Warum ist Oswald Spengler kein Kulturpessimist? Aufarbeitung seines Werkes "Der Untergang des Abendlandes"


Essay, 2018

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Argumente durch das Hauptwerk ‚Der Untergang des Abendlandes‘

3 Spenglers Zusatztext ‚Pessimismus?‘

4 Fazit

5. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In Oswald Spenglers zweiteiligem Werk ‚Der Untergang des Abendlandes’ stellte er im Jahr 1918 die These auf, dass es eine Logik der Geschichte und eine Reihenfolge von entstehenden und sterbenden etwa tausendjährigen Kulturen gäbe, die er im Laufe des Buches erklärte mit dem Ziel der „Entwicklung einer Philosophie und der ihr eigentümlichen, hier zu prüfenden Methode der vergleichenden Morphologie der Weltgeschichte“ (Spengler 1918: 102). Aufbauend darauf schlussfolgerte er, dass das Abendland, in etwa gleichzusetzen mit der westeuropäisch-amerikanischen Kultur seit Beginn des Heiligen Römischen Reiches, in der das Buch veröffentlicht wurde und großes Aufsehen erregte, sich in der Phase des unaufhaltsamen Untergangs befinde. (Spengler 1918) Die Reaktion der Bevölkerung zur Zeit der Veröffentlichung führte dazu, dass Spengler vor der Veröffentlichung des einzelnen zweiten Bandes mit der Schrift ‚Pessimismus‘ reagierte und sich gegen die Behauptung wehrte, ein Kulturpessimist zu sein, und im Gegenteil durch Aufklärung mit seinem Buch Gutes bewirken wollte. (Spengler 1922)

Auch heute noch ist Spenglers zweiteiliges Werk nicht unumstritten und schlägt gerade in Zeiten der Polarisierung unter mehr oder weniger extrem gesinnten Personengruppen hohe Wellen. Daher ist es wichtig, hervorzuheben, was Spengler mit seiner These ausdrücken wollte und wie sie aufgrund welcher Tatsachen und Behauptungen auszulegen ist. Spengler beanspruchte das Recht für sich, kein Kulturpessimist, sondern ein Realist und Tatsachenmensch zu sein, der lediglich voraussagte, was wie passieren würde und das ohne Berücksichtigung der Oberflächenphänomene, die durchaus unterschiedliche Auslegungen zulassen und auf deren Basis er als Pessimist bezeichnet wurde.

Im Rahmen dieses Essays soll erst anhand der Schrift, die diesen Streit verursachte, dem ersten Band des ‘Untergang des Abendlandes’, erarbeitet werden, warum Spengler kein Kulturpessimist war, um diese Erkenntnisse anschließend durch die Aufarbeitung seiner Streitschrift zu vertiefen und letztlich die Ergebnisse zusammenzutragen und den Leser damit zu unterstützen, der These zu folgen.

2 Argumente durch das Hauptwerk ‚Der Untergang des Abendlandes‘

Schon im ersten Band seines Werkes ‘Der Untergang des Abendlandes’ legt Oswald Spengler eine wuchtige, selbstüberzeugte und unzweifelhafte Sprache an den Tag, mit der er den intendierten gebildeten Leser in der Ich-Form anhand von Argumenten, unterlegt durch häufige Verweise auf die berühmten Persönlichkeiten Goethe und Nietzsche, von seiner These zu überzeugen versucht. Die Frage, die am Anfang als Grundlage des Buches steht, ist die, ob es eine Logik der Geschichte gebe (Spengler 1918: 23). Er stellt sie rhetorisch und es ist herauszulesen, dass er ein Ja erwartet.

Spengler beschreibt eine Lebenskurve als metaphysische Grundstruktur, die auch auf Kulturen anzuwenden ist. Diese Grundstruktur, die bei jeder Kultur gleich ist in der Reihenfolge ihrer Phasen, lässt sich folglich untereinander vergleichen und analog setzen. Es gebe keine Menschheitsgeschichte, so Spengler, da ‘Menschheit’ ein biologischer und kein geschichtlicher Begriff sei und Geschichte erst durch die Existenz von Kulturen beginne. Wenn alle Kulturen anhand dessen analysiert werden, sind bekannte historische Ereignisse oder Persönlichkeiten nicht mehr als Ursache-Wirkungs-Prinzip, sondern nur noch als Oberflächenphänomene zu betrachten, die entweder keinerlei Wirkung auf das weitere Geschehen in der Weltgeschichte hatten oder ersetzbar gewesen wären. Historiker sehen folglich laut Spengler nur Kausalkettenfolgen, er selbst jedoch das große Ganze. Statt Mathematik solle man Chronologie anwenden und statt der Kausalität solle man das Schicksal annehmen. Schicksal sei die periodische Ablaufnotwendigkeit dieser Lebenskurve. So könne man, ähnlich der Abfolge der Geburt, des Lebens und des Todes, eine Morphologie der Geschichte nach analogischer Methode erstellen, nach der der Ablauf der Geschichte einer jeden Kultur unweigerlich derselbe sei. (Spengler 1918: 203 ff.) Spengler arbeitet das alles absichtlich mithilfe der Analogie und nicht mithilfe eines mathematischen Gesetzes auf, da man mit Zweiterem laut ihm nur tote Formen erkenne, mit Analogie jedoch auch lebendige (Spengler 1918: 24 ff.). So entsteht eine Morphologie nach analogischer Methodik. Spengler sieht darin einen Weg, Geschichte zu verstehen, Kritiker jedoch könnten darin wohl eine unpassende Umkehrung ihres ganzen – klassisch historischen – Weltbildes sehen und sich vor allem auf das Ende der Kulturen als Hauptthema konzentrieren. Die Parallelen zwischen den Kulturen, die Spengler als Beweis für seine These aufzeigt, werden dabei vernachlässigt und es wird sich nur auf den Untergang der eigenen Kultur konzentriert – entsprechend einer Annahme Spenglers zu zeitlicher Nähe, die im weiteren Verlauf des Essays noch aufgegriffen wird. Spengler jedoch hat lediglich eine begründete These über den Verlauf der Geschichte aufgestellt ohne – bis auf den Titel – eine beabsichtigte Konzentration auf den Untergang an sich. Dieser ist lediglich die logische Konsequenz aus den vorangegangenen Phasen einer Kultur. Damit ist er nicht als Pessimist, sondern als Analytiker zu betrachten.

Eine weitere Voraussetzung dafür, dass Spenglers Leserschaft so aufgewühlt war durch das Buch, wird ebenfalls schon im Voraus im Buch selbst thematisch aufgegriffen. Es lässt sich durch das Aufbauschen der zeitlichen Nähe erklären, die Eigenperspektive wird in der heutigen Zeit – damit ist auch Spenglers damalige Zeit gemeint – zur Weltperspektive erhoben. Daher scheinen Ereignisse aus der näheren Vergangenheit oder Zukunft subjektiv viel wichtiger zu sein als solche, die bereits länger zurückliegen. Spengler kritisiert das, er meint, die Geschichte bewege sich nicht auf uns hin und in den Köpfen der Menschen herrsche ein historisches Missverhältnis. Wir stünden nicht im Mittelpunkt, sondern unsere Kultur verliefe in denselben Bahnen wie die anderen Kulturen auch. Zudem denke der abendländische Mensch im Dreiersystem, zu sehen beispielsweise an der christlichen Trinität und der künstlichen zeitlichen Reihenfolge von Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Der Mensch denke aktuell, er sei in der Neuzeit und die Neuzeit selbst. Dadurch könne er nicht objektiv zurückblicken. Spengler kritisiert dieses System und befürwortet die Sichtweise der Abfolge gleichwertiger Kulturen. Alles sei kulturrelativ und nicht relativ in Bezug auf sich selbst. Jede Kultur habe gleich einem Naturgesetz, das eine Konstante ist, kein Gesetz im wörtlichen Sinne, ihre Lebens- und Sterbenszeit und diese Feststellung sei rein objektiv und nicht pessimistisch. (Spengler 1918: 44 ff.) So erscheint es ganz natürlich, dass Spenglers Kritiker im vermeintlichen Angesicht ihres nahenden Untergangs ungute Gefühle bekamen und Spengler als Pessimisten ansahen, der eine These aufstellte, die ihnen nicht behagte.

Empfindlich könnten die Leser auch auf Spenglers Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation reagiert haben und auf seine Feststellung, dass wir bereits in der Zivilisation lebten – im Gegensatz zur Kultur nicht im Werden, einer aktiven Bewegung, einem Prozess, dem Leben, sondern im Gewordenem, etwas Starrem, Passivem, dem Ergebnis des Lebens. (Spengler 1918: 70 ff.) Der Begriff der Kultur ist hier in seinem zweifachen Sinn als der zu verstehen, der die spezifische Phase vor der Zivilisation beschreibt und nicht als der übergreifende des gesamten Kreislaufes. Damit unterstellt Spengler der gegenwärtigen faustischen Gesellschaft, sich nicht viel mehr weiterentwickeln zu können, was natürlich nicht sehr gut ankommen dürfte bei diversen Individuen mit der Vorstellung der Machbarkeit der Welt. Zugleich stellte er die bis dato und auch heute noch gelehrte Menschheitsgeschichte infrage, die seiner Meinung nach historisch korrekt durch eine Abfolge gleichwertiger Kulturen zu ersetzen sei. Unverständige Leser würden daraus ableiten, dass Zivilisation etwas weniger Wertvolles sei als Kultur. Dem widerspricht er. (Spengler 1918: 44ff.) Damit eröffnet Spengler eine neue Sichtweise auf die Historie der Menschen, die komplementär ist zu allen bisherigen Lehren auf diesem Gebiet: „Kulturen sind Organismen. Weltgeschichte ist ihre Gesamtbiographie.“ (Spengler 1918: 199) Spengler wertet demzufolge nicht die Zivilisation ab, sondern stellt sie lediglich dar. Der subjektive Leser formte daraus das Bild eines Pessimisten.

Die Grundthese Spenglers ist in erster Linie eine Annahme über den Verlauf der Geschichte, der bei jeder Kultur gleich verläuft. Folglich ist das zeitliche Vorher-Nachher-Prinzip für eine Geschichtsanalyse unangemessen und muss durch morphologische Vergleiche unter den Kulturen ersetzt werden, so auch bei der abendländischen Kultur, in der er selbst lebte. Dass sich das Abendland zum Zeitpunkt seines Lebens bereits in der sich dem Ende neigenden Phase einer Kultur befand, wäre nach Spengler nichts als eine quasi-wissenschaftliche Analyse und Feststellung und keine willkürliche Vorhersage gewesen. Die Behauptung, er sei selbst befangen durch seine Sozialisation in der Kultur seiner Zeit, ließe sich dadurch widerlegen, dass die abendländische Kultur, nach Goethes ‘Faust’, dem Prototyp abendländischer Menschen, auch faustische Kultur genannt, ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein vertrete und er als Teilhaber dieser Kultur ebenfalls selbst ein Oberflächenphänomen sei. Da andere Kulturen wie beispielsweise die antike nicht so geschichtsfokussiert waren, gab es dort noch niemanden, der diese Thematik so aufgegriffen hatte. Statt Spengler hätte jedoch auch jeder andere Abendländer dieses Buch verfassen können, da manche Menschen wie er die historische Lage erlesen könnten. (Spengler 1918: 127 ff.) Andere, die das nicht könnten, wären demzufolge als wahre Pessimisten einzuordnen, die gedanklich gefangen durch ihre eigene Kultur nur ihren Untergang vor Augen haben. Spengler dagegen wäre von diesen Denkmustern befreit und damit kein Pessimist.

Aufbauend auf diesen Argumenten könnte davon auszugehen sein, dass der Vorwurf des Pessimismus‘ ausgehend von Spenglers Kritikern auf deren Missverständnis und Unwohlsein gründete, aufbauend auf der Vernachlässigung der Aufzählung von Analogien, mangelnder Offenheit für ein neues Geschichtsverständnis, Befangenheit durch zeitliche Nähe sowie mangelnder Wertschätzung der durch Spengler definierten Zivilisation.

3 Spenglers Zusatztext ‚Pessimismus?‘

In seiner als Reaktion auf den nach der Veröffentlichung des ersten Bandes folgenden Aufruhr geschriebenen Streitschrift ‘Pessimismus?’ reicht Oswald Spengler einige Stichpunkte nach, um sein Buch klarer werden zu lassen, sich in gewissem Sinne zu verteidigen und seine Ansichten noch einmal gestärkt zu vertreten. Darin schränkt er von vornherein seinen intendierten Leserkreis ein mit dem Argument, dass nicht jeder seine These verstehen könne, weil die „Beschaulichen“ (Spengler 1918: 84 ff.), wie er die Unverständigen nennt und damit Teile seines Buches wieder aufgreift, Theoretiker seien, die die Welt zwar wahrnehmen, aber nicht daran teilnehmen könnten. Gegen Ende des Textes schreibt er scheinbar ziemlich wütend gegen die damals aktuelle Kunst und Philosophie der Theoretiker an, die jeden Weltbezug verloren hätten, den er mit seinem Buch zu haben meint. (Spengler 1922)

Die Beschaulichen, so meint er, würden ihre Kulturstufe nicht erkennen und teilweise glauben, sie könnten beispielsweise zur gegenwärtigen Zeit noch Kunst für die Ewigkeit schaffen, obwohl die Epoche dafür längst vorbei sei. Seine Zielgruppe sind die „Tätigen“ (Spengler 1922: 4), die dank ihres physiognomischen Taktes, auch Intuition genannt, die historische Wirklichkeitslage entschlüsseln und danach handeln würden, wie beispielsweise Staatsmänner, hohe Offiziere und Großindustrielle. Tätige Menschen sollten sein Buch als Gewinn sehen und einen Nutzen in Form von eigener Handlung daraus ziehen. Sie sollten also, obwohl sie durch ihren physiognomischen Takt ohnehin bereits das Richtige tun, dennoch das Buch lesen, um Weitblick zu erhalten und den theoretischen Hintergrund dessen, was sie tun, zu verstehen, um sich in ihren Handlungen vergewissern und festigen zu können. (Spengler 1922: 4 f.) Mit dieser Einschränkung gibt Spengler einigen Lesern bestimmt das Gefühl, übergangen worden zu sein, und schürt noch ihre Skepsis ihm gegenüber – zumal er ihnen ja auch unterstellt, ihn gerade dadurch nicht verstehen zu können. Kritiker könnten ihm dadurch eine ungerechtfertigte Zensur vorwerfen, durch die er sich selbst seine Leser aussucht, was eigentlich niemandem zusteht. Für Spengler jedoch war klar, dass jeder, der ihn nicht versteht, ihn als Pessimist sehen muss und dadurch das Opfer seiner eigenen Unreflektiertheit und Subjektivität wird.

Spengler selbst erkennt manche Schwierigkeit bei der Auslegung seiner Schrift. So sieht er selbst die Vieldeutigkeit des Begriffes des Untergangs und schlägt stattdessen die Verwendung von „Vollendung“ vor (Spengler 1922: 3). Auch geht er davon aus, dass viele Leser Einzelheiten aus dem zusammenhängenden Text gerissen haben und daher missverstehen (Spengler 1922: 6). Begriffe wie Tatsachen, Wahrheiten, Relativismus, Raum, Zeit und einige andere erklärt er noch einmal ausführlich in seinem Text, weil er meint, diese seien besonders missverstanden worden. Ebenso meint Spengler, dass er durch seine völlig neue Sicht auf Geschichte Menschen aufgeschreckt hat, die alles zu ihrer Meinung Komplementäre als Pessimismus betrachten (Spengler 1922: 14). Damit hat er vermutlich einen Nerv getroffen. Tatsächlich ist schon an seinem Buch zu merken, wie er mit dem Begriff des Untergangs spielt und es ist unschwer davon auszugehen, dass ihm in Reaktion darauf ein gewisser Pessimismus unterstellt wurde. Auch das gängige historische Geschichtsbewusstsein war bereits im Buch ein großes Thema und ausgehend von seiner Antwort durch die Streitschrift ist anzunehmen, dass auch darauf Kritik folgte. Seine Ergänzung durch den Begriff der Vollendung zeigt, dass er sich dessen bewusst war und keinen Pessimismus vertreten oder bewirken wollte. Die Annahme, die er den Zeitgenossen unterstellt, dass alles Unbekannte für sie Pessimismus sei, registriert er zwar, quittiert sie jedoch mit Unverständnis.

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Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Warum ist Oswald Spengler kein Kulturpessimist? Aufarbeitung seines Werkes "Der Untergang des Abendlandes"
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V466045
ISBN (eBook)
9783668930216
ISBN (Buch)
9783668930223
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warum, oswald, spengler, kulturpessimist, aufarbeitung, werkes, untergang, abendlandes
Arbeit zitieren
Olivia Mantwill (Autor), 2018, Warum ist Oswald Spengler kein Kulturpessimist? Aufarbeitung seines Werkes "Der Untergang des Abendlandes", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/466045

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