„Jener wird immer ein Gott mir sein, und an seinem Altare Wird aus unserem Stall ein Lamm ihm, ein zartes, geopfert.“ In diesen zwei kurze n Zeilen findet sich möglicherweise ein erstes Indiz für eine Verehrung Octavians, des späteren römischen Princeps Augustus, als Gott. Der Ausspruch stammt aus der ersten Ekloge Vergils aus dem Jahre 41. Darin berichtet ein Hirte einem anderen Hirten davon, dass ihm sein Hof zurückgegeben worden sei und er dies einem Gott verdanke. Nach der Schlacht bei Philippi, bei der die republikanischen Kräfte unter Cassius und Brutus ausgeschaltet worden waren, wurde Octavian mit der wenig Dank versprechenden Aufgabe betraut, die Veteranen mit Land zu versorgen. Von den dafür notwendigen Enteignungen waren mindestens achtzehn Städte in Italien betroffen. Zu den wenigen Ausnahmen, die gemacht wurden, zählte unter anderem das Landgut des Vaters von Vergil. Dies macht es nicht unwahrscheinlich, dass Vergil mit dieser Szene aus der ersten Ekloge ein Gefühl von Dankbarkeit und Verehrung gegenüber Octavian zum Ausdruck bringen wollte.
Setzt man diese Vermutung als zutreffend voraus, wird ersichtlich, welche Motive und Intentionen einen Menschen in der Antike dazu bewegt haben könnten, in einem anderen Menschen einen Gott zu sehen und ihn als solchen zu verehren. Die Erkenntnis, dass Emotionen von Dankbarkeit und Zustimmung ein wesentliches konstitutives Element der kultische n Verehrung des ersten Princeps Augustus waren, soll im folgenden behilflich sein bei der Untersuchung der Fragestellung, ob sich Augustus entgegen der Überlieferung der Quellen auch in Rom und Italien bereits zu seinen Lebzeiten als Gott verehren ließ und auf welche Weise sich die Vorraussetzungen, Bedingungen und Formen einer göttlichen Verehrung in Rom und Italien von denen in den Provinzen des Ostens unterschieden. Hinsichtlich der Frage nach einem Herrscherkult im kernrömischen Gebiet selbst ist die Quellenlage äußerst widersprüchlich und die moderne Forschung zerstritten. Ich möchte im folgenden versuchen, ohne mich gänzlich auf die eine oder anderen Seite zu schlagen, einen Kompromiss zwischen den scheinbar konträren Aussagen der Quellen herbeizuführen und herauszustellen, dass die Frage, ob sich Augustus in Rom und Italien als Gott verehren ließ, weder mit einem klaren Ja noch mit einem klaren Nein beantwortet werden kann, sondern dass hier mehr differenziert werden muss.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Wer oder was ist ein Gott?
2.2. Gründe für eine Ablehnung göttlicher Ehrung in Rom und Italien
2.3. Octavian als Beschützer römischer Tradition
2.4. Überlieferungen von einer Duldung göttlicher Ehrungen in Rom und Italien
2.5. Die Haltung des Augustus zur göttlichen Überhöhung seiner Person
2.6. Vorraussetzungen einer kultischen Verehrung des Princeps in Rom
2.7. Der Augustuskult als Loyalitätsreligion
2.8. Die Etablierung des Geniuskultes in Rom
2.9. Die Ausdehnung des Augustuskultes auf Italien
3. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Fragestellung, ob sich Augustus bereits zu seinen Lebzeiten als Gott in Rom und Italien verehren ließ und wie sich diese kultischen Formen von den Provinzen des Ostens unterschieden. Ziel ist es, einen Kompromiss zwischen der scheinbar widersprüchlichen Quellenlage und der modernen Forschung zu finden, indem die religiösen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen kritisch beleuchtet werden.
- Entwicklung und Ausprägung des Herrscherkults unter Augustus
- Differenzierung zwischen dem Kult in den Provinzen und dem Kerngebiet Rom
- Bedeutung von Tradition (mores maiorum) versus politischer Notwendigkeit
- Die Rolle des Genius- und Lares-Kultes als Instrument zur Loyalitätssicherung
Auszug aus dem Buch
2.1. Wer oder was ist ein Gott?
Um zu einer Beantwortung der Frage zu gelangen, ob und in welcher Form sich Octavian/Augustus als Gott verehren ließ, ist es notwendig, zuallererst einen Definitionsversuch des antiken Verständnisses eines Gottes zu wagen, das heißt der Frage nachzugehen, welche Qualitäten, Attribute und Charakteristika einen Gott nach antikem Verständnis zu einem solchen machen und wie sich die Interaktion und Kommunikation der Menschen mit einem Gott in der kultisch-religiösen Praxis äußert.
Manfred Clauss hat dies zutreffend zusammengefasst: Ein Gott ist, „wer eine Weihinschrift – mit der Formel v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito) oder sacrum – erhält; wer einen Altar erhält; wer einen heiligen Hain erhält; wer einen Tempel erhält; wer einen Priester erhält; wer ein Opfer – eine immolatio – erhält; wer mit anderen Göttern zusammen verehrt wird; wer Gott genannt wird.“
Ausgehend von diesen wichtigsten Bestandteilen kultischer Interaktion, die einen Gott erst zu einem solchen machen, wird eine differenzierende Beantwortung der Frage nach einer kultischen Verehrung des Octavian/Augustus wesentlich erleichtert, indem untersucht wird, zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort und in welcher Kombination die von Clauss zusammengefassten Stichpunkte auf Octavian/Augustus zutreffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik durch die Analyse von Vergil und die Herleitung der Forschungsfrage zur göttlichen Verehrung des Augustus.
2. Hauptteil: Analyse der religiösen und politischen Rahmenbedingungen sowie der verschiedenen Formen der Verehrung von Augustus, inklusive der Rolle des Genius und der Ausdehnung auf Italien.
2.1. Wer oder was ist ein Gott?: Theoretische Definition der Merkmale göttlicher Verehrung in der Antike nach Manfred Clauss.
2.2. Gründe für eine Ablehnung göttlicher Ehrung in Rom und Italien: Untersuchung der historischen Quellen und der sozialen Hindernisse für eine göttliche Überhöhung des Herrschers.
2.3. Octavian als Beschützer römischer Tradition: Diskussion der propagandistischen Strategien Octavians im Kontext der Auseinandersetzung mit Antonius.
2.4. Überlieferungen von einer Duldung göttlicher Ehrungen in Rom und Italien: Gegenüberstellung konträrer Quellen zur Existenz eines frühen Augustuskultes.
2.5. Die Haltung des Augustus zur göttlichen Überhöhung seiner Person: Analyse der Symbolik von Himmelserscheinungen und der Annäherung an Apollo.
2.6. Vorraussetzungen einer kultischen Verehrung des Princeps in Rom: Reflexion über die religiösen und strukturellen Bedingungen für den Kaiser- und Herrscherkult.
2.7. Der Augustuskult als Loyalitätsreligion: Untersuchung des Kultes als Mittel zur politischen Bindung und Stabilität.
2.8. Die Etablierung des Geniuskultes in Rom: Darstellung der Institutionalisierung der Verehrung durch den Genius und die Lares.
2.9. Die Ausdehnung des Augustuskultes auf Italien: Nachweis der Verbreitung von Munizipalkulten und der Rolle des Treueeides.
3. Schlussbetrachtung: Fazit zur Differenzierung zwischen offizieller Verehrung des Genius und der faktischen Gottgleichsetzung des Augustus.
Schlüsselwörter
Augustus, Herrscherkult, Rom, Italien, Genius, Lares Augusti, Gottkönigtum, mores maiorum, kaiserliche Propaganda, Loyalitätsreligion, Antike, Divinisierung, Kaiserzeit, Religion, Kult.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie der römische Princeps Augustus zu seinen Lebzeiten als Gott verehrt wurde und inwieweit dies im Einklang mit römischen Traditionen stand.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung zum hellenistischen Gottkönigtum, die Rolle des Genius-Kultes, die politische Instrumentalisierung von Religion und die regionalen Unterschiede zwischen Rom, Italien und den Provinzen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den scheinbaren Widerspruch zwischen den antiken Quellen, die eine Ablehnung göttlicher Ehrungen behaupten, und den epigraphischen Beweisen für einen existierenden Kult aufzulösen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine historiographische Quellenanalyse, bei der literarische Berichte (Sueton, Cassius Dio, Tacitus) mit epigraphischen Funden und modernen Forschungsmeinungen abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Definition von Gottesmerkmalen und die detaillierte Untersuchung der administrativen und religiösen Schritte, durch die Augustus eine Verehrung als Gott in sein Herrschaftssystem integrierte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Augustuskult, Genius, Loyalitätsreligion, Römische Staatsreligion, Herrscherkult und die Person des Augustus.
Wie wichtig war der Genius des Augustus für den offiziellen Kult?
Der Genius diente als offizielles „Schutzschild“, das es Augustus ermöglichte, religiöse Verehrung zu akzeptieren, ohne direkt gegen die traditionellen Sitten (mores maiorum) zu verstoßen.
Spielt die Geographie für die Ausbreitung des Kultes eine Rolle?
Ja, der Kult verbreitete sich von den östlichen Provinzen über die italischen Küstenstädte bis hin in das Zentrum Rom, wobei die munizipale Autonomie der Städte die Ausbreitung begünstigte.
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- Hendrik Koop-Lampe (Author), 2005, Herrscherkult im Zeitalter des Augustus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46702