Die Hexenprozesse von Salem. Wie kam es zur Massenhysterie?


Hausarbeit, 2017
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Salem - ein ungeklärtes Phänomen

2. The Wonders of the Invisible World

3. Die Gründe für die Krise der Hexenprozesse in Salem
3.1 Der puritanische Glaube - A world of wonders
3.2 Äußere Bedrohungen und Spannungen innerhalb der puritanischen Gesellschaft
3.3 Das Rechtssystem in Salem

4. Fazit: Salem - das Ventil einer gesellschaftlichen Krise

1. Einleitung: Salem - ein ungeklärtes Phänomen

Das Wort „Salem“ ist noch heute ein Synonym für Hexenverfolgung, Massenhysterie, Hinrichtungen unschuldiger Menschen und Wahnsinn. Lange nachdem die Hexenverfolgungen in Europa ein Enden nahmen, kam es in Salem, Massachusetts im Jahre 1692 zu einem außergewöhnlichen Ereignis: Zwischen Januar und November wurden als Resultat unzähliger Anschuldigungen und Prozesse 144 Personen der Hexerei beschuldigt und 20 öffentlich hingerichtet. Noch immer stellt es somit ein einzigartiges Ereignis in der Kolonialgeschichte Nordamerikas dar, fasziniert die Menschen und wirft Fragen nach Gründen auf. Wie kam es 1692 in Salem zu dieser Massenhysterie und irrationalen Beschuldigung unzähliger unschuldiger Menschen, insbesondere Frauen?

Historiker haben seit jeher unterschiedlichste mehr oder weniger stichhaltige Thesen aufgestellt, welche von einem Versagen des Gouverneurs über die Panik wegen ständiger Angst vor Indianerangriffen bis zu Halluzinationen der Ankläger aufgrund einer Vergiftung durch Mutterkorn reichen. In der vorliegenden Hausarbeit wird der Versuch unternommen, eben dieser Frage auf den Grund zu gehen. Dafür wird besonders die zeitgenössische Quelle The Wonders of the Invisible World zur Hilfe gezogen, um anhand der damaligen Erklärungsversuche und Vorstellungen einige Theorien zu belegen. Zunächst wird die hier behandelte Hauptquelle erläutert und inhaltlich grob zusammengefasst. Im Folgenden werden in drei größeren Unterpunkten der puritanische Glaube, die äußeren Bedrohungen und das Rechtssystem in Salem und der Umgebung als Erklärungsversuche analysiert. Letztendlich wird in einer Schlussbetrachtung versucht, sich anhand dieser einer Gesamterklärung anzunähern. Auf die Beschreibung des genauen Ablaufs der Hexenprozesse von Salem wird in dieser Arbeit verzichtet, das es den gegebenen inhaltlichen Rahmen sprengen würde.

2. The Wonders of the Invisible World

Das zeitgenössische Werk, auf dessen Ausschnitte und Zitate ich im Folgenden zurückgreifen werde, ist The Wonders of the Invisible World, welches der einflussreiche puritanische Geistliche und Gelehrte Cotton Mather 1693 als Reaktion auf die Hexenprozesse veröffentlichte. Obwohl Mather, der selber in Salem nicht direkt als Richter fungierte, während der Hexenprozesse die Richter angeblich davor warnte, die spectral evidence als Anklagegrund zuzulassen und die Geplagten durch Gebet und Fasten zu heilen versuchte, schrieb er mit Wonders Neuenglands offizielle Verteidigung der Gerichtsverfahren in Salem. Er rechtfertigt in diesem Werk also einerseits die Gerichtsurteile der Hexenprozesse und somit das Verhalten und die Position der Regierung.[1] Stark an Sadducismus Triumphatus aus dem Jahr 1682 von Joseph Glanvills angelehnt, bestärkt er seinen Glauben an Gott, aber auch an das Wirken Satans und seiner unheilbringenden Günstlinge, allen voran den Hexen. So bestätigt er die damalige Angst der Puritaner, stets von Satan und der Hexerei seiner Gehilfen bedroht zu sein und sieht diese als ausschlaggebenden nachvollziehbaren Grund für die Ereignisse in Salem.

But that which most of all Threatenes us, in our present Circumstances, is the Misunderstandings, and so the Animosity, whereinto the Witchcraft now Raging, has Enchanted us . [2]

Andererseits jedoch bringt er sein Unbehagen bezüglich der Verfahrensweise des Gerichts zum Ausdruck, wobei er besonders die Anerkennung der spectral evidence als Anklage- und Urteilsgrundlage und Verurteilungen aufgrund von unter Folter entlockten Geständnissen kritisiert, so wie es sich in Salem begeben hat.[3] Des Weiteren zeichnet sich The Wonders of the invisible World dadurch aus, dass es mit der detaillierten Beschreibungen der Gerichtsprozesse eine wertvolle Quelle ist. Somit ist es geeignet, um im Folgenden als Quellengrundlage zu dienen und einen Einblick auf die zeitgenössische Sichtweise, die diese Probleme widerspiegelt, zu geben.

3. Die Gründe für die Krise der Hexenprozesse in Salem

3.1 Der puritanische Glaube - A world of wonders

Den Nährboden für die drastischen Entwicklungen in Salem bildete die in Massachusetts in einer „pre-enlightment world“ dominierende Religion der Bevölkerung: Der protestantische Puritanismus. Grundsätzlich waren die strikten Calvinisten ihrer Ansicht nach ein auserwähltes Volk, glaubten an die Prädestination und dass ihr Schicksal in der Bibel vorherbestimmt sei. Die verworfene Natur des Menschen könne nur durch den strengen Puritanismus gerettet werden. Sie sahen sich selbst in einer Welt lauter sie umgebender unsichtbarer Geister, die sie als ebenso real empfanden, wie die, die sie fühlten und wahrnehmen konnten. In deren Augen überschnitten sich gewissermaßen die visible und invisible world. [4] Dabei prägte besonders der Aberglaube an die Hexerei ihre Vorstellungen. So waren sie der Überzeugung, dass der Teufel als der Gegenpart Gottes als Prüfung für die Puritaner gottgewollt und seine Existenz allgegenwärtig sei. Da er von Gott gewollt sei, wäre die Leugnung seiner Existenz einer Gottesleugnung gleichgestellt, die wiederum nur durch eine Beeinflussung des Teufels selbst zustande kommen könne.

That there is a Devil, is a Thing Doubted by none but such as are under the Influence of the Devil. For any to Deny the Being of a Devil must be from an Ignorance or Profaneness, worse than Diabolical. [5]

Eine Hexe sei eine nahezu immer weibliche Handlangerin des Teufels, die diesem aufgrund eines Vertrags diene und böse Zauberei auf die Menschen ausübe, um sie von Gott und ihrem frommen Glauben abfallen zu lassen. Die Anschuldigungen im Laufe der Hexenprozesse trafen häufig gesellschaftliche Randgestalten und von ihrem Verhalten her den puritanischen Vorstellungen abweichende Personen.

Oft waren dies ältere, alleinstehend und verwitwete Frauen.[6] Da sie also wahrhaftig an tagtägliche Magie und Hexerei glaubten, sahen die Puritaner sich und ihren sie definierenden Glauben in ständiger realer Bedrohung durch den Teufel. So sahen sie in der Einhaltung der christlichen Moral und einem nach der Bibel gerichteten schlichten, von der landwirtschaftlichen Arbeit geprägten Leben die bestmögliche Bewahrung vor diesem.[7] Dem Volksaberglauben entsprechend wurden nicht nur in politischen und wirtschaftlichen Notsituationen, wie sie sich im Zeitraum der Hexenprozesse von Salem begaben, sondern auch in jeder Art von Krankheit, Armut oder merkwürdigem Verhalten die Gründe dafür in einem Angriff des Teufels und seinem Gefolge gesucht. In ihrer neuen Heimat Neuengland sahen sie eine gottlose Umgebung, die von den indianischen Ureinwohnern Nordamerikas, welche als ungläubige Legion Satans gesehen wurden, besiedelt war. Die Indianerangriffe auf die Kolonien wurden demnach seitens der Puritaner als direkter Angriff der Handlanger des Teufels auf ihren Glauben gesehen, was als damalige tatsächliche Bedrohung einen großen Einfluss auf das Ausbrechen der Panik hatte und im folgenden Punkt genauer beleuchtet wird.[8]

The New-Englanders, are a People of God settled in those, which were once the Devils Territories; and it may easily be supposed that the Devil was Exceedingly disturbed, when he perceived such a people here accomplishing the Promise of old made unto our Blessed Jesus That He should have the Utmost parts of the Earth for His Po ß ession. ( ) The Devil thus Irritated, immediately try ’ d all sorts of Methods to overturn this poor Plantation . [9]

Abgesehen von den nun folgenden äußeren Einflüssen ist die Betrachtung der puritanischen Glaubensvorstellungen unumgänglich: Die elementare und den Alltag der Menschen bestimmende Furcht vor dem Teufel und seiner Macht könnte zu einer religiös geprägten massenhysterischen Wahnvorstellung der Puritaner geführt haben und das Phänomen Salem schon ein Stück weit begründen. Doch vorerst mehr zu den Spannungen innerhalb der Gesellschaft und den äußeren Bedrohungen.

3.2 Äußere Bedrohungen und Spannungen innerhalb der puritanischen Gesellschaft

Auf Grundlage dieser Vorstellungen und des religiös dominierten Klimas deuteten viele streng gläubige Bewohner der neuenglischen Siedlung die vielen Rückschläge und Krisen, die in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts auf sie zukamen, als Angriffe des Teufels und seiner Gefolgschaft.[10]

He has wanted his Incarnate Legions, to Persecute us, as the People of God, have in the other Hemisphere been Persecuted: he has therefore drawn forth his more Spiritual ones to make an Attacque upon us ( … ) An Army of Devils is horribly broke in, upon the place which is the Center and after a sort, the Firstborn of our English Settlements: and the Houses of the Good People there, are fill ’ d with the doleful Shrieks of their Children and Servants, Tormented by Invisible Hands, with Tor t ures altogether preternatural.[11]

Um mit der hier von Cotton Mather beschriebenen Army of Devils, den indianischen Ureinwohnern Neuenglands, zu beginnen, ist zu sagen, dass die Bewohner der neuenglischen Siedlungen in der frühen 1690ern einer ständigen Angst vor Indianerangriffen ausgesetzt waren. Aufgrund einer Reihe von Angriffen gegen ihre Siedlungen und gescheiterter Verteidigungen seitens der Schutztruppen während der zwei vorangegangenen Jahrzehnte waren sie zutiefst verunsichert. Da sie die Indianer überzeugt als der Hexerei mächtige Gesandte des Teufels sahen, fühlten die Puritaner sich in ihrer ohnehin schon omnipräsenten Angst, dass der Teufel versuche, ihre Gemeinschaft zu zerstören, bestätigt.[12] Abgesehen von dieser Sichtweise hatten der First und S econd Indian War verheerende Folgen für die englischen Siedler: Gemeinschaften wurden zerstört, Siedlungen und Besitztümer geplündert, viele Menschen aus ihrem Zuhause verjagt oder getötet, wobei sich in den Jahren 1675-76 und 1689 zwei der verheerendsten Angriffe ereigneten.[13]

So ist es nicht verwunderlich, dass sich 1962 in Salem und der umliegenden Region viele Geflüchtete und von den Kriegen Betroffene befanden, die den Hergang der Prozesse durch ihre Angst, ihr Trauma und letztendlich ihre Anschuldigungen maßgeblich beeinflussten.[14] Die Gemeinschaft in Salem Village, in der die Panik ausbrach, war 1691 eine zutiefst gespaltene und unzufriedene. Nur acht Meilen entfernt von der bedeutenden Hafenstadt Salem Town, hatte es keine eigene Regierung, sodass diverse Dorfbewohner gegen Ende des 17. Jahrhunderts nach Unabhängigkeit strebten. Einige fühlten sich seitens der Stadt in ihren Anliegen nicht respektiert, während andere sich aufgrund der zunehmenden kommerziellen Integration in die atlantische Wirtschaft von dieser trennen wollten und andere an einer Trennung keineswegs interessiert waren. Immer stärker von diesen Konflikten geprägt, entwickelten sich in Salem Village separate Gruppen, dessen Probleme aufgrund der fehlenden eigenen formellen Institutionen nicht geregelt werden konnten, sondern sich mit jedem Jahr vertieften und damit einhergehenden die Feindseligkeiten.

[...]


[1] Mather, Wonders of the Invisible World, part 1, S. i

[2] Mather, Wonders of the Invisible World, part 1, S. xviii.

[3] Mather, Wonders of the Invisible World, part 1, S.ii f.

[4] Norton, In the Devil’s Snare, S.4.

[5] Mather, Wonders of the Invisible World, part 2, S.5.

[6] Godbeer, Witchcraft in British America, S.394ff.

[7] Ruhl, Das Phänomen der Hexenverfolgung, S.14.

[8] Godbeer, Witchcraft in British America, S.394ff.

[9] Mather, Wonders of the Invisible World, part 1, S. xi.

[10] Norton, In the Devil’s Snare, S.4f.

[11] Mather, Wonders of the Invisible World, part 1, S.xii.

[12] Godbeer, Witchcraft in British America, S.404f.

[13] Norton, In the Devil’s Snare, S.9.

[14] Norton, In the Devil’s Snare, S.11.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Hexenprozesse von Salem. Wie kam es zur Massenhysterie?
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V465997
ISBN (eBook)
9783668941816
ISBN (Buch)
9783668941823
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hexenprozesse, salem, massenhysterie
Arbeit zitieren
Luisina Nunez (Autor), 2017, Die Hexenprozesse von Salem. Wie kam es zur Massenhysterie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465997

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