Die weiblichen Angestellten der 20er am Beispiel der Telefonfräulein im Feuilleton Joseph Roths


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Industrialisierung - Veränderung der Wahrnehmung

3. Die Anfänge der literarischen Verarbeitung des Telefons

4. Das Feuilleton
4.1 Roth und der Wiener Feuilletonismus
4.2 Definition des Feuilletons
4.3 Eigenheit des Feuilletons
4.4 Stand der Feuilletonforschung

5. Joseph Roth: „Die Telefonzentrale“

6. Das Telefon – eine sozialgeschichtliche Betrachtung

7. Das Fräulein vom Amt
7.1 „Das Fräulein vom Amt“ – zwischen Diskriminierung und Akzeptanz
7.2 Voraussetzungen für den Post- und Telegraphendienst
7.3 Telefon, Elektrizität, Hysterie

8. Die weiblichen Angestellten der Weimarer Republik
8.1 Die Angestellte als Konsumentin
8.2 Die Angestellte als rationalisierte Frau

9. Schlusswort

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kaum eine andere literarische Gattung zeichnet ein Bild der Gesellschaft der Goldenen 20er Jahre in solch einer verdichteten und prägnanten Form wie das Feuilleton. Seine Wiener Vertreter, u.a. Alfred Polgar, Joseph Roth, Egon Erwin Kisch, Soma Morgenstern, recherchierten im Alltag, in den Menschenmassen der Großstadt, in Theatern, Cafés und auf der Straße. Ihre Feuilletons gleichen kleinen Preziosen, in denen noch das kleinste, alltäglichste, unauffälligste Detail als eine kleine Kostbarkeit bearbeitet und geschliffen wurde. Besonderes die Vielfalt der Feuilletons von Joseph Roth liefert ein sehr anschauliches und vielseitiges Bild der Wiener Gesellschaft der 20er. Alfred Polgar, der Vorbild und Mentor Roths war, prägte den Begriff des „Wiener Feuilletonismus“. Polgar leitete 1919/20 den Feuilletonteil der Wiener bürgerlichen Tageszeitung „Der Neue Tag“, welche als ein dem Pazifismus verschriebenes Blatt galt. Der junge Journalist Roth lernt hier das Handwerk des Feuilletonisten. Dazu gehört in erster Linie der Verzicht auf Rührseligkeit und Sentimentalität. Roths publizistisches Schaffen zeigt deutlich, daß die Qualität des Feuilletons nicht in den Themen, sondern in der sprachlichen Gestaltung liegt.

Soma Morgenstern sagte über Roth, seine wahren Kunstwerke seien nicht die Reiseberichte, Essays und Romane, sondern seine Feuilletons. Sie weisen einen Kunstcharakter auf. Ihre Poetik kommt in einem speziellen Zeichen- und Zeitbegriff sowie einer besonderen Figurenkonzeption zum Vorschein.

Roth, der sich als „Grenzgänger“ und „Bürger zweier Welten“, der Publizistik wie der Erzählkunst, profiliert hat, der in den verschiedenen Gattungen journalistischer Texte und gleichermaßen in der Poesie längst als ein Autor von hohem Rang gilt, gebraucht das Feuilleton als literarisches Werkzeug für seine meinungsäußernde, wertende, informativ-argumentativ unterhaltende Impressionen über das gesellschaftliche und soziokulturelle Alltagsleben in den Großstadtmetropolen Wien und Berlin. Ein besonders beliebtes Thema der Zeit stellt das Phänomen der „neuen Frau“ dar, welche vor dem Ersten Weltkrieg in der Bohéme, als berufliche Rarität oder als literarische Konvention existiert, in den Zwanzigern jedoch zur Massenerscheinung wird. In der vorliegenden Arbeit möchte ich anhand eines ausgewählten Feuilletons über die Telephonzentrale, welches Roth in seiner Wiener Zeit verfasst hat, die Erscheinung der „neuen Frau“ als Angestellte und Konsumentin abbilden.

„Die Telefonzentrale“ soll für meine Studie als Prototyp der Gattungsform Feuilleton in den Zwanzigern gelten. Es stellt eine sozialkritische Auseinandersetzung mit dem damals neuen Medium Telefon dar. In seiner lehrhaft wirkenden Reflektion über dessen Funktionsweise sowie Einfluss auf Nutzer und Bediener, stößt Roth auf die Figur des Telefonfräulein und macht sie zum Gegenstand seiner Betrachtung. Durch seine laienhafte, vom Wiener Feuilletonismus stark geprägte Darstellungsweise schafft Roth viel Freiraum für Authentisches und Menschliches. Er bettet die Figur des Telefonfräuleins unverkennbar in den Kontext eines kritischen Mensch-Maschine Diskurses.

Um Roths kritischen Blick weiter zu verschärfen und die Ernsthaftigkeit der Problematik der Überbelastung durch Rationalisierung des beruflichen Alltags im Kommunikationswesen der Zwanziger deutlich zu machen, möchte ich einige wissenschaftliche und geschichtliche Fakten über die Tätigkeit der Vermittlungsbeamtin präsentieren. Dabei beschränke ich mich auf den deutschsprachigen Raum. Als Quellen dienen das Archivmaterial der Deutschen Post sowie die von Helmut Gold im Jahr 1993 herausgegebene Beitragssammlung über das „Fräulein vom Amt“.

So wie die Wahrnehmung aller Zeitgenossen Roths, unterliegt auch seine Veränderungen, die im Zusammenhang mit einer immer mehr beschleunigten Industrialisierung des täglichen Lebens zu betrachten sind. Es soll deutlich werden, daß in der „Telephonzentrale“ eine Bewusstseinsveränderung in der literarischen Formensprache ihren Reflex oder Vorankündigung findet.

Friedrich Kittler beschreibt in „Grammophon Film Typewriter“ ausführlich die individuellen und gesellschaftlichen Veränderungen, welche die Verkabelung und Technisierung bewirkt hat. Anhand von Anekdoten geht er auf den mit der Schreibmaschine gewandelten Bezug der Hand zur Schrift ein.

Kittler behauptet, daß „selbst dort, wo die Maschine nicht benützt wird, [sie dennoch] die Rücksichtsnahme auf >>sich<< [herausfordert] in der Gestalt, daß [man] auf sie [verzichtet] und sie [umgeht]. Dieses Verhältnis wiederholt sich überall und ständig in allen Bezügen des neuzeitlichen Menschen zur Technik. Die Technik ist in unserer Geschichte.“[1]

Da Roth in seinem Feuilleton dem Mensch-Technik Diskurs eine zentrale Bedeutung beimisst, möchte ich im folgenden Abschnitt näher auf die Wirkung des industriellen Aufschwungs auf die Gesellschaft und den Künstler eingehen.

Auch die Prosa-Gattung Feuilleton gehört als wichtiger Bestandteil in diesen Diskurs hinein, denn es stellt ein Phänomen der Massenkommunikation dar, welches in dieser Form erst seit den zwanziger Jahren existiert. Der Aufstieg der Presse zum Massenkommunikationsmittel setzt sich während den Jahren der Weimarer Republik vehement fort, getragen von einer sich rasant vollziehenden weiteren Ausdifferenzierung der Medientechnik und der Medienkommunikation.

2. Industrialisierung - Veränderung der Wahrnehmung

Das Feuilleton der Zwanziger Jahre entdeckt die Metropole Berlin als unerschöpflichen Gegenstand der Betrachtung. In ihr spiegeln sich nicht nur die rapiden Veränderungen des Verkehrs, der Architektur, der Unterhaltungskultur wie der Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt, sondern auch die melancholische Mentalität des jeweiligen Verfassers. Dieser präsentiert sich grundsätzlich als Flaneur: als besinnlicher Spaziergänger, der sich von der Hektik des großstädtischen Getriebes inspirieren, aber nicht mitreißen lässt und eine distanzierte, fast voyeuristische Perspektive einnimmt.

Ein Zeitzeuge des industriellen Aufschwungs W. Erb beschreibt das Lebensgefühl folgendermaßen: „Die Ansprüche an die Leistungsfähigkeit des Einzelnen im Kampfe ums Dasein sind erheblich gestiegen...[die] Ansprüche an Lebensgenuss in allen Kreisen [sind] gewachsen; ein unerhörter Luxus hat sich auf Bevölkerungsschichten ausgebreitet, die früher davon ganz unberührt waren.“ Am rasantesten verändert sich Verkehrs- und Kommunikationsdichte. Durch die Drahtnetze des Telegraphen und Telefons, die die Welt umspannen, verändern sich zunehmend die Verhältnisse in Wirtschaft und Handel. Statt die Strapazen einer langen Reise auf sich zu nehmen, verhandeln Kaufleute am Telefon. Es ist eine Zeit bedeutender medialer, politischer, industrieller und literarischer Veränderung. Durch den Einzug des elektrischen Lichts in die Städte verwandelt sich die Nacht in Tag, das Stadttreiben setzt sich nachts in Cafés und Bars und auf gut beleuchteten Straßen und Plätzen fort. Leuchtreklame erobert zunehmend das Stadtbild und sorgt zusammen mit Werbeplakaten für ein modernes Lebensgefühl. Das Großstadtleben charakterisiert Hast und Aufregung. Moderne Nervosität wird zum Schlagwort der Zeit. Eisenbahn, Straßenbahn, Automobil, Zeppelin und Flugzeug, Film, Kino, Photographie, Telegraph und Telefon sowie die Ausbreitung des elektrischen Lichts, schließlich die Rotationspresse, das Grammophon und Radio bewirken eine noch nie da gewesene Verkehrs- und Kommunikationsdichte. Der Beruf der Vermittlungsbeamtin ist in diesem Kontext zu sehen, er steht exemplarisch für eine neue moderne Welt, in der Distanzen rasant schwinden und alles viel schneller vor sich geht.

3. Die Anfänge der literarischen Verarbeitung des Telefons

Als Sigmund Freud 1930 die Grundbefindlichkeit der Epoche in der gleichnamigen Schrift analysiert, wertet er den Fortschrittsglauben und die technischen Errungenschaften zwar positiv, jedoch kritisiert er die Auswirkungen des technischen Fortschritts auf das Individuum und die Sozialisationsinstanz Familie. Die Möglichkeit, die das technische Artefakt Telefon bietet, nämlich beliebig oft die Stimme des eigenen Kindes zu hören, bezeichnet er als einen positiven Lustgewinn und einen „unzweideutige[n] Zuwachs an Glücksgefühl. [Doch] gäbe es keine Eisenbahn, die die Entfernungen überwindet, so hätte das Kind die Vaterstadt nie verlassen, man braucht kein Telefon, um seine Stimme zu hören.“[2]

Mit Telefon, Radio, Tonfilm, Eisenbahn, Flugzeug entwickelt sich ein weltumspannendes System der Massenkommunikation. Plötzlich ist es möglich, mit dem Flugzeug und mit Schiffen bis „ans Ende der Welt“ zu reisen oder mit dem Automobil in wenigen Augenblicken ganz wo anderes zu sein. Der Widerspruch zwischen dem Gefühl der Zeitnot und des Gehetztseins, sowie dem Geschwindigkeitsrausch und dem Drang, Entfernungen rasch zu überwinden, führt zu einem weitverbreiteten Unbehagen, welches sich zuallererst in literarischer, lyrischer Form niederschlägt. Unbehagen um die Zukunft, Technikfaszination und das gleichzeitige Ausgeliefertsein an die Maschine finden ihren Ausdruck bei vielen Dichtern in einem expressionistischen Weltuntergangston.

Vertreter der pessimistischen Kritik machen darauf aufmerksam, daß die neugewonnene Freiheit und Verfügung über Raum und Zeit dem Menschen keine wirkliche Lebenserfüllung geben können, sich sogar destruktiv auswirken. Karl Kraus konfrontiert 1917 in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ das ’künstliche’ Telefon mit dem ’natürlichen’ Wald. „Wenn ich nur ein Telefon habe, der Wald wird sich finden! Ohne Telefon kann man nur deshalb nicht leben, weil es das Telefon gibt. Ohne Wald wird man nicht leben können, auch wenn´s längst keinen Wald mehr geben wird. Dies gilt für die Menschheit. Wer über ihren Idealen lebt, wird doch ein Sklave ihrer Bedürfnisse sein...“[3] Kraus wirft der Technisierung vor, sie verdränge den Geist und verursache eine Leere im Menschen. Ein Mensch, der sich an ein technisches Artefakt gewöhnt hat, ist völlig hilflos, wenn dieses einmal nicht mehr da ist. Die Kette solcher individueller Schuldzuweisungen begann in einer Zeit, als das Medium sich noch kaum durchgesetzt hatte. Vor allem diente das Telefon in den folgenden Jahren für einige Schriftsteller und Journalisten als Vehikel zeitkritischer Miniaturen. Franz Kafka gehört zu den ersten Schriftstellern, die die Personalisierung des Telefons einführen. In seinem „Schloß“ aus dem Jahre 1925 stellt sich das Telefon zwischen den Landvermesser und sein unerreichbares Ziel.: „Es war […] wie wenn [die Stimme des starken Summens aus der Hörmuschel forderte], tiefer einzudringen als nur in das armselige Gehör“[4]

Kaum ein anderes Medium hat den seit jeher bestehenden Traum, Raum und Zeit zu überwinden, auf individueller Ebene so vollkommen realisiert. Gleichzeitig aber fallen diese Erfindung und ihre Ausbreitung in eine fortschrittsgläubige, auf das Machbare fixierte Epoche. Die negativen Folgen technischer Innovationen rückten, abgesehen von kulturkritischen Stellungnahmen, die ihren Aufstieg begleiteten, erst in den vergangenen

zehn Jahren verstärkt in das Blickfeld der Sozial- und Medienwissenschaftler. Unberücksichtigt blieb bis heute weitgehend der Bereich der „alltäglichen“ Auseinandersetzungen und Kommentare, die die Ausbreitung des Telefons und den Beruf der Telefonistin im deutschsprachigen Raum begleiten. Die einzige Quelle, die sich bietet, speist sich von den eindrucksvollen Bildern deutschsprachiger Autoren. Zu ihnen zählen unter anderen Karl Kraus, Franz Kafka und Joseph Roth.

4. Das Feuilleton

4.1 Roth und der Wiener Feuilletonismus

Bezeichnend ist, daß die schöne Literatur, vor allem in Deutschland, bis ins späte 19. Jahrhundert und mit wichtigen Strömungen weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht nur der konkreten Arbeitswelt eines immer größeren Teils der Bevölkerung, sondern auch der fortschreitenden Industrialisierung kaum Einlass gewährt hat. Und gerade das als niedere literarische Form geltende und wegen seiner Neigung zu scheinbar absichtslosen Sinneseindrücken oft kritisiertes Feuilleton erreicht ein hohes Maß an Authentizität in der Abbildung des Alltäglichen, Ungeschminkten, Wahren. Als Joseph Roth einmal ein Feuilleton über das Feuilleton schrieb (Berliner Börsen-Courier, Juli 1921), schloß er seinen im "Plauderton geschriebenen Aufsatz", so die Definition des Duden, mit der Bemerkung: "Ich habe etwas über eine Stunde daran geschrieben." Die Zeitangabe ist insofern signifikant, als es eben zum Selbstverständnis des damaligen Feuilletonisten gehörte, nicht "angestrengt", sondern locker, heiter-ironisch, aphoristisch-verkürzend in Erscheinung zu treten. Wie lang die Arbeit am Text tatsächlich dauerte, sei dahingestellt, wichtig war nur, daß der Leser die Mühe nicht merkte. Dementsprechend meint Roth, daß Vollbartmänner, Ernstlinge das Feuilleton gering schätzten; diese beschäftigten sich nur mit ernsten Dingen; zum Beispiel mit "Wissenschaft, Umlaute im König-Rothaarlied, Permutationen und Zusätze zu Einsteins Relativitätstheorie". Es ginge stattdessen um "wunderbare, bunte Seifenblasen". Worte zum Schillern bringen, mit dem Glanz von Pointen bezirzen – was aus Schaum geboren und spiegelglatt ist, kann durchaus Welt reflektieren. Charakteristisch für den Wiener Feuilletonismus ist der sozialkritische Blick, der sich in der Thematisierung der Lebensumstände der kleinen Leute und Abseits-Menschen bemerkbar macht. Auch für das Feuilleton „Die Telephonzentrale“ gilt der sozialkritische Blick.

[...]


[1] Friedrich Kittler: Grammophon Film Typewriter, Berlin 1986, S.293

[2] Michael Bienert: Die eingebildete Metropole, Metzer, 1992, S.155

[3] Karl Kraus: Aphorismen und Gedichte. Auswahl 1903-33, Berlin 1984, S.182

[4] Franz Kafka: Das Schloß, Frankfurt/M. 1968, S.24f

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die weiblichen Angestellten der 20er am Beispiel der Telefonfräulein im Feuilleton Joseph Roths
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
30
Katalognummer
V46671
ISBN (eBook)
9783638438131
ISBN (Buch)
9783638692731
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angestellten, Beispiel, Telefonfräulein, Feuilleton, Joseph, Roths, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Andrea Nagy (Autor), 2004, Die weiblichen Angestellten der 20er am Beispiel der Telefonfräulein im Feuilleton Joseph Roths, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46671

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