Der Sündenbock, die Gerechtigkeit und das Recht in Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame"


Masterarbeit, 2018
60 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

KAPITEL I
1. EINLEITUNG UND THEORIE
1.1 Ziel und Forschungsvorhaben
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Girards und Burkerts Theorien: Ein Überblick

KAPITEL II
2. ANALYSE DES DRAMAS
2.1 Inhaltsangabe
2.2 Eigennamen im Drama
2.3 Analyse
2.4 Recht und Gerechtigkeit
2.5 Erlösung Ills und Güllens
2.6 Die Rolle der Presse

KAPITEL III
3. Dramentheorien
3.1 Aritoteles, Brecht, Dürrenmatt
3.2 Groteske und Absurde Elemente

KAPITEL IV
4. Schlussfolgerung

BIBLIOGRAPHIE
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Buchrezensionen
Internetquellen

KAPITEL I

1. EINLEITUNG UND THEORIE

1.1 Ziel und Forschungsvorhaben

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit beschäftigt sich mit dem Drama Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie von Friedrich Dürrenmatt. Der Titel der Dissertation lautet: Der Sündenbock, die Gerechtigkeit und das Recht in Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“.

Die Arbeit hat das Forschungsziel, Friedrich Dürrenmatts Drama Der Besuch der alten Dame (1955) anhand von Rene Girards und Walter Burkerts Theorien zu analysieren. Der französische Religionsphilosoph und Kulturanthropologe Rene Girard (1923-2015) ist bekannt für seine Arbeit über das Heilige, die Ursachen der Gewalt in der Gesellschaft und deren Erscheinungsformen in der Gesellschaft. Der deutsch-schweizerische Altphilologe Walter Burkert (1931-2015) ist bekannt für seine Arbeit über den Zusammenhang zwischen religiösen Ritualen und Mythen in der griechischen Antike und dessen Spuren in der modernen europäischen Gesellschaft und die Untersuchung der Gewalt in der Gesellschaft. Girard und Burkert sind Zeitgenossen und ihre Theorien ergänzen einander. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich vorwiegend auf Girads Theorien des Mimesis, des Opfers und des Sündenbockverhaltens bzw. Sündenbockmechanismus und sie bezieht sich auch auf Burkerts Theorie der Jagd und Beute wo nötig. Ferner wird untersucht, wie diese Theorien helfen, Dürrenmatts Drama zu analysieren. Inwiefern verköpert der Protagonist Alfred Ill ein klassischer Fall des Sündenbocks? Das zweite Forschungsziel umfasst die Fragen der Gerechtigkeit und Schuld. Ist die Idee der Gerechtigkeit rechtlich oder moralisch oder beides? Welche Rolle spielt das Geld in der Gerechtigkeit? Das zentrale Thema dieses Drama ist, dass das Geld immer mächtig ist. Weiterhin wird die Rolle der Presse in der Gerechtigkeitsfrage untersucht. Ferner werden die Erzählstrategien wie das Absurde, das Groteske und Humor untersucht. Ein weiteres Forschungsziel der Arbeit ist zu untersuchen, inwiefern das Drama eine Komödie und / oder eine Tragödie darstellt.

1.2 Aufbau der Arbeit

Das erste Kapitel umfasst das Ziel und Forschungsvorhaben der Arbeit und einen Überblick über die Theorien von Rene Girard und Walter Burkert, die die theoretische Grundlage der vorliegenden Arbeit bilden. Girards Werke The Scapegoat und Violence and Sacred und Burkerts Werk Homo Necans beschäftigen sich mit dem Sündenbockmechanismus und der damit verbundenen Gewalt. Die Hauptaspekte dieser Theorien, die für literarische Texte relevant sind, werden hier erläutert.

Das zweite Kapitel befasst sich mit Dürrenmatts Drama. Mit Hilfe der oben genannten Theorien wird das Drama analysiert. Es beginnt mit einer Inhaltsangabe und dann folgt die Interpretation. In diesem Kapitel versucht man die theoretischen Aspekte mit Motiven der Gerechtigkeit und Schuld in Besuch der alten Dame zu verbinden. Damit werden auch die Motive „Recht“ und „Gerechtigkeit“ hervorgehoben. Das Angebot des Geldes verändert die allgemeine Idee der Gerechtigkeit. Dies ist auch Teil von diesem Kapitel. Auch die Anname der Schuld von dem Protagonisten Ill und seine Erlösung, die Eigennamen wie Ill, Claire und Güllen und ihre Bedeutung für die Interpretation, werden hier erläutert.

Im dritten Kapitel werden die verschiedenen Dramentheorien besonders die von Aristoteles und Bertold Brecht bis Dürrenmatt kurz skizziert. Einige wichtige Aspekte der Konzepte und Ideen von Dürrenmatt aus seinen Essays werden erlãutert. Im zweiten Teil dieses Kapitels werden die wichtigen Erzählstrategien wie das Groteske, das Absurde und die Rolle des Humors, erläutert.

Im vierten Kapitel d.h. Schlussfolgerung werden die wichtigen Ergebnisse der Arbeit genannt.

1.3 Girards und Burkerts Theorien: Ein Überblick

Obwohl Rene Girards Theorien vorwiegend auf die Anthropologie basieren, haben sie auch in Bereichen der Psychologie, der Soziologie, der Geschichte, der Bibelauslegung, der Theologie und der Literaturwissenschaft ein großes Echo gefunden und sie werden oft interdisziplinär angewendet. Trotz der unterschiedlichen Anwendungen in verschiedenen akademischen Disziplinen versuchen seine Theorien im Grunde genommen, das Verhalten der Menschen in der Gesellschaft bloßzulegen. Darin liegt die Popularität seiner Theorien, besonders für die Literaturwissenschaftler.

Rene Girard beschäftigt sich in seinem Buch The Scapegoat (1986) mit dem Phänomen des Sündenbocks, der etymologisch tiefe religiöse, kulturelle und kultische Wurzeln hat. Der Begriff erscheint zuerst in der Bibel, im Buch Levitikus. Der Hochpriester des israelischen Volkes überträgt symbolisch die Sünden des Volkes auf einen Ziegenbock, der dann in die Wüste vertrieben wird und auf diese Weise sollte das Volk von seinen Sünden befreit werden. Daher das Komposita „Sündenbock“. Dieser Begriff wird heute in der Alltagssprache oft ohne den religiösen Kontext verwendet. Girad leitet seine Sündenbocktheorie aus religiösen Texten mit den Beschreibungen der Ritualen.

Nach Girad hat jeder Mensch ein mimetisches Verlangen. Der Ausgangspunkt aller unseren Begehren und Verlangen liegt in der Nachahmung der anderen Menschen. „Verlangen“ heißt hier die Wünsche und die Triebe, die durch Nachahmung evoziert werden. Diese Theorie nennt Girard „Mimetische Theorie“. Mit anderen Wörtern kann man sagen, dass die Menschen grundsätzlich einander nachahmen und diese Imitation wird der grundlegende Mechanismus der sozialen Erziehung eines Menschen. Das sieht man in der Gesellschaft und auch in der Familie. Ein Kind versucht seinem Vater, seiner Mutter oder den alten Personen in der Gesellschaft zu folgen und zu imitieren.

Aristoteles notierte in Poetics, dass die Nachahmung vielleicht das einzige Merkmal ist, das sich nur in den menschlichen Wesen befindet.

“The instinct of imitation is implanted in man from childhood, one difference between him and other animals being that he is the most imitative of living creatures; and though imitation he learns his earliest lessons; and no less universal is the pleasure felt in things imitated.”[1]

Diese Merkmale unterscheiden die menschlichen Wesen von anderen Lebewesen. Vom Erwerb der Sprache und der Entwicklung der regionalen Akzente, bis zu den Praktiken der religiösen Jüngerschaft und formaler Bildung ist es in erster Linie durch die Nachahmung, das sich ein Mensch entwickelt. „Through the imitation (mimesis) one learns what to desire by observing and imitating desire of others.”[2] Auf diese Weise werden das Wissen, die Kultur oder die Sprache von einem Mensch zu dem anderen Menschen vermittelt. Seit der Ursprung der menschlichen Zivilisation bis heute wird die Kultur durch Nachahmen erworben und weitergeleitet:

“There is nothing, or next to nothing, in human behaviour that is not learned, and all learning is based on imitation. If human beings suddenly ceased imitating, all forms of culture would vanish. Neurologists reminded us frequently that brain is an enor­mous imitating machine. To develop a science of man it is necessary to compare human imitation with animal mimicry, and to specify properly human modalities of mimetic behaviour.”[3]

Girard zufolge bedeutet die Mimesis das grudlegende imitative Verlangen, das die primäre, bewusstlose, intrinsische und vitale Dynamik bildet, die das menschliche Verhalten und ihre Denkweise beeinflußt. Die Menschen entwickeln sich bei der Imitation alles z.B. ihre Sprachkenntnisse, die Kultur, die Fähgkeit zum Lernen, usw. Daher kann man sagen, dass das priäre Mimetismus das wichtige Element der Sozialisierung und der Enkulturation ist. Auch wenn die Art und Weise, auf die man versucht sein Bedüfnisse zu erfüllen z.B. Essen und Kleidung, ist imitativ. “Man differs from other animals in his great aptitude for imitation (mimesis).”[4] Sei es Andachtsübung, Sprachen oder Kultur, die Imitation spielt eine wichtige und große Rolle.

Girard sagt, dass es zwischen dem Verlangen und dem Bedürfnis Unterschiede gibt. Er distantierst sich jedoch von Sigmund Freuds Psychoanalyse. Nach Freud ist Trieb hauptsächlich die Bezeichnung von Libido oder sexueller Instinkt. Nach Girard ist im Gegensatz zu dem Bedürfnis das Verlangen amorph und es hat eine heterogene Struktur. Es ist nicht einfach die Wünsche wie Appetit und Bedürfnisse wie Hunger oder Durst zu erklären. Der Wunsch als eine einzigartige Eigenschaft der Menschen, die sich die Menschen von anderen Wesen unterscheidet, ist ein kulturelles Phänomen, das von zwischenmenschlichen Beziehungen und Nachahmung geprägt ist.

Der Wunsch bzw. das Verlangen hat keine lineare Struktur, die zwischen dem Subjekt und dem gewünschten Objekt läuft, sondern er hat eine dreieckige Struktur, in der die wahre Energie des Wunsches von Vermittler geboten ist, der den Wünschen wünschenswert macht.

Christ Fleming hat die folgende Tabelle vorgeschlagen:[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die mimetische Rivalität ist symmetrisch. Wir kopieren die rachsüchtigen Wünsche und die Taten der Konkurrenten bzw. Rivalen. Die individuellen Unterschiede gehen verloren und die beiden wenden sich an Gewalt, die Girard ‚Doppelt‘ nennt. Das ist schon oft passiert und wird regelmäßig passieren, aber der Prozess führt heute nicht unbedingt zum Tod. Wenn die Rivalität in einer Gesellschaft steigt, dann wird auch die Gewalt unter den Menschen zunehmen. Man sucht Opfer in der Gestalt des Sündenbocks. Also die Gemeinschaft ist bereit die Gewalt gegen den Sündenbock anzuwenden, damit die Gesellschaft von diesem Problem gerettet werden kann.

Das folgende Bild zeigt, wie der einzige Mensch von der kollektiven Menschenmasse der Gesellschaft beschuldigt wird:[6]

[Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen von der Redaktion entfernt.]

Dieses mimetische Verlangen führt auch zur Eifersucht, zur mimetischen Rivalität, die wiederum zu gewaltsamen Konflikten in der Gesellschaft führen könnte. So erklärt Girard die Ursachen der Gewalt zwischen den Menschen oder Gruppen von Menschen in jeder Gemeinschaft und Gesellschaft. Die Frust kann jedoch nicht dauerhaft bleiben. Sie muss einen Ausgang finden. Die stärkere Gruppe überträgt so die Schuld für die Frust und Krise, sei sie religiös oder wirtschaftlich, auf eine schwachere Gruppe, die zum Sündenbock wird. Auf diese Weise wird die Gewalt „rationalisert“. Girads Theorie erklärt somit die Entstehung der kollektiven Gewalt. Um die Phase der Gewalttätigkeit zu überwinden, brauchen die Menschen in irgendeiner Form einen Sündenbock. Die Schuld wird auf den Sündenbock geladen, der zunächst markiert, dann isoliert wird und dann wird ihm Gewalt eingesetzt.

Walter Burkert hat auch eine ähnliche Theorie, nur die Akzente sind anders. In seinem Buch Homo Necans (Auf Englisch bedeutet Homo Necans „Man the Killer“) hat er das prähistorische Jagen, Töten und Teilung des toten Opfers als tiefe menschliche Natur dargestellt. Nach ihm existiert die prähistorische Jägertradition immer noch in der modernen Welt. Die Formen der Jagd haben sich allerdings mit der Zeit geändert und oft sind sie durch Bildung unterdrückt. Aber es gibt Fälle, wo sie auch in der zivilisierten Welt vorkommen. Der Sündenbock wird von einer Gruppe von Menschen gejagt wie ein Beutetier und getötet bzw. „geopfert“ und das kollektive Volk der Jäger fühlt sich dadurch gereinigt. Der Sündenbock ist in der Regel schwach und nicht in der Lage, sich gegen Angriffe zu verteidigen. Mit der Opferung dieses Sündenbocks wird ein Wir-Gefühl erzeugt und das Frieden in der Gemeinschaft wiederhergestellt.

In der folgenden Tabelle wird das Phänomen dargestellt:[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn die sozialen Ordnungen zerbrechen, erreichen die Spannungen in der Gesellschaft irgendwann ihren Höhepunkt. Um diese Krise zu überwinden, sucht man einen Sündenbock. Die Gemeinschaft, die früher nicht integriert war, vereinigt sich gegen den Sündenbock. Das bedeutet, die Schuld für die Probleme und den Untergang der Gesellschaft wird an einem Wesen gegeben . Wie Girard in seinem Buch „The Scapegoat“ das Sündenbockverhalten mithilfe Ciaphas Aussage erklärt:

“If the entire nation is sure to perish then it obviously would be better for one man to die for all the others, especially since he increases the imminence of the danger by refusing to keep quite.”[8]

Der Prozess, in dem die Sünden einer Gemeinschaft nach der archaischen Rituale an einem Wesen geladen werden und er zur Opferung verurteilt wird, nennt Girad ‚Sündenbockverhalten‘. Das Opfer muss getötet werden, so dass die Ordnung, der Frieden und die Harmonie in der Gesellschaft wieder hergestellt werden können. Die Gewalt gegen den Sündenbock ist eine Art der kleinen Gewalt, um die grosse Gewalt zu vermeiden. Mithilfe des Sündenbocks wird die große Gewalt vermieden oder wenigstens eingeschränkt. Girard zufolge: “the purpose of the sacrifice is to restore harmony the community, to reinforce the social fabric.“[9] Die biblische Geschichte des Sündenbocks wird dann in Verbindung mit der modernen Welt gebracht. Das wird in The Scapegoat von Rene Girard erwähnt: “Caiaphas is the perfect sacrificer who puts victim to death to save those who live. The High Priest’s decision provides the definitive revelation of sacrifice and its origin.”[10] Die Menschen betrachten die Ermordung von Jesus Christ auch als das Sündenbockverhalten, weil Jesus sein Leben für die ganze Gemeinschaft geopfert hat. Man kann sagen, dass das Sündenbockverhalten in der Bibel eine heilige Bedeutung übernimmt. Mithilfe der Opferung wird die Menschheit gerettet.

Das Sündenbockverhalten spielt heute noch eine wichtige Rolle in der Gesellschaft. So können nach Girard die Konflikte zwischen Mehrheit und Minderheiten in einer Gesellschaft erklãrt werden: “ethnic and religious minorities tend to polarize the majorities against themselves.”[11] Diese antike Ritual erscheint heute noch in der Gesellschaft in unterschiedlichen Formen. Die Nazis z.B. haben die Juden für den verlorenen Ersten Weltkrieg und die damit verbundene Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht. Ein klassischer Fall des Sündenbockverhaltens.

Nach Girard gibt es eine verborgene Lüge im Kern des Mythos. Er erläutert, dass es die rohe Wahrheit der menschlichen Gewalttätigkeit nicht nur im Mythos verborgen bleibt, sondern sie wird auch sakralisiert. Mythen sind die verdeckten Geschichten, die literarische Verschleierung des Sündenbockmechanismus, das verzerrte Szenario eines kollektiven Mords von einem einzelnen Opfer, das die Gesellschaft vor der sozialen Zerbrechung rettet. Also der Mythos ist die Verzerrung, eine Lüge, der eben alle wichtigen Wahrheiten über das gewaltsame Verhalten des Sündenbocks verbergt. Girards Untersuchung der Bibel basiert auf das anthropologisches Lesen, dann er erzählt, dass der ,Gospel‘ Kernpunkt der Wahrheit über die Menschlichkeit ist. Girards Theorie von dem mimetischen Verlangen funktioniert als die „treibende Kraft“ der menschlichen Gewalt. Nach ihm zeigen die Mythen aller Kulturen diese Eigenschaften, die oft das Heilige darstellen. Mythen verbergen nicht nur ursprüngliche Akte der Gewaltsamkeit, sondern sie versteigen Gewalt, Ritual durch die Heilige Begründung und die angebliche Schuld des Opfers. Mythen sind rückwirkende Transfiguration der ursprunglichen und alten Krise, deren Neuinterpretation im Feld der kulturellen Ordnung von Girard durchgeführt wird:

“The scapegoat mechanism is central to Girard's theory of religion which, he maintains, legitimizes or sacralises a certain social or cultural configuration. In order that peace can be restored, victimisation and ostracism are (unwittingly) utilised to this end. For Girard, the special function of particular kinds of religious ritual is to maintain the peace occurring as a result of the sacrifice by institutionalising a repetition of the sacrifice at the same time that this repetition works to cover up its historical reality. For Girard, the textual form of this 'covering up' is what he characterises as 'myth’.”[12]

Diesen Sündenbock nennt Girard „Surrogate Victim“. Der innere Konflikt, der von dem mimetischen Verlangen verursacht wird, wird mithilfe von dem „Surrogate Victim“ aus der Gesellschaft für immer vertrieben. Der Sündenbock bzw. „Surrogate Victim“ ist immer der schwache Mensch, der der Gewalt nicht Widerstand leisten kann.

Auch steht er irgendwie außerhalb der Gruppe:

“I contend that the objective of ritual is the proper re-enactment of the surrogate victim mechanism; its function is, to keep violence outside the community.”[13]

Girard begründet, wie der Frieden wieder etabliert werden kann. Nach ihm steht kein bestimmter Mechanismus den Menschen zur Verfügung, um die Aggression zu bremsen. Wenn die Rivalitäten und Konflikte entstehen, entsteht auch die Aggression und die Gewalt wirkt epedemisch. Es erzeugt eine Kettenreaktion und ist nicht mehr zu stoppen. Girard behauptet weiterhin: „Sacrifice contains an element of mystery.”[14] d.h. Gewalt wird durch Mythen und Religion mystifiziert und ritualisiert und an weiteren Generationen geleitet. Ferner wird, wie oben erwähnt, die Aggression der Menschen an eine Figur oder an eine Gruppe umgeleitet.

„A single victim can be substituted for all the potential victims, for all the enemy brothers that each member is striving to banish from the community; he can be substituted, in fact, for each and every member of the community.”[15]

So vereinigen sich nun die Menschen gegen Jemanden, der als Sündenbock gewählt bzw. markiert wird. Girard nennt diesen Prozess „scapegoating”. Das ist eine Anspielung auf den uralten religiösen Ritual, dargestellt in der Bibel, bei dem kommunale Sünden an einem Ziegenbock gegeben wurden, und und dieses Tier wurde schließlich in die Wüste vertrieben oder den Göttern geopfert:

“Sacrifice is the most crucial and fundamental of rites and it is also the most commonplace. All systems that give structure to human society have been generated from it: language, kinship system, taboos, codes of etiquette, patterns of exchange, rites, and civil institution. Thus a theory of sacrifice has produced a comprehensive account of human, social formation, religion and culture.”[16]

Nun zu Burkert. In der Vorbemerkung seines Buchs Homo Necans behauptet Walter Burkert: „es ist nicht so sehr die Grenze der Wissenschaft wie die Überfülle des Wißbaren, was einen Versuch, das religöse Verhalten des Menschen zu erkären, zu einem fast hoffnungslosen Wagnis macht.“[17] Mit anderen Worten ist nicht einfach für die Wissenschaft die Religion zu analysieren und religiöse Rituale und Denkweise zu erklären. Walter Burkert sagt: „Jede Religion eignet der Charakter des Absoluten.“[18] Und weiter: „Ritus schafft und bestätigt in erster Linie den sozialen Kontakt.“[19] Die Religion braucht keine Erklärung. Religion ist wie ein Medium, das die Tradition und deren Kontinuitãt und die Kommunikation weiterleitet:

„Religion ist als feste Form nur zu fassen, wenn sie überindividuell ist, sie ist prägende Form nur, insofern sie den Generationwechsel überspringt. Die Opferrituale jedenfalls sind eindrückliche Zeugnisse einer Jahrtausende daurenden Kontinuität. So gewiß sie nur auf Grund ganz bestimmter psychischer Voraussetzungen existieren konnten, so gewiss kommen, um diese Kontinuität zu ermöglichen, andere Faktoren ins Spiel, Faktoren biologisch-sozialer Auslese.“[20]

Aggression und Gewalttätigkeit der Menschen gegen andere Menschen ist ein großes Problem der Gegenwart geworden und das nimmt trotz der Wissenschaft und Technologie zu. Man versucht Wurzeln der Gewalt in der Religion zu suchen, aber man bekommt keine klaren Antworten, weil Opferung selbst die Grundlage der Religion ist. Im Alten Testament wird zum Beispiel die Opferung des Gottessohns durch Abraham erwähnt. Burkert behauptet; „Grunderlebnis des ‚Heiligen‘ ist Opfertötung“.[21] In griechischer Antike wurden die Tiere im Namen des Gottes geopfert und ihr Fleisch wurde verteilt und gegesssen. Das ist ein Akt der Frömmigkeit. Es gibt vor der Opferung einige Rituale z.B. Gebet, Gesang und Tanz. Vor dem abgetrennten Schädel verneigt sich der Priester und spricht: „Diese Tat – alle Götter haben sie vollbracht; und nicht ich habe sie vollbracht.“[22]

In Islam läβt sich auch die Tieropferung als Ritual nicht vermeiden. In Islam ist die Wallfahrt nach Mekka sehr wichtig. Da versammeln sich sehr viele Menschen jedes Jahr. Das wichtigste Ritual ist die Wandrung von Mekka zum Berge Arafat. Dort werfen die Menschen Steine an diesen Berg als wäre er ein Schaf, eine Ziege oder ein Kamel. „Der Geheiligte ist es, der tötet, der Akt der Tötens ist sakralisiert.“ „Im Namen Allahs“, „Allah ist gnädig“ , das sind Formeln, die jedes Sclachten der frommen Muslime begleiten.“[23]

Walter Burkert ist ein Historiker der griechischen Religion. Er schreibt über die Wichtigkeit der klassischen Tradition für die intellektuellen und kulturellen Geschichte des Abendlandes. Burkert stellt fest, dass die religiösen Traditionen und Mythen, die in ihrem Ursprung vorgriechisch sind, immer noch tief in Erinnerung bleiben. Z.B. die Vorbereitung des Opferrituals im griechischen Fest. Burkert versucht die historische Ansicht mit der Funktion der Religion zu verknüpfen.

Die traditionellen Theorien der Religion haben nicht gereicht, um die Persistenz der archaischen religiösen Praktiken in der modernen Welt zu erklären. Burkert bevorzugt die Humanwissenschaft und das Studium des menschlichen Verhaltens, um das Ritual in Bezug auf Aktivitätsmuster zu verstehen, die grundlegend für das soziale Leben sind. Er geht davon aus, dass die Religion eine soziale Konstruktion ist. Burkerts Ziel ist es, diesen Ansatz mit historischen und anthropologischen Methoden zu kombinieren, um die primäre Funktion der religiösen Rituale zu untersuchen. Er wendet sich an das Überlebsel der Religion in griechischer Kultur. Er versucht uns zu zeigen, dass „all myths must have their roots in real acts of violence against real victim”[24] und er erklärt dies mit dem Beispiel von dem griechischen Held Oedipus.

Burkert ist nicht mit den traditionellen wissenschaftlichen Ansätzen zur Religion einverstanden, die als rationalistische Anthropologie gelten und er ist damit auch nicht eiverstanden, dass die Religion als Funktion der begrifflichen Bedürfnisse und Fähigkeiten interpretiert wird. Der Beweis dafür ist die Übereinstimmung, mit der die meisten Wissenschaftler ihre Untersuchungen auf Mythen, Symbole, Ideen und Überzeugungen konzentriert haben. Sie haben Theorien über Religion vorgeschlagen, und die Theorien sind als eine primitive Art der anbietenden Erklärungen für die Welt verstanden worden. Für Burkert und auch für Girad ist die Religion grundsätzlich ein soziales Phänomen, das eine Rolle in der Entwicklung von Gesellschaften und Kulturen gehabt hat und heute noch hat.

Das Opfer ist die Form des Rituals, das in vielen Manifestationen der altgriechischen Kultur zu finden ist. Z.B. in Festen, in Sportarten, in den Veranstaltungen der Pfarrer, in der Kulte, in den Begräbnisritualen, in den Mythologien und in Dramen. Burkert versucht die paläolithische Jagdkultur und dessen Spuren in den gegenwärtigen Gesellschaften zu untersuchen. Dadurch entwickelt er die Theorien des Rituals und der Religionen. Für ihn stellt die Tötung des Tiers den ausschlaggebenden Moment für den prähistorischen menschlichen Jäger dar. Es gab die Zeit, wenn die Menschen nur die Jagd als die einzige Möglichkeit hatten, den Hunger zu befriedigen. Damals gab viele Auseinandersetzungen zwischen den Menschen für das Essen. Während dieser Zeit ist ein neues Verhaltensmuster entstanden:

“The approach to the hunt was ritualised so as to balance and retain motivational and psychological tensions stemming from new social formations in the interest of the objective of the hunt.”[25]

Die Tötung des Tiers war der Höhepunkt des Jagds. Sie löste die Spannungen, denn die Tötung von einem lebendigen Beutetier verwandelte das Leben in den Tod. Es musste getötet werden, damit der Totschläger mit der Beute seinen Hunger stillen könnte. Daher wird der Tod ritualisiert. Dieser Prozess bietet bis heute Stoff für die Mythen und Märchen. Burkert erkärt uns, wie das Jagdritual zu den Mythen beigetragen hat: „Thus a theory of ritualization of hunt becomes a theory of origin of religion.”[26] Es ist bemerkbar, dass die Ritualtötung das wichtigste Element in den prähistorischen Gemeinden darstellte, von dem die Menschen abhängen waren. Mit dieser Ritualtötung wurden ihre Bedürfnisse erfüllt. Die Ritualtötung garantiert die passende Verordnung der Aktivitäten, von der die Gruppe abhänging ist. Das Opfer artikuliert den Moment der Transaktion und Transformation, wenn die Kultivierung des sozialen Austausches braucht.

“Thus rituals of sacrifice continue to be performed on those occasions when social orders are in need of rearrangement or reestablishment.[….] The sense of sacrifice ,therefore, is just the ritualization of social pattern of transactional behaviour.”[27]

In diesem Drama verkörpert Alfred Ill den Sündenbock, so meine These. Er wird gehetzt, gejagt, umgebracht und geopfert, um Claires Sinn für Gerechtigkeit zu befriedigen. Dadurch kann auch das Volk seinen Hunger nach Geld befriedigen. Dieses Stück hat auch religiöse Dimensionen. Es ist ein uraltes Ritual, nämlich dass um den Wohlstand einer Gemeinschaft, einer Familie zu gewinnen, eine Opferung an Gott gemacht wird.

KAPITEL II

2. ANALYSE DES DRAMAS

Der Besuch der alten Dame wurde von dem Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) im Jahr 1955 geschrieben. Dürrenmatt gehört zu den wichtigen deutschsprachigen Schriftstellern nach dem Zweiten Weltkrieg. Als sein Drama Der Besuch der alten Dame ins Englische übersetzt und inszeniert wurde, wurde er weltweit berühmt. Seine Stücke handeln meistens von Schuld, Verweigerung, Gier, Gerechtigkeit, Recht und politischem und moralischem Verfall. Seine Werke sind meistens von den Elementen des Groteskes, des Paradoxes, und des Absurdes geprägt und werden von vielen Wissenschaftern und Lernenden erforscht.

In seinem Werk kommt die Satire oft vor. In seinen satirischen, absurden tragikomischen Stücken steht im Mittelpunkt die Wiederaufführung des deutschen Theaters nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hat viele Romane und zwar Kriminalromane, kurze Prosatexte, Theaterstücke, Hörspiele und Essays geschrieben. Erfolg als Schriftseller hatte er jedoch nicht durch seine Erzähltexte sondern durch seine Dramen, die auch auf der Bühne erfolgreich inzeniert wurden. Einige berühmte Dramen Dürrenmatts sind Die Physiker, Der Tunnel, Die Panne und Der Besuch der alten Dame. Laut der Deutschen Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart:

„Es gibt in den fünfziger Jahren kein ernstzunehmendes Gegenwartsdrama in der Bundesrepublik, wohl aber existiert ein deutschsprachiges Drama, das aus der Schweiz kommt und mit den Namen Max Frisch (geb. 1911) und Friedrich Dürrenmatt (geb. 1921) verbunden ist.“[28]

Wegen der einfachen Sprache werden einige Werke von Dürrenmatt in Deutschland und der Schweiz als Schullektüre verwendet. Die Erstaufführung des Dramas Der Besuch der alten Dame fand 1956 im Schauspielhaus Zürich statt und sie war ein großer Erfolg. Das Drama wurde auch in Hollywood im Jahre 1964 mit dem Titel The Visit verfilmt. Die Schauspieler waren Ingrid Bergman und Antony Quinn. Es gibt auch eine Oper darüber. Selbst in Indien wurde das Drama neulich auf Bengali adaptiert. In dem 8. Threatre Olympics 2018, Indien wurde Der Besuch der alten Dame mit dem bengalischen Titel Phera inszeniert. Der Direktor heißt Poulomi Bose und die Theatergruppe heißt Shyambazar Mukhomukhi.[29]

[...]


[1] Butcher, S. H., The Poetics of Aristotle, 3. Aufl., The Macmillan: New York, 1902, S. 15.

[2] Trice, Michael Reid, Encountering Cruelty: The Fracture of the Human Heart, Brill Verlag, Amsterdam , 2011, S. 248.

[3] Girard, Rene, Things hidden since the foundation of the world, (Trans. Stephan Bann and Michael Metteer), Stanford University Press, Stanford, 1987, S. 7.

[4] Trice, Michael Reid, Encountering Cruelty: The Fracture of the Human Heart, Brill Verlag , Amsterdam , 2011, S. 248.

[5] Fleming, Chris, “Mimesis and Violence – An Introduction to the Thought of Rene Girard”, Australian Religion Studies Review, Vol. 15, No. 1, 2002, S. 57-72, hier S. 58.

[6] https://www.google.co.in/search?q=pictures+of+scapegoat&tbm Heruntergeladen am 28. 4.2018.

[7] https://www.youtube.com/watch?v=vNvgIb-mPf4
Heruntergeladen am 01.04.2018

[8] Girard, Rene, The Scapegoat (Trans. Yvonne Freccero), Johns Hopkins University Press, Baltimore, 1986, S. 113.

[9] Girard, Rene, Violence and the Sacred (Trans. Patrick Gregory), Johns Hopkins University Press, Baltimore, 1972, S. 8.

[10] Ebd, S.114.

[11] Girard, Rene, The Scapegoat (Trans. Yvonne Freccero), Johns Hopkins University Press, Baltimore, 1986, S. 17.

[12] Fleming, Chris, “Mimesis and Violence – An Introduction to the Thought of Rene Girard”, Australian Religion Studies Review, Vol. 15, No. 1, 2002, S. 57-72, hier 62.

[13] Girard, Rene, Violence and the Sacred (Trans. Patrick Gregory), The Johns Hopkins University Press, Baltimore, 1972, S, 92.

[14] Ebd., S. 1.

[15] Ebd., S. 79.

[16] Burkert, Walter. Girard, Rene. Smith, Jonathan. Violent Origins (Edited by Hemerton-Kelly, Robert), Stanford University press, California, 1987, S. 7.

[17] Burkert, Walter, Homo Necans: Interpretationen altgriechiescher Opferriten und Mythen, Walter de Gruyeter, Berlin, 1972, S. 1.

[18] Ebd. S. 2.

[19] Ebd. S. 32.

[20] Ebd. S. 34.

[21] Burkert, Walter, Homo Necans: Interpretationen altgriechiescher Opferriten und Mythen, Walter de Gruyeter, Berlin, 1972, S. 9.

[22] Ebd. S. 18/19.

[23] Ebd. S. 19.

[24] Girard, Rene, The Scapegoat (Trans. Yvonne Freccero), Johns Hopkins University Press, Baltimore, 1986, S. 25.

[25] Hamerton-Kelly, Robert G. (Edit.), Violent Origins: Walter Burkert, Rene Girard and Jonathan Z. Smith on Ritual Killing and Cultural Formation, Standford University Press, California, 1987, S. 25.

[26] Ebd. S. 26.

[27] Hamerton-Kelly, Robert G. (Edit.), Violent Origins: Walter Burkert, Rene Girard and Jonathan Z. Smith on Ritual Killing and Cultural Formation, Standford University Press, California, 1987. S. 28.

[28] Beutin, Wolfgang, (Hrsg): Deutsche Literaturgeschichte: von den Anfãngen bis zur Gegenwart, 2. überarb.u. erw. Auflage, Metzler, Stuttgart, 1984, S. 525.

[29] Mehr darüber in: http://8ththeatreolympics.nsd.gov.in/en/play-single.php?ids=303 Heruntergeladen am 10.5.2018

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Details

Titel
Der Sündenbock, die Gerechtigkeit und das Recht in Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame"
Autor
Jahr
2018
Seiten
60
Katalognummer
V466058
ISBN (eBook)
9783668943216
ISBN (Buch)
9783668943223
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sündenbock, gerechtigkeit, recht, friedrich, dürrenmatts, besuch, dame
Arbeit zitieren
Dev Kumar Choudhary (Autor), 2018, Der Sündenbock, die Gerechtigkeit und das Recht in Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/466058

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