Der jüdische Friedhof Ilandkoppel. Eine geschichtsdidaktische Aufarbeitung für die Schule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

32 Seiten, Note: nicht benotet


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Geschichte der Juden und ihrer Friedhöfe in Hamburg
1.1 Die Ankunft der ersten portugiesischen Juden ab 1590
1.2 Der erste jüdische Friedhof auf dem Gebiet des heutigen Hamburgs
1.3 Eine wachsende Gemeinde in einer feindlichen Umwelt
1.4 Juden aus Hamburg ziehen in die neuen Kolonien...
1.5 Friedhof Ottensen
1.6 Aschkenasische Juden und ihre Friedhöfe im Hamburger Raum
1.6.1 Altona
1.6.2 Aschkenasische Juden in Harburg
1.6.3 Wandsbek
1.6.4 Hamburg
1.7 Der Altonaer Friedhofstreit und die Gründung der Dreigemeinde
1.8 Die Hamburger Juden im Zeitalter der Aufklärung
1.9 Die Giftmörderin Debora Traub und der Grindelfriedhof
1.10 Reformjudentum und jüdischer Patriotismus

2.0 Geschichtsdidaktische Aufarbeitung
2.1 Es geht nicht nur um Auschwitz!
2.2 Das Ehrenmal für die im 1. Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten als Beispiel für jüdischen Patriotismus und Nationalismus
2.3 Ein jüdischer Friedhof als Erinnerungsort
2.4 Das Grabmal Gabriel Riessers als Beispiel für den Kampf um rechtliche

Gleichstellung und den Anteil jüdischer Bürger am Selbstbildnis Hamburgs

Untersuchungsergebnis

ANHANG (9 Fotos / 2 Illustrationen)

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der jüdische Teil des Friedhofes Ohlsdorf an der Ilandkoppel[1] ist eines der wenigen Zeugnisse jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in der Stadt. Durch Verfolgung und Vernichtung hat die jüdische Gemeinschaft in Hamburg nach dem zweiten Weltkrieg so wenige Mitglieder wie nie zuvor. Nach der Volkszählung im Jahr 1946 sollen es 936 Menschen gewesen sein. Lange zuvor, im Jahr 1925, waren andere Größenordnungen erreicht. Es sollen bis zu 20.000 Menschen jüdischen Glaubens in der Stadt gelebt haben.[2]

Was diese Entwicklung für den kulturellen Austausch bedeutet und was man mit Schülern im Unterricht anhand des Friedhofes erarbeiten kann, soll dargestellt werden, nachdem die Bedeutung des Friedhofes an der Ilandkoppel anhand seiner Geschichte erläutert wurde.

In Hamburg gab es im Laufe der Geschichte mehr als 13 verschiedene jüdische Friedhöfe. Einige wurden als Notbehelf nur kurz genutzt, andere spiegeln mehrere Jahrhunderte Gemeindeleben wieder. Sichtbare Spuren findet man heute noch von dem Friedhof Königsstrasse in Altona; den beiden Wandsbeker Friedhöfen Königsreihe und Jenfelder Str.; Schwarzenbergstrasse in Harburg; Försterweg in Langenfelde und dem Friedhof Bornkampsweg in Bahrenfeld. In Betrieb ist nur noch der große Friedhof Ilandkoppel, der - direkt neben Ohlsdorf gelegen - viele Grabmäler von anderen Friedhöfen in sich vereint.

Die Auswahl an geschichtlicher Chronologie ist daher schwer und unser historischer Überblick bewusst lang geworden: Weil sich sämtliche Herkunfts- und sozialen Unterschiede sowie Gemeindeteilungen oder -verbindungen eben direkt auf dem jeweiligen Friedhof begutachten lassen.

Diese Vielfältigkeit jüdischen Lebens in Hamburg mit all seinen Brüchen sollte auch in der Schule ins Blickfeld gerückt werden. In unserem didaktischen Teil geht es daher um jüdische Symbole und Rituale, Genealogien, jüdische Emanizipationsbewegung und Nationalismus unter den Juden.

Die Bedeutung der Friedhöfe, vor allem ihrer Epitaphien, kann nicht hoch nicht eingeschätzt werden, da viele andere Quellen - vor allem aus der Frühphase der jüdischen Gemeinden - verloren gegangen sind. Gerade der Große Brand von 1842 zerstörte viele Gemeindeprotokolle, Haushaltsbücher und die sogenannten Gebetsbücher, die für längere Zeiträume sämtliche Abläufe einer Gemeinde protokollieren.

"Die Geschichte der Juden ist zugleich eine Geschichte ihrer Friedhöfe."[3]

1. Die Geschichte der Juden und ihrer Friedhöfe in Hamburg

1.1 Die Ankunft der ersten portugiesischen Juden ab 1590

Anders als in südlicheren Städten des späteren Deutschlands, vor allem am Rhein, sind Ansiedlungen von Juden in Hamburg und Umgebung erst ab 1590 bekannt[4]. Im Jahr der Amerika-Entdeckung durch Kolumbus 1492, nahm die Verfolgung der Juden durch seinen Auftraggeber, die spanische Krone, in der Reconquista massiv zu. Wenige Jahre später kam es auch in Portugal zu Zwangstaufen, denen ab 1506[5] Pogrome folgten. Den zwangskonvertierten iberischen Juden, Sephardim[6] genannt, blieben nur kleine Zeitfenster zur Auswanderung. Diese fand dann bevorzugt in Länder statt, die neben persönlicher Sicherheit auch Chancen für kaufmännisches Unternehmertum boten: Südfrankreich, Italien, die Niederlande und ab 1590 auch Hamburg.[7]

Bereits vorher waren Kaufleute aus den Niederlanden und Frankreich in Hamburg ansässig, so dass die Angehörigen der portugiesischen Nation, wie es offiziell hieß, als reiche Katholiken aufgenommen wurden. 1601 erlaubten Spanien und Portugal kurzzeitig die Ausreise der Zwangskonvertiten, was auch die Gemeinde in Hamburg rapide ansteigen lässt. Obwohl offiziell als Katholiken geführt, findet sich bereits 1603 die erste Erwähnung von Juden in Hamburg. Ihre Anzahl stieg laut Senatslisten auf 100 portugiesische Kaufleute und ihre Familien im Jahre 1610 und auf 125 im Jahre 1625.

Dies führte zum Unmut und dem Ruf nach Ausweisung durch einige bürgerlich-christliche Kreise, angestachelt von hetzerischen Pastoren. Dem Senat war allerdings der Handel mit der iberischen Halbinseln, der zu großen Teilen über die Beziehungen einiger Sephardim lief, wichtiger und so beließ er es bei Schutzgeldzahlungen; dem Verbot, bestimmte Berufe und die jüdische Religion auszuüben sowie der Forderung nach redlichem, unauffälligem Verhalten.[8]

1.2 Der erste jüdische Friedhof auf dem Gebiet des heutigen Hamburgs

Ein Vertrag von 1612 manifestierte diese Vorgaben und erlaubte als einziges religiöses Zugeständnis die Beerdigung der Toten am Heuberg, heute Königsstraße, außerhalb der Stadt. Dort, im seit der Reformation wesentlich liberaleren Altona, hatten die Sephardim am 31. Mai 1611 ein Stück Land vom Grafen Ernst III. von Holstein-Schaumburg erworben.[9]

Abgesehen von einem provisorischem Beerdigungsplatz am "Kohlöfen" innerhalb der Stadt, der nur bis 1633 genutzt wurde, ist in Altona der erste jüdische Friedhof der Stadt zu besichtigen. Für das religiöse Selbstverständnis war es wichtig, dass der Graf das Stück Land an die Juden auf Ewigkeit[10] verkauft hatte, weshalb auch die aschkenasichen Juden nach vierjähriger Verhandlung das daneben liegende Grundstück kauften um dort 1616 einen "deutschen Friedhof" in Betrieb zu nehmen. Beide Friedhöfe konnten auch nachdem Altona 1640 dänisch geworden war weiter benutzt werden.

Das 1812 - 1835 dort auch ein "Hamburger Friedhof" betrieben wurde und alle drei Teile eng zusammenwuchsen kann nicht unbedingt als Sinnbild für das Zusammenleben der Juden unterschiedlicher Herkunft in Hamburg gelten. Gemeinsames Handeln findet sich nur in Zeiten größter Not.

Der Friedhof Altona wurde bis 1869, in Ausnahmen auch bis 1877, genutzt und steht seit 1960 unter Denkmalschutz. Bei seiner Schließung wurden 668 Grabsteine auf dem Hamburger Teil, 1806 auf dem portugiesischen und ca. 6000 Grabsteine auf dem deutschen Friedhof[11] registriert.

1.3 Eine wachsende Gemeinde in einer feindlichen Umwelt

Neue Auflagen des Senats von 1617 brachten den Sephardim sowohl die Verdoppelung der Abgaben wie auch etwas mehr Freiraum im Religions- und Erwerbsleben. Das Synagogenverbot blieb erhalten, aus Angst vor Aufruhr unter der Bevölkerung, wurde allerdings umgangen, in dem Betstuben erst geduldet und dann erlaubt waren. Als neue Zuwanderungen den Hamburger Handel deutlich verbessern, stellt der Senat 1632 Pöbeln gegen Juden unter Strafe. Ab 1640 kommen erneut viele Portugiesen, weil ihr nun eigenständiges Heimatland mit der Unabhängigkeit verschärft gegen die Sephardim vorging.[12]

Bis 1663 waren 600 sephardische Juden in der Stadt registriert, was den Unmut der Bevölkerung auf sich zog. Den verbalen Angriffen, die vor allem von einigen Kanzeln Hamburgs kamen, folgten Tätlichkeiten. Schmähungen und Beschimpfungen gingen oft von Gymnasialjugendlichen aus und trafen die gesamte Gemeinde ebenso wie typische judenfeindliche Pseudo-Argumente des Mittelalters und, leider auch heute noch gebräuchliche, antisemitische Stereotype.

Der Senat wollte die Juden aus wirtschaftlichen Gründen in Hamburg behalten und ließ theologische Gutachten anfertigen, die bestätigten, dass die Anwesenheit des mosaischen Glaubens das Seelenheil der örtlichen Christen nicht durcheinander bringe. In 21 Punkten wurden in einem Reglement vom 8. Juli 1650 Zugeständnisse in religiösen Fragen gemacht.[13]

1.4 Juden aus Hamburg ziehen in die neuen Kolonien und bauen Handelswege auf

Über familiäre Situationen und das Gemeindeleben insgesamt ist für diese Zeit wenig bekannt. Allerdings gab es neben den reichen Kaufmannsfamilien auch arme Gemeindemitglieder und Alleinstehende. Für diese wurden die neuen Kolonien interessant und ihre Umsiedlung dorthin von der Gemeinde forciert.

Aus den Kolonien hielten sie Kontakte zu ihrer alten Heimat und bauten so den Handel mit Nordamerika und Brasilien aus. Von Hamburg aus intensivierten die Sephardim die Geschäfte im Mittelmeer und in der Ostsee.

Die sozialen Unterschiede innerhalb der Gemeinde dürfen nicht vergessen werden, auch wenn die sephardischen Makler für Hamburg die bedeutendere Rolle gespielt haben. 1653 erlaubte der Senat 16 portugiesische Makler, 1669 bereits 20 (gegenüber 100 christlichen Maklern im Stadtgebiet). Der Reichtum dieser Familien wurde auch eingesetzt, um dem Senat üppige Geschenke zukommen zu lassen. So auch als im September 1669 neue Bemühungen um eine Synagoge entstanden.

1.5 Friedhof Ottensen

Das erste Protokollbuch der Gemeinde Bet Israel dokumentiert die Jahre 1652 - 1672 und ist eine der weniger Quellen aus dieser Zeit.[14] Das Buch gibt auch Auskunft über die Personen, die für "den Unterhalt des Friedhofs und die Beerdigungen zuständig waren"[15].

Die weiteren enthaltenen Regelungen des Alltags, die vor allem das jüdische Leben unauffällig für die christlichen Nachbarn gestalten sollte, spiegelt die Angst vor Übergriffen wieder.

Da diese Angst nicht weicht, erscheint ein angebotenes Privileg für das dänische Glückstadt attraktiv. König Christian hatte bereits 1622 den in Hamburg lebenden Juden Land und Freiheiten zugesichert, wenn sie sich in Glückstadt niederlassen würden. Das Angebot zur Ansiedlung der Juden, mit der Christian Hamburg als Handelsmacht Konkurrenz machen möchte, umfasst auch zwei Morgen Land, die - anders als in Hamburg - auf Ewigkeit verpachtet werden sollen.

Größere Ansiedlungen in Ottensen verhinderten allerdings die Große Flut von 1625 und die zwischen 1620 und 1660 dreimal aufflammenden dänisch-schwedischen Kriegen, in Folge dessen die Grenzen immer wieder abgeriegelt wurden.

Allerdings wurde selbst als sich die jüdische Gemeinde in Glückstadt schon faktisch wieder aufgelöst hatte, der dortige Vorbeter angewiesen, die vorgeschriebenen Rituale weiterhin auszuführen, um auf ansässiges jüdisches Leben zu verweisen und so die zugestandenen Privilegien nicht verfallen zu lassen.

In Hamburg wurde dagegen durch viele Verbote und gelegentliche Übergriffe seitens der Bevölkerung die Unsicherheit weiter geschürt. Trotz des materiellen Wohlstands vieler Juden machte sie dies anfällig für den Sabbatismus. Diese Bewegung deutete aus Verfolgungen und Leid vieler Gemeinden, vor allem in Osteuropa, die Ankunft des Messias für das Jahr 1666. Allerdings hatte diese Bewegung in Jacob Sasportas auch einen entschiedenen Gegner in Hamburg.

Die Gemeinde war in dieser Frage gespalten und das christliche Umfeld reagierte mit gewalttätigen Übergriffen auf die messianische Prophetie. Diego Teixeira de Sampayo, der 1646 nach Hamburg übergesiedelte Hofbankier der schwedischen Königin Christine muss als "reicher Jude" Anfeindung und Verfolgung dieser Zeit erleben. Als die zum Katholizismus konvertierte Königin 1667 bei einem Besuch im protestantischen Hamburg in der Residenz ihres jüdischen Hofbankiers den Papst ehrt, wollen aufgebrachte Bürger das Haus anzünden.

Dem Einfluss Diego Teixeiras de Sampayo war es zu verdanken, das ein neuer "Versammlungsort" gebaut wurde. Die alte Synagoge, wie sie offiziell nicht heißen durfte, am Dreckswall war zu klein geworden. Es folgten Jahre der Anfeindung dieser neuen "Satansschule", wie Pastor Gesius von der St. Nikolai-Kirche sie nannte.[16]

Nach dem Tod mehrerer reicher Gemeindeglieder und dem damit verbundenem Kapitalschwund traf die erhöhten Abgaben an die Stadt seit 1697 die Gemeinde besonders schwer. Einige reiche und angesehene Sephardim wanderten über Altona und Ottensen nach Amsterdam aus und zurück blieb eine Gemeinde im Streit, die sich sogar zwischenzeitlich aufspaltete. Weitere gingen in die toleranteren dänischen Städte Altona und Ottensen, was die Verbliebenen an den Rand des Ruins brachte. Der Hamburger Senat machte daraufhin Zugeständnisse.

Diese führten allerdings in den kommenden 100 Jahren, die quellenmäßig schlecht belegt sind, zu keinen sichtbaren Verbesserungen. Die Anzahl der Sephardim ging deutlich zurück und die Restgemeinde stritt um religiöse Bestimmungen. Deswegen traf die Franzosenzeit "Bet Israel" schwer. 1827 war man so verarmt, dass Grundbesitz verkauft werden musste.

Die "Emanzipationsverordnung von 1849" brachte zwar erhebliche Verbesserung und die vollen Bürgerrechte ab 1864 in Hamburg trugen zur Genesung bei, allerdings wurde die Gemeinde in Altona 1887 offiziell aufgelöst.

1.6 Aschkenasische Juden und ihre Friedhöfe im Hamburger Raum

Obwohl das Gebiet des heutigen Hamburgs - mit der Grafschaft Holstein-Schaumburg, zu der Altona und Ottensen gehörten, dem Adelsgut Wandsbek, dem zum Herzogtum Braunschweig-Lüneburg zugehörigen Harburg und dem Stadtstaat Hamburg, durch Rat und verschiedene Bürgerkollegien regiert - sehr unterschiedliche Rechtsgebiete in damaliger Zeit aufwies, so ist die Geschichte der hier ansässigen Juden doch eng miteinander verwoben.

Die erste Ansiedlung von deutschen Juden, so genannten Aschkenasim[17], liegt wohl am Ende des 16. Jahrhunderts. 1583 und 1584 bemühen sich Aschkenasim um Niederlassung in Altona, Ottensen und Wandsbek. Ob sie dort wirklich sesshaft wurden, ist nicht bekannt.

1.6.1 Altona

Für die Jahre 1610/11 sind jüdische Ansiedlungen in Harburg und Altona erstmals belegt.

Bereits ein Jahr später wandelt der Graf von Holstein-Schauenburg die Schutzbriefe für einzelne Familien in ein Generalprivileg um, das für gesamte rasch wachsende Gemeinde gilt. 1622 stehen bereits 30 aschkenasische Familien unter dem Schutz, der auch nach Tod des Grafen und Übernahme der Region durch Dänemark 1641 von König Christian IV. bestätigt wird.

Die Altonaer Schutzjuden bekamen für ihre Schutzgeldzahlung Wohnrecht, Schutz durch den Landesherrn sowie bestimmte Rechte zur Religions- und Erwerbstätigkeit. Trotz weiterer Steuern wie Viehakzie und Kirchengeld und erheblichen Belastungen durch Krieg, Pest und Brandschaden wuchs die Gemeinde in Altona.

Dies lag an dem im Vergleich zu Preußen niedrigem Schutzgeld ebenso wie an den guten Rahmenbedingungen für Eigenständigkeit und Wirtschaftstätigkeit: Es gab keine Ober -grenze für aschkenasischen Zuzug; Grunderwerb war weder Bedingung noch Verbot; die Einschränkungen in der Erwerbstätigkeit vergleichsweise akzeptabel; Gemeindeautonomie und Religionsfreiheit wurden ebenso wie der Schutz vor Übergriffen konsequent durchgesetzt.

Vor allem die Nähe zu Hamburg bei gleichzeitiger Fluchtmöglichkeit auf die Dörfer und unter dänischen Schutz war wichtig. Denn trotz scharfer Bestrafung durch den Senat drückte sich die permanente Judenfeindschaft mehrmals in Übergriffen aus.

1.6.2 Aschkenasische Juden in Harburg

Für Harburg - dessen Entwicklung wir für diese Untersuchung aus Platzgründen etwas außer Acht lassen - sind zwei Schutzjuden für das Jahr 1610 belegt. Es lebten immer nur vereinzelte aschkenasische Familien dort, deren individuelle Schutzbriefe befristet waren. Hatte die Stadt keinen Nutzen mehr von ihnen, dann wurden sie ausgewiesen. Das Schutzgeld war wesentlich höher als in Altona und neben dem Zuzugsgeld musste auch eine "Abgabe für den jüdischen Friedhof und eine Gebühr für jede jüdische Beerdigung"[18] entrichtet werden, dafür war man allerdings am Anfang von bürgerlichen Steuerlasten befreit.

Zum Ende des 17. Jahrhunderts entstand an der Schwarzenbergstrasse ein kleiner jüdischer Friedhof.[19] Auf dem überfüllten Friedhof fand 1936 die letzte Beerdigung statt, 1943 musste die jüdische Gemeinde ihn an die Stadt verkaufen. Heute ist noch die Gedenktafel für die 1938 zerstörte Friedhofskapelle (neben dem Eingang) und ein Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg umgekommenen Gemeindemitglieder zu besichtigen.[20]

[...]


[1] Der Name wird in verschiedenen Plänen unterschiedlich geschrieben. Ihlandkoppel, oder Ilandstraße, zuletzt hat sich die Bezeichnung Ilandkoppel durchgesetzt. Siehe Anhang B.

[2] Büttner, Ursula: Rückkehr in ein normales Leben? Die Lage der Juden in Hamburg in den ersten Nachkriegsjahren, in: Die Juden in Hamburg 1590-1990, Wissenschaftliche Beiträge der Universität Hamburg zur Ausstellung >>400 Jahre Juden in Hamburg<<, herausgegeben von Arno Herzig, Hamburg 1991, S.613f.

[3] Freimark, Peter: Jüdische Friedhöfe im Hamburger Raum, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburger Geschichte Nr. 67/1981. S. 117 - 132. Hier: S. 117.

[4] Siehe Anhang A.1.

[5] Nach anderen Angaben fanden die Pogrome in Portugal bereits 1497 statt.

[6] Mit dem hebräischen Wort "Sephar" wird der Wohnsitz der Nachkommen Sems in der Bibel bezeichnet. Dieser wird mit der iberischen Halbinsel identifiziert und als "Sephardim" die Juden (und Zwangskonvertiten) bezeichnet, die dort lebten. Die Sephardim sind einer der drei großen Teilzweige des Judentums, haben im Spaniolischen ihre eigene Sprache und bezeichnen nicht - wie oft falsch dargestellt -orientalische Juden.

Vgl.: Geiss, Immanuel: Geschichte griffbereit, Bd. 4: Begriffe, München, Gütersloh 2002, S. 438.

[7] Die Ankunft der ersten Sephardim in Hamburg wird von Geiss a.a.O. auf das Jahr 1612 datiert, andere Quellen gehen von 1577 aus. Böhm kann die frühe Datierung als Fehler entlarven und kommt aufgrund intensiver Quellenarbeit auf das Jahr 1590, von dem im Folgenden ausgegangen werden soll.

Vgl.: Böhm, Günter: Die Sephardim in Hamburg, in: Die Juden in Hamburg 1590-1990. Wiss. Beiträge der Uni. Hamburg zur Ausstellung "Vierhundert Jahre Juden in Hamburg", hrsg. v. Arno Herzig, Hamburg 1991. S. 21 - 40. Hier: S. 21.

[8] Vgl.: Böhm, S. 23.

[9] Vgl.: Böhm, S. 23 und Freimark, S. 118.

Nach Freimark ist dieser Friedhof bereits 1611 in Betrieb genommen worden.

[10] Zur Bedeutung des auf Ewigkeit angelegten Friedhofs siehe Kap. 2.6.7.

[11] Vgl.: Freimark, S. 119.

[12] Nach Böhm, S. 22ff.

[13] Vgl.: Ebd.

[14] Andere Protokollbücher und verschiedene Quellen vielen dem großen Brand von 1842 zum Opfer.

[15] Laut dem Protokollbuch der Gemeinde "Bet Israel" für die Jahre 1652 - 1672. Zitiert nach: Böhm, S. 29.

[16] Nach Böhm, S. 32.

[17] Das Wort Aschkenasim kann mit "Juden aus Deutschland" übersetzt werden. Sie bilden neben den Sephardim und den orientalischen Juden die größte Gruppe. Die Flucht nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70) brachte sie an Rhein und Donau, wo sie wirtschaftlich erfolgreich waren und bis nach England expandierten. Während der Kreuzzüge und späterer Diskriminierungen weichen sie nach Osteuropa aus, wo sie die Kultur entscheidend mitprägen (Jiddisch, Chassidissmus). Nach Pogromen und weiteren Wanderungen bildeten sie in Europa und Nordamerika die geistige Elite unter den Juden. Von der Schoa am schwersten betroffen, stellen Aschkenasim seit 1948 die Führungsschicht in Israel.

Vgl.: Geiss, Immanuel: Geschichte griffbereit, Bd. 4: Begriffe, München, Gütersloh 2002, S. 392.

[18] Böhm, S. 47.

[19] Vgl.: Freimark, S. 124f.

[20] Nach: Studemund-Halévy, Michael und Zürn, Gaby, S. 175.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Der jüdische Friedhof Ilandkoppel. Eine geschichtsdidaktische Aufarbeitung für die Schule
Hochschule
Universität Hamburg
Note
nicht benotet
Autoren
Jahr
2005
Seiten
32
Katalognummer
V46511
ISBN (eBook)
9783638436878
Dateigröße
1712 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Friedhof Ilandkoppel in Hamburg steht exemplarisch für jüdisches Leben in Deutschland. Seine Geschichte erzählt von Pogromen, dem Kampf ums Bürgerrecht, von jüdischem Patriotismus im 1.WK und dem Holocaust. Der Hamburger Anwalt Dr. Gabriel Riesser kämpft für Gleichberechtigung und wird Vizepräsident des Paulskirchenparlamentes. Im zweiten Teil geht es um die Vermittlung in der Schule und die Frage, ob deutch-jüdische Geschichte sich nur um Auschwitz dreht.
Schlagworte
Friedhof, Ilandkoppel, Auszüge, Erinnerungsort, Hamburg, Zeugnis, Geschichte, Stadt, Warum, Aufarbeitung, Schule
Arbeit zitieren
Simon Hollendung (Autor)Vanessa Teichmann (Autor), 2005, Der jüdische Friedhof Ilandkoppel. Eine geschichtsdidaktische Aufarbeitung für die Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46511

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der jüdische Friedhof Ilandkoppel. Eine geschichtsdidaktische Aufarbeitung für die Schule



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden