiben ist, da sie sich in ständiger Emtwicklung befindet und ihr wahrer Charakter nur durch die eigene phänomenologische Praxis jedes Menschen selbst erkannt werden kann.5

Als phänomenologische Methoden wird vor allem die Epoché genutzt. Dabei werden sowohl alltägliche, unreflektierte Einstellungen und Wahrnehmungen, als auch wissenschaftliche Theorien ausgeklammert. Das Charakteristische dieser Vorgehensweise liegt darin, gewohnte Einstellungen und Theorien nicht zu bezweifeln und zu verwerfen, sondern lediglich für den Moment der phänomenologischen Untersuchung nicht auf sie zurückzugreifen.6 Wenn man auf diese Weise verfährt, entfernt man sich einen kurzen Moment vom Vertrauten und erkennt, was in der Welt erstaunlich oder paradox ist, aber dennoch im Alltag als selbstverständlich wahrgenommen wird. Mit dieser Methode kann das Wesentliche erkannt werden, das sonst zwar durchaus auch wahrgenommen, aber durch Vorannahmen überdeckt wird.7

[...]


1 Merleau-Ponty, Maurice: Phänomenologie der Wahrnehmung. De Gruyter. Berlin 1966, S.406f.

2 vgl. Zahavi, Dan: Phänomenologie für Einsteiger. Wilhelm Fink GmbH & Co. Verlags KG. Paderborn 2007, S.107.

3 vgl. Piaget, Jean: Meine Theorie der geistigen Entwicklung. Hrsg. von Reinhard Fatke. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt a.M. 1985, S.84.

4 vgl. Hoppe-Graff, Siegfried: Denkentwicklung aus dem Blickwinkel des strukturgenetischen Konstruktivismus. In: Ahnert, Lieselotte: Theorien in der Entwicklungspsychologie. Spinger-Verlag. Berlin & Heidelberg 2014, S.148ff.

5 vgl. Merleau-Ponty 1966, S.4.

6 vgl. Husserl, Edmund: Ideen einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. In: Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung. Verlag von Max Niemeyer. Halle a.d.S. 1913, S.56f.

7 vgl. Merleau-Ponty 1966, S.10f.

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Details

Titel
Merleau-Ponty und Piaget. Lernen als phänomenologische Gestalt oder stufenartige Strukturkonstruktion
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V464715
ISBN (eBook)
9783668921962
ISBN (Buch)
9783668921979
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lernen, Phänomenologie, Erkenntnistheorie Psychogenetik Gestalttheorie
Arbeit zitieren
Anne Madeleine Wieschen (Autor), 2018, Merleau-Ponty und Piaget. Lernen als phänomenologische Gestalt oder stufenartige Strukturkonstruktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464715

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