Auf der Suche nach dem Homunculus

Was ist der Mensch? Was bin ich?


Bachelorarbeit, 2013
65 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Prolog

2. Was bin ich?
2.1. Wo bin ich?
2.1.1. Erste Abzweigung: Herz oder Hirn?
2.1.2. Die Flucht aus dem Raum
2.2. Eine kranke Welt
2.2.1. Eine farblose Welt
2.2.2. Eine zeitlose Welt
2.2.3. Eine uniforme Welt
2.2.4. Eine kalte Welt
2.2.5. Eine erzwungene Welt
2.2.6. Eine unmoralische Welt
2.2.7. Eine selbstlose Welt
2.2.8. Das Ende der RES COGITANS
2.3. Der moderne Leib-Seele-Dualismus
2.3.1. Pim van Lommel
2.3.2. Das kosmische Bewusstsein
2.3.3. Eine neue Welt und ihre neuen Fragen
2.4. Michael Gazzaniga
2.4.1. Ein nicht lokaler Prozess
2.4.2. Der Interpret
2.4.3. Eine neue Ebene der Emergenz
2.5. Antonio R. Damasio
2.5.1. Die Evolution eines Phänomens
2.5.2. Die Geburt des Homunculus
2.5.3. Damasios Irrtum
2.6. Intermezzo
2.6.1. Der Mensch als Nabel der Welt
2.6.2. Die Unsterblichkeit der Seele

3. Was bleibt von mir?
3.1. Die DNS
3.2. Der Pulsschlag
3.3. Die Autobiografie

4. Das The-6th-Day-Experiment
4.1. Der Versuchsaufbau
4.2. Die möglichen Antworten

5. Epilog

Literaturverzeichnis

1. Prolog

Der Begriff „Homunculus“ wird in der modernen Philosophie gerne herablassend und spöttisch gebraucht. Er steht für die überkommene Vorstellung, dass in unserem Kopf ein kleines Menschlein (lat. Homunculus) sitzt, das durch unsere Augen hindurch in die Welt blick und durch unsere Ohren in sie hinaus lauscht und über Strippen unseren Körper wie eine Marionette bedient. Der Homunculus seinerseits ist in diesem Szenario für die eigentliche Wahrnehmung zuständig, sprich: für die eigentliche Umwandlung von äußeren Signalen in innere Bewusstseinsinhalte. Diese Idee führt zu einem infiniten Regreß, denn wie bewerkstelligt der Homunculus diese Verwandlung? Doch wohl nur dadurch dass in seinem Kopf wiederum ein noch kleineres Menschlein sitzt, usw.

In meiner Arbeit werde ich versuchen den Homunculus zu rehabilitieren. Selbstverständlich distanziere ich mich dabei von dieser althergebrachten Definition des Menschen im Menschen und will den Begriff stattdessen mit einer neuen Bedeutung aufladen. Ich verwende das Wort „Homunculus“ als Synonym für unser Bewusstsein als solches, für unser Ich, für unser innerstes Wesen. Der Mensch ist keine Maschine, er nimmt Signale nicht einfach auf, verarbeitet sie und gibt sie wieder aus. Er erzeugt überdies etwas, das ich Perspektivität nennen möchte, eine ganz spezifische Sicht auf die Welt, eine Vorstellung von der Welt, eine eigene Welt. Als Menschen haben wir den Eindruck eine Einheit darzustellen, obwohl wir ganz offensichtlich aus einer Vielzahl von Komponenten bestehen. Und genau diese Einheit möchte ich mit dem Wort „Homunculus“ beschreiben. Die Vorstellung eines Menschleins ist dabei als Metapher zu sehen, eine Metapher für den eigentlichen Menschen, unabhängig von seinem Menschen-Körper. Der Homunculus, das ist das eigentliche Ich, das bereits Freud in strenger Abgrenzung zum schulmeisterlichen Über-Ich und zum triebhaften Es definiert hat.

Ich werde mich mit der Frage beschäftigen was dieser Homunculus nun eigentlich ist, wie er entsteht, wo er sich befindet und welche Eigenschaften er hat. Kurz und gut beschäftige ich mit der zentralen anthropologischen Frage: Was ist der Mensch? Was bin ich?

Hierzu werde ich die Spur des Homunculus aufnehmen und ihn durch unseren Körper hindurch bis in die Windungen unseres Gehirns verfolgen. Von hier aus werde ich ihm, René Descartes als Steigbügel benutzend, in die Welt der RES COGITANS nachfolgen und mit Hilfe der modernen Neurowissenschaft herausfinden, ob er sich tatsächlich noch in dieser unausgedehnten, geistigen Welt aufhalten kann. Sollte dies nicht gelingen, muß ich eine neue Spur aufnehmen und versuchen sein neues Domizil ausfindig zu machen, wobei ich mich auch hier wieder auf Naturwissenschaftler und moderne Leib-Seele-Dualisten stützen möchte.

In weiterer Folge möchte ich meine Analyse aber noch genauer eingrenzen und nicht nur der Frage nachgehen wo sich der Homunculus befindet, sondern auch was seine Identität ausmacht.

Was meine ich mit Identität? Ich meine damit nicht jene Bedeutung wie sie Soziologen verwenden, um die Zugehörigkeit eines Individuums zu einer Gruppe zu beschreiben, alla „der Untertan identifiziert sich mit seinem Herrscher“. Auch meine ich nicht die Definition der Psychologen und Personality Trainer, wenn sie die Identität eines Menschen als die Summe seiner Ziele, Hoffnungen und Einstellungen beschreiben. Diese Formen der Identität sind nur Konstruktionen. Sie haben ihre Berechtigung in den jeweiligen Wissenschaften, sind aber nicht das was ich suche. Ich suche jene Identität, die von Natur aus da ist, sofern es so etwas wie eine von Natur aus vorhandene Identität überhaupt gibt.

Ich meine mit Identität jenes Phänomen, das ich von mir selbst sagen kann, ich (oder besser gesagt mein Homunculus) sei heute der gleiche wie gestern und morgen. Ich beschäftige mich also mit der Frage nach der diachronen Identität, der Identität durch die Zeit hindurch. Was ist es, das mich nicht nur zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einer Einheit macht, sondern zu ein und demselben Wesen im Verlauf vieler Jahre und Jahrzehnte? Was ist das identitätsstiftende Moment in mir? Was bleibt in mir, wenn sich um mich herum alles verändert und gibt es diesen archimedischen Punkt überhaupt?

Ich suche also nach dem Kern meiner Existenz, nach dem Bleibenden im Veränderlichen, um nicht zu sagen: nach meiner Seele. Was ist es, das mich glauben macht, ich sei der gleiche, wie in meiner Kindheit und der gleiche wie die Person, die ich mir in meinen Vorstellungen von der Zukunft ausmale?

Auch hier werde ich wieder Daten von etablierten Neurologen und Kognitionswissenschaftlern sammeln und versuchen diese zu interpretieren. Ich werde versuchen aus den jeweiligen Theorien eine Definition der Identität herauszudestillieren und den jeweils identitätsstiftenden Aspekt zu isolieren. Anschließend werde ich diese Definitionen einer gründlichen Prüfung unterziehen und versuchen eine überschaubare Anzahl von Möglichkeiten aufzuzeigen, die sich aus den diversen Forschungsergebnissen der Naturwissenschaft ergeben.

Ohne das Ergebnis vorweg nehmen zu wollen, gestehe ich jetzt schon ein, dass dieser Überblick unmöglich einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, sondern nur jene Aspekte wiedergibt, die ich bei meiner Analyse berücksichtigen kann. Auch gebe ich vorab zu bedenken, dass es mir nicht möglich sein wird, eine dieser Möglichkeiten als „eindeutig wahr“ herauszugreifen. Dazu sind die Beweislage zu gering und die Unsicherheitsfaktoren zu gewichtig.

Es ist also nicht mein Anspruch eine unbestreitbare und ewig gültige Antwort auf meine Fragen zu finden (dies gilt sowohl für die Frage nach der synchronen als auch der diachronen Identität des Homunculus). Stattdessen zeige ich auf, vor welcher Auswahl wir stehen und welche Fragen dabei jeweils offen bleiben.

Aufgrund der aufgestellten Thematik werde ich zweifellos auch den Bereich der Philosophie of Mind streifen. Doch liegt es mir auch hier fern, endgültige Antworten auf seit Jahrhunderten gestellte Fragen zu liefern. Ich werde lediglich die zugrundeliegenden Probleme dieses Teilbereichs der Philosophie aufzeigen und die aufgezeigten Theorien der Neurowissenschaft und des modernen Leib- Seele-Dualismus auf diese Probleme hin untersuchen.

Generell ist es nicht das Ziel dieser Arbeit die Fragen nach dem Homunculus und seiner Identität aus der Luft heraus zu beantworten. Vielmehr ist es mein Anliegen einige ausgewählte Theorien zu diesen Aspekten der Anthropologie zu befragen. Die zugehörigen Autoren machen es mir dabei nicht immer leicht, denn sie beziehen keine eindeutige Stellung hierzu. Ich werde daher versuchen die Antworten, die ich benötige aus ihren Schriften soweit als möglich abzuleiten und sie anschließend einer entsprechenden Untersuchung unterziehen.

Der Streit um den Leib-Seele-Dualismus, der dabei im Zentrum meiner Analyse steht, ist Jahrhunderte alt und ich bin mir sicher, dass ich nicht auf diesen wenigen Seiten werde klären können. Ich werde stattdessen nur eine Momentaufnahme der aktuellen Positionen und deren Stärken und Schwächen erstellen, wobei ich mich, wie gesagt, auf einige, ganz spezifische Autoren konzentrieren werde. Der Schwerpunkt meiner Arbeit wird dabei auf den aktuellen Ergebnissen der Neurowissenschaft liegen, die ich durch Antonio Damasio und Michael Gazzaniga vertreten wissen will. Aber auch der niederländische Kardiologe Pim van Lommel darf als Vertreter des modernen Leib-Seele-Dualismus zu Wort kommen und seine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zur Nah- Tod-Forschung vorstellen.

Ich konzentriere mich also eher auf die naturwissenschaftlichen Aspekte der Diskussion, philosophische Positionen werden nur insofern für meine Analyse herangezogen, als ich sie auf die jeweiligen Autoren und ihre Veröffentlichungen anwende.

2. Was bin ich?

„Was bin ich?“ – diese zentrale Frage der philosophischen Anthropologie steht im Mittelpunkt meiner Analyse. Genauer: Was ist dieses Ding in mir, das zu sich selbst ‚Ich‘ sagt? Was ist das für ein geheimnisvoller Homunculus, der den Körper steuert und die Welt um ihn herum aus einer ganz spezifischen Perspektive wahrnimmt und wie entsteht diese Perspektivität? Was ist das für ein Ding, das denkt, fühlt, wünscht und entscheidet? Kurz und gut: Was ist der Mensch in seinem tiefsten inneren? Welche Eigenschaften und Fähigkeiten kommen ihm zu? Wir wollen uns also aufmachen, diesen Homunculus, diesen kleinen Mensch im Menschen zu suchen, wir wollen seine Ontologie bestimmen und versuchen sein Wesen zu erfassen.

2.1. Wo bin ich?

Aber wo beginnen wir mit unserer Suche? Ganz klar scheint zunächst: der Homunculus muss sich irgendwo im menschlichen Körper befinden, schließlich erleben wir die Welt durch seine Augen, Ohren und übrigen Sinnesorgane. Wir nehmen die Welt als ein räumliches wie zeitliches Gebilde wahr und unsere Position (jene Position aus der heraus wir diese Welt beobachten) ist immer deckungsgleich mit der Position unseres Körpers. Egal wo wir (unsere Perspektivität) uns gerade befinden, wir finden dort auch unseren Körper. Zwar gibt es auch Berichte über außerkörperliche Erfahrungen, doch sind dies Ausnahmeerscheinungen (ich werde an späterer Stelle nochmals auf die Bedeutung dieser Erfahrungen zurückkommen) und die Wahrscheinlichkeit den Homunculus beim lebenden Menschen innerhalb seines Körpers anzutreffen scheint erfahrungsgemäß wesentlich größer zu sein. Konzentrieren wir uns also zunächst auf unseren Körper und stellen wir uns nun die Frage, wo genau im Körper sich der Homunculus wohl befinden könnte.

Wir wissen, dass unser Körper kein statisches Objekt ist, er wächst und verändert sich unentwegt. Auch im erwachsenen Alter reproduzieren sich unsere Zellen nach wie vor: alte Zellen sterben ab, neue Zellen entstehen, unser Körper erschafft sich Schritt für Schritt immer wieder neu – innerhalb weniger Jahre sind alle Zellen unseres Körpers, alle Atome, aus denen wir einmal bestanden haben, ausgetauscht. Von einem materialistischen Standpunkt aus betrachtet, sind wir nicht mehr dieselben, die wir vor zehn Jahren waren, weil unsere Bestandteile nicht mehr dieselben sind. Es ist beinahe so, als wären wir auf Theseus Schiff, nachdem alle Planken, Bretter und Nägel bereits ausgetauscht wurden und wir uns fragen müssen, ob wir es überhaupt noch mit Theseus Schiff zu tun haben.

Intuitiv betrachtet habe ich nicht den Eindruck als wäre ich heute ein anderer, als vor zehn Jahren und glaube auch nicht dass ich in 40 Jahren ein anderer sein werde und auch niemand anderes würde behaupten dass ich mich auf diese Weise durch die Zeit hindurch verändere. Ein anderer könnte ich höchsten in dem Sinne sein, dass sich mein Charakter verändert hat – so sagen wir oft „er ist wie ausgewechselt“ oder „ich erkenne sie gar nicht wieder“ wenn sich jemand körperlich oder charakterlich stark verändert hat, womit wir aber nicht unterstellen, dass unser Bekannter aufgehört hätte zu existieren und stattdessen durch einen Doppelgänger ersetzt wurde, der seine Identität übernommen hat. Wir verwenden hier lediglich eine Metapher, die unser Erstaunen über die vollzogenen Änderungen zum Ausdruck bringen soll, dass jemand tatsächlich seine Identität verliert und damit seine ganz bestimmte Perspektive auf die Welt, dass ein Körper durch eine andere Identität besetzt werden könnte, halten wir gemeinhin für unmöglich. Selbst wenn ein Mensch eine vollkommene Amnesie erleidet und alle seine Erinnerungen, seine Kindheit, seine Ausbildung, ja selbst seine Abstammung und seinen Namen verliert, gehen wir gemeinhin nicht davon aus, dass er nun ein anderer Mensch wäre – nein, er ist noch immer der selbe Mensch, er hat noch immer die gleiche Perspektive, noch immer den gleichen kleinen Homunculus in ihm. Amnesie bedeutet nur, dass wir uns an unsere Vergangenheit nicht erinnern können, nicht dass es diese Vergangenheit nie gegeben hätte.

Wie also lassen sich diese Auffassungen miteinander vereinen: Wir wissen, dass sich der Homunculus in unserem Körper befindet, jedoch ist unser Körper in ständigem Wandel, der Homunculus dagegen stetig?

Tatsächlich gibt es zwei Ausnahmen von der stetigen Regenerationswut unseres Körpers, die unserem stetigen Homunculus eine mögliche Zuflucht bieten könnten: die Muskelfasern des Herzens und die Neuronen des Gehirns: Herz und Hirn also – Orte, die schon häufig als Sitz der Seele vermutet wurden. Wo aber wollen wir nun weitersuchen, in unserer Brust, oder in unserem Kopf?

2.1.1. Erste Abzweigung: Herz oder Hirn?

Um dies zu entscheiden empfehle ich das bekannte Gedankenexperiment von Hillary Putnam: „Hirn im Tank“. Wir trennen also schlicht und ergreifend Herz und Hirn indem wir das Gehirn in einen Tank mit Nährlösung verpflanzen und über elektrische Signale eine Außenwelt simulieren, die weiterhin mit dem Gehirn interagiert. Das Herz, so wollen wir in einer kleinen Erweiterung des Gedankenexperiments annehmen bleibt ebenfalls am Leben, indem wir den nunmehr hirnlosen Körper künstlich ernähren und beatmen. Wir haben also aus einem Menschen zwei gemacht, beide leben und beide sind theoretisch zur Interaktion mit ihrer Umwelt imstande. Wo aber dürfen wir nun den Homunculus vermuten? Welchem der beiden Gebilde geben wir einen Namen, wem von beiden sprechen wir eine Persönlichkeit zu, wem einen Willen, wem Erinnerungen und wem Gefühle und wer ist auf der anderen Seite bloßes Werkzeug des anderen?

Die Antwort auf diese Frage ist sehr einfach und lässt sich intuitiv beantworten: natürlich befinden wir uns im Gehirn, seine Perspektive ist diejenige die wir annehmen, seine Wahrnehmung (und bestehe sie nur aus künstlich erzeugten elektrischen Signalen) definiert die Welt unseres Geistes. Was ins Gehirn dringt, das dringt auch in unser Bewusstsein. Dagegen ist es beim Herzen ausgesprochen egal, welche Signale und Eindrücke es empfängt bzw. noch verarbeiten kann, mit seiner Tätigkeit ist kein Bewusstsein, keine Perspektive, kein Homunculus verbunden.

Wir haben den Homunculus nun also durch unseren Körper hindurch bis in die Windungen unseres Gehirns verfolgt, doch ist er wirklich hier? Irgendwo hier zwischen unseren Neuronennetzen, Stirnlappen und Hemisphären sollte er doch anzutreffen sein. Doch bislang konnten ihn weder Psychologen, noch Neurologen oder Gehirnchirurgen ausmachen. Weder in Form eines „Superneurons“ das sozusagen die anderen Hirnzellen durch seine bewussten Entscheidungen befehligt, noch als „Seelenkorn“ in dem alle unsere Perzeptionen versammelt wären. Es gibt auch keine Hinweise auf eine Hauptmonade – wie Leibniz sie sich gewünscht hätte –, deren Perspektivität wir annehmen würden und schon gar nicht gibt es dieses kleine Menschlein, das in unserer Hirnschale sitzt und an unseren Nervenfasern zerrt um uns in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Es scheint, als sei uns der Homunculus entkommen, wir haben ihn in unserem Hirn in die Ecke gedrängt und er ist durch einen Geheimgang verschwunden ohne eine weitere Spur hinterlassen zu haben. Aber wo könnte er nur hin sein? Wir wissen doch dass es ihn gibt, wir wissen, dass wir aus einer einheitlichen Perspektive auf die Welt blicken, wir wissen, dass wir über eine Identität verfügen, wir wissen, dass wir eine Einheit sind und nicht etwa die Vielheit unserer Neuronen. Doch wo ist nun dieses einheitliche Zentrum unseres Selbst? Wo ist der Homunculus?

2.1.2. Die Flucht aus dem Raum

Eine mögliche Antwort auf diese Frage liefert uns René Descartes, der französische Philosoph des 17. Jahrhunderts, der so vehement die Existenz der Außenwelt anzweifelt und auf der anderen Seite so fest an die Existenz des eigenen Ichs glaubt. Er hat den möglichen Fluchtpunkt unsere Homunculus identifiziert indem er postuliert es gäbe nicht eine, sondern zwei verschiedene Welten. Die erste Welt, das ist die uns allen bekannte Welt der RES EXTENSA, jene materielle, ausgedehnte Welt, mit all ihren physikalischen Erscheinungen, mathematischen Gesetzen und kausalen Wirkketten. Es ist die Welt um uns herum, die wir täglich wahrnehmen, in der wir uns (respektive unser Körper) bewegen und mit der wir interagieren, die Welt der Blumen und der Bäume, der Meere und Wolken, der Häuser, der Tiere und der Menschen.

Demgegenüber steht die Welt der RES COGITANS, eine geistige, unausgedehnte Welt. In dieser Welt lebt nun der eigentliche Mensch, seine Seele, sein Homunculus wenn man so will. Hier existieren wir unabhängig von unserem Körper, als materie- und formlose Entitäten.

Der Fairness halber sei angemerkt, dass Descartes nicht der erste Denker war, der dieses Weltbild vertrat, schon Platon ging von einer ganz ähnlichen Spaltung der Realität aus und davon, dass die menschliche Seele (unser Homunkulus) Teil der anderen, nicht erfassbaren Welt ist. Und auch diverse Weltreligionen wollen uns ein ganz ähnliches Bild vermitteln. Ein Bild, das mittlerweile so populär ist, dass es immer wieder in Belletristik, Film, Musik, ja selbst in Zeichentrickfilmen wie selbstverständlich Anwendung findet. Das alles zeichnet das Bild eines menschlichen Kerns, einer Selle, eines Homunculus, der unabhängig vom Körper existiert, der ihn verlassen, ja von außen beobachten kann, selbst aber keine materielle Seite hat und sozusagen außerhalb jeder RES EXTENSA steht.

Descartes ist also bei Leibe nicht der einzige, der diese Auffassung vertritt, als neuzeitlicher Denker mit seinem kompakten Modell der zwei Substanzen scheint er mir aber der passendste Kandidat für meine Analyse zu sein.

Die Frage danach, was ich bin bzw. was der Mensch ist, ist bei Descartes demnach einfach zu beantworten: Wir sind Seelen, sind reine, unausgedehnte Substanz, unteilbar, unzerstörbar, unzweifelbar, von Gott geschaffen und deshalb unsterblich.

Die Antwort ist dogmatisch und damit endgültig, denn da wir Substanz sind, können wir auch nicht weiter geteilt und damit nicht weiter untersucht oder hinterfragt werden.

Und wenngleich der ganze Geist mit dem ganzen Körper verbunden zu sein scheint, so erkenne ich doch, dass wenn man den Fuß oder den Arm oder irgendeinen anderen Teil des Körpers abschneidet, darum nichts vom Geiste weggenommen ist. Auch darf man nicht die Fähigkeiten des Wollens, Empfindens, Erkennens als seine Teile bezeichnen, ist es doch ein und derselbe Geist, der will, empfindet und erkennt. (Descartes, 1958, S. 74)

Unsere Suche nach dem Homunkulus endet hier. Aus anthropologischer Sicht ergeben sich dadurch ein paar ausgesprochen interessante Aspekte:

1. Der Mensch hat einen unangefochtenen Sonderstatus in der Natur, denn nur er hat Anteil an der RES COGITANS und hebt sich dadurch eindeutig von der übrigen belebten, wie unbelebten Natur ab. Dadurch wird umgekehrt aber auch alles Nicht-menschliche herabgestuft und seiner Denk- und Empfindungsfähigkeit beraubt.
2. Weil das Denken eine Substanz darstellt, kann sie nicht zerstört werden. Wir sind unsterblich.

[…] [Der] menschliche Geist [besteht] nicht so aus irgendwelchen Akzidenzien […], sondern [ist] eine reine Substanz […]; denn wenn auch alle seine Akzidenzien wechseln, so dass er andere Dinge erkennt, andere will, andere fühlt usw., so wird darum doch nicht der Geist selbst ein anderer, der menschliche Körper dagegen wird allein schon dadurch ein anderer, das sich die Gestalt einiger seiner Teile ändert. Hieraus folgt, dass der Körper zwar äußerst leicht untergeht, der Geist aber seiner Natur gemäß unsterblich ist. (Descartes, 1958, S. 8f)

Der Mensch erhält durch Descartes ein eindeutiges Rollenbild: Er ist im Grunde ein geistiges Wesen, das von der Natur gänzlich verschieden ist, er hat seine eigene Sphäre, die in klar definiert, er ist Geist.

Durch die Philosophie von Descartes erhält das Denken eine enorme Aufwertung, alles Körperliche dagegen ist vergänglich, animalisch und schmutzig und wird damit abgewertet. Der Mensch ist mit seinem Körper zwar aufs Engste verbunden, sogar mit ihm vermischt, sein Denken, also das Ich ist aber doch etwas Grundverschiedenes.

Am Beginn der Neuzeit wird der Mensch durch die kopernikanische Wende aus dem Zentrum des Universums verband, Descartes Meditationen erlauben es ihm aber weiterhin eine Sonderstellung in der von Gott geschaffenen Welt beizubehalten. Die Annahme einer Seele, die vom Körper getrennt werden kann und unsterblich - weil unzerstörbar - ist, unterstreicht die durch Plato und Augustinus geprägte christliche Auffassung vom Menschen und entfremdet das menschliche Denken weiter von seiner Körperlichkeit.

2.2. Eine kranke Welt

Wir haben unseren Homunculus demnach gefunden. Er existiert als geistige Entität, außerhalb der von uns greifbaren Welt. Er ist eine Art unausgedehntes „Seelen-Atom“, das sich nicht weiter zerlegen und hinterfragen lässt. Er existiert per se, ohne irgendwelche Abhängigkeiten und Voraussetzungen und lässt sich nur durch sich selbst beschreiben, er ist ungreifbar, unfassbar und unsterblich.

Diese Annahme klingt intuitiv richtig, doch krankt die Theorie an einigen unbeantworteten Punkten. So stellt sich etwa die Frage wie Körper und Geist überhaupt miteinander interagieren können, wenn sie doch so grundverschieden sind. Wie kann es sein, dass mein geistiger Wille in körperliche Bewegung umgewandelt wird, und wie kann die Wahrnehmung durch meinen Tastsinn ein Bild in meiner Vorstellung erzeugen?

Descartes selbst vermutet, dass es im Menschen einen eigens dafür angelegten Übergang von RES EXTENSA auf RES COGITANS gibt und hat hierbei die Zierbeldrüse im Verdacht. Sozusagen eine Art Portal, durch das der Homunkulus aus der unausgedehnte Welt der Geister in die Welt der Körper eingreifen kann. Allerdings konnte eine derartige Funktion weder an der Zierbeldrüse, noch an irgendeinem anderen Organ jemals festgestellt werden.

Wenige Jahrzehnte nach Descartes erklärten die Occasionalisten, dass es die Interaktion zwischen den beiden Welten gar nicht gäbe. Gott selbst hätte beiden Welten von Anfang an so aufeinander eingestellt, dass mentale Ereignisse und die dazu passenden physischen Aktionen immer gleichzeitig auftreten, ohne sich aber gegenseitig zu verursachen. Gott sei demnach ein Uhrmacher, der zwei hochkomplexe Uhrwerke genauso aufeinander abzustimmen vermag, dass ihre Zeiger bis in alle Ewigkeit simultan laufen, ohne irgendwann neu aufgezogen oder neu eingestellt werden zu müssen. Eine durchaus mögliche Erklärung, die heute allerdings kaum noch Anhänger findet und die angesichts der „Entdeckung des Zufalls“ durch die Quantenphysik wohl um einige zusätzliche Annahmen erweitert werden müsste.

Tatsächlich sind die rein logischen Schwierigkeiten des Leib-Seele-Dualismus nicht seine einzigen Probleme. So enthüllen uns die Archive moderner Neurowissenschaftler Fälle von neurologischen Schädigungen bzw. Erkrankungen, die die Theorie der körperlosen Seele zumindest in arge Bedrängnis bringen. Einige dieser Phänomene seien hier beispielhaft angeführt:

2.2.1. Eine farblose Welt

Es gibt Patienten mit einer Läsion des Schläfenlappens, die ihre Fähigkeit zur Erkennung von Tieren stark einschränkt, nicht aber die von künstlichen Gegenständen oder umgekehrt. [..] Es gibt sogar Hirnverletzte, die kein Obst – und zwar ausschließlich Obst – mehr erkennen können. (Gazzaniga, S. 62)

Offenbar gibt es Menschen, die bestimmte Kategorien von Dingen nicht mehr erkennen und unterscheiden können, diese Fähigkeit aber – so zeigt es die Formulierung des Zitats an – vor ihrer Hirnverletzung problemlos anwenden konnten. Was sagt uns dies über die Fähigkeiten der cartesianischen Seele? Offensichtlich liegt das Vermögen einzelne Dinge, wie etwa Tiere oder Obst zu kategorisieren, nicht in der menschlichen Seele, die ja nach Descartes unteilbar und damit unzerstörbar und unverletzbar ist, sondern im (verletzbaren und endlichen) menschlichen Gehirn. Würde die Seele mit Austreten aus dem Körper – was sie ja nach platonisch-christlicher Überlieferung mit Ende des irdischen Lebens tut – dann nicht eben genau dieser Fähigkeit verlustig gehen? Wenn das Erkennen von Dingen auf Informationen aus dem Schläfenlappen beruht, stünden eben diese Informationen einer rein geistigen Entität nicht mehr zur Verfügung. Unser Homunculus, der es sich in der RES COGITANS gemütlich gemacht hat, kann allem Anschein nach Erdbeeren nicht von Kiwis und Elefanten nicht von Käfern unterscheiden. Nach unserem Tod verlieren wir also die Fähigkeit bestimmte Dinge (womöglich alle) zu kategorisieren – das klingt nach einer erheblichen Einschränkung.

Und nicht nur das:

Die Läsion eines bestimmten Bereichs im Scheitellappen kann zum Beispiel die merkwürdige reduplikative Paramnesie hervorrufen. Der Patient leidet dabei an dem irrigen Glauben, dass ein bestimmter Ort doppelt existiert oder im Raum verschoben worden sei. Eine meiner Patientinnen behauptete standfest, sie befinde sich in ihrem Haus in Freeport, Maine, während ich sie gerade in meinem Büro im New York Hospital untersuchte. (Gazzaniga, S. 61)

Der Homunculus hat also auch keine Vorstellung von räumlicher Orientierung.

Eine weitere absonderliche Störung ist das sogenannte Capgras-Syndrom, beidem eine Störung in dem Hirnareal auftritt, das die Emotionen überwacht. Diese Patienten erkennen zwar enge Verwandte als solche, bestehen aber darauf, dass es sich um einen identisch aussehenden Doppelgänger, wahrscheinlich einen Hochstapler, handeln müsse. [..] Bei dieser Störung sind die Gefühle für einen Verwandten oder Bekannten vom Erkennen dieser Person getrennt. Der Patient verspürt keine Emotionen, wenn er die betreffende Person erkennt […] (Gazzaniga, S. 113)

Der Homunculus ist also nicht einmal in der Lage Freunde und Verwandte wiederzuerkennen, sei es auf emotionaler Ebene wie beim Capgras-Syndrom oder im optischen Sinne wie bei Menschen mit Prosopagnosie.

Der Homunculus weiß nicht einmal was in dem Körper, den er befehligt so vor sich geht. Jede Bewegung, jede Verletzung, ja sogar die aktuelle Position jedes Körperteils bzw. des gesamten Körpers wird ihm erst durch das Gehirn mitgeteilt. Damit einhergehend lassen sich auch sogenannte Out-of-Body-Erfahrungen, bei denen der Mensch glaubt seinen Körper zu verlassen und über seinem leblosen Leib zu „schweben“, als Folge von Gehirnerkrankungen, psychischen Traumata oder experimentellen Manipulationen erklären (vgl. Damasio, 2011, S. 211).

Dass mit der Wahrnehmung unseres Bewusstseins etwas nicht stimmen kann, lässt sich auch in einem ganz banalen Experiment beweisen, dass jeder selbst nachvollziehen kann. Wenn wir nämlich die Nasenspitze mit dem Finger berühren, erhalten wir die zugehörigen Signale aus Finger- und Nasenspitze scheinbar gleichzeitig. Tatsächlich aber muss das Signal aus der Nase nur etwa zehn Zentimeter zurücklegen, das aus dem Finger dagegen etwa einen Meter und kommt damit erst zwischen 250 und 500 Millisekunden später an. Diese zeitliche Verschiebung fällt einer Manipulation unseres Gehirns zum Opfer, einem eingebauten Filter, der alle Informationen der Sinnesorgane (wir sehen, dass die Berührung gleichzeitig stattfindet) aufeinander abstimmt und uns (unserem Bewusstsein) dann einen fertigen Bericht vorliegt, der mit der Wirklichkeit nur noch teilweise übereinstimmt (vgl. Gazzaniga, S. 148).

Der Homunculus, die Seele, das Bewusstsein ist damit nichts weiter als ein Adressat für die Informationen unseres Gehirns. Ohne diesen Informationsfluss aus der RES EXTENSA gehen wir aller dieser Eindrücke verlustig.

Selbst die Farbwahrnehmung, ja sogar die Vorstellung von Farbe ist eine Fähigkeit, die, beruhend auf den Ergebnissen der Neurowissenschaft, gänzlich einzelnen Arealen des Gehirns zuzuschreiben ist (vgl. Damasio, 2006, S. 146). Dies führt uns zu der allgemeinen Frage nach der Wahrnehmung: Wir wissen, dass wir nur durch unsere Augen sehen, nur durch unsere Ohren hören und nur durch unsere Zunge schmecken können, ganz zu schweigen von den Verarbeitungsprozessen unseres Hirns – allesamt Bestandteile unseres vergänglichen Körpers. Hieße dies denn nicht, dass unser Homunculus nicht nur farbenblind, sondern gänzlich blind wäre, dass er Erdbeeren nicht nur nicht erkennen, sondern auch nicht schmecken könnte und Vögel nicht nur nicht kategorisieren, sondern auch nicht hören kann? Wenn unser Homunculus, so wie Descartes behauptet, tatsächlich in der Welt der RES COGITANS unsterblich ist und gänzlich unabhängig von unserem Körper existieren kann, so wäre diese Existenz zwangläufig frei von jeder Wahrnehmung. Er wäre vollkommen auf sein Denken reduziert und jeder Interaktion mit seiner Umwelt (wie auch immer diese dann beschaffen sein mag) beraubt, die Fähigkeit zur Aufnahme von Informationen und zu deren Verarbeitung hat er schließlich mit seinem Körper zurückgelassen.

2.2.2. Eine zeitlose Welt

Bei der transienten globalen Amnesie, die akut beginnt und sich über einen Zeitraum von mehreren Stunden hinzieht, aber meist weniger als einen Tag dauert, verliert ein vollkommen normaler Mensch plötzlich alle Aufzeichnungen, die er kurz zuvor in seinem autobiografischen Gedächtnis gespeichert hat. Dem Geist steht keine Erinnerung mehr von dem zur Verfügung, was in den Augenblicken, Minuten oder Stunden unmittelbar zuvor geschehen ist. Gelegentlich werden auch die Ereignisse der letzten Tage vor dem Anfall nicht erinnert. (Damasio, 2003, S. 245)

Es gibt Menschen, die ihre Erinnerungen verlieren, sei es wie im Fall der oben beschriebenen transienten globalen Amnesie vorübergehen, oder wie im Fall der Alzheimer-Krankheit permanent. Wir wissen auch von Fällen, bei denen Menschen die Fähigkeit neue Informationen zu sammeln und zu speichern gänzlich verlieren (vgl. Damasio, 2003, S. 59). Diese Amnesien gehen häufig mit einem Schädel-Hirn-Trauma, einem Schlaganfall oder mit Ablagerungen im Gehirn (Alzheimer) einher, finden also wiederum im Reich des Hirns und damit der RES EXTENSA statt. Denn durch seine Unteilbarkeit und Unzerstörbarkeit kann der Homunculus in seiner RES COGITANS nicht Träger einer solchen Beschädigung sein.

Bedeutet dies denn nicht auch, dass alle unsere Erinnerungen am Körper hängen und damit vergänglich sind, ja im Falle des Todes gänzlich ausgelöscht werden? Hieße das denn nicht, dass unser Homunculus nicht nur keiner Wahrnehmung fähig ist, sondern auch keiner Erinnerung an das bereits wahrgenommene? Und wäre nicht auch dies wieder eine schreckliche Vorstellung: Nach dem Tod ins Reich der RES COGITANS heimzukehren und keine Erinnerung mehr an sein vorangegangenes, irdisches Leben zu haben, keine Erinnerung an Freunde und Familie, keine Erinnerung an erbrachte Leistungen, keine Erinnerungen an die Schönheit erlebter Augenblicke?

Wenn alle meine Erinnerungen tatsächlich in den Windungen meines Gehirns lagern (und es gibt starke Anzeichen dafür, dass es so ist), können sie nicht an einem gänzlich geistigen Homunculus hängen. Zusammen mit unserem Körper, unserer RES EXTENSA verlieren wir also auch jede Erinnerung an eben diese Welt, auch an alle unsere Gedanken und Gefühle. Auch können wir keine neuen Erinnerungen aufbauen, wenn uns erst mal das physikalische Rüstzeug dazu fehlt. In der RES COGITANS herrscht demnach vollkommene Zeitlosigkeit, alles was wir haben ist der aktuelle Augenblick, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.

2.2.3. Eine uniforme Welt

Zwei Wochen nach der Notoperation begann McHugh plötzlich, Notizbücher mit Gedichten und Versen zu füllen, nicht gerade Shakespeare, aber interessant. [..] Wenig später fing er an zu zeichnen, füllte Hunderte von Blättern mit Bleistiftskizzen seltsam asymmetrisch geformter Gesichter und Figuren. Und als die ihm nicht mehr reichten, bemalte er mit bunten Pastellkreiden die Wände seiner Wohnung. Früher waren die Tattoos auf seinen Oberarmen der einzige Zugang McHughs zur bildenden Kunst gewesen. Mittlerweile ist aus dem nach eigener Einschätzung einst jähzornigen und aggressiven Schläger ein obsessiver Künstler geworden, der bekundet, seine weiblichen Seiten entdeckt zu haben. (Siefer/Weber, S. 9f)

Das angeführte Zitat dreht sich um Tommy McHugh, einen 51-jährigen, britischen Bauarbeiter, straffällig, heroinabhängig, der nach einem geborstenen Aneurysma in seinem Vorderhirn eine erstaunliche Persönlichkeitsveränderung durchmachte.

McHugh hat die Veränderungen die ihm zuteilwurden nicht herbeigesehnt, noch irgendetwas getan um sie zu erlangen, sie sind ihm sozusagen einfach „passiert“, dennoch ist er froh um seine neue Persönlichkeit, die sich so vollkommen von seinem alten Ich unterscheidet. Das freut uns natürlich für ihn, wirft allerdings ein paar ausgesprochen schwierige Fragen auf. Allen voran: Wer ist Tommy McHugh nun wirklich?

Ist er ein gewalttätiger, rücksichtsloser Bauarbeiter, der an einer Gehirnerkrankung leidet, die seine eigentliche Persönlichkeit unterdrückt? Oder ist er ein kreativer, sensibler Künstler, der nach langer Zeit endlich aus seinem Schlummer befreit wurde? Oder ist er womöglich keines von beidem? Ist er womöglich eine dritte Persönlichkeit, die erst durch eine weitere Gehirnblutung befreit werden kann? Und wenn dem so ist, wer bin dann ich? Bin ich im Moment wirklich, der der ich eigentlich bin? Oder bin ich ebenfalls das Opfer einer Gehirnverletzung, die nur noch niemand entdeckt hat? Oder noch schlimmer: bin ich womöglich Gefangener einer fremden Persönlichkeit, die sich meiner bemächtigt hat und kann ich möglicherweise nur durch einen chirurgischen Eingriff von dieser befreit werden?

McHugh ist nicht der einzige Patient, dessen Persönlichkeit sich nach einer neurologischen Verletzung stark verändert. Damasio berichtet uns in seinen Büchern von einer ganzen Reihe an Personen, die nach einem Schlaganfall, einem Gehirntumor oder anderen neurologischen Schadensfällen nicht mehr die gleichen zu sein scheinen. Da ist zunächst die einleitende Geschichte in „Descartes‘ Irrtum“ über Phineas Gage, dem bei einem Arbeitsunfall eine Eisenstange durch das Vorderhirn getrieben wurde und der nach seinem Unfall plötzlich launisch und respektlos wurde, halsstarrig, zugleich wankelmütig und launenhaft. Er reagierte ungeduldig und hatte jedes Taktgefühl verloren. Und obwohl sich keinerlei Einschränkung in seinen sprachlichen, memorischen und kognitiven Fähigkeiten feststellen ließ, war er plötzlich nicht mehr in der Lage einen Job zu behalten, geschweige denn eine Beziehung zu führen. Sein Umgang mit anderen Menschen ließ stark zu wünschen übrig und das alles, obwohl er zuvor mehrmals als vorbildlicher Mitarbeiter und Vorgesetzter gelobt wurde. (vgl. Descartes, 2006, S. 31)

Dann gibt es da noch den Patienten A, der nach einem Schlaganfall nicht nur halbseitig gelähmt war, sondern auch ein ausgesprochen sonderbares Verhalten an den Tag legte:

Vor seiner Krankheit war er höflich und zurückhaltend gewesen, doch jetzt konnte er höchst peinlich aus dem Rahmen fallen. Seine Bemerkungen über andere Menschen, einschließlich seiner Frau, waren lieblos und gelegentlich ausgesprochen grausam. Er prahlte mit seinen beruflichen, körperlichen und sexuellen Leistungen, obwohl er nicht mehr arbeitete, keinen Sport mehr trieb und weder mit seiner Frau noch mit jemand anderem ins Bett ging. (Damasio, 2006, S. 89)

Um physiologisch bedingte Persönlichkeitsveränderungen an Menschen festzustellen, müssen wir im Grunde genommen gar nicht erst nach so extremen Fällen wie jenen von McHugh und Gage suchen. Wir finden sie genauso im gesunden Menschen, wo Hormone, seien sie künstlicher oder natürlicher Herkunft, einen maßgeblichen Einfluss auf unser Verhalten ausüben. Ein Beispiel dafür ist das körpereigene Oxytozin:

Oxytozin kann aber auch bei Geburt, sexueller Reizung von Genitalien und Brustwarzen oder Orgasmus vom Körper freigesetzt werden. Dann wirkt es nicht nur auf den Körper selbst ein [..], sondern auch auf das Gehirn. [..] Generell beeinflußt es ein ganzes Spektrum von Putz-, Fortbewegungs-, Fortpflanzungs- und mütterlichen Verhaltensweisen. In unsrem Zusammenhang noch wichtiger: Es bahnt soziale Interaktionen und fördert die Bindung zwischen Paarungspartnern. (Damasio, 2006, S. 171f)

Oxytozin ist aber nur eine Substanz von vielen. Testosteron, Östrogen, Melanin, Adrenalin, Amphetamine, Alkohol, THC, … die Liste lässt sich endlos fortsetzen.

Was sagen uns nun all diese Fälle? Was bedeutet es, wenn neurologische Erkrankungen und Verletzungen unseren Charakter nachhaltiger beeinflussen als Erziehung und Unterricht dies jemals vermochten? Was heißt es, wenn unser Verhalten durch chemische Stoffe beeinflusst, ja zum Teil überhaupt erst verursacht wird?

Es bedeutet, dass sich unser Homunculus nicht nur von Wahrnehmung und Gedächtnis verabschieden muss, wenn er seinen Körper hinter sich lässt, sondern offenbar auch seinen Charakter. Ein temperamentvoller Mensch ist also ein Homunculus, der lediglich in einem temperamentvollen Körper lebt bzw. mit diesem verbunden ist. Ein geduldiger Mensch ist dagegen ein Homunculus, der in einem geduldigen Körper lebt. Die Homunculi selbst unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht. Denn wenn unsere Charakterzüge dermaßen stark von den Windungen unseres Gehirns abhängen, wenn es sich dermaßen stark durch die RES EXTENSA beeinflussen lässt, kann er nichts sein, das am unteilbaren Homunculus hängt. Wenn die Seele erst den Körper verlässt ist sie bar jeder Eigenheit und eingetreten in die uniforme Welt der RES COGITANS.

2.2.4. Eine kalte Welt

Kann man sich einen Zustand der Wut ausmalen, bei dem man nicht zugleich an die Aufwallungen in der Brust, die Gesichtsrötung, die bebenden Nasenflügel, das Zähneknirschen und den Impuls zu heftigem Handeln denkt, sondern statt dessen an entspannte Muskeln, ruhige Atmung und ein friedliches Gesicht? (Damasio, 2006, S. 180f)

Die Frage, die Damasio hier aufwirft, lässt sich vereinfacht wie folgt formulieren: Können wir uns einen emotionalen Zustand ohne seine körperlichen Manifestationen vorstellen? Intuitiv sind wir der Meinung, dass körperliche Reaktionen durch den psychologischen Zustand der Emotion verursacht werden und nicht umgekehrt. Tatsächlich lassen sich aber einige Phänomene beschreiben, die uns das Gegenteil beweisen. Ein sehr einfaches Experiment kann jeder Leser für sich selbst nachstellen:

So führte beispielsweise ein grob und unvollständig zusammengesetzter glücklicher Gesichtsausdruck dazu, daß die Versuchsperson „Glück“ empfand, ein zorniger Gesichtsausdruck zum Empfinden von „Zorn“ und so fort. (Damasio, 2006, S. 205)

Aber Damasio wäre nicht Damasio, wenn er uns nicht auch einige Extremfälle präsentieren könnte. So beschreibt er gleich in mehreren seiner Bücher das Phänomen der Anosognosie. Diese neurologische Störung wird zumeist durch einen Schlaganfall ausgelöst und zeigt sich vor allem darin, dass die Patienten nicht länger in der Lage sind den Zustand ihres Körpers zu erkennen und zu bewerten. Dieser Umstand erhält seine Dramatik vor allem dadurch, dass der Schlaganfall, der die Anosognosie auslöst, häuft auch eine halbseitige Lähmung des Patienten verursacht und die betroffene Person nicht in der Lage ist diesen Umstand einzusehen. Der Patient weiß, dass er nicht mehr ohne fremde Hilfe aufstehen kann, dass er einen Arm nicht mehr bewegen kann, dass er nur noch auf einer Seite lächeln kann, empfindet dies aber nicht als Problem. „Und nun malen Sie sich aus, daß dieser Mensch das ganze Problem nicht zur Kenntnis nimmt, berichtet, daß ihm nichts fehle und auf die Frage, wie er fühle, mit einem ehrlich ‚gut‘ antwortet.“ (Damasio, 2006, S. 98).

Anosognosiepatienten sind unfähig die, von Damasio sogenannte Hintergrundempfindung, wahrzunehmen. Dabei handelt es sich um einen kontinuierlichen Strom aus Informationen, der von allen Regionen des Körpers an das Gehirn gesendet wird und im Grunde genommen nur signalisiert, dass alles in Ordnung ist. Dieser Informationsstrom wird im Normalfall unterbewusst verarbeitet und erhält nur dann unsere Aufmerksamkeit, wenn er von der Norm abweicht. Das Gehirn eines neurologisch gesunden Patienten würde die fehlenden Rückmeldungen aus der gelähmten Körperhälfte sofort als Störfall wahrnehmen und das Bewusstsein in Alarm versetzen. Tatsächlich ist die verantwortliche Hirnregion bei Anosognosiepatienten gestört und so bleibt der Alarmzustand aus. Die betroffenen sind gelähmt, „wissen“ dies aber nicht.

Dies ist aber nicht das eigentliche Problem des gemeinen Anosognosiepatienten. Viel schwerer wiegt, dass einhergehend mit dem Verlust des Körperbewusstseins auch eine emotionale Erkaltung eintritt. Denn ohne das Gefühl des sich verkrampfenden Magens - keine Aufregung, ohne das Gefühl der sich hebenden Mundwinkel - keine Freude und ohne das Gefühl des im Gesicht aufsteigenden Blutes - kein Gefühl der Scham.

Die Nachricht, daß sie einen schweren Schlaganfall erlitten hätten, daß die Gefahr weiterer Hirn- oder Herzschäden groß sei, oder die Mitteilung, daß sie an einer progressiven Krebserkrankung litten, die jetzt auf das Gehirn übergegriffen habe – kurz, die Nachricht, daß das Leben wahrscheinlich nie wieder sein wird, was es vorher war -, wird gewöhnlich mit Gleichmut oder sogar mit Galgenhumor aufgenommen, aber nie mit Angst oder Trauer, Tränen oder Wut, Verzweiflung oder Panik. (Damasio, 2006, S. 100)

Wie das angeführte Zitat zeigt, sind die Patienten nicht länger in der Lage auf eine adäquate Art und Weise emotional zu reagieren. Die betroffenen Personen zeigen sich in den seltensten Fällen beunruhigt ob ihres Zustands, sie sind nie ängstlich oder zornig, aber auch nicht euphorisch oder glücklich. Sie sind zu kurzen emotionalen Ausbrüchen fähig, die aber ebenso schnell wieder verfliegen, wie sie gekommen sind. Ihr Gefühlsleben lässt sich am besten als verarmt oder „oberflächlich“ bezeichnen. (vgl. Damasio, 2006, S. 89f).

Auch der im vorangegangenen Unterkapitel bereits erwähnte Patient A, leidet an dieser neurologischen Erkrankung. Die Tatsache, dass nach seinem Schlaganfall sowohl eine Änderung der Persönlichkeit, als auch eine emotionale Erkaltung eintrat, ist jedoch kein Zufall. Ganz im Gegenteil: ein verarmtes Gefühlsleben ist gerade die Ursache für den neuen Charakter. Denn zusammen mit der Fähigkeit seine eigenen Gefühle wahrzunehmen, verliert der Patient auch die Fähigkeit die Gefühle anderer Menschen einzuschätzen. Deshalb ist Patient A nicht mehr zurückhaltend, sondern höchst peinlich und ausfallend. Deshalb ist er lieblos, grausam und rücksichtslos gegenüber seinen Mitmenschen. Und deshalb ist er so dermaßen gleichgültig gegenüber seinem sich verschlechternden Gesundheitszustand. Patient A war nicht mehr in der Lage, Gefühle zu erleben, weder in der ersten, noch in der dritten Person.

Ähnliches erzählt uns Damasio über Elliot, einen Patienten, der aufgrund eines Gehirntumors ebenfalls der Wahrnehmung seiner Hintergrundempfindung verlustig ging und infolge seines veränderten Charakters, sowohl seine Anstellung, als auch seine Frau und sein Vermögen verlor.

Elliot war in der Lage, die Tragödie seines Lebens mit einer Distanz zu erzählen, die in keinem Verhältnis zur Bedeutung der Ereignisse stand. [..] In den vielen Stunden unserer Unterhaltung erlebte ich bei ihm nie einen Anflug von Emotion: keine Traurigkeit, keine Ungeduld, keinen Überdruß angesichts meiner endlosen und sich wiederholenden Fragerei. (Damasio, 2006, S. 76f)

Was sagt uns all dies aber nun über die Beschaffenheit unseres Homunculus, wenn unsere Fähigkeit Gefühle zu erleben, offenbar so untrennbar mit der Wahrnehmung unseres eigenen Körpers zusammenhängt? Hieße dies denn nicht, dass unsere RES COGITANS augenblicklich jede emotionale Regung einstellen müsste, sobald sie von der RES EXTENSA getrennt ist? Wenn Wut – wie Damasio schreibt – wirklich nichts weiter ist, als das Gefühl der Aufwallungen in der Brust, der Gesichtsrötung und der bebenden Nasenflügel – Dinge, die sich restlos in der physikalischen Welt unseres Körpers abspielen –, was bleibt dann noch für unseren Homunculus?

Nichts! Ohne den Körper ist der geistige Homunculus nicht länger in der Läge etwas zu fühlen, sei es Ärger, Besorgnis, Euphorie oder Glück. Wie Anosognosiepatienten müssten wir emotional verarmen, unfähig unsere eigenen und die Gefühle anderer zu erkennen. Die Welt der RES COGITANS ist eine oberflächliche, eine kalte Welt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Auf der Suche nach dem Homunculus
Untertitel
Was ist der Mensch? Was bin ich?
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
2
Autor
Jahr
2013
Seiten
65
Katalognummer
V465450
ISBN (eBook)
9783668937932
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie of Mind, selbst, Ich, Damasio
Arbeit zitieren
Dominik Fiegl (Autor), 2013, Auf der Suche nach dem Homunculus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465450

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