"Alle politische Macht in der Deutschen Demokratischen Republik wird von den Werktätigen in Stadt und Land ausgeübt", so heißt es im zweiten Artikel der Verfassung der DDR. Dies klingt nach einem progressiv sozialistisch-demokratischen Staat, geprägt von politischer Partizipation. Entsprachen die tatsächlichen Umstände diesem Bild oder war die Realität doch eher von einer in das Private zurückgedrängten, entpolitisierten Gesellschaft gezeichnet?
Als wichtigstes Einflussmittel in Demokratien können Wahlen angesehen werden, da sie über die gewählten Vertreter und Parteien die politische Agenda festlegen. In der DDR wählte der wahlberechtigte Anteil der Bürger die Volkskammer, welche als Parlament wiederum die Zusammensetzung der Regierung bestimmte. Gewählt wurde über Einheitslisten, auf welchen sich Kandidaten der Sozialistischen Einheitspartei (SED), der weiteren Blockparteien und der Massenorganisationen befanden.
Allerdings trügt der Schein eines demokratischen Systems. Die Listen konnte der Wähler nur annehmen oder ablehnen, sodass die Zusammensetzung der Volkskammer und aller anderen Organe wie der Bezirkstage bereits vor den Wahlen eindeutig war. Auch waren die Wahlen nicht geheim. Wer bei der Wahl der Liste zustimmen wollte, musste den Zettel lediglich falten, sodass das Wählen im Volksmund "Zettelfalten" genannt wurde. Nur ablehnende Personen mussten folglich in eine Wahlkammer gehen, um die Namen der Kandidaten durchzustreichen und mussten dieser Handlung folgend mit Konsequenzen wie Bespitzelung durch den Staatssicherheitsdienst rechnen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Möglichkeiten der politischen Einflussnahme in der DDR
Der „Rückzug ins Private“ im Kontext der DDR
War die DDR eine entpolitisierte Gesellschaft?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob die DDR als entpolitisierte Gesellschaft charakterisiert werden kann oder ob der vermeintliche „Rückzug ins Private“ Ausdruck einer spezifischen politischen Dynamik unter den Bedingungen der SED-Diktatur war.
- Strukturelle Möglichkeiten und Grenzen politischer Partizipation in der DDR
- Die Rolle des „Rückzugs ins Private“ als soziale Strategie der Bürger
- Das Spannungsfeld zwischen staatlichem Kontrollanspruch und individueller Nischenbildung
- Definition von Politisierung und Entpolitisierung im historisch-politischen Kontext
Auszug aus dem Buch
Der „Rückzug ins Private“ im Kontext der DDR
Um die von der SED angepeilte Ordnung des Sozialismus zu realisieren, versuchte der Staat in alle Ebenen des Lebens der Bürger vorzudringen, begonnen bei der Erziehung der Jugendlichen und Kinder, welche in der Freien Deutschen Jugend zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden sollten. Zu dieser Beeinflussung im Jugendalter zählte zum Beispiel auch die Jugendweihe, welche als Ersatzkultur den kirchlichen Einfluss mindern und ebenfalls den sozialistischen Charakter fördern sollte. Durch die Verstaatlichung der Betriebe und die Entscheidungsgewalt über Bildungsmöglichkeiten und Wohnungsvergabe besaß der Staat effektive Druckmittel gegen die Bürger. Diese wurden im Falle von fehlender Konformität, also beispielsweise bei Engagement in Kirchen, keiner Mitgliedschaft in den Massenorganisationen und Ablehnung der Einheitsliste eingesetzt. Hierüber hinaus mussten die Bürger mit einer Bespitzelung durch den von zahlreichen Mithelfern unterstützten Staatssicherheitsdienst rechnen. Obwohl diese Kontrolle nicht allumfassend war und die Massenbewegungen am Ende der DDR nicht verhindern konnte, so sorgte sie doch für eine eher kleine Opposition. Die meisten Bürger waren nicht zu politischer Partizipation in der Lage und sahen sich einem ihr Leben entscheidend kontrollierenden Staatsapparat, welcher zudem als „Erziehungsdikatur“ wirkte, gegenüber. Hieraus resultiert, dass Systemkonformität eine Bedingung für ein angenehmes Leben darstellte und dementsprechend zumindest oberflächlich eingehalten wurde. Dies führte zu einem Rückzug der Bürger aus dem politisierten öffentlichen Raum in „ihre kleinen, privaten Nischen und Verantwortungsräume“ – der Rückzug ins Private. Allerdings lässt sich dieser Rückzug nicht nur durch Übermacht und Kontrolle erklären.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Anspruch der DDR-Verfassung auf politische Teilhabe und stellt die Leitfrage nach der tatsächlichen politischen Aktivität versus der Tendenz zur Entpolitisierung der Gesellschaft.
Möglichkeiten der politischen Einflussnahme in der DDR: Dieses Kapitel analysiert das Wahl- und Parteiensystem, zeigt die Dominanz der SED sowie die Beschränkungen durch staatliche Überwachung und Kontrolle auf.
Der „Rückzug ins Private“ im Kontext der DDR: Das Kapitel untersucht, wie staatlicher Druck und die „Erziehungsdiktatur“ die Bürger in den privaten Rückzug drängten, der jedoch auch als Raum für individuelle Sicherheit und Selbstverwirklichung fungierte.
War die DDR eine entpolitisierte Gesellschaft?: Der abschließende Teil reflektiert die Ausgangsfrage und kommt zu dem Schluss, dass die Gesellschaft zwar formal entpolitisiert erscheinen sollte, dies jedoch individuell und im alltäglichen Handeln nur teilweise und nicht vollständig gelang.
Schlüsselwörter
DDR, SED-Diktatur, Rückzug ins Private, politische Partizipation, Sozialismus, Nationale Front, Staatssicherheit, Systemkonformität, Erziehungsdiktatur, Politische Teilhabe, Entpolitisierung, Widerstand, DDR-Verfassung, Zettelfalten, DDR-Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftspolitische Realität in der DDR und hinterfragt, ob die Bürger aufgrund staatlicher Repression in ein unpolitisches Privatleben flüchteten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind politische Partizipationsmöglichkeiten, staatliche Kontrolle, der Begriff des „Rückzugs ins Private“ und das Spannungsverhältnis zwischen Systemanpassung und persönlicher Freiheit.
Was ist die Forschungsfrage?
Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob die DDR als entpolitisierte Gesellschaft betrachtet werden kann oder ob dies nur ein oberflächliches Phänomen unter einer Diktatur war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die auf Basis von Verfassungstexten, Fachliteratur und Quellen zur DDR-Alltagsgeschichte argumentiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Machtstrukturen der SED, die Mechanismen der politischen Einflussnahme und die soziopsychologische Dimension des Rückzugs der Menschen in den privaten Lebensbereich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind SED-Diktatur, Rückzug ins Private, politische Partizipation, Systemkonformität und DDR-Alltag.
Was bedeutet der Begriff „Zettelfalten“ in diesem Zusammenhang?
„Zettelfalten“ bezeichnet die Praxis bei DDR-Wahlen, bei denen ein einfacher Falz des Stimmzettels als Zustimmung zur Einheitsliste galt, um sich der öffentlichen Ablehnung und den damit verbundenen Konsequenzen zu entziehen.
Welche Rolle spielte die Stasi bei der politischen Entpolitisierung?
Der Staatssicherheitsdienst wirkte durch Bespitzelung und Kontrolle abschreckend, was dazu führte, dass viele Bürger aus Sorge vor beruflichen oder sozialen Konsequenzen ein systemkonformes, oberflächlich unpolitisches Verhalten zeigten.
Wurde der „Rückzug ins Private“ nur durch Zwang verursacht?
Nein, der Autor argumentiert, dass neben dem staatlichen Druck auch soziale Sicherheit und das Bedürfnis nach Geborgenheit innerhalb der „Nischen“ eine wesentliche Rolle für den Rückzug spielten.
- Arbeit zitieren
- Leonard Storcks (Autor:in), 2019, Der Rückzug ins Private. War die DDR eine entpolitisierte Gesellschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465416