Die Sozialarbeitstheorien von Wendt und Böhnisch und ein Vergleich ihrer Einschätzung von Bürgerschaftlichem Engagement


Hausarbeit, 2004
24 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Persönlicher Bezug

2. Sozialarbeitstheorie von Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt
2.1 Die Suche nach der Identität
2.2 Fürsorglichkeit
2.3 Unverwechselbarkeit in der Konkurrenz
2.4 Professionalität
2.5 Sein Ausblick

3. Sozialarbeitstheorie von Prof. Dr. Lothar Böhnisch
3.1 Die Unterscheidung in Sozialarbeit und Sozialpädagogik
3.2 Die Annäherung dieser beiden Zweige des Sozialwesens
3.3 Die Sozialisations- und Biografieperspektive
3.4 Sozialarbeit und Sozialpädagogik: Konsequenz der gesellschaftlichen Arbeitsteilung?
3.5 Biografische Lebensbewältigung und soziale Integration

4. Ein Vergleich zwischen Wendt und Böhnisch in ihrer Bewertungen von Bürgerschaftlichem Engagement
4.1 Die Rolle des Bürgers
4.2 Die Überforderung des Bürgers
4.3 Die Begrenztheit des Bürgers
4.4 Ausdrucksformen von Bürgerschaftlichem Engagement

5. Zusammenfassung und eigener Standpunkt

1. Persönlicher Bezug

Im Sommersemester 2002 war ich als studentischer Mitarbeiter der Kon­taktstelle für praxisorientierte Forschung e. V. an der Evangelischen Fach­hochschule Freiburg in der Feldarbeit an einer Befragung von verschie­densten Landesverbänden zum Thema: Zukunft des bürgerschaft­lichen Engagements in ihrem Verein beteiligt.

Dies war seit langem wieder ein erster Kontakt mit dem, was ich gemeinhin als Ehrenamt bezeichnete. Ich habe als Jugendlicher selbst sehr von der regionalen Vereins- und kirchlichen Jugendarbeit profitiert. Mit 16 über­nahm ich schließlich selbst die Leitung einiger Gruppen im Rahmen der Ministranten- oder Kolpingjugend. Auch im Sportverein machte ich später eine Übungsleiterausbildung, um Trainingseinheiten übernehmen zu kön­nen.

Zweites verlor sich mit Wohn- und Sportartwechseln. Ersteres war eine tiefere Entscheidung. Frustration machte sich breit, gegenüber der welt­anschaulichen Enge, mancher Doppelmoral und der Regressivität in der kirchlichen Jugendarbeit, eine Endtäuschung, die schließlich in meinen Kirchenaustritt mündete.

So interessiert mich, was aus dem guten alten Ehrenamt geworden ist, von dem ich mich vor 8 Jahren verabschiedet hab.

Zu meinen Aufgabenbereich bei der Erhebung letzten Sommer zählte, eine Liste mit sämtlichen Adressaten zusammenzutragen, an die der Fragebogen versandt werden sollte. Aus zeitlichen Gründen verabschiedete ich mich wieder aus dem Projekt und eine abschließende Beantwortung auf meine persönliche Frage blieb damals noch aus. Eines allerdings setzte sich da­mals bei mir unauslöschlich fest: der Begriff Bürgerschaftliches Engage­ment; fiel er doch ungezählte Male in den Projektgruppengesprächen und Zweiergesprächen.

Hatte das Kind einen neuen Namen oder war es ein neues Kind?

Um den Fragen, was es mit dem Begriff bürgerschaftliches Engagement auf sich hat und wie die Zukunft des Ehrenamts aussehen könnte, ein bis­schen genauer nachzugehen, wählte ich für meine Hausarbeit den Ver­gleich der Sozialarbeitstheorien von Wendt und Böhnisch und ihre Einschätzung von Bürgerschaftlichem Engagement.

Zudem könnte ich damit vielleicht mein zunehmend sarkastisches Bild von ehrenamtlichen Tätigkeiten aufweichen, das sich über die Jahre entwickelt hat.

Ich nahm eine immer stärkere Entwertung von unbezahlten Diensten war. Begleitet von einem müdem Lächeln hörte ich immer öfter: „Na wer wird den da auf ehrenamtlich machen?!“ Oder: “Das macht man ja nicht ehren­amtlich!“ Bis ich selbst aus voller Brust verkündete, ich werde nie mehr Ar­beiten ohne damit Geld zu verdienen.

Mir schien das irgendwie auch logisch und konsequent von der Entwic­klung her, hin zur Dienstleistungsgesellschaft, dass am Ende alles für Geld angeboten wird und für Geld zu haben ist. Die Jugendarbeit besteht ja so trotzdem weiterhin, und alles was die Menschen wollen und brauchen und bereit sind dafür zu zahlen.

Dennoch blieb ein Frösteln bei der Vorstellung wie es zwischenmenschlich wohl zugehen würde auf den Straßen, wenn sich diese Einstellung offen zeigen würde. Eine Sehnsucht nach dem dörflichen Gefühl, dass schon alle zusammenhalten wenn jemand Hilfe braucht, dass für ein Gemein­schaftsgefühl gesorgt wird, spürte ich ebenso in mir.

Zudem begegne ich, bei meinem Ferienjob für eine Werbeagentur die u. a. Mitgliederwerbung für Nonprofit-Organisationen wie Bund für Umwelt und Naturschutz oder Rotes Kreuz organisiert, bei meinen Einsätzen für den BUND immer wieder engagierte Bürgerinnen und Bürger, wo ich mich frage, ob unsere Gesellschaft und das Allgemeinwohl nicht gerade von solchen Leuten getragen wird.

Zuerst stelle ich also nacheinander zwei Theorien von Sozialer Arbeit vor, zunächst was Wendt anschließend was Böhnisch unter Sozialarbeit versteht.

Danach folgt ein Blick in die Einschätzungen von Bürgerschaftlichem Engagement der beiden Professoren.

2. Sozialarbeitstheorie von Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt

Für Wendt ist die Zeit des unbegrenzten Fortschrittsglaubens auch in der Sozialarbeit längst vorbei. Glaubte man in den 70er und zum Teil bis in die 80er Jahre noch an Systemveränderung, wurden die Zweifel daran unter vielen Sozialarbeitern immer größer. Nach dieser Krise geht es nun um eine Neudefinition die, wie in allen Berufen, in erster Linie von den darin Tätigen geschaffen werden muss. Wolf Rainer Wendt weiß natürlich, dass Erwartungen auch von außen herangetragen werden. Dennoch liegt es wieder an den Protagonisten ob diese angenommen werden und wie sie dann erfüllt werden. Ganz im Sinne des sozialen Konstruktivismus ist hier ein ständiger Prozess im Gange auf dessen momentanen Stand Wendt ein Licht werfen möchte. (Wendt 1995, S. 11)

Wenn ich den Autor richtig verstanden habe, gleicht das Berufsbild ei­nem Mosaik: zusammengesetzt aus den vielen Facetten und Steinchen alltäglicher Praxis, Forschung und Lehre. Gleichzeitig fragt er nach dem Gemeinsamen von den unterschiedlichen Aufgabengebieten, denen sich die Sozialarbeit verpflichtet fühlt. Ein Nenner ist für ihn alles, was zu „Bera­tung, Erziehung, fürsorgerische Begleitung, sachwaltendes Handeln, Ani­mation usw.“ gehört. ( Wendt 1995, S. 11); wobei er die Aufzählung mit „usw.“ offen lässt.

Was er mit dem Begriff Animation meint, interpretierte ich als Inszenierung des Sozialen in Stadtteilen und die Ermutigung zur Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung - zum Bsp. in der offenen Jugendarbeit.

Wendt weist auch darauf hin, dass oben genannte Tätigkeiten keineswegs von Sozialarbeitern alleinig ausgeübt werden. In vielen Berufen finden sich Elemente der sozialpädagogischen Arbeit und sozialen Arbeit. (ebd., S 11)

Wahrscheinlich deshalb, weil es sich um zutiefst menschliche Qualitäten handelt. So fehlt in meinen Augen der Sozialarbeit die Originalität, das „Berufsmonopolistische“ von der Tätigkeit her, wie es praktisch alle anderen Berufe vom Handwerk über Dienstleistungen zu akademischen Berufen aufweisen.

Laut Wendt kann nicht einmal eine bestimmte Zusammensetzung der verschiedenen Qualifikationen ausgemacht werden.

Zusätzlich wird von denen, in der vermeintlichen Sozialarbeit Tätigen, der Begriff selbst - wenn überhaupt - nur als relativ schwammiger Überbegriff verwendet. (ebd., S. 11)

2.1 Die Suche nach der Identität

Nach Meinung des Autors ist aber gerade in unserer Zeit, da, so seine These, eine gegebene Identität nicht mehr vorhanden ist, sondern von je­dem im Laufe seines Lebens geschaffen werden muss, ein klares Berufs­bild für die Menschen wichtig. So wie ich nämlich meine Freizeit nutze um mich zu kreieren, dient auch der Beruf immer mehr dazu, meine Identität zu repräsentieren. Da der Mensch von seiner Anlage her nach wie vor nach Sicherheit als Grundbedürfnis verlangt, kommt dem Beruf auch hier eine kontinuitätsstiftende Bedeutung zu.

Trotzdem ist das Berufsleben - wie alle Bereiche des Lebens - vom Wandel geprägt; im postindustriellen Zeitalter mehr denn je. Im Beruf wie im Privatleben muss also beides zum Ausdruck kommen: Wandlungsbereitschaft und Stabilität. (Wendt 1995, S. 13)

Eine besondere Würze bekommt dieser Prozess für Wendt, da der Gegenstand der Sozialen Arbeit gerade Menschen sind, die in diesem Prozess Schwierigkeiten haben.

Und unversehens nennt er doch eine ganz spezifische Aufgabe der institu­tionellen Sozialarbeit: „durchschnittliche erwartbare Identitätsstrukturen“(ebd.) für die Gesellschaft zu vertreten und für ihre Herstellung oder Wiederherstellung zu sorgen.

Dies ist selbstverständlich in einer sich ständig wandelnden Gesellschaft, in der die „Sozialisationsziele diffus werden“ (Wendt 1995, S. 14), nicht einfach.

In meinen Augen gerade für die behördliche Sozialarbeit, an die ja diese Leistungsdefinition gerichtet ist, eine echte Herausforderung, da sie wie alle Behörden mit Verkrustung und Unbeweglichkeit zu kämpfen hat.

Wie schwierig es für die im „sozialen“ Bereich Beschäftigten sein kann mit dieser Identitätskrise, der Einzelnen und der Gesellschaft als solche, täglich über ihre Klienten so direkt konfrontiert zu sein, deutet Wendt nur an und verspricht seinem Schlusskapitel näher darauf einzugehen. (Wendt 1995, S. 14)

Ich habe es gespannt gelesen und verweise den interessierten Leser auf das Literaturverzeichnis, da ich in meinem Schluss auf die Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements eingehe.

2.2 Fürsorglichkeit

Um auf den Begriff Fürsorglichkeit zu kommen, erwähnt Wendt noch mal die mangelnde Abgrenzbarkeit von anderen Berufen. Er zählt abermals die Bereiche der Sozialarbeit auf und stellt fest, dass alle Termini aus anderen Berufen übernommen sind. (Wendt 1995, S. 15)

Für mich kein eindeutiges Indiz von Unselbstständigkeit, da die Sozialar­beitsprofession eine sehr junge ist und ganz natürlich noch nicht über viele eigene Nomenklaturen verfügt. Ich bin mir sicher, dass andere Fächer nach ihrer Herausbildung sich bei den bereits vorhandenen Wissenschaf­ten, was Fachausdrücke anbelangt, ebenfalls bedienen mussten.

Schließlich ist für Wendt klar, dass bei aller Schwierigkeiten der Definition, die gesellschaftliche Gewolltheit von Sozialer Arbeit in unserem Land be­steht. Mit dem Bedürfnis nach Fürsorglichkeit wünschen sich die Bürger eine Gesellschaft mit menschlichem Klima, auch von Staatswegen garantiert. (ebd., S. 16)

Für die Theoretiker ist diese Fürsorglichkeit aber keine genau „Produktbe­schreibung“. Wendt zitiert Wolff Stephan, nach dessen Ansicht sich Für­sorglichkeit „nicht als eine Zielbestimmung von Organisationen oder als Element professioneller Kompetenztheorien“ eignet. „Sie wird durch die organisatorischen Aktivitäten gleichsam nebenbei produziert, d. h. sogar durch Maßnahmen, die mit dem direkten Klientenkontakt nichts zu tun haben und denen man ihren `fürsorglichen Charakter `nicht ansieht“. (Wendt 1995, S. 16)

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Sozialarbeitstheorien von Wendt und Böhnisch und ein Vergleich ihrer Einschätzung von Bürgerschaftlichem Engagement
Hochschule
Evangelische Fachhochschule Freiburg
Veranstaltung
Theorien Sozialer Arbeit
Note
2,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V46625
ISBN (eBook)
9783638437745
ISBN (Buch)
9783640677146
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialarbeitstheorien, Wendt, Böhnisch, Vergleich, Einschätzung, Bürgerschaftlichem, Engagement, Theorien, Sozialer, Arbeit
Arbeit zitieren
Christian Gotz (Autor), 2004, Die Sozialarbeitstheorien von Wendt und Böhnisch und ein Vergleich ihrer Einschätzung von Bürgerschaftlichem Engagement, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46625

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