Das Alte Testament im Neuen


Hausarbeit, 2018
31 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Gesetz bei Paulus
2.1 Das Gesetz im Galaterbrief
2.2 Das Gesetz im Römerbrief
2.3 Zusammenfassung: Gesetz bei Paulus

3. Alter Bund und Neuer Bund
3.1 Die Herrlichkeit des Dienstes im Neuen Bund
3.2 Zusammenfassung: Alter Bund und Neuer Bund

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Hausarbeit ist mein Lerntagebuch zu den Inhalten des Moduls „Fragen und Verstehen der Bibel“. Aufgrund meiner persönlichen Auswahl der Themenschwerpunkte, werde ich vorwiegend auf das Seminar „Das Alte Testament im Neuen“ bei Frau Dr. Albrecht aufbauen. Auf die Vorlesung „Der erste Brief an die Korinther“ bei Herrn Prof. Dr. Weiß werde ich lediglich im Schlussteil eingehen.

Für die Hausarbeit habe ich mir die Schwerpunkte „Gesetz bei Paulus“ und „Alter Bund und Neuer Bund“ gesetzt. Zum einem aus persönlichem Interesse, zum anderen aufgrund des inhaltlichen Zusammenhangs der beiden Themenschwerpunkte. Die anderen im Seminar behandelten Themen, wie beispielsweise „Das Gesetz in den synoptischen Evangelien“ oder „Israel bei Jesus und in den Evangelien“ werde ich dabei außer Acht lassen. Diese bewusste Entscheidung für oder gegen bestimmte Themen ist für mich dabei der besondere Reiz eines Lerntagebuches. Das Lerntagebuch ermöglicht es mir, mich mit den für mich interessanten Themen auseinanderzusetzen. Dabei kann ich eigenständig entscheiden, wie tief ich in die Thematik eintauche. Im Hinblick auf meine spätere Tätigkeit als Lehrerin begrüße ich es sehr, mich nicht auf ein Thema beschränken zu müssen. Denn als angehende Religionslehrerin ist es wichtig, ein möglichst breit gefächertes Wissen aufzubauen. In meinen Augen ist es trotzdem nicht sinnvoll alle Themen zu bearbeiten und diese dafür nur oberflächlich zu betrachten. Deswegen habe ich mich für die zwei genannten Themenschwerpunkte entschieden, da die Auseinandersetzung mit zwei vernetzten Themen für mich den größten Lernerfolg darstellen wird. Bei beiden Themenschwerpunkten setze ich mich bewusst nur mit den paulinischen Ansichten auseinander. Es ist mein persönlicher Anreiz mich mit der paulinischen Theologie auseinandersetzen, da ich es zuvor noch nicht in diesem Umfang getan habe.

Den Beginn der Hausarbeit wird ein kurzer Einblick in die Forschung rund um das Thema Gesetzesverständnis bei Paulus darstellen. Dies stellt für mich einen sinnvollen ersten Schritt dar, um das Thema in dem neutestamentlichen Kontext einordnen zu können. Dieser Schritt soll nicht darauf hinausführen die Vielfalt der einzelnen Forschungsbeiträge darzustellen oder gar die „einzig richtige Position“ zu benennen. Vielmehr geht es mir darum, einen Überblick über den Gegenstand des Themas zu verschaffen. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Forschungsbeiträgen zu einem Thema gibt bereits einen ersten Einblick in die Komplexität der Thematik und hebt wichtige Aspekte hervor. Von diesem Standpunkt aus sollen die, für das Thema wichtigen Stellen, bearbeitet werden. Im Seminar haben wir bereits verschiedene Stellen aus dem Galater- und Römerbrief bearbeitet. Ich habe mich bewusst dazu entschieden erneut einen Blick in diese beiden Briefe zu werfen, um mich weiter mit deren Inhalten zum Thema Gesetz auseinanderzusetzen. Da sich im Galater- und Römerbrief die wichtigsten Gesetzesaussagen des Paulus befinden1, wäre es für mich in diesem Zusammenhang wenig sinnvoll andere Briefe zu betrachten. Dabei habe ich darauf geachtet möglichst neue Stellen zu bearbeiten, und nicht nur die bereits im Seminar behandelten Abschnitte aufzunehmen. Um das Thema Gesetz einzugrenzen, habe ich dabei vor allem die Funktion des Gesetzes genauer betrachtet. Als Abschluss des Kapitels werde ich ein kurzes Fazit mit Bezug zu der anfänglich genannten Forschung geben.

Nachdem ich das Thema „Gesetz bei Paulus“ abgeschlossen habe, wird der nächste Schwerpunkt das Thema „Alter Bund und Neuer Bund“ bilden. Dabei werde ich zunächst eine Begriffsklärung vornehmen. Anschließend werde ich das dritte Kapitel des zweiten Korintherbriefes betrachten, da es eine der wenigen expliziten Aussagen des Paulus zum Neuen Bund enthält.2 Hierbei möchte ich die im Seminar erarbeiteten Erkenntnisse weiter vertiefen. Es interessiert mich vor allem, wie der Neue Bund charakterisiert wird und in welchem Verhältnis er zum Alten Bund steht. Löst der Neue Bund den Alten Bund ab? Im Fazit des Kapitels werde ich zudem andere Bundesaussagen des Paulus hinzuziehen, sodass eine fundierte Antwort auf die Fragestellung gegeben werden kann.Im Schlussteil werde ich die gesammelten Erkenntnisse Revue passieren lassen. Dabei werde ich allgemein darstellen, was ich von der Auseinandersetzung mit der Thematik „Das Alte Testament im Neuen“ mitnehmen werde und wie ich das Thema in meiner späteren Tätigkeit als Grundschullehrerin einbringen kann.

2. Das Gesetz bei Paulus

Bei der Beschäftigung mit dem Thema Gesetz in den paulinischen Briefen ist das Gesetzesverständnis des Paulus von enormer Bedeutung. Allgemein ist festzuhalten, dass Paulus die Grundkonzeption seines Gesetzesverständnisses bereits auf dem Apostelkonvent vertreten hat. Paulus verteidigte die gesetzesfreie Verkündigung unter den Heiden, da das Gesetz als Heilsweg für ihn keine Rolle mehr spielte.3 Auffällig ist, dass in den Paulusbriefen vor der Zeit des Auftretens der judaistischen Gegner das Gesetz nirgendwo bewusst thematisiert wurde, sondern beiläufig auftrat. Dies erscheint einleuchtend, da erst das auf die Gesetzesfrage zielende Wirken der Gegner, das Thema in den heidenchristlichen Gemeinden akut wurde und in den Vordergrund trat.4 Die Frage nach dem Gesetzesverständnis bei Paulus ist ein sehr intensiv behandeltes neutestamentliches Thema.5 Beim Vergleich der einzelnen Gesetzesaussagen, sind starke Unterschiede erkennbar. Dies führte in der Forschung zu der historischen Frage, ob Paulus eine einheitliche Konzeption seines Gesetzesverständnisses zeigt, oder ob es eine Entwicklung im Denken des Paulus gibt.6 Diverse Theologen vertreten die Auffassung, dass das Verständnis innerhalb der einzelnen paulinischen Briefe uneinheitlich ist. Dazu gehört unter anderem Hans Hübner, welcher von einer Entwicklung der paulinischen Gesetzesauffassung spricht. Für ihn sind vor allem die erheblichen Unterschiede der Gesetzesaussagen im Galater- und Römerbrief ein Indiz für die inhaltliche Verschiebung des Gesetzesverständnisses.7 Ein weiterer namhafter Vertreter dieser Ansicht ist Ulrich Wilckens. Auch er begründet die These der Entwicklung auf Grundlage des Galater- und Römerbriefes. Im Galaterbrief würde Paulus das Gesetz scharf attackieren, während er sich im Römerbrief sachlicher mit dem Gesetz auseinandersetze. Dies spricht, laut den beiden Theologen, für eine Entwicklung des Verständnisses.8 Im Kontrast zu Hübner und Wilckens spricht sich Ferdinand Hahn gegen eine Entwicklung aus. Für ihn lassen sich die variierenden Gesetzesaussagen mit den unterschiedlichen Situationen auf die Paulus reagiert erklären. Die einzelnen Spannungen zwischen den Aussagen haben somit einen erkennbaren Grund. Außerdem können die Aussagen in den Briefen als Ergänzungen verstanden werden.9 Auch die Frage, ob Paulus das Gesetz ablehnt oder anerkennt, ist ein viel bearbeitetes Thema. Es wird jedoch vermehrt ersichtlich, dass ein einseitiges Verständnis im Sinne der Ablehnung oder Anerkennung den paulinischen Aussagen nicht gerecht wird. Vielmehr lässt sich bei Paulus ein dialektischer Umgang mit dem Gesetz feststellen.10

Aufgrund des Umfangs dieser Hausarbeit kann nicht weiter auf die Vielfalt der einzelnen Forschungsbeiträge eingegangen werden. Der kurze Einblick in die neutestamentliche Forschung zeigt bereits, dass es keinesfalls eine einheitliche Meinung zu dem Thema Gesetzesverständnis bei Paulus gibt. Dies liegt unter anderem an der Mehrdeutigkeit Paulus. In Paulus konkurrierten unterschiedliche Sichtweisen, welche er nicht harmonisierte oder systematisch zusammenfasste. Bei dem Versuch der nachträglichen Harmonisierung in eine bestimmte Richtung liegt es deswegen auf der Hand, dass es zu Unstimmigkeiten kommt. Diese Widersprüche müssen ertragen werden, um die paulinische Sichtweise annähernd verstehen zu können.11 Festzuhalten ist, dass die Mehrheit der Ausleger von einer Einheitlichkeit des Gesetzesverständnisses ausgehen. Die einzelnen Aussagen der Briefe decken sich zwar nicht, können aber als Ergänzungen verstanden werden.12

Im Seminar haben wir uns mit verschiedenen Gesetzesaussagen im Römer- und Galaterbrief auseinandergesetzt. Ich werde mich nun erneut mit diesen Briefen auseinandersetzen, da sich im Römer- und Galaterbrief die wichtigsten Texte zum Thema Gesetz befinden.13 Vor allem die Frage nach der Funktion des Gesetzes ist für mich dabei von besonderem Interesse. Was war der Zweck des Gesetzes in Gottes Plan? Als Pharisäer glaubte Paulus daran, dass das Gesetz zum Heil führt. Der Apostel Paulus sah in dem Glauben an Christus die Rettung der Menschen. Wenn also das Gesetz nicht mehr die Funktion der Rettung haben kann, ist die Frage, welche Funktion es anstelle dessen hat.14 Wie Paulus die Funktion des Gesetzes im Galater- und Römerbrief beschreibt, werde ich deswegen im Folgenden betrachten.

2.1 Das Gesetz im Galaterbrief

Bevor es inhaltlich um die Gesetzesaussagen des Galaterbriefs gehen kann, soll zunächst eine kontextuelle Einordnung erfolgen. Generell sollten Bibelstellen nie ohne ihren Kontext betrachtet werden, da dieser bereits Erklärungen für bestimmte Stimmungen oder Formulierungen im Text geben kann. Es ist wichtig zu wissen, an wen Paulus den Brief adressierte und warum es zur Verfassung des Briefes kam.

Der Brief ist Zeugnis einer Krise zwischen der galatischen Gemeinde und Paulus. Es geht vor allem um die Rückkehr der Galater zum Evangelium. Um dies zu erreichen wurde der Brief sorgfältig literarisch gestaltet und besitzt eine scharfe Polemik.15 Das Ziel des Briefes wird bereits in Gal 1,6-9 deutlich. Paulus äußert sich verwundert über die schnelle Abkehr der Galater vom Evangelium. Die Schuld findet er bei den Gegnern, judenchristlichen Missionaren.16 Im Galaterbrief setzt Paulus sich also mit judenchristlichen Gegnern auseinander, welche die Beschneidung der Heidenchristen fordern. Zeitgleich sieht Paulus sich gezwungen seine Legitimität als Apostel und die unabhängige Heidenmission zu rechtfertigen.17 Allgemein ist festzustellen, dass der Galaterbrief den Charakter einer Kampfschrift hat.18 An keiner anderen Stelle setzt Paulus sich so radikal mit dem alttestamentlichen Gesetz auseinander wie in dem Galaterbrief.19 Paulus sieht die zentrale Aussage des Evangeliums vom befreienden Tod Christi durch die judenchristlichen Gegner infrage gestellt. Im Galaterbrief findet eine prinzipielle Gegenüberstellung von Gesetzeswerken und dem Glauben an Jesus Christus statt. Dies hängt zum einen mit der Beschneidungsforderung der Judenchristen zusammen, aber auch mit der christologischen Grunderkenntnis des Apostels.20 Die Themenschwerpunkte des Briefes bilden die Frage nach der Unabhängigkeit und göttlichen Autorität des Apostels, die Rechtfertigung aus dem Glauben und das Leben in Freiheit vom Gesetz und im Geist.21

Bezogen auf das Thema Gesetz geht es vor allem um die Frage nach der Bedeutung des Gesetzes für Christen. Wie muss das Gesetz getan werden? Muss es überhaupt getan werden? Im Folgenden möchte ich an einem Textbeispiel darstellen, wie Paulus sich im Galaterbrief mit dem Gesetz auseinandersetzt. Im Seminar haben wir uns unter anderem mit dem Abschnitt Gal 3,10-14 auseinandergesetzt. Wir kamen zu dem Schluss, dass im Menschsein das Gesetz nicht erfüllt werden kann. An dieser Stelle wird deutlich, dass der Kreuzestod Jesu eine universale Heilswirkung hat. Das Gesetz ist ein Fluch bringender Faktor, welchem durch den Kreuzestod Jesu ein Ende gesetzt wurde.22 Ich werde mich mit dem Abschnitt Gal 3,19-25 auseinandersetzen, da an diesem wunderbar deutlich wird, welche Funktion das Gesetz in den Augen des Paulus hat. Die Textstelle ist Teil des theologisch-argumentativem Abschnittes (3,1-5,12), in welchem Paulus darlegt, warum die Galater den Beschneidungsforderungen nicht folgen sollten.23 In den zuvor stehenden Versen 15-18 wurde bereits die heilsgeschichtliche Nachordnung des Gesetzes gegenüber der Verheißung dargelegt.24

19 Was soll dann das Gesetz? Es wurde hinzugefügt um der Übertretungen willen, bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gilt; verordnet wurde es von Engeln durch die Hand eines Mittlers. 20 Ein Mittler aber ist nicht Mittler eines Einzigen, Gott aber ist Einer. 21 Wie? Ist dann das Gesetz gegen Gottes Verheißungen? Das sei ferne! Denn nur, wenn ein Gesetz gegeben worden wäre, das lebendig machen könnte, käme die Gerechtigkeit wirklich aus dem Gesetz. 22 Aber die Schrift hat alles eingeschlossen unter die Sünde, damit die Verheißung durch den Glauben an Jesus Christus gegeben würde denen, die glauben. 23 Ehe aber der Glaube kam, waren wir unter dem Gesetz verwahrt und eingeschlossen, bis der Glaube offenbart werden sollte. 24 So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden. 25 Da nun der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister.“ (Gal 3,19-25)

In Gal 3,19 werden vier Aspekte behandelt: Wozu das Gesetz da ist, wie lange es gilt, wer es gegeben hat und durch wen es vermittelt wurde. Dabei wird erstmals die Frage nach der Funktion des Gesetzes beantwortet. Während der Pharisäer Paulus die Überzeugung vertrat, dass die Tora von Gott gegeben war und die Einhaltung des Gesetzes zum Heil führt, stellt der Apostel Paulus es an dieser Stelle anders dar. Unter der Formulierung „es wurde hinzugefügt um der Übertretungen willen“ wird deutlich, dass für Paulus das Gesetz eine Offenbarungsfunktion hat. Es soll die Sünde offenbaren und diese als Übertretung eines Gebotes darstellen. Zudem ist erkennbar, dass die Funktion des Gesetzes zeitlich begrenzt ist.25 Von der Interpretation, dass das Gesetz gegeben wurde um Übertretungen zu provozieren, möchte ich an dieser Stelle Abstand nehmen. Denn die Sünde war schon vor dem Gesetz da und wird durch das Gesetz erst als solche festgestellt und zur Erkenntnis gebracht.26 Die Veranlassung und Aufgabe des Gesetzes wird an dieser Stelle somit keinesfalls gut dargestellt. Das Gesetz hat keine Kraft die bereits bestehende Sündhaftigkeit zu heilen.27 Wer an dieser Stelle als Urheber des Gesetzes angesehen wird, wird unterschiedlich interpretiert. Hübner entwarf das Modell einer dreifachen Unterscheidung. Er unterscheidet dabei in die ursprüngliche Intention Gottes, die immanente Intention Gottes und die Intention der Gesetzgeber. Durch diese Interpretation kann die gesamte Argumentation des Paulus in Gal 3 ohne Widersprüchlichkeiten gelesen werden. Denn auf dieser Grundlage kann V. 19 so gelesen werden, dass die Tora nicht aus unmittelbarem göttlichen Ursprung kommt. Laut V. 20 vertritt Mose demnach nicht Gott, sondern eine Vielzahl, also die Engel. Die Engel lassen sich in dem Fall als dämonische Mächte verstehen, welche die ursprüngliche Intention der Tora verkehrten.28 An dieser Stelle ist festzustellen, dass Paulus selbst den genannten Schluss meidet. Er drückt nicht aus, dass das Gesetz gar nicht auf Gott selbst zurückzuführen sei, sondern bleibt kurz vor dieser Konsequenz stehen. Würde man die Stelle wie Hübner deuten, wäre dem Gesetz eine eigene Mächtigkeit zuzuschreiben und die Einzigkeit Gottes würde in Gefahr geraten.29

Eine andere, weitaus weniger problematische Interpretation, finden wir bei Mußner. Dieser erkennt in V. 19, dass das Gesetz nicht direkt von Gott, sondern durch Vermittlung der Engel verordnet ist. Dass der eigentliche Urheber des Gesetzes Gott ist, weiß Paulus aufgrund der alttestamentlichen Tradition. Die Anschauung der vermittelnden Beteiligung der Engel nimmt Paulus laut Mußner auf, um die Unterlegenheit des Gesetzes verglichen zur Verheißung sicherzustellen. Die besondere Formulierung hat also einen argumentationsbedingten Hintergrund.30 Auch Becker und Luz vertreten die Ansicht, dass es sich an dieser Stelle um keine widergöttlichen Engel handelt. Das Gesetz kommt demnach aus göttlicher Nähe.31 Der Vers 20 wird auf verschiedenste Weise ausgelegt. Alleine die Frage, ob mit Mittler explizit Mose gemeint ist, oder ob es sich an dieser Stelle allgemein um den Begriff des Mittlers handelt, ist umstritten.32 Im Kontext dieser Hausarbeit muss dem Problem nicht weiter nachgegangen werden. Denn viel bedeutsamer ist der folgende Vers, in welchem es um die Beziehung von Gesetz und Verheißung geht. Wird die Verheißung durch das Gesetz aufgehoben?

Diesen Gedanken weist der Apostel konsequent zurück.33 Durch die Art seiner Argumentation wird das Gesetz als minderwertige Größe dargestellt. Die Verheißung an Abraham wurde direkt von Gott bestätigt, während die Tora nur hinzugekommen ist (Gal 3,17). Zudem geschah dies erst 430 Jahre nach den Verheißungen an Abraham.34 Im zweiten Teil des Verses wird abermals deutlich, warum das Gesetz nicht als Konkurrent zur Verheißung angesehen werden kann. Das Gesetz bringt kein Heil. Obwohl es das Leben bringen sollte (Gal 3,12), ist es in Wirklichkeit nicht dazu in der Lage.35 Als Beweis für diese Tatsache nimmt Paulus in V. 22 Bezug auf die Schrift. Nach dem Urteil der Schrift sind alle Sünder, sowohl Juden als auch Heiden. Wann und wo die Schrift dies aufdeckt, führt der Apostel an dieser Stelle nicht weiter aus. Die Feststellung der Schrift dient jedoch einem Heilszweck: „damit die Verheißung durch den Glauben an Jesus Christus gegeben würde denen, die glauben.“ (V. 22b). Das Gesetz steht also nicht in Konkurrenz zur Verheißung, sondern dient dem Heilsweg gemäß der Verheißung, die nur den Glaubenden an Jesus Christus zuteilwird.36 In den bisherigen Versen wurde deutlich, dass das Gesetz sekundär gegenüber der Verheißung gekennzeichnet ist. Denn das Gesetz kam nicht nur vierhundertdreißig Jahre nach der Verheißung, sondern ist zudem nur durch Engel vermittelt. Es stellt denjenigen, die es befolgen, zwar das Leben in Aussicht, kann es letztlich aber gar nicht geben.37 Trotz alledem hat das Gesetz im Heilsplan Gottes einen Sinn, wie bereits in V. 22 festgestellt wurde. In V. 23 und V. 24 finden sich zwei bildhafte Beispiele für die Funktion des Gesetzes. Auffällig ist dabei, dass Paulus vor allem das Eingeschlossen sein betont. Das Gesetz sorgt dafür, dass die Menschen unter dem Gesetz sind (V. 23) und dass es wie ein Zuchtmeister (V. 24) Macht über die Menschen hat. Diese beiden Bilder stehen im großem Gegensatz zu dem letzten Vers des Abschnittes, in welchem die Freiheit durch den Glauben gegenüber der Gefangenschaft im Gesetz betont wird. Mit Blick auf das Ziel des Briefes zeigt sich die Brillanz des Argumentationsgangs. Paulus versucht die bereits gewonnene Freiheit der Galater herauszustellen. Er appelliert an die Galater nicht den Gegnern zu verfallen, indem sie Werke des Gesetzes tun, und somit ihre Freiheit verlieren.38

Im Galaterbrief wird besonders deutlich, wie Paulus sich von den konkreten Gemeindeproblemen bestimmen lässt. Er versucht mit seiner ausgefeilten Argumentation herauszuarbeiten, dass das Gesetz nicht zum Heil führen kann. Durch den Tod Christi wurden die Menschen von dem Fluch des Gesetzes losgelöst. Das Gesetz hat eine zeitlich begrenzte Funktion. Mit der Ankunft des Glaubens bzw. Christi ist diese Funktion beendet.39 Dabei ist festzustellen, dass das Gesetz keineswegs gegen die Verheißung ist. Von Beginn an war es Teil Gottes Heilsplans. Jedoch soll es kein Leben schaffen, sondern Sünder als Sünder verurteilen.40

[...]


1 Vgl. Fenske, Paulus, 196.

2 Vgl. Grässer, Bund, 55.

3 Vgl. Hahn, Theologie Bd. II, 348

4 Vgl. Wilckens, Entwicklung, 157f..

5 Vgl. Fenske, Paulus, 193.

6 Vgl. Wilckens, Entwicklung, 154.

7 Vgl. Hahn, Theologie Bd. I, 232f..

8 Vgl. Fenske, Paulus, 193.

9 Vgl. Hahn, Theologie Bd. I, 233 und Fenske, Paulus, 193.

10 Vgl. Hahn, Theologie Bd. I, 234.

11 Vgl. Fenske, Paulus, 196.

12 Vgl. Hahn, Theologie Bd. I, 233.

13 Vgl. Fenske, Paulus, 196.

14 Vgl. Sanders, Paulus, 138.

15 Vgl. Becker, Paulus, 288-291.

16 Vgl. Conzelmann/ Lindemann, Arbeitsbuch, 241-244.

17 Vgl. Wilckens, Entwicklung, 164.

18 Vgl. Kertelge, Gesetz, 383.

19 Vgl. Oepke, Brief, 134.

20 Vgl. Kertelge, Gesetz, 385f..

21 Vgl. Frey, Galaterbrief, 232.

22 Vgl. Kertelge, Gesetz, 388.

23 Vgl. Frey, Galaterbrief, 235.

24 Vgl. Wilckens, Entwicklung, 171.

25 Vgl. Mußner, Galaterbrief, 245.

26 Vgl. Wilckens, Brief, 177.

27 Vgl. Becker / Luz, Briefe, 54.

28 Vgl. Hübner, Gesetz, 31f..

29 Vgl. Lührmann, Brief, 64.

30 Vgl. Mußner, Galaterbrief, 247.

31 Vgl. Becker / Luz, Briefe, 55.

32 Vgl. Oepke, Brief, 117.

33 Vgl. Mußner, Galaterbrief, 250.

34 Vgl. Lührmann, Brief, 62.

35 Vgl. Mußner, Galaterbrief, 251.

36 Vgl. Becker / Luz, Briefe, 55.

37 Vgl. Kertelge, Gesetz, 388.

38 Vgl. Hübner, Gesetz, 35.

39 Vgl. Kertelge, Gesetz, 386-389.

40 Vgl. Wilckens, Entwicklung, 172.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Das Alte Testament im Neuen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
31
Katalognummer
V465962
ISBN (eBook)
9783668938694
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alter Bund, Neuer Bund, Paulus, Galaterbrief, Römerbrief, Paulusbriefe, Gesetz
Arbeit zitieren
Carina Schwantje (Autor), 2018, Das Alte Testament im Neuen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465962

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