Abwehr von Anglizismen in der französischen Sprache. Anspruch und Wirklichkeit der französischen Sprachpolitik

Exigence et Realité de la politique française et le refus official des anglicismes dans la langue française


Hausarbeit, 2018

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Französisch zwischen Sprachwandel und Sprachnormierung

2. Kurze Entwicklungsgeschichte der französischen Sprache unter Berücksichtigung englischsprachlicher Einflüsse

3 . Historischer Rückblick der Sprachpolitik Frankreichs bis ins 20./21. Jahrhundert

4. Anglizismen im Sprachgebrauch Frankreichs Ende des 20. Jahrhunderts
4.1 Arten sprachlicher Entlehnung
4.1.1 Äußeres und inneres Lehngut
4.1.2 Scheinentlehnungen

5. Diskussion und Umfrage über den Erfolg der Sprachpolitik Frankreichs in der Abwehr von Anglizismen

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

1 . Einleitung: Französisch zwischen Sprachwandel und Sprach- normierung

„Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen aufgefaßt, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes “. (Humboldt 1836, S. 41)

Wie durch das Zitat von Humboldt formuliert, ist die Geschichte der natürlichen Sprache geprägt durch interne (sprachstrukturell, systemabhängige) sowie externe sprachliche Veränderungen, wobei diese durch Sprachkontakt, Sprachmischungen, Migrationsbewegungen, sowie politischen oder gesellschaftlichen Wandel hervorgerufen werden können (Bußmann 2002, S. 623). Der Prozess der Wandlung von Sprachen durch gegenseitige Beeinflussung, bedingt durch Einflüsse und Entlehnungen, ist bekannt als„ Kulturadstrate“ und fand im Französischen schon immer statt. Frühe Entlehnungen waren Latinismen und Gräzismen (gelehrte Wörter) sowie Entlehnungen aus der italienischen, okzitanischen, spanischen und niederländischen Sprache. Seit dem 17. Jahrhundert nahm das Englische die dominante Position ein (Schafroth 2008, S. 187) und wurde Gegenstand kritischer Diskussionen und Reglementierungsmaßnahmen von Seiten der Regierung. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wuchs der angloamerikanische bzw. englische Einfluss auf die europäische Welt im Allgemeinen wie auch in sprachlicher Hinsicht, was dazu führte, dass sich die restriktive Sprachpolitik Frankreichs seither verstärkte.

Die Sprachmischung des Französischen und Englischen wird als Sprachwandel negativ bewertet und wurde in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zum Gegenstand sprachpolitischer, normierender Eingriffe mit dem Ziel, das Französische möglichst rein, d. h. frei von Anglizismen zu halten.

Der Begriff Anglizismus wird in der Literatur uneinheitlich verwendet, sowohl für den diachronischen Prozess der Entlehnung bzw. der Neubildung aus dem britischen/amerikanischen Englisch als auch für synchronische Gegebenheiten wie für das Sprecherbewusstsein z.B. mangelnde Integration oder beide Perspektiven werden miteinander kombiniert ( Höfler 1976. S. 334 ff zit. nach Braselmann 1999, S. 70 ). Für die vorliegende Arbeit soll der Anglizismus als „‘ m o t emprunté à l’anglais ‘“ (Braselmann 1999, S. 70), d. h. als Resultat eines Lehnvorgangs aus dem britischen/amerikanischen Englisch verstanden werden. Wenn in dieser Arbeit von Anglizismus die Rede ist, sind sowohl Einflüsse des britischen als auch des amerikanischen Englischs gemeint, da diese beiden Einflüsse schwer voneinander abgrenzbar sind.

Die weiteren Ausführungen geben nach einer kurzen Zusammenfassung der sprachlichen Entwicklungsgeschichte des Französischen hin zu einer nationalen und internationalen „Idealsprache“ unter besonderer Berücksichtigung amerikanischer sowie englischer Einflüsse einen Überblick, der verdeutlich soll, wie eng geschichtliche Ereignisse mit sprachlenkenden Maßnahmen in Frankreich vor allem seit dem 20. Jahrhundert in Verbindung stehen. Es folgt eine kurze historische Darstellung der Sprachpolitik Frankreichs bis ins 21. Jahrhundert. In diesem Zusammenhang werden wichtige Institutionen und ihre Aufgaben, gesetzliche Regelungen und praktische Maßnahmen der französischen Sprachpolitik vorgestellt.

Im darauf folgenden Kapitel wird die Frage diskutiert, in welcher Form Anglizismen im aktuellen Sprachgebrauch existieren, wie sie entstehen und linguistisch integriert werden. Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit konzentriert sich die Darstellung dabei auf die französische Sprache, die innerhalb der Landesgrenzen Frankreichs gesprochen wird. Anschließend wird die Akzeptanz der Anglizismen im Französischen der Gegenwart thematisiert und welche Erfolgsperspektive sprachnormierende Maßnahmen künftig in einer besonders auch in kommunikativer Hinsicht zunehmend globalisierten Welt haben können. Die theoretische Diskussion wird durch eine Befragung von sechs französischen Muttersprachler_innen über ihre eigene Meinung zur Sprachpolitik Frankreichs sowie eine empirische, nicht repräsentative Untersuchung unterstützt und erweitert.

2. Kurze Entwicklungsgeschichte der französischen Sprache unter Berücksichtigung englischsprachlicher Einflüsse

Die französische Sprache gehört zu den indoeuropäischen Sprachen und hat sich aus dem (Vulgär-)Lateinischen entwickelt (Fallegger 2008, S. 32). Die französische Standardsprache bildete sich im Mittelalter heraus. Aus den romanischen Volkssprachen, einer Sammlung verschiedener Mundarten, entwickelten sich im Laufe des Mittelalters verschiedene Schriftsprachen. Unter ihnen war das Franzische (françois) als Dialekt der Ile-de-France am einflussreichsten. Zum Ende des 12. Jahrhunderts verhalf der wirtschaftliche, politische und kulturelle Aufstieg der Stadt Paris dem Franzischen zu weiterer Anerkennung, sodass es Sprache des gesamten Königreichs und damit prestigeträchtige Hoch- und Verwaltungssprache wurde. Durch die zunehmende Verwendung auch in den ursprünglich lateinischen Domänen, wie theologischen, wissenschaftlichen und technischen Abhandlungen, verbreitete sich das Franzische weiter und wurde im weiteren Verlauf als Französisch angesehen (Ossenkop 2008, S. 72).

Im Verlauf des 13. Jahrhunderts nahmen durch den Machtzuwachs Frankreichs die internationale Geltung und Verbreitung des Französischen zu. Das Siècle de Louis XIV verfestigte den Primat des Französischen gegenüber anderen Sprachen (Müller 1975 S. 18 ff). Im 17. Jahrhundert wuchs die Bedeutung der französischen Sprache durch die politische, kulturelle und zivilisatorische Geltung Frankreichs sowie auf Grund der Verwendung der Sprache bei Hof und der Anwendung als Sprache in Wissenschaft und Diplomatie (Müller 1975, S. 18 ff).

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wird das Französische in den meisten Ländern „als erste Fremdsprache in Schulen, Sprache der Diplomatie, des Handels und Sprache der Kultur“ genutzt (Görlach 2000, S.1121 zit. nach Jansen 2005, S. 199). Dieser Status quo „La langue francaise est désormais le point de communication de tous les peuples de l’Europe“ , zitiert nach Pierre Bayles (1685), konnte bis zum Beginn des ersten Weltkrieges im frühen 20. Jahrhundert aufrechterhalten werden (Müller 1975, S. 18 ff).

Die „ crise du français “ zeigte sich jedoch bereits im 19. Jahrhundert. Sie wurde ausgelöst durch eine Reihe von Faktoren, darunter die Verbreitung der englischen Literatur, die Emanzipation der Nationalliteraturen von französischen Einflüssen, der Aufstieg Englands als wichtigste Kolonialmacht und als Industrieland sowie die kritische Distanzierung Europas von Frankreich in Aufklärung und Laizismus. Die französische Sprache wurde nun von einer Spendersprache für den Wortschatz der Weltsprache zu einer Empfängersprache degradiert und durch das Englische in den Naturwissenschaften, der Medizin und Linguistik sowie einigen Sektoren des internationalen Austausches, z.B. in Technik, Handel, Verkehr und Tourismus verdrängt oder ersetzt (Müller 1975, S. 20). Mit wachsender Begeisterung für den amerikanischen Lebensstil wurde gerade unter jungen Leuten mit der amerikanischen Weltsicht auch die englische/amerikanische Sprache populär und drang seither intensiv in das Französische ein. Die Einflüsse auf die französische Sprache werden seitdem durch moderne (Kommunikations-) Technologien weiter beschleunigt (Fallegger 2008, S. 48). Diese Entwicklung rief immer neue sprachpolitische Regelungen hervor, die im weiteren Verlauf der Arbeit näher erläutert werden sollen.

3. Historischer Rückblick der Sprachpolitik Frankreichs bis ins 20 ./21. Jahrhundert

Wie die Darstellung in Kapitel 2 aufzeigt, hatte das Französische seit dem Mittelalter das Prestige einer Idealsprache inne (Müller 1975, S. 8). Um diesen Status zu erhalten, wurden in Frankreich seit Jahrhunderten zentral gesteuerte Eingriffe in die französische Sprache umgesetzt: Diese Maßnahmen betrafen die Aufwertung des Status des Französischen im Vergleich zum Latein sowie die Verdrängung von Minderheitensprachen auf französischem Territorium (Jansen 2005, S. 199).

Im 16. Jahrhundert fand, ausgelöst durch die Erfindung des Buchdrucks, eine ausführliche Diskussion der Sprachnormen statt, die definiert nach Falleger (2008, S. 31) alle „sozial bedingten Regelungen, die die sprachliche Interaktion bestimmen“ einschließt. Die Diskussion ging mit einer ersten sprachpraktischen Bestandsaufnahme in Wörterbüchern und Grammatiken einher (Ossenkop 2008, S. 73). Im „siècle classique“, in dem Frankreich zu einer zentralistisch gesteuerten Monarchie wurde, gelangte das Thema der Sprachpflege und -regulation an den königlichen Hof. Dabei fällt in der Fachliteratur häufig der Name des Hofdichters François de Malherbes, der erste Normierungs- maßnahmen einleitete und Werke französischer Dichter im Hinblick auf die Regeln der klassischen Rhetorik prüfte und im Zuge dessen Fach- und Fremdwörter ebenso kritisierte, wie Neologismen, Archaismen und Wörter, die gegen den Anstand verstießen (Ossenkop 2008, S. 74). Der Grundstein für die Normierung der Sprache war damit gelegt. Unter der Sprachnormierung wird einerseits die Kodifizierung, andererseits der spätere Ausbau einer sprachlichen Varietät verstanden. Ihr Ziel besteht in einer sanktionierten Festlegung einheitlicher und verbindlicher Sprachnormen mit Hilfe von normativen Grammatiken, Wörterbüchern und Listen mit entsprechenden Terminologien (Fallegger 2008, S. 32).

Claude Favre de Vaugelas, ein weiterer Sprachnormierer, führte Malherbes Werk fort und konzentrierte sich dabei verstärkt auf die Normierung der gesprochenen Sprache. In seinen Remarques sur la langue françoise (1647) definiert er dabei die (höfische) Zielnorm als bon usage (im Unterschied zur mauvais usage der Massenbevölkerung), wie folgt: „ c’est la façon de parler de la plus saine partie de la Cour, conformément à la façon d’escire de la plus saine partie des Autheurs du temps“ (Ossenkop 2008, S. 74)

Im Zuge der weiteren Sprachnormierung im Sinne des bon usage bezogen auf „Einheitlichkeit, Regelmäßigkeit, Unmissverständlichkeit, Wirksamkeit, und möglichst wenig Wandelbarkeit in Raum und Zeit“ der Sprache veranlasste Kardinal Richelieu die Institutionalisierung der Normierung, die zur Gründung der Académie française im Jahr 1634 führte (Ossenkop 2008, S. 74 f). Die Aufgaben der Académie verschoben sich dabei von der Instanz sprachlicher Normalisierung und Normierung im 17. Jahrhundert hin zur Institution der Sprachpflege und Sprachkultur im 18. Jahrhundert (Frey 2000, S. 360 f). Seit der Gründung der Académie erschien in Abständen ein mehrfach neu aufgelegtes und überarbeitetes Akademiewörterbuch, das zum Leitbild der gebildeten Sprache des 18. Jahrhundert avancierte. Ende des 20. Jahrhunderts bildet die Académie die oberste Sprachinstanz, welche vielfältige Beziehungen zu anderen Sprachinstitutionen pflegt (Frey 2000, S. 362).

In den 1960er Jahren werden zahlreiche Sprachpflegeorganisationen gegründet, die jedoch nur einen geringen Einfluss besaßen (Jansen 2005, S. 198 f). In den 70er Jahren wurden von staatlicher Seite verstärkt sprachpflegerische Versuche unternommen, was die besonders starke Reaktion der französischen Sprachgemeinschaft auf den Einfluss des Angloamerikanischen im Vergleich zu anderen Sprachgemeinschaften verdeutlicht (Plümer 2000, S.2). In den 80er und 90er Jahre waren die wichtigsten französischen Sprachinstitutionen u.a. die Délegation générale à la langue francaise, der Conseil Supérieur de la langue francaise und der Haut Conseil de la Francophonie (Frey 2000, S. 362). Es wurden des weiteren Einrichtungen von Terminologiekommissionen bei verschiedenen Ministerien geschaffen, wodurch von staatlicher Seite direkt Einfluss auf die Entwicklung des Wortschatzes genommen sowie gesetzliche Regelungen verabschiedet werden sollten. Seit den 1970er Jahren werden regelmäßig Listen mit Terminologien für die Ersetzung von Anglizismen veröffentlicht (Jansen 2005, S. 200 f). Die Übernahme von Neologismen, also der offiziellen Ersatzwörter in die französische Sprache und damit das Anliegen der Terminologiekommission, ist nach Braselmann (1999, S. 113) von drei Aspekten (Art und Weise der Bildung, Bedingungen der Akzeptanz sowie deren Verbreitung) abhängig, die alle in Beziehung zueinander stehen. Nach Helfrich (1993, S. 288) sind rezeptive Faktoren, wie Gebräuchlichkeit, Einfachheit und Benutzbarkeit ausschlaggebend für ihre Durchsetzung. Aus ihrer empirischen Untersuchung hervorgehend, hebt Braselmann (1999, S. 113) die Existenz durch „normalen“ Sprachkontakt sowie schon bestehende Existenz im Sprachgebrauch als Akzeptanzbedienung hervor.

Gesetzliche Regelungen wie das Loi Bas- Lauriol, das 1977 erlassen wurde, um die Verwendung geächteter Anglizismen in Schul- und Lehrbüchern, Werbeanzeigen, Verpackungen, Verträgen, Urkunden, Quittungen, Stellen- anzeigen usw. zu verbieten, unter Strafe zu stellen und durch französische Entsprechungen zu ersetzten, wurde 1994 durch das Loi Toubon ersetzt. Das bis heute gültige Lois Toubon beinhaltet bei verschärften Strafen ein erweitertes Verbot von Anglizismen für Bereiche des (öffentlichen) Lebens. Hierzu zählen die Geschäftskorrespondenzen, öffentliche Bekanntmachungen, die Sprache im Schulunterricht sowie auf Konferenzen in Frankreich. Zudem sind darin die Zuständigkeiten der insgesamt über 50 staatlichen Kommissionen neu geregelt (Jansen 2005, S. 201 ff).

4. Anglizismen im Sprachgebrauch Frankreichs Ende des 20 . Jahrhunderts

Eine Untersuchung von Presseartikeln aus Le Monde und Le Figaro durch Plümer (2000) zur Verbreitung der Anglizismen in der französischen und deutschen Mediensprache ergab, dass die vorgeschriebenen Ersatzwörter alles andere als durchgängig verwendet wurden und somit den französischen Sprachplanern nur ein Teilerfolg bescheinigt werden kann (Plümer 2000, S. 137). Tatsächlich fanden sich in der Presse zahlreiche Anglizismen, die häufig aus Gründen des Lokalkolorits, der Sprachökonomie und Ausdrucksvariation verwendet wurden (Plümer 2000, S. 258 ff).

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Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Abwehr von Anglizismen in der französischen Sprache. Anspruch und Wirklichkeit der französischen Sprachpolitik
Untertitel
Exigence et Realité de la politique française et le refus official des anglicismes dans la langue française
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Romanisches Spracheninstitut)
Veranstaltung
Aufbauseminar Sprachwissenschaften
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
24
Katalognummer
V465316
ISBN (eBook)
9783668933316
ISBN (Buch)
9783668933323
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anglizismen, Akzeptanz, Umfrage
Arbeit zitieren
Franziska Jäger (Autor), 2018, Abwehr von Anglizismen in der französischen Sprache. Anspruch und Wirklichkeit der französischen Sprachpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465316

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