Was ist Interaktion und wie "frei" interagieren wir? Über die Begriffe "Charaktermaske" und "Sozialcharakter"


Seminararbeit, 2002

51 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Interaktion
2.1 Wie funktioniert Interaktion?
2.2 „Materialien“ der Interaktion
2.2.1 Verbale Kommunikation
2.2.2 Sprache und Macht
2.2.3 Nonverbale Kommunikation
2.3 Was bedeutet Interaktion für den Menschen oder „Mensch sein ohne Interaktion“?
2.4 Interaktion und Gesellschaft
2.5 Interaktion und Kultur

3. Wie frei interagieren wir?
3.1 Grundelemente der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft
3.1.1 Der Warenbegriff und Warenfetischismus
3.1.2 Charaktermaske
3.1.3 Entfremdung
3.2 Der Sozialcharakter der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft
3.2.1 Leistungs- und Konkurrenzprinzip
3.2.2 Arbeits- und Eigentumsethik
3.3 Interaktion in den Reproduktionssphären
3.3.1 Interaktion in der Produktionssphäre
3.3.2 Interaktion in der Zirkulationssphäre
3.3.3 Interaktion in der Konsumtionssphäre

4. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Das soziale Leben und damit das Interaktionsmilieu unterlagen im Laufe der Menschwerdung einer drastischen Transformation. Von einer Ansammlung kleiner Gemeinschaften, deren Mittelpunkt die Interaktion bildete, wandelte sich die Gesellschaft in eine Massengesellschaft, mit eklatanten Folgen für unsere Interaktionsgewohnheiten. Von einem regen Austausch innerhalb familiärer Gemeinschaften sind wir zu einer von Widersprüchen geprägten oberflächlich verlogenen Form der Interaktion gelangt. Zwar ist Interaktion noch immer Mittelpunkt des menschlichen Zusammenlebens, allein schon weil man sich mittlerweile gar nicht mehr aus dem Wege gehen kann, jedoch sind die Regeln der Interaktion mittlerweile so zahlreich und komplex, dass das Individuum überfordert zu sein scheint. Interaktion ist zu einer gewaltigen Aufgabe und teilweise sogar Last geworden, da das differenzierte kapitalistische Sozialleben eine Vielzahl widersprüchlicher Ansprüche an die Individuen stellt.

Die Grundlage des heutigen Soziallebens bildet die kapitalistische Produktion. Die Ökonomie ist die Basis für alle weiteren Sphären menschlichen Zusammenlebens. Wie also funktioniert in dieser von der Produktion dominierten Gesellschaftsstruktur die Kommunikation der Individuen untereinander, welchen Zwängen oder Gesetzen gehorcht sie und welche Auswirkungen hat das auf zwischenmenschliche Beziehungen? Um diese Frage adäquat beantworten zu können, sollen vorerst die Grundlagen der Kommunikation/Interaktion vermittelt werden. Als Einstieg hierzu sollen kurz grundlegende Interaktionstheorien erläutert werden, um dann die praktischen „Materialien“ der Interaktion genauer zu beschreiben. Abschließen soll der erste Teil mit einem Resümee, welche Bedeutung Interaktion für den Menschen hat und welchen Stellenwert Interaktion im gesellschaftlichen Zusammenhang einnimmt.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Frage wie frei wir überhaupt interagieren, d.h. welchen Einfluss die Struktur der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft auf die Interaktion hat. Bedeutend ist hierfür die Betrachtung der Produktions- und Gesellschaftsstrukturen. Anhand der von Marx geprägten Begriffe des Warencharakters, der Entfremdung und der Charaktermaske soll aufgezeigt werden, welche die Interaktion beeinflussenden Verhaltensregeln bestehen. Des Weiteren soll betrachtet werden, inwiefern die ökonomische Basis und die Sphären des Reproduktionsprozesses das Rollenverhalten prägen und Verhaltensmuster vorschreiben.

2. Was ist Interaktion?

Die sprachliche Herkunft des Begriffs Interaktion liegt im Lateinischen, und bereits aus den beiden Bestandteilen des Wortes inter und agito lassen sich erste Schlussfolgerungen bezüg­lich der Bedeutung des Wortes ziehen. Die Vorsilbe `inter´ bedeutet im Wesentlichen `zwischen´ und impliziert vor allem mit den Übersetzungen `untereinander´, `einander´, `gegenseitig´ eine wechselseitige Beeinflussung. Das Wort agito hingegen bedeutet `wiederholt oder eifrig besprechen´, `verhandeln´, aber auch `überlegen´, `bedenken´, `erwägen´, `beab­sichtigen´, `planen´. Es stellen sich also die Fragen, was wird untereinander verhandelt oder miteinander besprochen, welche Mechanismen liegen dem zugrunde und wie läuft der Prozess „des Verhandelns“ oder „des Besprechens“ ab?[1]

Eine ähnliche Bedeutung hat das Wort Kommunikation. Die Übersetzung des lateinischen Wortes communicatio lautet Mitteilung, und unter anderem bezeichnet das Wort eine beson­dere Redefigur, mit der der Redner die Zuhörer gleichsam mit zu Rate zieht. Das Verb communico bedeutet außerdem `jemandem eine Mittelung machen´ oder `sich mit jemandem beraten oder verständigen´[2].

Die lexikalen Definitionen dieser beiden Begriffe unterstreichen und ergänzen die vorange­gangenen Betrachtungen. Demnach ist Interaktion „[…] die Wechselbeziehung zwischen Handlungen; […]. Voraussetzung ist ein minimaler Konsens bezüglich der Verhaltensmuster und kommunikativen Techniken und Symbole“[3]. Über Kommunikation heißt es: „Austausch, Verständigung; Übermittlung und Vermittlung von Wissen; [im weitesten Sinne] alle Pro­zesse der Übertragung von Nachrichten oder Informationen durch Zeichen aller Art unter Lebewesen […]“[4]. Auch wenn Interaktion eine Folge von Mitteilungen, also Kommunika-tionen darstellt[5], sollen im Folgenden beide Begriffe synonym verwendet werden.

Menschliche Interaktion/Kommunikation geht also über das reine Reiz-Reaktions-Schema hinaus, denn es handelt sich nicht mehr nur um instinktregulierte Reaktionen auf bestimmte Handlungen, sondern um durch Bewusstseinsakte mitbestimmte Reaktionen[6]. Das passive Reagieren wird durch ein reflexives, selbstgesteuertes Reagieren abgelöst. Basis für den „reibungslosen“ Ablauf von Interaktion ist das so genannte gemeinsame Weltwissen, dass verstanden wird als eine Vorstellung über bestimmte Abläufe, Prozesse und Sachverhalte in der umgebenden Umwelt. Selbstverständlich ist diese Weltwissen bei jeder Person unterschiedlich, vor allem wenn zwei Personen aus verschiedenen Kulturen miteinander interagieren, allerdings bestehen kulturelle Universalien, die bei allen bestehenden Unterschieden interkulturelle Interaktion ermöglichen[7]. Im folgenden Kapitel soll anhand grundlegender Theorien die Funktionsweise und später die verschiedenen Elemente der Interaktion näher beleuchtet werden.

2.1 Wie funktioniert Interaktion?

Interaktion basiert grundlegend auf einer Sender-Empfänger Beziehung. Der Sender entwickelt eine Idee, Gedanken oder Gefühle, verschlüsselt diese in Symbolen (Sprache, Gestik, Mimik), die er anschließend an den Empfänger sendet, der diese aufnimmt, decodiert und anschließend interpretiert, um dem Sender zu bestätigen, dass er die Botschaft empfangen und verstanden hat. Vertieft wird diese vereinfachte Darstellung der Interaktion durch das Modell der sozialen Fertigkeiten nach Argyle. Nach diesem Modell liegen der Interaktion fünf wesentliche Komponenten zugrunde:

1. Soziale Tätigkeiten werden mit bestimmten unmittelbaren oder entfernteren Zielen durchgeführt. Diesen Zielen liegen Motivationen zugrunde, welche die Tätigkeit steuern.
2. Die selektive Wahrnehmung von Schlüsselreizen muss gelernt sein (stereotype Beschreibungsdimensionen erleichtern die Einschätzung anderer Personen).
3. Die eingegangenen Informationen müssen für den Handlungsvollzug einem Über-setzungsprozess unterzogen werden (Übersetzungsprozesse im sozialen Bereich sind die Wirkweisen sozialer Verhaltensakte, d.h. das Individuum weiß, welche Verhaltensweisen welche Reaktion hervorrufen).
4. Soziale Fertigkeiten bestehen aus Reaktionssequenzen, d.h. soziale Fertigkeiten wie die Kontaktaufnahme, das Verhalten in bestimmten Rollen, müssen in ihren einzelnen Aspekten trainiert werden, um den gesamten Prozess zu beherrschen.
5. Soziale Fertigkeiten werden durch Rückkopplung und Korrekturhandlungen gesteuert, wobei die Rückkopplung erneut durch Schlüsselreize ausgelöst wird[8]. (s. Abb. 1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Modell der sozialen Fertigkeiten (nach Piontowski, 1976, S.115)

Die Abbildung 2 verdeutlicht den Zusammenhang der 5 „Interaktionskomponenten“ Argyles. Person A hat eine bestimmte Wahrnehmung von Person B, d.h. versucht sein gegenüber einzuschätzen (2.). Auf der Grundlage dieses Bildes erfolgte eine zielgerichtete „Kontaktaufnahme“ (1.), bei der erlernte Verhaltensweisen (soziale Techniken) angewendet werden (3.). B reagiert auf diese Kontaktaufnahme und beide Personen kommunizieren bzw. interagieren. Die Rückmeldungen von B beeinflussen wiederum A bezüglich seiner Wahrnehmung und seinen Zielen hinsichtlich B, was zu Korrekturhandlungen führen kann (4./5.).

Das Modell verdeutlicht, dass Interaktion als Element des Alltagsverhaltens nicht einer rationalen Erkenntnis- und Entscheidungsfindung folgt, sondern vielmehr auf Vorverständnis­sen und eingeübten Verhaltensakten basiert. „Die meisten Menschen handeln die meiste Zeit unter Normalitätsannahmen, die bewusster Überlegung entzogen sind. […] [V]ielmehr werden Deutungen den Ereignissen retrospektiv, etwa in Form praktischer Erklärungen zugeschrieben“[9].

Einen Schritt weiter bei der theoretischen Erklärung der Dimensionen von Interaktion geht das pragmatische Kommunikationsmodell von Watzlawick, Beavin und Jackson. Dieser Theorie liegen fünf Axiome zugrunde, die versuchen sollen die einfachsten Eigenschaften der Kommunikation darzustellen.

1. Axiom: Man kann nicht nicht kommunizieren oder die Unmöglichkeit nicht zu kommuni-zieren. Nicht nur Sprache, sondern Verhalten jeder Art ist das grundlegende „Material“ für Kommunikation. Da Verhalten generell aber kein Gegenteil besitzt, ist es unmöglich sich nicht zu verhalten. Jede Form interpersonalen Verhaltens hat also Mitteilungscharakter. Selbst Schweigen oder Nichthandeln haben Mitteilungscharakter. Sie drücken je nach Inter­aktionskontext etwas bestimmtes aus und andere können nicht nicht auf diese Botschaften reagieren. Selbst wenn man sich abwendet und geht, beinhaltet dieses Verhalten eine Bot­schaft.[10]

2. Axiom: Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass letzterer den ersten bestimmt und daher eine Metakommunikation ist. Jede Botschaft oder Mitteilung beinhaltet Informationen, die weitergegeben werden sollen. Diese eigentliche Mo­tivation für Kommunikation bezeichnet man als den Inhaltsaspekt. Neben der reinen Weitergabe oder Vermittlung von Information beinhaltet Interaktion aber noch die Mitteilung, wie ebendiese verstanden werden sollen. Es wird somit also die Natur der Beziehung zwischen Sender und Empfänger definiert. Dies nennt man den Beziehungsaspekt. Da der Beziehungsaspekt Informationen über den Inhaltsaspekt, also den Mitteilungsinhalt enthält, handelt es sich bei ersteren um Metainformationen. „Der Inhaltsaspekt vermittelt die Daten [und] der Beziehungsaspekt weist an, wie diese aufzufassen sind“[11]. Der Beziehungsaspekt stellt somit eine Kommunikation über eine Kommunikation dar und ist somit Metakommuni-kation. Diese Metakommunikation fördert das Verständnis. Fehlen z.B. eindeutige meta-kommunikative Zuweisungen bezüglich der gesprochenen Mitteilungen, kann dies zu Miss-verständnissen führen[12].

3. Axiom: Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt. Im Sinne dieses Axioms ist jede Kommunikation gleichzeitig Reiz, Reaktion und Verstärkung. Jede Kommunikation wird also durch die vorherige ausgelöst und ist Auslöser für die nächste. Im Zuge einer solchen Kommunikation oder Interaktion versuchen die Kommunizierenden den Verlauf in der Art und Weise zu interpunktieren, dass sich bestimmte Beziehungsstrukturen zwischen ihnen bilden, d.h. einer übernimmt die Initiative, ist also dominant, der andere dagegen steht in einem Abhängigkeitsverhältnis. Über die etablierte Struktur versucht man eine Übereinstimmung zu erreichen oder nicht. Diese so genannte Interpunktion der Ereignisfolgen einer Kommunikation kann auch als Wahrnehmung und Bewertung der Kommunikation betrachtet werden, „[…] was wiederum zu Rollenzuweisungen und Rollenannahmen im jeweiligen Handlungskontext führt“[13]. Interpunktion organisiert also Verhalten und ist damit Bestandteil jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Jede Kultur besitzt ihre individuellen Inter-punktionen, die regeln welches Verhalten als richtig eingestuft wird.[14]

4. Axiom: Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Im Bereich der Interaktion gibt es zwei Formen der Kommunikation, digitale und analoge Kommunikation. Erstere dient im Wesentlichen der Übermittlung von Informationen durch Schrift oder Sprache und somit der Übermittlung des Inhaltaspekts, wohingegen letztere eher der Übermittlungen von Beziehungsaspekten dient. In allen Bereichen wo Beziehungen das zentrale Thema darstellen, ist digitale Kommunikation fast bedeutungslos. Analoge Kommunikation kanalisiert sich in erster Linie über nonverbale Kommunikation. Sie ist von der Natur her wesentlich älter als digitale Kommunikation und besitzt daher auch zwischen den Kulturen eine allgemeinere Gültigkeit. Zwar bestehen sprachliche Unterschiede, aber die Deutung von Mimik oder Gestik lassen die Vermittlung wesentlicher Informationen auch auf interkulturel­ler Ebene zu.[15] Wie groß die Beutung analoger Kommunikation ist zeigt das Beispiel der Aphatiker. Menschen die an dieser „Krankheit“ leiden, haben die Fähigkeit Sprache zu verstehen verloren. Aber obwohl Aphatiker nicht in der Lage sind, die Bedeutung von Wörtern zu begreifen, verstehen sie doch das meiste von dem was Kommunikations-partner ihnen erzählen. Was Aphatiker deuten oder verstehen ist der Tonfall der Wörter, der oft mehr sagt als die Worte selbst und der körperliche Ausdruck des anderen. Solche Verhaltensweisen können nur sehr schwer verfälscht oder simuliert werden, wohingegen die auf Sprache fixierten Menschen durch Rhetorik leichter getäuscht werden können[16]. Aber auch digitale Kommunikation hat trotz allem ihren Stellenwert im Gesamtprozess der Interaktion. Mit ihrer Hilfe ist der Mensch in der Lage komplexe, vielseitige und abstrakte Inhalte unmissverständlich zu vermitteln. Und der wichtigste Vorteil der digitalen Kommunikation im Gegensatz zur analogen, ist die Möglichkeit negative Größen darzustellen, wohingegen die Analogie einen Ausdruck für „nicht“ nicht zulässt, ebensowenig eine eindeutige Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Intuition spielt eine wesentliche Rolle bei der Deutung analog vermittelter Botschaften und verhindert oft eine eindeutige Interpretation[17]. Watzlawick et al. führen daher weiter aus: „Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikationen dagegen be-sitzen dieses semantische Potential, ermangeln aber die für eindeutige Kommunikation erforderliche logische Syntax“[18]. Beide Formen der Kommunikation sind also von großer Wichtigkeit und ergänzen einander.

5. Axiom: Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind symmetrisch oder komplemen-tär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschied-lichkeit beruht. Dieses Axiom befasst sich vor allem mit der sozialen Beziehung zwischen Sender und Empfänger. Beziehungen beruhen entweder auf Gleichheit (Symmetrie) oder Ungleichheit (Komplementarität). In der ersten Konstellation ist das Verhalten der Interaktionspartner symmetrisch. Ist z.B. Prahlen ein kulturbedingtes Verhalten einer Gruppe, so wird die andere Gruppe mit Prahlerei darauf antworten. Man strebt also nach Gleichheit und der Verminde­rung von Unterschieden. Bei komplementären Situationen dagegen wird das Verhalten des einen ergänzt durch das des anderen, und sie basieren auf sich gegenseitig ergänzenden Unterschiedlichkeiten. Es gibt zwei mögliche Positionen die Partner während der Interaktion einnehmen können, der eine eine primäre bzw. superiore und der andere eine sekundäre bzw. interfiore Stellung. Es wäre jedoch zu einfach hier von gut und schlecht oder stark und schwach zu sprechen. Beziehungen mit komplementärem Charakter beruhen zum großen Teil auf gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten, wobei aber die jeweils existierenden hierarchischen Systeme durchaus die Komplementarität von Beziehungen vorbestimmen.[19]

Diese fünf Axiome geben ein differenzierteres und pragmatischeres Bild von Kommunikation als Argyles Ansatz der sozialen Fertigkeiten, bleiben aber durchaus noch an der Oberfläche, da die gesellschaftlichen Dimensionen weitestgehend außer Acht gelassen werden. Diese sollen durch eine differenzierte Betrachtung der Materialien menschlicher Interaktion und deren Stellenwert innerhalb der Interaktion und einer anschließenden Einordnung des Inter­aktionsprozesses in den gesellschaftlichen Kontext erarbeitet werden.

2.2 „Materialien“ der Interaktion

Bei jeder Interaktion spielen eine Vielzahl von sichtbaren und hörbaren, intentionalen bis un­bewussten Signalen eine wesentliche Rolle, die den Verlauf der Kommunikation entscheidend mitbestimmt. Das bekannteste Medium der Kommunikation ist mit Sicherheit die Sprache, die im Wesentlichen zur digitalen Kommunikation dient. Nicht weniger wichtig sind hingegen die versteckten bzw. weniger offensichtlichen und deutbaren Formen der Kommunikation wie Blicke, Gestik, Mimik oder auch die Betonung des Gesprochenen. Diese Vielfalt an „Kom-munikationsmaterialien“ unterstreicht auch das 1. Axiom des pragmatischen Kommunika-tionsmodells, demnach es unmöglich ist nicht zu kommunizieren. Im Folgenden sollen kurz die wichtigsten Elemente der Interaktion dargestellt werden.

2.2.1 Verbale Kommunikation

Die Sprache ist das wichtigste Mittel zur Kommunikation und das Element, das tierische und menschliche Interaktion voneinander unterscheidet. Die Sprache bietet die Möglichkeit Ge­fühle, Ideen, Interessen, über reine Lautsprache, Töne oder Körpersignale hinaus zu artikulieren und zu präzisieren, Herrschaftsverhältnisse zu manifestieren bis hin zur Möglichkeit der Beeinflussung bzw. Manipulation anderer durch Sprache[20]. Die menschliche Sprache ist das einzige Kommunikationssystem, das alle „Konstruktionsmerkmale“ (nach Hockett) von Kommunikation vereint. Sprache ist charakterisiert durch Versetzung, d.h. die Fähigkeit sich auf Dinge zu beziehen, die nicht unmittelbar anwesend sind, Offenheit bzw. die Möglichkeit neue Bedeutungen zu schaffen und zu kommunizieren, Tradition, d.h. die Fähig­keit zu lernen und neue Symbole oder Botschaften weiterzugeben und letztlich eine Dualität der Strukturierung, die Menschen in die Lage versetzt Wörter und Symbole zu einer unendlichen Zahl möglicher Botschaften zu kombinieren[21]. Zwar gibt es Tiere, die einzelne Konstruktionsmerkmale beherrschen oder erlernen können, doch ist keines dieser Systeme so umfassend wie die menschliche Sprache[22].

Während sich die Grammatik bzw. Syntax mit den Regeln zur Ordnung, Struktur und Kombination der Wörter befasst, die Phonologie sich mit Lautmustern und die Semantik mit der Bedeutung von Sprache, beschäftigt sich die Soziolinguistik mit den sozialen Variablen der Verwendung von Sprache. Man muss also nicht nur die Aussprache und Grammatik beherrschen, sondern ebenfalls die Fertigkeit, „[…] was man wann, wo, wie und zu wem zu sagen hat“[23]. Der Erwerb von Sprache ist also unweigerlich verbunden mit dem Erlernen der Regeln sozialer Interaktion, d.h. Sprache ist nicht nur Mittel sozialer Interaktion, sondern wir können Sprache auch nur erlernen, weil wir schon von Kindes an wissen bzw. erlernen wie bestimmte Interaktionsmuster, -routinen funktionieren. Schon als Säugling erlernen wir grundlegende Interaktionsroutinen, derer wir uns zur Kommunikation bedienen. Nonverbale Signale wie Lächeln, Weinen, Greifen, Brabbeln etc. dienen dazu Bedürfnisse zu vermitteln bzw. sich mitzuteilen[24]. Das zeigt, dass nicht nur die Sprache selbst von Bedeutung ist, sondern auch nonverbale Aspekte der Sprache bzw. Elemente nonverbaler Kommunikation generell.

Argyle hat die nonverbalen Aspekte der Sprache unterteilt in „the timing of speech“, „the emotional tone of speech“, „speech errors“ uns „accents“[25]. Die Aspekte des „timing of speech und „emotional tone of speech“ befassen sich im wesentlichen mit der Sprachfre­quenz, Länge der Pausen, Länge der Sprachphasen und darüber hinaus mit der Lautstärke, der Tonlage bzw. –höhe, der Qualität der Sprache, der Artikulation, dem Atmen während des Sprechvorgangs, etc. Dabei wird ein nervöses, von langen Pausen und Unsicherheit geprägtes Sprechen im Wesentlichen ängstlichen Personen bzw. Charakteren zugeordnet, wohingegen ein resoluter, bestimmter und lang anhaltender Sprachvorgang entsprechend entgegen-gesetzten Charakteren zu Eigen ist. Außerdem wird hervorgehoben, dass der augenblickliche emotionale Zustand einer Person einen entscheidenden Einfluss auf das Sprachverhalten hat, wobei jede Emotion von verschiedenen Personen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich artikuliert wird. Der Aspekt der „speech errors“ hingegen befasst sich mit Unregelmäßig-keiten der Sprache, die Cook in Acht Kategorien unterteilt hat, (1) `Er´, `Ah´ oder `Um´, (2) sentence change, (3) repetition, (4) stutter, (5) omission, (6) sentence incompletion, (7) tongue slip und (8) intruding incoherent sound. Auch hierbei spielen Emotionen und der Charakter einer Person, aber auch die Forderung in bestimmten Situationen eine große Rolle[26].

Ein im Hinblick auf Interaktion sehr wesentlicher Aspekt ist die Sprache sozialer Gruppen bzw. Schichten. Argyle bezeichnet diesen Aspekt als `accent´, jedoch wäre eine wörtliche Übersetzung ins Deutsche irreführend. Zwar lassen Akzente bzw. Dialekte eine Identifikation der Herkunftsregion und eine erste nach entsprechenden Klischees vorgeformte Charakteri-sierung zu[27], jedoch hat dieser Begriff bei Argyle eine umfassendere Bedeutung[28]. Jede soziale Gruppe hat ihren eigenen Jargon, ihre eigenen Sprachcodes, die von Angehörigen anderer sozialer Gruppen nicht ohne weiteres verstanden werden können. Sprache stützt sich immer auf ein gemeinsames Wissen der Interagierenden. “Je enger die Beziehung zwischen Sender und Empfänger, um so spezifischer wird ihr Sprachgebrauch“[29]. So definieren sich verschiedenen soziale Gruppen wie Liebespaare, Familien, Mitarbeiter eines Büros, etc. über die „eigene Sprache“ und festigen so ihre sozialen Identitäten. Wer den entsprechenden Jargon nicht beherrscht wird als Außenstehender betrachtet. Aber auch Status bis hin zu Herrschaftsstrukturen werden durch Sprachcodes gefestigt oder kreiert, womit oft bestimmte soziale Regeln verbunden sind. So manifestieren z.B. die zahlreichen Fachjargons der Wissenschaften den Status der jeweiligen Wissenschaft oder Berufsgruppe[30].

Sprache ist somit ein wichtiger Bestandteil sozialer Interaktion, der es ermöglicht zu abstra­hieren, über Erlebnisse nachzudenken und selbige zu reflektieren, sowie komplexe symbolische Systeme aufzubauen, um letztendlich kulturelle Systeme zu schaffen. Sprache ist das entscheidende Medium sozialen und kulturellen Lebens. Trotzdem wird mehr als nur mit Worten kommuniziert, auch nonverbale Kommunikation nimmt einen hohen Stellenwert bei Interaktionprozessen ein und dient im Wesentlichen der analogen Kommunikation, die die digitale Kommunikation erst vervollständigt.

[...]


[1] Langenscheidts Großes Schulwörterbuch. Lateinisch-Deutsch, 1990, S.66 und S.630

[2] ebenda, S.223

[3] Der Grosse Brockhaus, Bd.5, 1981, S.564

[4] Der Grosse Brockhaus, Bd.6, 1981, S.389

[5] Watzlawick/Beavin/Jackson, 1974, S.50

[6] Ottomeyer, 1976, S.10

[7] Payer, 2000, http://www.payer.de/kommkulturen/kultur02.htm

[8] Piontowski, 1976, S.115f.

[9] Thorlindsson, 1984, S.23

[10] Watzlawick/Beavin/Jackson, 1974, S.50ff

[11] ebenda, S.55

[12] ebenda, S.53ff

[13] Weinhold, 2001, http://amor.rz.hu-berlin.de/~h0444c55/arbeiten/mollenhauer/node11.html

[14] Watzlawick/Beavin/Jackson, 1974, S. 57ff

[15] ebenda, S.61ff

[16] Payer, 2000, http://www.payer.de/kommkulturen/kulutr04.htm

[17] Natürlich bietet auch die digitale Kommunikation, deren wesentliches Übermittlungsmedium die Sprache ist, die Möglichkeit der Fehlinterpretation, aber auch nur wenn sie vom gegenüber provoziert wurde durch wissentliche Fehlinformation oder die Anwendung sprachlicher Doppeldeutigkeiten (Anm. des Verf.)

[18] Watzlawick/Beavin/Jackson, 1974, S.68

[19] ebenda, S.68ff

[20] In Orwells Roman „1984“ sollte eine neu entwickelte Sprache das Denken der Menschen und ihr Vermögen, die sie umgebende Wirklichkeit zu verstehen und zu artikulieren manipulieren (Forgas, 1987, S.112).

[21] Forgas, 1987, S.108

[22] So wurde u. a. erfolgreich versucht Schimpansen einen Sprachkode beizubringen, der sowohl Tradition und Strukturierungsdualität beinhaltet, wobei Kritiker anmerken, dass es sich hier möglicherweise nur um eine Imitation durch die Tiere handeln könnte. Honigbienen z.B. können durch „Tänze“ Vorhandensein und Ort einer Futterquelle vermitteln, was dem Element der Versetzung entspräche (Forgas, 1987, S.108).

[23] Forgas, 1987, S.110

[24] ebenda, S.109f

[25] Argyle, 1973, S.110f. Auf eine Übersetzung der englischen Termini soll im Folgenden weitgehend verzichtet werden, um die Schärfe der Begriffe nicht zu verlieren (Anm. des Verf.).

[26] ebenda

[27] So sind z.B. Norddeutsche kühl und zurückhaltend, Rheinländer offen und gesprächig, Bayern konservativ, etc. (Anm. des Verf.)

[28] Wie Argyle selber schreibt, reflektiert dieser Begriff in Großbritannien sowohl regionale als auch soziale Herkunft, wohingegen das deutsche Pendant sich nur auf die regionale Herkunft bezieht (Anm. des Verf.).

[29] Forgas, 1987, S.117f

[30] ebenda, S.120

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Was ist Interaktion und wie "frei" interagieren wir? Über die Begriffe "Charaktermaske" und "Sozialcharakter"
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Interaktion, Rolle und Persönlichkeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
51
Katalognummer
V46477
ISBN (eBook)
9783638436687
ISBN (Buch)
9783638872836
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interaktion, Begriffe, Charaktermaske, Sozialcharakter, Rolle, Persönlichkeit, Marx
Arbeit zitieren
Dipl.-Geograph/European Master in International Humanitarian Action Chris Hartmann (Autor), 2002, Was ist Interaktion und wie "frei" interagieren wir? Über die Begriffe "Charaktermaske" und "Sozialcharakter", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46477

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