Einleitung
Kaum eine andere literarische Gattung zeichnet ein Bild der Gesellschaft der Goldenen 20er Jahre in solch einer verdichteten und prägnanten Form wie das Feuilleton. Seine Wiener Vertreter, u.a. Alfred Polgar, Joseph Roth, Egon Erwin Kisch, Soma Morgenstern, recherchierten im Alltag, in den Menschenmassen der Großstadt, in Theatern, Cafés und auf der Straße. Ihre Feuilletons gleichen kleinen Preziosen, in denen noch das kleinste, alltäglichste, unauffälligste Detail als eine kleine Kostbarkeit bearbeitet und geschliffen wurde. Besonderes die Vielfalt der Feuilletons von Joseph Roth liefert ein sehr anschauliches und vielseitiges Bild der Wiener Gesellschaft der 20er. Alfred Polgar, der Vorbild und Mentor Roths war, prägte den Begriff des „Wiener Feuilletonismus“. Polgar leitete 1919/20 den Feuilletonteil der Wiener bürgerlichen Tageszeitung „Der Neue Tag“, welche als ein dem Pazifismus verschriebenes Blatt galt. Der junge Journalist Roth lernt hier das Handwerk des Feuilletonisten. Dazu gehört in erster Linie der Verzicht auf Rührseligkeit und Sentimentalität. Roths publizistisches Schaffen zeigt deutlich, daß die Qualität des Feuilletons nicht in den Themen, sondern in der sprachlichen Gestaltung liegt.
Soma Morgenstern sagte über Roth, seine wahren Kunstwerke seien nicht die Reiseberichte, Essays und Romane, sondern seine Feuilletons. Sie weisen einen Kunstcharakter auf. Ihre Poetik kommt in einem speziellen Zeichen- und Zeitbegriff sowie einer besonderen Figurenkonzeption zum Vorschein. Roth, der sich als „Grenzgänger“ und „Bürger zweier Welten“, der Publizistik wie der Erzählkunst, profiliert hat, der in den verschiedenen Gattungen journalistischer Texte und gleichermaßen in der Poesie längst als ein Autor von hohem Rang gilt, gebraucht das Feuilleton als literarisches Werkzeug für seine meinungsäußernde, wertende, informativ-argumentativ unterhaltende Impressionen über das gesellschaftliche und soziokulturelle Alltagsleben in den Großstadtmetropolen Wien und Berlin. Ein besonders beliebtes Thema der Zeit stellt das Phänomen der „neuen Frau“ dar, welche vor dem Ersten Weltkrieg in der Bohéme, als berufliche Rarität oder als literarische Konvention existiert, in den Zwanzigern jedoch zur Massenerscheinung wird. In der vorliegenden Arbeit möchte ich anhand eines ausgewählten Feuilletons über die Telephonzentrale, welches Roth in seiner Wiener Zeit verfasst hat, die Erscheinung der „neuen Frau“ als Angestellte und Konsumentin abbilden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Industrialisierung - Veränderung der Wahrnehmung
3. Die Anfänge der literarischen Verarbeitung des Telefons
4. Das Feuilleton
4.1 Roth und der Wiener Feuilletonismus
4.2 Definition des Feuilletons
4.3 Eigenheit des Feuilletons
4.4 Stand der Feuilletonforschung
5. Joseph Roth: „Die Telefonzentrale“
6. Das Telefon – eine sozialgeschichtliche Betrachtung
7. Das Fräulein vom Amt
7.1 „Das Fräulein vom Amt“ – zwischen Diskriminierung und Akzeptanz
7.2 Voraussetzungen für den Post- und Telegraphendienst
7.3 Telefon, Elektrizität, Hysterie
8. Die weiblichen Angestellten der Weimarer Republik
8.1 Die Angestellte als Konsumentin
8.2 Die Angestellte als rationalisierte Frau
9. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand des Feuilletons „Die Telefonzentrale“ von Joseph Roth die gesellschaftliche Rolle der „neuen Frau“ als Angestellte in den 1920er Jahren. Dabei wird analysiert, wie Roth das Telefon als modernes Medium und die damit einhergehende Rationalisierung der Arbeit literarisch verarbeitet und kritisch reflektiert.
- Die Gattung Feuilleton als Medium der Zeitkritik in den 1920er Jahren
- Die sozioökonomischen Bedingungen des Berufs der Vermittlungsbeamtin
- Mensch-Maschine-Diskurs und Rationalisierung am Arbeitsplatz
- Die Konstruktion und Lebensrealität der „neuen Frau“ in der Weimarer Republik
- Der gesundheitliche Aspekt und die psychologischen Belastungen technisierter Arbeit
Auszug aus dem Buch
5. Joseph Roth: „Die Telefonzentrale“
Am 14. November 1919 erscheint im Neuen Tag das Feuilleton Joseph Roth´s „Die Telephonzentrale“. Darin schildert er ein zeittypisches Phänomen im Umgang mit dem neuen Medium Telefon in der Wiener Gesellschaft der frühen Zwanziger. Als junger, angehender Journalist hält sich Roth an die von Alfred Polgar formulierten Vorgaben des Wiener Feuilletonismus und richtet sein subjektives Augenmerk auf die Arbeitbedingungen der weiblichen Angestellten in einem neuen Medienberuf.
Der Titel „Die Telephonzentrale“ kündigt eine technische Auseinandersetzung mit dem damals neuartigen Medium Telefon. Der Leser erwartet eine technisch korrekte Beschreibung der Einzelfunktionen des Mediums Telefon. Doch stattdessen beginnt der Autor mit der persönlichen, subjektiven Schilderung einer Alltagserfahrung. „Drei Stunden – von 6 bis 9 Uhr abends – warte ich auf die Verbindung mit der Nummer...“ Nach unzähligen Versuchen die Ursache der Störung ausfindig zu machen, entschließt sich der Erzähler der Technik etwas nachzuhelfen und macht sich auf den Weg in die Telefonzentrale.
Die Beschreibung des Amtwesens trägt ironische bis groteske Züge. Nicht nur die Beamten, auch die Gegenstände werden zum wichtigen Bestandteil der kritischen Auseinandersetzung, in der ein übertriebener, gegen den Menschen gerichteter Bürokratismus präsentiert wird. Selbst die Türen sind völlig entfremdet, sie sind statt Durchgang, strenge Wachposten. „ [Sie] alle sagen stolz und abweisend: Eintritt verboten! Verboten! Verboten!“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung des Feuilletons als literarische Form zur Abbildung der Gesellschaft der 1920er Jahre ein und stellt die Relevanz von Joseph Roths Werk für die Analyse der „neuen Frau“ dar.
2. Industrialisierung - Veränderung der Wahrnehmung: Das Kapitel beleuchtet den massiven gesellschaftlichen Wandel durch die Industrialisierung, der zu einer Beschleunigung des Alltags und einer veränderten Wahrnehmung durch den „Flaneur“ führt.
3. Die Anfänge der literarischen Verarbeitung des Telefons: Hier wird untersucht, wie Schriftsteller der Epoche auf die Einführung des Telefons reagierten, wobei insbesondere das Unbehagen über den Verlust natürlicher Distanz und die Destruktivität der Technik thematisiert werden.
4. Das Feuilleton: Dieser Abschnitt definiert das Feuilleton als journalistische Gattung, geht auf die Eigenheiten des „Wiener Feuilletonismus“ ein und erörtert den aktuellen Forschungsstand.
5. Joseph Roth: „Die Telefonzentrale“: Das Kapitel analysiert Roths Feuilleton als sozialkritische Auseinandersetzung, die den Menschen hinter der Maschine in den Mittelpunkt stellt und die Arbeitsbedingungen der Telefonistinnen beleuchtet.
6. Das Telefon – eine sozialgeschichtliche Betrachtung: Der Fokus liegt hier auf dem Telefon als soziales Medium, dessen Aneignung durch den Menschen eine grundlegende kulturelle Veränderung darstellt.
7. Das Fräulein vom Amt: Dieses Kapitel betrachtet die spezifische Rolle der Vermittlungsbeamtin zwischen gesellschaftlicher Diskriminierung, strengen Auswahlkriterien und den psychischen Belastungen durch den Technikeinsatz.
8. Die weiblichen Angestellten der Weimarer Republik: Es wird die neue Schicht der weiblichen Angestellten analysiert, ihr Wandel zur Konsumentin sowie die Auswirkungen der Rationalisierung auf ihren beruflichen Alltag.
9. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert, dass Joseph Roth durch seine Skizze ein wichtiges Dokument zur Aufklärung über die prekären Lebens- und Arbeitsumstände der „neuen Frau“ geschaffen hat.
Schlüsselwörter
Joseph Roth, Feuilleton, Wiener Feuilletonismus, Telefon, Telefonzentrale, Telefonfräulein, neue Frau, Weimarer Republik, Industrialisierung, Rationalisierung, Sozialgeschichte, Medienberuf, Arbeitsbedingungen, Technikfolgen, Vermittlungsbeamtin
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die gesellschaftliche Wahrnehmung und literarische Aufarbeitung moderner Medientechnik in den 1920er Jahren, fokussiert auf Joseph Roths Feuilleton „Die Telefonzentrale“.
Welche zentralen Themenfelder werden in dem Text behandelt?
Zentrale Themen sind die Industrialisierung, die Rolle der Frau in der Arbeitswelt der Weimarer Republik, die Entwicklung des Feuilletons als Gattung sowie die soziale und psychische Belastung durch technisierte Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, anhand von Roths Feuilleton aufzuzeigen, wie das Phänomen der „neuen Frau“ als Angestellte und Konsumentin im Spannungsfeld von Rationalisierung und Mensch-Maschine-Interaktion abgebildet wurde.
Welche wissenschaftliche Methodik wird für die Untersuchung verwendet?
Die Arbeit nutzt eine medienwissenschaftliche und sozialhistorische Analyse, wobei sie auf Primärquellen wie Roths Feuilleton und zeitgenössisches Archivmaterial der Postgeschichte sowie auf literaturwissenschaftliche Forschung zurückgreift.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung des Feuilletons, die sozialgeschichtliche Betrachtung des Telefons, die spezifische Situation der Vermittlungsbeamtinnen und eine breitere Analyse der weiblichen Angestelltenschaft in der Weimarer Zeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Publikation?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Joseph Roth, Feuilleton, Telefonzentrale, Rationalisierung, neue Frau, Weimarer Republik und Arbeitssoziologie.
Wie unterscheidet sich Roths Feuilleton von einer rein technischen Beschreibung?
Roth verzichtet auf eine rein technische Sachdarstellung und wählt stattdessen einen subjektiven, ironischen und sozialkritischen Zugang, der die menschliche Perspektive der Arbeiterinnen in den Fokus rückt.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor in Bezug auf den Beruf des Telefonfräuleins?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Beruf der Telefonistin mit massiven gesundheitlichen und psychischen Belastungen verbunden war, was Roth in seinem Feuilleton als „moderne Tortur“ anprangert.
- Quote paper
- Andrea Nagy (Author), 2004, Die weiblichen Angestellten der 20er am Beispiel der Telefonfräulein im Feuilleton Joseph Roths, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46671