Die unheile Familie in Märchen am Beispiel "Hänsel und Gretel"


Hausarbeit, 2017

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hänsel und Gretel (1812)
2.1 Inhalt
2.2 Charaktere.
2.3 Das Unheil der Familie.
2.4 Rollenbilder
2.4.1 Frauenbild.
2.4.2 Männerbild.
2.5 Familienbild.
2.6 Konflikte

3 Fazit

4 Literatur

1 Einleitung

Rapunzel, der Froschkönig, Hänsel und Gretel, Dornröschen und Schneewittchen, dies alles sind Beispiele für eine der vielleicht bekanntesten und vor allem bei Kindern beliebtesten Gattungen, die Märchen. Märchen sind Kulturgut, ihre Überlieferung erfolgt sowohl mündlich als auch schriftlich. Kinder erfreuen sich an ihnen, doch Märchen dienen nicht alleine dem Vergnügen. Sie transportieren Aussagen und Rollen- sowie Familienbilder, über die viele nicht weiter nachdenken, die allerdings alles andere als die heile Familie wiederspiegeln. Die vorliegende Ausarbeitung beschäftigt sich exemplarisch anhand des Märchens „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm mit den verschiedenen Charakteren, den daraus resultierenden Rollen- und Familienbildern, vorhandenen Konflikten und inwiefern das anfängliche Unheil in Märchen zum Schluss wieder im allseits bekannten „Happy End“ endet.

2 Hänsel und Gretel (1812)

Die Brüder Grimm haben in ihren Kinder- und Hausmärchen viele Märchen gesammelt. Diese Märchen haben sie viele Male überarbeitet, sodass nicht nur eine Version von „Hänsel und Gretel“ existiert sondern etliche andere. Für diese Arbeit wurde die Erstfassung der Brüder Grimm aus dem Jahr 1812 verwendet.

2.1 Inhalt

Das Märchen „Hänsel und Gretel“ der Brüdern Grimm aus dem Jahr 1812 handelt von einem Geschwisterpaar, das von seinen Eltern im Wald ausgesetzt wird und trotz etlicher Schwierigkeiten wieder nach Hause findet.

Hänsel und Gretel leben mit ihren Eltern im Wald. Ihr Vater ist Holzhacker und kann die Familie kaum ernähren. Als der Familie aufgrund von Nahrungsmangel der Tod droht, überredet ihre Mutter den Vater eines Nachts dazu, die Kinder am nächsten Tag im Wald auszusetzen. Die Kinder hören von diesem Plan. Daraufhin sammelt Hänsel, während seine Schwester weinend im Bett liegt, helle Kieselsteine auf. Am nächsten Morgen führen die Eltern ihre Kinder in den Wald. Auf dem Weg lässt Hänsel immer wieder die gesammelten Kieselsteine fallen, dank derer die Kinder den Weg zurück nach Hause finden können. Während der Vater sich über die sichere Rückkehr seiner Kinder freut, täuscht die Mutter ihre Freude vor, im Stillen jedoch ärgert sie sich über den nicht gelungenen Plan. Es dauert nicht lange und der Familie fehlt es erneut am Notwendigsten zum Überleben. Die Mutter überredet den Vater ein weiteres Mal dazu, die Kinder im Wald auszusetzen. Dieses Mal schließt sie nachts die Tür ab, sodass Hänsel keine Kieselsteine sammeln kann. Am nächsten Morgen erhalten die Kinder jeweils ein kleines Stück Brot für unterwegs, welches Hänsel zerbröckelt, um mit den Brotkrummen den Weg zu markieren. Die Eltern lassen die Geschwister ein weiteres Mal mit dem Versprechen ihrer baldigen Rückkehr allein im Wald zurück. Bei dem Versuch nach Hause zurückzukehren, erkennen die Kinder, dass die von Hänsel gestreuten Brotkrummen von Vögeln aufgepickt wurden und sie finden den Heimweg nicht mehr. Nach einigem Herumirren im Wald treffen die Kinder auf ein Haus, das ganz aus Brot gebaut ist und mit einem Dach aus Kuchen gedeckt ist. Da ihr Hunger so groß ist, brechen sie Teile des Hauses heraus und essen diese. Dabei werden sie von der Hexe, der das Haus gehört, entdeckt. Statt einer Bestrafung, lädt sie die Kinder zu sich nach Hause ein und versorgt sie mit Essen und einem warmen Bett. Am nächsten Morgen aber sperrt sie Hänsel in einen Käfig und lässt Gretel für sich arbeiten. Ihr Plan ist es, Hänsel zu mästen und anschließend zu verspeisen. Auch Gretel erwartet dieses Schicksal. Hänsel gelingt es, die Hexe zu täuschen. Jedes Mal, wenn sie seinen Finger fühlen möchte, um zu sehen wie dick Hänsel bereits geworden ist, streckt ihr einen mageren Knochen hin. Da die Hexe fast blind ist, fällt ihr diese Täuschung nicht auf. Eines Tages befiehlt sie Gretel in den Ofen zu schauen, ob das Brot braun genug gebacken sei. Gretel ergreift die Chance und behauptet, sie wisse nicht, was zu tun sei, die Hexe solle ihr zeigen, wie sie das Brot prüfen kann. Als die Hexe sich auf das Brett setzt, um nach dem Brot zu schauen, schiebt Gretel sie in den Ofen und verriegelt die Tür. Die Hexe verbrennt während Gretel ihren Bruder befreit. Sie füllen ihre Taschen mit Reichtümern, die sie im Haus der Hexe finden und kehren mit diesen nach Hause zurück. Der Vater freut sich sehr, dass seine Kinder sicher zurückgefunden haben. Die Mutter ist in der Zwischenzeit verstorben. Vater und Kindern leben nun glücklich in Reichtum.

2.2 Charaktere

In diesem Märchen finden sich fünf Charaktere wieder, die für die Handlung von Bedeutung sind: Vater, Mutter, Hänsel, Gretel und die Hexe. Die Mutter der Kinder fällt äußerst negativ auf. Sie ist selbstsüchtig und bereit das Leben ihrer Kinder für das eigene Wohl zu opfern. Zu dieser Selbstsucht kommt noch ihr hinterhältiges Handeln hinzu. Sie belügt ihre Kinder wissentlich, damit diese keine Möglichkeit haben, sich gegen das für sie geplante Schicksal zu wehren. All das geschieht mit einer Achtlosigkeit und Rationalität, die man von einer Mutter nicht erwarten würde. So ist auch sie diejenige, die die Tür abschließt und Hänsel somit die Möglichkeit nimmt, erneut Kieselsteine zu sammeln und die Kinder beim zweiten Mal noch tiefer in den Wald führt. Dieselbe Lieblosigkeit, die sie ihren Kindern entgegenbringt, bringt sie auch ihrem Mann entgegen. Sie hat ihn fest im Griff und eindeutig auch die Befehlskraft im Haus. Das verleiht ihr ein selbstbewusstes Verhalten. Hänsel und Gretels Vater im Gegenzug ist ein Mann, der schwach ist. Er weiß sich nicht gegen seine Frau durchzusetzen und lässt sich von ihr überzeugen die Kinder alleine im Wald auszusetzen. Dies wirkt geradezu als Verrat gegen die eigenen Kinder, die er trotz aller Sorgen und Nöte liebt. Seine Freude über die gesunde Rückkehr seiner Kinder vermag das feige Bild des Vaters nicht zu bessern. Der einzig weitere männliche Charakter, Hänsel, zeigt sich von einer positiveren Seite. Hänsel ist ein fürsorglicher Bruder für Gretel und ist stets zur Stelle um sie zu trösten. Er handelt sehr vorrausschauend, was sich besonders zeigt, als die Kinder von den Plänen der Eltern erfahren. Anstatt den Kopf zu verlieren und zu weinen wie seine kleine Schwester, denkt er sich einen Plan aus, um so der misslichen Situation zu entkommen. Selbst nachdem seine Pläne scheitern, verliert Hänsel seine Zuversicht nicht. Das erkennt man vor allem an seiner List mit dem Knochen, womit er die Hexe trügen kann. Hier wird auch weiterer Charakterzug Hänsels sichtbar, nämlich seine Kreativität, Einfallsreichtum und Tapferkeit. Insgesamt entsteht das Bild eines sehr dominanten und aktiven Jungen. Gretel hingegen verhält sich sehr passiv und zurückhaltend. Auf Probleme und Schwierigkeiten reagiert sie mit Weinen und Passivität, beispielsweise als die Kinder erkennen, dass ihre Brotkrummen von Vögeln aufgepickt wurden. Ihre Passivität führt dazu, dass sie sich auf andere verlassen muss und sie sich nicht selbst zu helfen weiß. Erst in der größten Not ergreift sie Eigeninitiative und rettet so ihr eigenes Leben und das ihres Bruders. Sie beweist Mut und zeigt sich mit ihrer Handlung als genauso einfallsreich wie ihr älterer Bruder. Somit ist Gretel die einzige Person in diesem Märchen, die sich entlang des Handlungsgeschehens entwickelt. Der letzte Charakter, dem eine tragende Rolle zukommt, ist die Hexe. Wie bereits die Mutter, wird die Hexe als bösartig und hinterhältig dargestellt. Versteckt im Wald wohnend lockt sie Kinder in ihr Haus, um sie anschließend zu verspeisen. Sie erschleicht sich das Vertrauen der Kinder, indem sie ihnen Essen und ein warmes Bett bietet, als sie es am dringendsten nötig haben. Dieses Vertrauen missbraucht sie sofort wieder. Eine weitere Parallele zur Mutter findet sich auch in ihrem Schicksal, denn beide Frauen sterben.

2.3 Das Unheil der Familie

Das Unheil der Familie ist psychischer als auch physischer Natur. Psychologisch betrachtet, ist die Familienkonstellation gestört. Der Mann als Ernährer und Oberhaupt der Familie existiert in dieser Rolle nicht. Stattdessen hat die Frau die Obergewalt in der Familie und ist die Herrin im Hause. Diese Frau ist zudem selbstsüchtig und gnadenlos, wodurch vor allem der Schutz der Kinder leidet.

Von der physiologischen Seite betrachtet, tritt das Unheil der Familie in Form der Armut und Hungersnot auf.

Während die ganze Familie von den oben erwähnten Problemen betroffen ist, werden die Kinder, Hänsel und Gretel, mit einer weiteren Herausforderung konfrontiert. Die Hexe, die sich von Kindern ernährt und diese in Fallen lockt, trachtet auch nach dem Leben der Beiden.

2.4 Rollenbilder

In diesem Märchen werden zwei unterschiedliche Rollenbilder vermittelt. Auf der einen Seite steht das Frauenbild und auf der anderen das Männerbild. Beide Rollenbilder lassen sich wiederum in zwei Unterkategorien differenzieren. Die verschiedenen Bilder sind untereinander auf verschiedene Weise verbunden.

2.4.1 Frauenbild

Das erste Frauenbild bei „Hänsel und Gretel“ ist das der „erlernten Hilflosigkeit“1. Erlernte Hilflosigkeit bedeutet, dass sich eine Person in ihrer Notlage passiv verhält und keinerlei Initiative ergreift um sich aus dieser Lage zu befreien. Stattdessen hofft sie auf Hilfe durch andere.2 In Märchen vertreten häufig die guten Menschen dieses Bild. In „Hänsel und Gretel“ ist dies Gretel. Wenn sie erkennt, dass die Situation für sie schwierig wird oder wenn sich Probleme ergeben, fängt Gretel an zu weinen. Sie verlässt sich darauf, dass ihr großer Bruder sie beschützt. Auch im Haus der Hexe fügt sich Gretel für lange Zeit ihrem Schicksal und erledigt, was die Hexe ihr aufträgt. Erst als sie die Todesgefahr erkennt, in der sie sich befindet, wird sie selbst aktiv und verbrennt die Hexe. Dies kann man als positiven Lernerfolg auffassen, der sie eventuell darin bestärken kann, die erlernte Hilflosigkeit abzulegen und ihr Schicksal aktiver zu gestalten.

Das zweite vorhandene Frauenbild ist das der bösen Frauen. Besondere Charakteristika der bösen Frauen sind ihr Selbstbewusstsein und ihre mentale Stärke. Sie schikanieren die guten Charaktere in Märchen. Die Mutter von Hänsel und Gretel entspricht diesem Frauenbild vollkommen. Sie ist die „treibende Kraft“3, hinter der Vertreibung der Kinder. Interessant ist hierbei zu erwähnen, dass die Mutter der Kinder in der Version von 1857 nicht lebt und stattdessen eine Stiefmutter mit der Familie im Wald lebt und den Vater dazu anstiftet, seine Kinder im Wald auszusetzen. Allerdings ist die Mutter nicht die einzige Frau, die in „Hänsel und Gretel“ die böse Frau darstellt. Man darf die Hexe nicht vergessen, die den Kindern in gleichem Maße schaden möchte, wie deren eigene Mutter. Es ist interessant zu sehen, dass beide Frauen dasselbe Schicksal, der Tod, ereilt. Man könnte durchaus den Schluss ziehen, dass die Beiden miteinander in Verbindung stehen oder eventuell sogar die gleiche Frau sind.4

Diese vermittelten Rollenbilder entsprechen in etwa auch den Rollenbildern der Frauen zum Erscheinungszeitraum dieses Märchens. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Erziehung der Kinder und der Haushalt Aufgabe der Frau. Sie hatte sich dem Mann unterzuordnen und hatte wenig bis keine Rechte. Typisch für das Bild der damaligen Zeit war es, Frauen als emotional und passiv zu beschreiben.5 Selbstbewusstsein bei Frauen war dementsprechend eine negativ konnotierte Eigenschaft. Somit wird das Bild der schwachen Frau, die sich passiv verhält, positiv konnotiert. Die Vertreter beider Rollenbilder geraten unvermeidbar miteinander in Konflikt.

2.4.2 Männerbild

Die Männerbilder verhalten sich entgegengesetzt zu den Frauenbildern. Auch hier finden sich zwei Rollenbilder, die miteinander in Konkurrenz treten. Zum einen tritt der starke Junge auf. Diese Rolle hat Hänsel inne. Er ist der Beschützer der schwachen Frauen (Gretel) und sehr selbstbewusst. Der starke Junge lässt sich nicht beirren, wenn Probleme auftreten und hält an seinen Plänen fest. Man kann den starken Jungen auch als Helden der Geschichte bezeichnen. Im Gegensatz hierzu steht der Vater, der das zweite Rollenbild verkörpert, den schwachen Mann dar. Der Vater in unserem Märchen, mischt sich nicht in die Erziehung seiner Kinder ein. Seine Schwäche zeigt sich im Verhalten seiner Frau gegenüber. Statt im Haus das Sagen zu haben, überlässt er das seiner Frau, die beschließt die Kinder im Wald auszusetzen. Dieses fehlende Durchsetzungsvermögen führt zum zweiten Unheil für die Kinder. Diese beiden Rollenbilder rivalisieren in unserem Märchen, im Gegenteil zu den oben genannten Frauenbildern, nicht.

[...]


1 Frey 2017, S. 105

2 vgl. Frey 2017, S. 105

3 Böhm-Korff 1991, S.44

4 vgl. Böhm-Korff., S. 50

5 vgl. Gestrich 2013, S. 6

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Die unheile Familie in Märchen am Beispiel "Hänsel und Gretel"
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
9
Katalognummer
V464810
ISBN (eBook)
9783668933675
ISBN (Buch)
9783668933682
Sprache
Deutsch
Schlagworte
familie, märchen, beispiel, hänsel, gretel
Arbeit zitieren
Olga Wolf (Autor), 2017, Die unheile Familie in Märchen am Beispiel "Hänsel und Gretel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464810

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