Sozialisation durch die Schule

Ist Koedukation verantwortlich für die Erziehung zum Geschlecht?


Hausarbeit, 2016
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Sozialisation durch die Schule und ihre Vermittlung von Geschlechterrollen

2 Definition von Sozialisation und ihre theoretische Einordnung nach Ulrich Beck

3 Schule als Sozialisationsinstanz
3.1 Aufgaben und Funktionen der Schule
3.2 Koedukation – Verfestigung der Geschlechterrollen?
3.3 Reflexive Koedukation
3.4 Aufgaben und Handlungsperspektiven für Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter

4 Individuelle Gestaltung der Sozialisation durch reflexive Koedukation

Literaturverzeichnis

1 Sozialisation durch die Schule und ihre Vermittlung von Geschlechterrollen

Sozialisation ist ein zentrales Thema, in dem man sich mit den Lebenswelten und der Persön- lichkeitsentwicklung von Menschen befasst. In der Sozialen Arbeit ist dieses Thema von hoher Bedeutung, da der Sozialarbeiter mithilfe von Sozialisationstheorien gewisse Hintergründe von sozialem Handeln verstehen und nachvollziehen kann. Um sich genauer mit Sozialisation aus- einanderzusetzen muss man diese zunächst definieren und theoretisch einordnen, da mittler- weile vielfältige Definitionen und Theorien zu diesem Thema vorhanden sind.

Die theoretische Basis dieser Arbeit bildet die Sozialisationstheorie von Ulrich Beck, der die Individualisierung durch den gesellschaftlichen Wandel kritisch betrachtet.

Um das Thema Sozialisation einzugrenzen, befasst sich die folgende Arbeit ausschließlich mit der Sozialisation durch die Schule, da sie eine zentrale Sozialisationsinstanz darstellt. Mit dieser Funktion wird die Schule vor verschiedene Aufgaben gestellt, deren Bearbeitung wichtige pä- dagogische Fähigkeiten fordert.

Eine Aufgabe besteht darin, Werte, Normen und Rollen zu vermitteln. Hierbei besteht die Ge- fahr, dass in der Schule stereotype Geschlechterrollen vermittelt und verfestigt werden. Diese prägen die Entwicklung der Jugendlichen und grenzen sie ein.

Welche Strukturen der Schule führen zu dieser Vermittlung und Verfestigung von geschlechts- spezifischen Rollen und wie kann man ihnen entgegenwirken?

Dies sind die Leitfragen, welche in der folgenden Arbeit thematisiert werden.

2 Definition von Sozialisation und ihre theoretische Einordnung nach Ulrich Beck

In den Sozialwissenschaften befasst man sich häufig mit dem Thema, welche Faktoren für die Persönlichkeitsentwicklung der Menschen von Bedeutung sind, und wie sich die Umwelt des Individuums auf seine Entwicklung ausprägt. Dieser lebenslange Prozess und die Wechselwir- kung zwischen dem Menschen und seinem sozialen Umfeld wird ‚Sozialisation‘ genannt. Niederbacher und Zimmermann verwenden folgende Definition von Sozialisation:

„Sozialisation ist als Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit des In- dividuums in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten, sozia- len und materiellen Umwelt zu verstehen. (…) Sozialisation impliziert dabei immer eine Vorstellung von sozialer Ordnung, die in der Regel auf einer Passung von Individuum und Gesellschaft beruht.“1

Hingegen soll Sozialisation nicht so verstanden werden, dass das Individuum mit seinen eige- nen Fähigkeiten und Interessen nicht an diesem Prozess beteiligt wäre. Der Mensch als Subjekt spielt eine große Rolle in der modernen Definition von Sozialisation. Denn er kann den sozialen Kontext, in dem er sich bewegt, auch selbst beeinflussen und gestalten.2

Zu den Vorgängen der Sozialisation gibt es einige theoretische Ansätze, die jeweils eine andere Sicht auf die Sozialisation des Individuums beleuchten. Eine theoretische Überlegung hat der Soziologe Ulrich Beck entwickelt. In seiner Theorie wird Sozialisation als „Reintegrationspro- zess“ 3, also als ein Prozess der Wiedereingliederung, bezeichnet. Becks Individualisierungs- theorie spielt sich vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels ab.

In der vormodernen Gesellschaft war das Leben der Menschen von unterschiedlichen Bindun- gen und Richtlinien geprägt (Dorfgemeinschaft, Religion, Familienwirtschaft und Geschlechts- zugehörigkeit). Diese lösten sich im Laufe der Zeit durch verschiedene geschichtliche Ereig- nisse, wie Ausbreitung freier Lohnarbeit und Erweiterung von Bildungs- und Lebenschancen, auf. Durch ihren Verlust hatte der Mensch keine Handlungs- und Richtlinien mehr auf die er zugreifen konnte. Jene Individualisierung lässt sich in drei ineinander greifende Dimensionen zusammenfassen:

1. Freisetzungsdimension: Das Individuum löst sich aus den vorgegebenen Sozialformen.
2. Entzauberungsdimension: Traditionale Sicherheiten wie leitende Normen, Glauben oder Richtlinien verblassen.
3. Reintegrationsdimension: Der Mensch steht vor neuen sozialen Einbindungsarten, wie z.B. soziale Bewegungen, Jugendszenen.4

Durch das Aufbrechen der Bindungen und Traditionen hat das Individuum zwar eine Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten der eigenen Biographie gewonnen, jedoch auch Schutz und Sta- bilität verloren.5

„Sozialisation gestaltet sich dementsprechend ausgesprochen individuell, nur eben nicht aus- schließlich der lange Zeit vorherrschenden Grenzen von Klassen und Schichten.“6

Zwar erwähnt Beck in seiner Theorie nicht explizit die Auswirkung der Individualisierung auf die Sozialisation der Jugendlichen durch die Schule, doch lassen sich aus seiner Theorie gewisse Annahmen ableiten. Denn auch der Jugendliche steht im Schulalltag vor neuen Her- ausforderungen, da er sich ganz eigenständig mit seiner äußeren Umwelt auseinandersetzen muss und sein Leben selbstständig und in eigener Regie gestalten muss.

3 Schule als Sozialisationsinstanz

Der Mensch durchläuft in seinem Leben die unterschiedlichsten öffentlichen Institutionen, wel- che ihn sozialisieren und seinen weiteren Lebensweg prägen. Vom Kindergarten, über die Schule und die Ausbildung, bis hin zum späteren Arbeitsplatz. Jede Einrichtung prägt den Men- schen auf ihre eigene Art und Weise, da er sie in unterschiedlichen Alters- und Lebensphasen nutzt. Eine wichtige Instanz ist hierbei die Schule, da sie seit der Einführung der Schulpflicht eine zentrale Bildungs- und Sozialisationsinstanz darstellt.

In Deutschland beträgt die Schulpflicht neun bis zehn Jahre. Das bedeutet, dass der Mensch den Großteil seiner Jugend in dieser Einrichtung verbringt.

Wenn Kinder in die Schule kommen, haben sie bereits Erfahrungen innerhalb der Familie ge- sammelt. Sie sind daran gewöhnt ihren Status nicht erst erarbeiten zu müssen. Er ist in der Familie durch das Alter und das Geschlecht des Kindes festgelegt. In der Schule übernehmen Kinder erstmals eine gesellschaftliche Rolle, welche auch mit dem Erwerb eines Status verbun- den ist. Zudem müssen sie einen Zugang finden, ihre Rolle mit ihrer Persönlichkeit in Einklang zu bringen. Geschieht dies, so kann man von einer erfolgreichen Sozialisation durch die Schule sprechen.7

Die Schule darf daher nicht auf eine Einrichtung reduziert werden, welche nur für die Bildung zuständig ist, sondern soll als eine wichtige Sozialisationsinstanz anerkannt werden. Denn in der Schule wird nicht nur reines Wissen vermittelt. Der Mensch lernt im Schulalltag Bewälti- gungsstrategien kennen, welche er für sein weiteres Leben nutzen kann und entwickelt aufgrund der verschiedenen Fächer und Inhalte bestimmte Interessen, welche ihm die spätere Berufswahl erleichtern können. Nach und nach prägen all diese Faktoren die Persönlichkeit eines Menschen und formen ihn zu einem Teil der Gesellschaft. Dies ist die zentrale Sozialisationsaufgabe der Schule.8

Weitere prägende Faktoren sind die sozialen Kontakte, welche die Schüler knüpfen (Peer- Group), aber auch die Anforderungen, die an ihn gestellt werden und erfüllt werden müssen.

[...]


1 NIEDERBACHER/ZIMMERMANN 2011: 15.

2 vgl. NIEDERBACHER/ZIMMERMANN 2011: 15.

3 vgl. ebd.: 56.

4 vgl. ebd.: 57f.

5 vgl. BECK/BECK-GERNSHEIM 1990, S. 66 ff.

6 vgl. NIEDERBACHER/ZIMMERMANN 2011: 57.

7 vgl. NIEDERBACHER/ZIMMERMANN 2011: 101.

8 vgl. HORSTKEMPER 2016: 26

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Sozialisation durch die Schule
Untertitel
Ist Koedukation verantwortlich für die Erziehung zum Geschlecht?
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V468172
ISBN (eBook)
9783668938731
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialisation, Schule, Koedukation, Geschlechter, Geschlechterrollen, Geschlechterstereotype, Erziehung
Arbeit zitieren
Johanna Schubert (Autor), 2016, Sozialisation durch die Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468172

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