Kaum eine Diskussion zur politischen oder wirtschaftlichen Lage der Nation kommt zurzeit ohne den Hinweis auf „die Globalisierung“ aus. Auch die Gesellschaftswissenschaften wie Ökonomie, Soziologie, Politologie oder Humangeographie beschäftigen sich mit diesem Phänomen. Aufgrund der fast schon Allgegenwärtigkeit dieses Begriffs gibt es auch selten identische Auffassungen davon, was „Globalisierung“ eigentlich bedeuten soll. Der Politologe Held schreibt: „Globalization may be thought of initially as the widening, deepening and speeding up of worldwide interconnectedness in all aspects of contemporary social life, from the cultural to the criminal, the financial to the spiritual“. Eine engere Definition gibt der Ökonom Donges: „Globalisierung bedeutet, dass die Länder der Welt wirtschaftlich zusammenwachsen, die Verflechtung der Märkte enger wird und die Mobilität der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital über nationale Grenzen hinweg zunimmt.“ Was auch immer unter Globalisierung verstanden wird, so haben sich auch politische Meinungen dazu gebildet. Über solche, die der Globalisierung oder einigen Aspekten davon kritisch gegenüber stehen, handelt diese Arbeit. Globalisierungskritik kommt von verschiedenen Akteuren, wie religiösen Vereinigungen bzw. Kirchen, Gewerkschaften, Unternehmerverbänden, Parteien und Politikern, Wissenschaftlern etc. und beinhaltet auch oft unterschiedliche Inhalte. Auch existieren zum Teil schon seit längerem Organisationen, deren Hauptzweck die Kritik an der Globalisierung ist. Die mittlerweile in weiten Teilen der Welt wohl bekannteste Gruppe dürfte Attac sein, die insbesondere durch die Anti-Globalisierungsproteste im Jahr 2001 im Weltwirtschaftsgipfel Tagungsort Genua große (vor allem mediale) Aufmerksamkeit erhielt und seitdem aus dem bunten Spektrum der Globalisierungskritik nicht mehr wegzudenken ist. Um diese globalisierungskritische Gruppe, insbesondere ihrer deutschen Organisation, geht es in dieser Hausarbeit. Zunächst wird in Kapitel 2 die historische Entwicklung Attacs in groben Zügen dargestellt. Kapitel 3 befasst sich mit der Struktur und der Arbeitsweise von Attac Deutschland. Kapitel 4 stellt die Ziele und Positionen der Globalisierungskritiker vor und in Kapitel 5 wird der Versuch unternommen, Attac sowohl organisatorisch als auch politisch zu konzeptionalisieren. Eine Schlussbetrachtung (Kapitel 6) rundet die Arbeit ab.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung, Eingrenzung und Aufbau der Arbeit
2 Historische Entwicklung von Attac
3 Struktur und Arbeitsweise von Attac-Deutschland
3.1 Struktur
3.1.1 Einzelmitglieder, Organisationen, Kommunen
3.1.2 Bundesweite Arbeitsgruppen (AGs)
3.1.3 Attac Gruppen
3.1.4 Wissenschaftlicher Beirat
3.1.5 KünstlerInnen Netzwerke
3.1.6 Der Ratschlag
3.1.7 Der Attac-Rat
3.1.8 Der Koordinierungskreis
3.1.9 Das Attac-Bundesbüro
3.2 Arbeitsweise
3.2.1 Bildung
3.2.2 Expertise
3.2.3 Aktionen
4 Ziele und Positionen von Attac
4.1 Kritik an der realwirtschaftlichen Integration (Handel, WTO etc.)
4.2 Kritik an der finanzwirtschaftlichen Integration
4.3 Kritik am Abbau der nationalen sozialen Gerechtigkeit
4.4 Kritik an der (globalisierungsbedingten) Umweltzerstörung
4.5 Kritik am globalen Interventionismus der westlichen Welt
5 Konzeptionalisierung von Attac
5.1 Organisationale Konzeptionalisierung
5.1.1 Attac als Neue Soziale Bewegung
5.1.2 Attac als NGO
5.2 Politische Konzeptionalisierung
5.2.1 Held et al: Verständnis von Globalisierung
5.2.2 Art der Globalisierungskritik nach Leggewie
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Organisation, Arbeitsweise, Ziele sowie die konzeptionelle Einordnung der globalisierungskritischen Gruppe "Attac Deutschland" im politischen Kontext.
- Historische Entstehung und Entwicklung von Attac
- Struktur der Organisation und Entscheidungsprozesse
- Kritikpunkte an globalen ökonomischen und politischen Strukturen
- Theoretische Einordnung als "Neue Soziale Bewegung" oder NGO
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Einzelmitglieder, Organisationen, Kommunen
Obwohl zu Anfangs nur als interorganisationales Netzwerk geplant, öffnete sich Attac auch für einzelne Mitglieder. Mitarbeit kann im Prinzip jeder. Obwohl im „Selbstverständnis“ gewisse Geisteshaltungen wie Christ, Atheist, Humanist, Marxist genannt werden, wird explizit darauf hingewiesen, dass Attac keine „verbindlich theoretische, weltanschauliche, religiöse oder ideologische Basis braucht“.
Allerdings werden ideologische Strömungen, wie Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Chauvinismus etc. ausdrücklich abgelehnt. Grundkonsens ist bzw. sollte aber die Ablehnung der „neoliberalen Form“ der Globalisierung, die Forderung nach weltweiter Verteilungsgerechtigkeit sowie die Forderung nach Globalisierung von sozialer Gerechtigkeit, Menschenrechten, Demokratie und umweltgerechtem Handeln sein.
Allerdings ist im Antragsformular für Attac-Mitgliedschaft kein direkter Hinweis, dass das künftige Mitglied mit dem Selbstverständnis einverstanden erklären muss. Neben Individuen können auch Organisationen beitreten. Am 27. Juli 2004 hatte Attac in Deutschland nach eigenen Angaben 15.048 einzelne und organisationale Mitglieder und es ist davon auszugehen, dass die Zahl der Mitglieder und Unterstützer weit darüber liegt.
Attac hat in Deutschland diverse Mitgliedsorganisationen, die bundes- oder länderweit tätig sind. Diese Organisationen spiegeln die Pluralität von Attac wider. So reichen diese Mitglieder vom Mieterverein Bochum über den BUND, der Missionszentrale der Franziskaner bis hin zur Gewerkschaft ver.di. Obwohl im Organigramm auch Kommunen als Teil der Basis genannt werden, scheint keine deutsche Gemeinde Unterstützer von Attac zu sein. Allerdings gibt es eine „Erklärung für Kommunen“, mit der diese sich einverstanden erklären können, da auch Kommunen „durch die Globalisierung auf direkte Weise betroffen“ sind. Parteien unterhalb der Landesebene wird die Unterstützung gestattet, die aber kein Stimmrecht bei Attac-Entscheidungen erhalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung, Eingrenzung und Aufbau der Arbeit: Einführung in die Relevanz der Globalisierungsthematik und Vorstellung der Zielsetzung, Attac organisatorisch und politisch zu konzeptionalisieren.
2 Historische Entwicklung von Attac: Überblick über die Entstehung des Netzwerks aus der französischen "Tobin-Steuer"-Bewegung bis zur Gründung und Etablierung des deutschen Ablegers.
3 Struktur und Arbeitsweise von Attac-Deutschland: Detaillierte Darstellung der internen Organisationsstruktur, der Entscheidungsgremien wie Ratschlag und Koordinierungskreis sowie der methodischen Arbeitsfelder.
4 Ziele und Positionen von Attac: Analyse der inhaltlichen Kritikpunkte der Bewegung, die von realwirtschaftlicher Integration über soziale Gerechtigkeit bis hin zu Umwelt- und Interventionsfragen reichen.
5 Konzeptionalisierung von Attac: Wissenschaftliche Einordnung der Organisation in die Kategorien "Neue Soziale Bewegung" und "NGO" sowie Diskussion verschiedener globalisierungstheoretischer Ansätze.
6 Schlussbetrachtung: Zusammenfassung der Entwicklung Attacs zu einer bedeutenden außerparlamentarischen Kraft und Ausblick auf die zukünftigen Herausforderungen der Bewegung.
Schlüsselwörter
Globalisierungskritik, Attac, Neue Soziale Bewegung, Tobin-Steuer, Neoliberalismus, Zivilgesellschaft, Sozialabbau, Welthandel, Politische Bildung, Demokratisierung, NGO, Finanzmärkte, Aktivismus, Weltsozialforum, Interventionismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die globalisierungskritische Organisation "Attac Deutschland" hinsichtlich ihrer Struktur, ihrer politischen Positionen und ihrer theoretischen Verortung innerhalb gesellschaftlicher Bewegungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die historische Entwicklung, die Organisationsstruktur (inklusive Entscheidungsfindung), die spezifische Kritik an ökonomischen Globalisierungsprozessen sowie die Einordnung der Bewegung in politikwissenschaftliche Konzepte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Attac Deutschland sowohl organisatorisch als auch politisch zu konzeptionalisieren, um ein besseres Verständnis über Wesen und Arbeitsweise dieser Gruppe zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine strukturierte Analyse, die auf Literaturrecherche, der Auswertung von Selbstdarstellungen und Dokumenten der Organisation sowie der Einbeziehung wissenschaftlicher Theorien (wie von Held et al. oder Leggewie) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Beschreibung der internen Gremienstruktur, die Erläuterung der "drei Säulen" (Bildung, Expertise, Aktion) sowie eine umfangreiche inhaltliche Analyse der Kritikpunkte an Welthandel, Finanzmärkten und sozialpolitischer Entwicklung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Globalisierungskritik, Neue Soziale Bewegung, NGO, Neoliberalismus und demokratische Kontrolle der Finanzmärkte beschreiben.
Wie unterscheidet Attac zwischen "Einzelmitgliedern" und "Mitgliedsorganisationen"?
Während Einzelpersonen direkt beitreten können, integriert Attac auch eine Vielzahl von Organisationen (Gewerkschaften, kirchliche Gruppen etc.), um die inhaltliche Pluralität zu gewährleisten, wobei parteipolitische Einheiten unterhalb der Landesebene von Entscheidungsstimmrechten ausgeschlossen sind.
Welche Rolle spielt der "Ratschlag" innerhalb der Attac-Struktur?
Der Ratschlag fungiert als die bundesweite Vollversammlung und das wichtigste Entscheidungsgremium, in dem zweimal jährlich über grundlegende Kampagnen und politische Positionen konsensual beraten wird.
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- Daniel Gromotka (Author), 2004, Globalisierungskritik am Beispiel Attac Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46480