Der Irakkrieg nach 2003 im Kontext des Typus "Neue Kriege" nach Herfried Münkler


Hausarbeit, 2019
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1.Einleitung

Als die USA am 20. März 2003 die Luftangriffe auf Bagdad begannen, gerade mal eineinhalb Stunden nach Ablauf des Ultimatums an den irakischen Machthaber Sad- dam Hussein, war sich George W. Bush sicher, dass das Regime schnell entmachtet wäre und danach eine demokratische Führung installiert werden könnte. Doch seitdem die amerikanischen Truppen im Dezember 2011 abgezogen wurden, befindet sich das Land immer noch in bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Mehr als 100 000 Menschen kamen seit 2003 ums Leben, beispielsweise durch Anschläge der Terrororganisation al-Qaida. Es macht den Eindruck, als wäre es nahezu unmöglich einen dauerhaften Frieden herzustellen. Dies könnte an der Vielzahl der Akteure und deren Interessen liegen, die in Konflikt stehen und aus Eigennutz den Krieg am Leben halten wollen. Bei genauerer Betrachtung des Konflikts im Irak fällt auf, dass man ihn keineswegs mit den großen Staatenkriegen aus dem 20. Jahrhundert vergleichen kann. Auch bei der Einordnung in andere Kategorien, wie beispielsweise als Bürgerkrieg 1 gibt es Schwierigkeiten. Es scheint, als würde es im 21. Jahrhundert einen grundlegenden Wandel im Kriegsbild geben. Diese Arbeit zielt darauf ab herauszufinden, inwiefern der Irak im Zeitraum der Anwesenheit der amerikanischen Truppen (2003-2011) in einen Krieg geraten ist, der sich als „neuer Krieg“ nach Herfried Münkler einordnen lässt.

Während meiner Recherche wurde deutlich, dass sowohl das Konzept der neuen Kriege, als auch der Irakkrieg als solcher schon eingehend untersucht worden sind. Der Fokus ist meist auf Völkerrechtsverletzungen der Invasion im Irak oder auf die mediale Darstellung des Krieges gelegt. Die Verbindung zwischen dem Irakkrieg und dem Konzept der neuen Kriege stellt allerdings eine Lücke in der Forschung dar. Ge- nau an dem Punkt soll diese Hausarbeit ansetzen.

Dazu wird zuerst die Entwicklung hin zu den alten Kriegen, also den klassischen zwi- schenstaatlichen Kriegen des 20. Jahrhunderts dargestellt, um dann zu verdeutlichen, welche Änderungen zu einem Wandel des Kriegsbilds geführt haben. Anhand der The- orie der neuen Kriege von Herfried Münkler wird im Anschluss ermittelt, welche grundlegenden Charakteristika heutzutage vorhanden sind. Diese Charakteristika der Entstaatlichung, der Asymmetrisierung und der Autonomisierung werden auf den Irakkrieg seit dem Frieden vom 1. Mai 2003 angewendet und gezeigt, inwiefern er sich als neuer Krieg einordnen lässt. Nicht thematisiert werden hier jegliche Gründe, die zum Eingreifen der USA geführt haben. Auch die Debatte, ob die neuen Kriege wirk- lich ein neues Phänomen darstellen oder nur eine Rückkehr zu Formen von vor dem Dreißigjährigen Krieg sind, wird nicht behandelt.

2. Hintergrund: Die alten Kriege

Bevor eine Darstellung der „neuen Kriege“ und damit verbunden eine Analyse der dahinter stehenden Konzeption erfolgen kann, ist es zunächst notwendig, den klassi- schen Kriegsbegriff zu definieren und zu skizzieren.

Im Vordergrund steht dabei die historisch enge Verbindung von Krieg, Staat und Ter- ritorium, denn die Entstehung des modernen Staates ist nicht ohne Krieg denkbar. So stand nach gängigem Verständnis am Anfang dessen, was unter dem „modernen Staat“ verstanden wird, der Dreißigjährige Krieg in Europa und der damit einhergehende Westfälische Frieden von 1648. Wichtigstes Kennzeichen des Staates wurde infolge- dessen die nach innen und nach außen wirkende Souveränität, sowie das Gewaltmo- nopol innerhalb der territorialen Grenzen. Dieses Gewaltmonopol bedeutete folglich auch seine legitime Alleinverfügung über das Militär, das sich in der Folge des Drei- ßigjährigen Krieges strukturell wandelte. Die Söldner, die vorrangig im 16. und 17. Jahrhundert rekrutiert wurden, wichen durch die Allgemeine Wehrpflicht nach und nach dem Typus des professionalisierten Soldaten, der als Teil einer stehenden Armee im Dienste des Staates kämpfte.2 Schließlich war nur noch der Staat dazu in der Lage, für die dramatisch gestiegenen Kosten aufzukommen, etwa durch Steuereinnahmen.3

Dies beseitigte das Prinzip, der Krieg müsse sich selbst ernähren, denn selbst in Frie- denszeiten wurde der Soldat entlohnt. Für die Erscheinungsform des Krieges bedeutete dies vor allem eine Verlagerung zwischenstaatlicher Probleme und Konflikte auf das Schlachtfeld, da es mit dem Westfälischen System legitim wurde, Krieg als Mittel zur Durchsetzung von Interessen eines Staates zu nutzen. So gilt auch die klassische De- finition des Krieges von Clausewitz: Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.4

Eine weitere Folge der Grenzziehung zwischen Krieg und Frieden war auch die zu- nehmende Verrechtlichung des Krieges, die sich später in den Konventionen des Völ- kerrechts ausdrücken sollte. Als wichtigste Unterscheidung kann die zwischen Kom- battanten und Nonkombattanten gelten, weiterhin auch die zwischen der legalen An- wendung von Gewalt in Form von Kriegshandlungen einerseits und Kriminalität und Kriegsverbrechen andererseits.5 Staat und Krieg sind also eng verbunden, Höhepunkte dieser Entwicklung waren die beiden Weltkriege, in denen die gesamte Wirtschaft im Falle der Mobilmachung auf den Krieg ausgerichtet wurde, Krieg und Staat geradezu verschmolzen. Das Vorhandensein eines staatlichen Gewaltmonopols bestimmt daher seit langem die Sicht auf den Krieg.

Durch diese Vorüberlegungen wird bereits deutlich, dass dem Verhältnis zwischen Staat und Krieg bei der Analyse der „neuen Kriege“ eine Schlüsselrolle zukommen muss.

3. Forschungsstand

Es ist schwierig präzise festzustellen wann der Begriff der neuen Kriege und die da- hinterstehende Idee vom Wandel des Kriegsbildes entstanden sind. Mary Kaldors „Neue und alte Kriege“6 spielte eine Schlüsselrolle, denn sie hat den Begriff als erste konzeptualisiert. Kaldor sieht die Ursache im Auftauchen neuer Kriege vor allem in der Globalisierung. Sie unterscheiden sich in Ziel, Akteuren und Methoden von den alten Kriegen. In einer ausführlichen Fallstudie zu Bosnien-Herzegowina wird der Ty- pus des neuen Kriegs veranschaulicht und Lösungsansätze in Form von Governance- Strukturen wie Nichtregierungsorganisationen vorgestellt. Auch wenn Kaldor die erste war, die die neuen Kriege als solche zu erklären versuchte, kam bereits nach dem Kal- ten Krieg die Idee von einem Wandel des Kriegsbilds auf, vor allem entwickelt von Martin Van Creveld.7 In seinem 1991 erschienen Buch „Transformation of war“8 stellt er zunächst einen Wandel in der Kriegsführung fest und stellt sich mit seiner These dem trinitarischen Ansatz von Clausewitz gegenüber. Er stellt fünf Schlüsselaspekte dar, unter anderem Akteure, Ziele und Motivation, die als Ansatz zur Analyse neuer Kriege dienen sollen um Kriegsführung dem Wandel des Kriegsbilds anzupassen. Im deutschsprachigen Raum hat vor allem Herfried Münkler in seinem Buch „Die neuen Kriege“ von 2002 diesen Wandel aufgegriffen, auf dem diese Arbeit maßgeblich be- ruht. Allerdings gibt es kein eindeutiges Konzept hinter dem Begriff der neuen Kriege, denn alle Autoren legen andere Bestandteile und Kriterien fest und sehen die Ursachen verschieden. Damit verliert aber die Hauptaussage der Autoren, es sei nach Ende des Kalten Kriegs eine neue Ära der Kriegsführung angebrochen, nicht an Bedeutung, denn auch in aktuellerer Literatur wie „The Changing Character of War“9 wird der Wandel ausführlich beschrieben und hinterfragt. Diskutiert wird des Weiteren, ob die neuen Kriege wirklich ein neues Konzept der Kriegsführung darstellen oder ob die Veränderung des Kriegsbilds nicht als Rückkehr zu Mustern von vor dem Dreißigjäh- rigen Krieg verstanden werden muss10, wie von Klaus-Jürgen Gantzel geltend gemacht wurde.11 Zu den größten Kritikern gehören Erhard Eppler, der kritisiert hat, dass die nach 1945 ausgebrochenen Kriege nicht unter einen homogenen Begriff gefasst wer- den können.

4. Theoretischer Rahmen: Die neuen Kriege

Die Hamburger Arbeitsgemeinschaft für Kriegsursachenforschung (AKUF) hat in An- lehnung an den ungarischen Friedensforschers István Kende eine Definition entwi- ckelt. Demnach ist ein „Krieg“ ein „gewaltsamer Massenkonflikt“, der folgende Merk- male aufweist: An den Kämpfen sind zwei oder mehr Parteien beteiligt, davon auf mindestens einer Seite reguläre Streitkräfte der Regierung. Des Weiteren muss die Kriegsführung auf beiden Seiten durch eine zentrale Organisation gelenkt werden und die bewaffneten Operationen müssen eine Kontinuität und Strategie aufweisen.12 Dies mag auf viele Kriege zutreffen, wie zum Beispiel in Syrien wo die Regierung unter Führung von Baschar al-Assad gegen die Rebellen der Freien Syrischen Armee seit 2011 vorgeht und mit dem Islamischen Staat ein weiterer organisierter Akteur das Ge- schehen beeinflusst.13 Jedoch ist auch der in Syrien geführte Krieg kein klassischer Staatenkrieg des 20. Jahrhundert. Die Veränderung bewaffneter Konflikte nach dem Ende des Kalten Krieges theoretisiert auch Herfried Münkler mit dem Erklärungsan- satz der neuen Kriege. Die Theorie betrachtet die klassischen Zwei-Staaten-Kriege als überholt, vielmehr spielen jetzt Akteure wie Paramilitärs oder private Akteure wie Si- cherheitsfirmen eine Rolle. Die neuen Konflikte finden vor allem in Staaten statt, die mit Zerfall zu kämpfen haben beziehungsweise bereits als „failing state“ bezeichnet werden können. Die Basis für diese Annahmen bilden drei Säulen: Entstaatlichung, Asymmetrisierung und Autonomisierung.

[...]


1 Armitage, David: Bürgerkrieg, Stuttgart: Klett-Cotta 2018.

2 Herberg-Rothe, Andreas: Der Krieg. Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl., Frankfurt/New York: Campus Verlag 2017, S. 61ff.

3 Münkler, Herfried: Die neuen Kriege, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2004, S. 109.

4 Clausewitz, Carl von: Vom Kriege, Sofia: Historia Media 2018, S. 16.

5 Genfer Abkommen IV vom 12. August 1949 über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten.

6 Kaldor, Mary: Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung, Berlin: suhrkamp 2007.

7 Berdal, Mats: The New Wars Thesis Revisited, in: The Changing Character of War, Strachan, Hew, Scheipers, Sibylle (Hrsg.), Oxford: Oxford University Press 2011, S. 109-129.

8 Creveld, Martin Van: Die Zukunft des Krieges, 2. Aufl., München: Gerling Akademie Verlag 2001.

9 Strachan, Hew/ Scheipers, Sibylle: The Changing Character of War, Oxford: Oxford University Press 2011.

10 Sofsky, Wolfgang: Zeiten des Schreckens. Amok Terror Krieg., 2. Aufl., Berlin: S. Fischer 2002, S. 147-183.

11 Gantzel, Klaus-Jürgen: Neue Kriege? Neue Kämpfer? Vortrag vom 30. Mai 2002 in der Vortragsreihe „Die Welt nach dem 11. September“. https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich- sowi/professuren/jakobeit/forschung/akuf/archiv/arbeitspapiere/neuekriege-gantzel-2002.pdf , 20.02.2019, 11.04 Uhr.

12 Arbeitsgruppe für Kriegsursachenforschung (AKUF), https://www.wiso.uni- hamburg.de/fachbereich-sowi/professuren/jakobeit/forschung/akuf/kriegsdefinition.html , 01.03.2019 um 16.11 Uhr.

13 Lemke, Bernd (Hrsg): Irak und Syrien, Paderborn: Schöningh 2016.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Irakkrieg nach 2003 im Kontext des Typus "Neue Kriege" nach Herfried Münkler
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Sicherheitspolitik in einer globalisierten Welt
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V465684
ISBN (eBook)
9783668923980
ISBN (Buch)
9783668923997
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entstaatlichung, Irak, Besatzung, USA, Autonomisierung, Asymmetrisierung
Arbeit zitieren
Judith Kiene (Autor), 2019, Der Irakkrieg nach 2003 im Kontext des Typus "Neue Kriege" nach Herfried Münkler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465684

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