Die Todesstrafe in Japan. Ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Macht

In Anlehnung an Hannah Arendts Studie über Macht und Gewalt


Seminararbeit, 2019

11 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abgrenzung von Macht und Gewalt laut Hannah Arendt
2.1. Gewalt im weiteren Sinne

3. Öffentlicher Raum unter der totalitären Herrschaft

4. Zwecke der Todesstrafe
4.1. Todesstrafe als Abschreckung

5. Todesstrafe in Japan

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die meisten Nationen die Anwendung der Todesstraffe bereits abschafften. Jedoch lebt ein Viertel der Weltbevölkerung in Ländern, wo die Todesstrafe auch heute noch verhängt wird (Boulanger, Heyes, Hanfling 2002: 7). Neben den USA ist Japan die einzige Industrienation, die noch Hinrichtungen durchführt und Todesstrafe als höchste Strafe verwendet. Im 18. und 19. Jahrhundert wies Japan einen Rückgang der Anzahl der Todesstrafen auf und es schien, als ob Japan die Todesstrafe ganz abschaffen würde. Zum anderen Ergebnis kam es aber nach den Ereignissen des sogenannten „Blutigen Freitags“, welcher zur neuerlichen Vollstreckung der Todesstrafe führte. Seitdem stieg die Anzahl der Hinrichtungen auf das Doppelte und wird bis heute vollstreckt (Schmidt 2002:151).

Eine der bedeutendsten politischen TheoretikerInnen Hannah Arendt beschäftigte sich mit der Abgrenzung von Macht und Gewalt und untersuchte, wie sich diese zwei Begriffe gegenseitig beeinflussen. Laut Hannah Arendt ist Macht ein Ergebnis der Moderne, weil erst seit der Moderne Staat über mehrere gleichberechtigte Mitglieder verfügt. Früher handelte es sich um Herrschaft von Einzelnen und entweder hat man geherrscht oder man wurde beherrscht. Gerade von der Antike ausgegangen, unterscheidet Hannah Arendt zwischen dem Gegensatz von Rede und Zwang und vergleicht sie mit Macht und Gewalt. Macht wird durch ein gewaltloses Handeln aufrechterhalten und sie drückt sich in Form von Rede aus. Alle anderen Mittel, die Rede ersetzen, resultieren in Gewalt (Rese 2008: 109-110).

Einerseits sind Macht und Gewalt laut Hannah Arendt zwei Gegensätze und wo eins herrscht kann das andere nicht herrschen, andererseits ist bis heute die Todesstrafe als Mittel zur Gewaltausübung in einigen Staaten erhalten geblieben. Aus diesen Gründen möchte ich mit dieser Arbeit auf das Verhältnis zwischen Macht und Gewalt in Staaten mit der Todesstrafe aufmerksam machen.

In der vorliegenden Arbeit wird die Frage behandelt, inwiefern Todesstrafe als Gewaltmittel die Aufrechterhaltung der Macht in Japan beeinflusst, während der Fokus auf der Studie von Hannah Arendt liegt. Das Ziel der Arbeit ist die Studie von Hannah Arendt vorzustellen und am Beispiel von Todesstrafe in Japan näherzubringen, um schlussendlich die Forschungsfrage zu beantworten. Im ersten Kapitel wird die Abgrenzung von Macht und Gewalt analysiert, wobei auf den Begriff Gewalt näher eingegangen wird. Weiters folgt die Beeinflussung des öffentlichen Raums durch die totalitäre Herrschaft. Im weiteren Kapitel werden Zwecke der Todesstrafe im Allgemeinen erläutert. Der letzte Abschnitt handelt von der Todesstrafe in Japan und von ihrem aktuellen Stand.

2. Abgrenzung von Macht und Gewalt laut Hannah Arendt

Zunächst möchte ich die zwei Begriffe Macht und Gewalt einzeln definieren. Gewalt hat einen menschlichen instrumentalen Charakter und dient als ein Mittel, womit Menschen versuchen über andere Menschen zu herrschen. Über Gewalt verfügt immer ein Einzelner. Die Funktion der Macht besteht mehr als nur in einem bloßen Herrschen über Menschen. Macht bezieht sich vielmehr auf Zusammenhalt einer Gruppe und auf ihre Fähigkeit gemeinsam zu handeln. Ein Einzelner besitzt niemals Macht und diese existiert nur, solange die Gruppe vereinigt ist (Arendt 1975:45, 47).

Laut Hannah Arendt stehen Macht und Gewalt im Gegensatz zueinander. Wenn man von Macht redet, meint man damit die Mehrheit. Die Mehrheit ist in der Lage ihre Meinung durchzusetzen und dabei die Meinung der Minderheit zu unterdrücken. Kein Ausüben der Gewalt ist dabei notwendig. Um der Mehrheit zu widerstehen, muss die Minderheit nach zusätzlichen Mitteln greifen. Zwar kann die Gewalt jede Macht zerstören, jedoch kann sie nicht durch Gewalt erzeugt werden (Arendt 1975: 43).

Am Beispiel eines Staates ist Macht als die Staatmacht definiert, die die Gesetze und Befehle im Staat reguliert. Gewalt ist dabei ein Instrument, das angewandt wird um den Staat sowohl innenpolitisch von Verbrechern als auch außenpolitisch von Feinden zu schützen. Zur Aufrechterhaltung der Macht wird Gewalt immer nur im Extremfall eingesetzt (Arendt 1975:48). Grundsätzlich verwendet kein Staat ausschließlich Gewalt zu seinem Schutz. Selbst im Nationalsozialismus, wo sich die Herrschaft auf Folter und Konzentrationslagern stützte, benötigte es eine überlegene Organisation von Geheimpolizei und einem Netz von Spionen, die miteinander kooperierten (Arendt 1975:51).

Organisation von Menschen ist die Voraussetzung für Macht. Auf diese Art und Weise tritt Macht überall dort auf, wo sich Menschen zusammenschließen und gemeinsam handeln. Sie benötigt keine Rechtfertigung, sondern beruht auf Legitimität, die im Machtursprung der Gruppe, also in der Vergangenheit, begründet ist. Das Ziel oder der Zweck der Macht ist laut Arendt etwas Absolutes oder „[…] wie man zu sagen pflegt, ein Selbstzweck […]“ (Arendt 1975: 52). Im Gegensatz dazu ist Gewalt nie legitim und muss durch Ziele und Zwecke rechtfertigt werden, die eine Verwirklichung in der Zukunft darstellen. Je mehr man sich dem zu erreichendem Ziel nähert, desto offenbarer ist die Rechtfertigung (Arendt 1975:53).

2.1. Gewalt im weiteren Sinne

Wenn nicht Macht sondern Gewalt ausschlaggebend ist, redet man von einer Gewaltherrschaft. Im Vergleich zur Machtherrschaft ist sie unabhängig von der herrschenden Meinung und von Anzahl der Menschen, die die herrschende Meinung teilen. Sie beruht auf den Mitteln der Gewalt, von Menschen erzeugten Geräten und Objekten. In solch einem Fall wo Gewalt herrscht, kann keine Macht entstehen. „Nackte Gewalt tritt dort auf, wo Macht verloren ist.“ (Arendt 1975: 55) Am Beispiel von kriegerischen Auseinandersetzungen erklärt Arendt, dass Gewalt nicht ausschließlich als „letztes Mittel“ zum Schutz gegen alle Gegner eingesetzt werden muss. Der Sieger kennzeichnet sich nicht durch die Zahl der verwendeten Gewaltmittel, sondert dass es auf der Seite der Besiegten zum Zerfall der Macht kommt. Auch wenn der Besiegte in der Lage ist Gewalt dagegen einzusetzen, kann dies zum sogenannten Bumerangeffekt führen: Die eingesetzte Gewalt im fremden Land kann sich auf das eigene Land widerspiegeln und dies kann zum Verlust der eigenen Macht führen. Gewalt kann also Macht zerstören, aber zu neuer Macht verhilft Gewalt nicht. (Arendt 1975: 54-55).

Die Machtzerstörung durch Gewalt beschreibt Arendt auf zwei Ebenen. Die erste Ebene befasst sich mit Zerstörung individueller Handlungsmöglichkeiten. Diese umfassen physische Gewalt bis zur Tötung. Tötung gilt als höchster Grad der Gewaltausübung. Darüber hinaus fallen in diese Kategorie auch psychische Akten mit einer gewaltförmigen Struktur, wie zum Beispiel Missachtung oder soziale Exklusion. Die zweite Ebene bezieht sich auf die Zerstörung von kollektiven Handlungsmöglichkeiten und die gleichzeitige Erzeugung der kollektiven Ohnmacht. „Weil gemeinsame Macht auf Handlungsfähigkeit angewiesen ist, wird mit der Zerstörung der Handlungsfähigkeit der anderen auch die eigene zerstört […].“ (Meyer 2016: 29) Wie bereits oben angeführt, Gewalt kann Macht zerstören, jedoch aufgrund dieser Tatsache ist die eigene Macht immer mitbedroht. Diejenigen die Gewalt anwenden, werden selbst von Gewalt betroffen. Außerdem, da Gewalt die individuellen Handlungsmöglichkeiten zerstört, kann kein kollektives Handeln vorausgesetzt werden (Meyer 2016: 28-30).

3. Öffentlicher Raum unter der totalitären Herrschaft

Öffentlicher Raum ist laut Hannah Arendt ein Erscheinungsraum, in dem Menschen oder Sachverhalte für alle zugänglich sind und gleichzeitig kann jede Person solche Erscheinungen anders interpretieren. Seine Wichtigkeit gewinnt der öffentliche Raum erst wenn sich eine Gruppe von Menschen verständigt und gemeinsam handelt. Dabei kommt es zur Bildung von Macht. Öffentlicher Raum gilt somit als Voraussetzung zur Entstehung von Macht und umgekehrt. Denn nur im öffentlichen Raum können sich Leute versammeln und Leute sind fähig sich zu versammeln nur wenn Macht vorhanden ist (Rese 2008: 112-116).

Wenn sich Menschen aber anders zueinander verhalten und Gewalt anwenden, resultiert daraus keine Macht, sondern eine Gewaltherrschaft. „Nirgends tritt das selbstzerstörerische Element, das dem Sieg der Gewalt über die Macht innewohnt, schärfer zutage als in der Terrorherrschaft [...].“ (Arendt 1975: 56) Wenn Gewalt eine absolute Ohnmacht einer Gesellschaft erreicht, geht die Gewaltherrschaft in die Terrorherrschaft über. Gewalt bleibt dabei in Form von zentraler Kontrolle über die Staatsordnung erhalten. Terrorherrschaft ist die oberste Form der Entmachtung der Gesellschaft. Sie besteht auch wenn alle Gegner beseitigt werden. In einer solchen Staatsform können sich Menschen nicht zusammenschließen und gemeinsam ein Ziel befolgen, weil jede Person bedroht ist, jederzeit öffentlich verurteilt zu werden. Der Zusammenhalt der Gesellschaft fällt auseinander und ein Polizeistaat mit der totalen Herrschaft entsteht (Arendt 1975: 56).

Das Ziel eines totalitären Staates ist die Vielfalt von Individuen und die heterogene Wirklichkeit auszuschalten und anstelle davon eine Ideologie durchzusetzen. Darüber hinaus wird gesichert, dass es zu keinen Aufständen und Widerständen von Individuen kommt. Um einen totalitären Staat herzustellen, wird der öffentliche Raum aufgelöst, indem Gruppierungen von Menschen verhindert werden (Rese 2008: 121). Im totalitären Staat herrschen nur Gesetze der herrschenden Ideologie, vor allem das Bewegungsgesetz: „[…] Gesetz der Ausscheidung von “Schädlichem“ oder Überflüssigem zugunsten des reibungslosen Ablaufs einer Bewegung“ (Arendt 2001: 951, zitiert nach Rese 2008: 123). Das Bewegungsgesetz drückt sich in Form von psychischer und physischer Gewaltanwendung aus und es bezieht genauso gut das Töten ein. Töten wird in den totalitären Staaten nicht als ein äußerstes Mittel verwendet und es ist auch „kein zufälliger Nebeneffekt, sondern es gehört zu ihrem Wesen“ (Rese 2008:123). Seine Anwendung hat dabei zwei Aufgaben. Erstens wird Töten zur Auflösung vom öffentlichen Raum eingesetzt. Zweitens strebt es, die herrschende Ideologie zu erreichen und aufrechtzuerhalten (Rese 2008: 123-124).

4. Zwecke der Todesstrafe

Um die Todesstrafe herum gibt es viele Diskussionen, die sie entweder stark widerlegen oder im Gegenteil befürworten. Durch den Einfluss der Medien und politischer Aktivität bekommt die Bevölkerung oft nur unvollständige Informationen. Meistens handelt es sich um vereinfachte und emotionale Argumentationen (Lohmann 2002: 26).

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Todesstrafe in Japan. Ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Macht
Untertitel
In Anlehnung an Hannah Arendts Studie über Macht und Gewalt
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz  (Institut für Soziologie)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2019
Seiten
11
Katalognummer
V467915
ISBN (eBook)
9783668933071
ISBN (Buch)
9783668933088
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Macht, Gewalt, Hannah Arendt, Todesstrafe, Japan
Arbeit zitieren
Andrea Tvrzicka (Autor), 2019, Die Todesstrafe in Japan. Ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/467915

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Todesstrafe in Japan. Ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Macht



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden