Das Paradigma der Kommunikation in neueren soziologischen Theorien - Niklas Luhmann und Jürgen Habermas

Zwei konträre Ansätze der Konzeptualisierung der gesellschaftlichen Basisoperation Kommunikation - zwischen Verstehen und Verständigung


Hausarbeit, 2005
17 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung, Überblick, Fragestellung

2. Jürgen Habermas: kommunikatives Handeln
2.1. Von der Handlung zur Kommunikation
2.2. Kommunikation und Sprache
2.2.1. Der Diskurs
2.2.2. Kriterien der Gültigkeit bzw. Intersubjektivität
2.3. Verständigung als Element sozialer Integration von Subjekten
2.4. Habermas Konzeption der Gesellschaft –Erschaffung des Ortes des herrschaftsfreien Diskurses
2.4.1. System
2.4.2. Lebenswelt
2.5. Zusammenfassung

3. Niklas Luhmann: Kommunikation als Konstitutionselement sozialer Systeme
3.1. Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation
3.2. Bestimmung des Luhmannschen Kommunikationsbegriffs
3.3. Die Kommunikationsmedien
3.4. Systembildung und Kommunikation
3.5. Zusammenfassung

4. Gemeinsamkeiten Unterschiede der beiden Gesellschaftskonzeptionen
4.1. Kommunikation, Verständigung, Verstehen

5. Schlussbemerkungen, Kritik

1. Einleitung, Überblick, Fragestellung

In der Literatur lassen sich eine unüberschaubare Fülle von Definitionen von Kommunikation finden. Dies reicht vom klassischen Modell (Sender-Nachricht-Kanal-Empfänger) von Shannon /Weaver[1], welches auch in den Sozialwissenschaften breit rezipiert wurde, bis zu den neueren Entwürfen, die mit den Namen Schulz von Thun, Watzlawick oder Rogers verbunden sind. Die Soziologie jedoch wurde über lange Zeit als Handlungswissenschaft verstanden[2]. Im Anschluss an die Arbeiten von George Herbert Mead veränderte sich jedoch die Sichtweise auf das soziale Phänomen Kommunikation. Zögerlich verschoben sich die Perspektiven auch in der Soziologie, von der Handlung hin zur Kommunikation als Grundprinzip der gesellschaftlichen Organisation. Soziologisch fundierte Kommunikationsbegriffe werden jedoch erst durch Habermas um 1970 und Luhmann um 1975 in die Theoriebildung integriert. Nicht umsonst werden diese beiden Soziologen als die Protagonisten respektive auch Antagonisten der neueren deutschen Soziologie bezeichnet. Ihre Ansätze wurden und werden in Deutschland heftig diskutiert und auch sie selbst begaben sich in diese Debatte, die unter dem Namen Frankfurt-Bielefeld-Kontoverse für einiges aufsehen sorgte und in der sie ihre verschiedenen Ansätze und Positionen vertraten und gegeneinander stellten. Ihre Konzepte, das zeigt sich auch und vor allem in ihrer Auffassung von Kommunikation, am profiliertesten entlang der Begriffe Verständigung (Habermas) und Verstehen (Luhmann), unterscheiden sich in vielen grundlegenden Positionen.

Gerade weil die beiden Theoretiker einen Paradigmenwechsel in der Soziologie, durch die kommunikationstheoretische Fundierung ihrer Theorien einläuteten, ist es interessant die beiden Entwürfe herauszuarbeiten und gegeneinander zustellen. Dies soll auch die Zielsetzung dieser Arbeit sein. Meine Vorgehensweise ist dabei, zuerst die Theorie von Habermas darzustellen, um dann Luhmanns Entwurf nachzuzeichnen und daran anschließend die beiden Ansätze zu vergleichen und die Unterschiede herauszuarbeiten. Den Schwerpunkt meiner Erörterungen lege ich dabei auf die jeweilige Konzeptionierung von Kommunikation, Verständigung vs. Verstehen.

2. Jürgen Habermas: kommunikatives Handeln

Habermas, der in der Tradition der Frankfurter Schule steht, legt mit seinem „opus magnum“ –der Theorie der kommunikativen Handelns eine Konzeption vor, die innerhalb der Soziologie als innovativer Ansatz perzipiert wurde. Mit diesem Ansatz hat sich der Fokus von der Handlung zur Kommunikation verschoben, nicht mehr nur die Folgen der Kommunikation, das (soziale) Handeln stehen im Zentrum soziologischen Interesses, sondern der spezifisch sozialwissenschaftliche Gehalt der Kommunikation selbst. Dabei arbeitet Habermas mit einem engen Begriff von Kommunikation, da ihn vor allem das Medium der Sprache interessiert, andere Formen der Kommunikation bleiben in seiner Konzeption weitestgehend aussen vor. Er geht davon aus, dass alles was Gesellschaft ausmacht in der Sprache konserviert ist: „Sprache muss als Gespinst durchschaut werden, an dessen Fäden die Subjekte hängen und an ihnen zu Subjekten sich erst bilden.“ (Horster 1999 (a), 39) Die Vergesellschaftung der Subjekte (soziale Integration) vollzieht sich demnach vor allem über Sprache, speziell über die Mechanismen der Produktion und Reproduktion von kommunikativer Handlungskoordinierung der Subjekte durch (herrschaftsfreien) Diskurs, wovon weiter unten noch die Rede sein wird.

2.1. Von der Handlung zur Kommunikation

Die bereits angesprochene kommunikationstheoretische Wende vollzieht sich bei Habermas im Gegensatz zu Luhmann innerhalb der Handlungstheorie, er behält den Handlungsbegriff bei, fundiert ihn jedoch kommunikationstheoretisch. Habermas´ Handlungsbegriff sieht wie folgt aus: Handlung ist nach Habermas: „(...)das Bewältigen von Situationen bzw. die aktive Auseinandersetzung eines konstruktiv lernenden Subjekts mit seiner Umwelt (...) .“ (Habermas 1983: 145) Die Antwort auf die Frage: wie kann Alter sein Handeln konfliktfrei an Egos Handlungen anknüpfen, also die Frage, wie soziale Ordnung möglich ist, beantwortet Habermas wie folgt: er sieht zwei Varianten der Handlungskoordination: erfolgsorientierte und verständigungsorientierte. Erstere behandelt die Koordination zweier egozentrischer Nutzenkalküle, die durch normative Komponenten stabilisiert werden. Verständigungsorientierte Handlungsformen beinhalten hingegen intersubjektiv anerkannte Mechanismen der Handlungskoordination, die aus der sprachlichen Verständigung erwachsen. (vgl. Berndsen 1994: 14 f.)

Die Kommunikation in Form von sprachlicher face to face Interaktion erhält in diesem Ansatz gleichsam die Funktion als Medium der Koordination von Handlungen zu dienen und ist so der Handlung als rationalisierendes Moment vorgeschaltet, wobei ihr Bezugspunkt in der Handlungsentscheidung der Subjekte liegt. Insofern kann konstatiert werden, dass eine Trennung von Kommunikation und Handlung im Habermasschen Ansatz nicht mehr gezogen werden kann, da die beiden Elemente zum einen reflexiv miteinander verknüpft werden und Habermas zum anderen schon in der Kommunikation eine Handlung, (bspw. in Form der Veränderung von Welt), erblickt.

2.2. Kommunikation und Sprache

Wie bereits angeführt, ist Kommunikation und vor allem Sprache die zentrale Operation der Gesellschaft. „ (...) Sprache lässt sich in diesem Konzept als Motor soziokultureller Entwicklung deuten“ (Berndssen 1994: 17).

Sprache beinhaltet nach Habermas die Bedingungen der Möglichkeit der Herstellung einer Bedeutungseinheit zwischen Alter und Ego, also Verständigung und in der Folge Handlungskoordination. Dies wird vor allem dadurch möglich, dass Sprache immer mehr ist, als die Äußerung bzw. Verknüpfung von wahren oder falschen Aussagen, sondern mit Sprache werden darüber hinaus einerseits Geltungsansprüche des Subjekts, wie Verständlichkeit, Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Richtigkeit formuliert, zum anderen stellt Sprache Weltbezüge her, die sich auf die objektive, die soziale, sowie die subjektive Innenwelt des Sprechers beziehen kann. Damit ist zweierlei angesprochen, zum einen wird durch die Akzeptanz, bzw. die rationale Begründungsverpflichtung der Geltungsansprüche innerhalb des Sprechaktes die Transformation von sprachlicher zu sozialer Verständigung als Handlungskoordination erreicht, zum anderen werden Weltbezüge abseits der bloßen außerweltlichen Objektbezogenheit von Sprache thematisiert, die dazu führen, dass das “Thema“ der Kommunikation weit über die Herstellung von Einigkeit über objektive Sachverhalte hinausreicht, weil stets Normengeltung und subjektive Sinnzuschreibungen mitkommuniziert werden. Das impliziert, dass Verständigung sich immer auch auf diese Geltungsansprüche erstrecken muss, um von Koordination von Handlungen sprechen zu können. Wenn also Orientierung zum Sprechakt wird, muß sie sich auf zwei Ebenen bewegen, auf der Ebene der Gegenständlichkeit und auf der, der Intersubjektivität. (Vgl. Habermas 1976, 334). Über die linguistische Durchdringung des Mediums der Sprache und der Konzeption einer Sprechakttheorie, welche Habermas vorlegt, kann sich daraufhin ein Kosmos der Fülle von Möglichkeiten der soziologischen Thematisierung von Sprache entfalten. Aus dieser Perspektive wird weiterhin deutlich, dass der der Sprache inhärente Bedeutungsüberschuss dieser Konzeptualisierung von Kommunikation (Sprache) im Verhältnis zu vorherigen Entwürfen, zum fundamentalen Konstruktionsprinzip der Konstituierung sozialer Ordnung werden kann. Vor diesem Hintergrund ist auch Habermas These zu sehen, der Sprache wohne das Telos der Verständigung inne, da symbolische Reproduktion, wenn kommunikatives Handeln der Subjekte als Baustein des Sozialen angesehen wird, zwangsläufig nur über den Konsens gelingen kann, denn räumte man dem Dissens zu viel Raum ein, würde es schlicht zu keinerlei sozialer Ordnung kommen können, da die integrative Kraft des intersubjektiven Einverständnisses, der gemeinsam geteilten Normen und Werte fehlte. Subjekte würden dann zu Monaden ohne übergeordneten Bezugspunkt.

Kommunikation wird in seinem Entwurf als wechselseitiger akzeptierter Vorgang der Übertragung von Sinn verstanden: als Sinn-Übertragung , die den Sinn haben soll den eigenen Sinn anderen mitzuteilen, um Gemeinsamkeiten zu schaffen, um dadurch eine Identität von Bedeutungen zu erreichen.

Beim neuen, mit anderen Subjekten ausgehandelten Sinn kommt der intersubjektiven Geltung eine soziale relevante Bedeutung zu. ( vgl. Kiss 1987:36)

Habermas geht im Unterschied zu Luhmann also davon aus, dass innerhalb der Kommunikation und durch Sprache Sinn kommunikabel und übertragbar ist.

„Sinnhafte Kommunikation zeichnet sich gegenüber vorsprachlicher Kommunikation dadurch aus , dass sie Verständigung vermittels identischer Bedeutungen herbeiführt. Identisch ist eine Bedeutung dann und nur dann, wenn mindestens zwei sprach- und handlungsfähige Subjekte mit einem Ausdruck (Symbol) in verschiedenen Situationen denselben Sinn verbinden“ (Habermas 1971 S. 188 f.).

2.2.1. Der Diskurs

In den alltäglichen Handlungsvollzügen verläuft dieses Einverständnis zumeist unproblematisch ab, nebenbei bemerkt ist dies aus Effizienzgründen auch unerlässlich, da in der Sprache kulturelle Selbstverständlichkeiten, lebensweltliches Hintergrundwissen und moralische Überzeugungen konserviert sind, auf die sich die sich Handelnde innerhalb der Interaktion -meist unbewusst- beziehen und die weitestgehend unhinterfragt akzeptiert werden, wodurch ein reibungsloser Handlungsablauf gewährleistet werden kann. Dies wird auch als problemlos naive Interaktion bezeichnet, die keiner besonderen Legitimierung durch den Diskurs bedarf. Kommt es jedoch zu Problemen oder gar zu Dissens in der Handlungsorientierung, so müssen die problematischen Normen, Geltungsansprüche dem Diskurs zugeführt werden. Der Diskurs als höhere Ebene der Kommunikation verläuft dann unter der Fiktion einer idealen Sprechsituation. Diese Sprechsituation zeichnet sich vor allem durch die Abwesenheit von Zwang, respektive Herrschaft aus.

„Das Diskursmodell ist auf eine kooperative Handlungsform von Wahrheitsfindung bezogen: es geht von einem idealen nach Habermas kontrafaktischen –moralischen- Anspruch auf gleichmäßige Berücksichtigung von Geltungsansprüchen der jeweiligen Interaktionspartner aus. Nur ihre Einbeziehung in den Diskurs sei die Garantie für allgemeine Akzeptanz bzw. Legitimität der Regelgeltung, die allerdings dann für alle auch verbindlich sind.“ (Kiss 1987:51)

Diskurs ist folglich der transzendentale Ort in dem kooperative Deutungsprozesse statt finden, in denen niemand das Interpretationsmonopol haben darf, in dem die Chancen auf Partizipation symmetrisch verteilt sein müssen und in dem ausschließlich das bessere Argument den Ausschlag gibt. Nur dieser Diskurs, in dem jeder dazu gezwungen ist die Perspektive des anderen einzunehmen, bietet die Gewähr, dass nicht lediglich Kompromisse übrig bleiben, sondern über die reflexive Bezugnahme auf die Geltungsansprüche des anderen vernünftige und universale Diskursergebnisse entstehen können.

[...]


[1] Shannon, Claude E., Weaver, Warren: The Mathematical Theory of Communikation, Urbana 1969, 6 f, 33 f

[2] Siehe Max Weber, der den den Begriff des sozialen Handelns in seiner Definition der Soziologie explizit verwendet

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Details

Titel
Das Paradigma der Kommunikation in neueren soziologischen Theorien - Niklas Luhmann und Jürgen Habermas
Untertitel
Zwei konträre Ansätze der Konzeptualisierung der gesellschaftlichen Basisoperation Kommunikation - zwischen Verstehen und Verständigung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V46734
ISBN (eBook)
9783638438698
ISBN (Buch)
9783640522606
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paradigma, Kommunikation, Theorien, Niklas, Luhmann, Jürgen, Habermas, Ansätze, Konzeptualisierung, Basisoperation, Verstehen, Verständigung
Arbeit zitieren
Holger Bertsch (Autor), 2005, Das Paradigma der Kommunikation in neueren soziologischen Theorien - Niklas Luhmann und Jürgen Habermas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46734

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